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Maria Knotenlöserin

08.05.2015

Tausende pilgern zum "heimlichen Weltstar" nach Augsburg

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Bei der Wallfahrt der bayerischen Bistümer zu Ehren der „Patrona Bavariae“ pilgerten 4000 Gläubige nach Augsburg.
Bild: Annette Zoepf

In der Augsburger Kirche St. Peter hängt ein Bild, das Gläubige auf der ganzen Welt verehren. Trotzdem liefen jeden Tag Tausende vorbei - und wussten von nichts. Seit Samstag ist das anders.

Nein, der Papst war nicht da. Jedenfalls hat ihn keiner bemerkt. Eher unwahrscheinlich bei einem der bestgeschützten Männer der Welt. Vermutlich hätte sich Franziskus aber auch gern einen der pinkfarbenen Pilgerschals umgebunden, die man am Samstag tausendfach in Augsburg sah. Schließlich ist das Gnadenbild der Maria Knotenlöserin, auf dem die Gottesmutter mit gütigem Blick ein weißes Band entwirrt, eines der Lieblingsmotive des Papstes. Und jetzt vermutlich auch das von mehreren tausend Pilgern, die am Samstag zu genau diesem Gnadenbild in der Augsburger Innenstadtkirche St. Peter am Perlach pilgerten.

Aus allen Himmelsrichtungen sind sie gekommen. Mit dem Bus, mit dem Rad, manche gingen den ganzen Weg zu Fuß. Augsburgs Bischof Konrad Zdarsa hat sich auf dem Rathausplatz unter die Gläubigen gemischt. In seiner Soutane fällt er trotzdem auf, ein Paar mit zwei Kindern lässt sich spontan segnen. „Wir heiraten nächste Woche“, sagt der Mann. Zuvor wollte der Münchner mit seiner Familie unbedingt noch zur Knotenlöserin nach Augsburg – „damit sie alle Knoten in unserer Ehe glättet“. Dass Augsburg, sonst vor allem für seine Bistumsheiligen St. Ulrich und St. Afra bekannt, gerade an diesem Tag zum wichtigsten Marienwallfahrtsort in ganz Bayern wird – er hat es gar nicht gewusst.

Historiker Karlheinz Sieber steht zu diesem Zeitpunkt schon hinter dem kleinen Verkaufsstand gleich neben dem Ausgang der Kirche und kommt mit dem Verteilen der kleinen Wallfahrtsheftchen kaum hinterher. Sieber gehört dem Augsburger Bürgerverein an, der sich das ganze Jahr über um St. Peter kümmert. So einen Ansturm erlebt er sonst nie. „Wenn Sie mal im Bistum rumfragen, die Knotenlöserin kennt kaum einer“, sagt Sieber und reißt damit die kuriose Geschichte des barocken Gemäldes an, an dem jeden Tag Tausende vorbeigehen, das aber so lange kaum jemand bemerkte. Bis 1986 dieser Jesuitenpater aus Buenos Aires kam, der heute an der Spitze der katholischen Kirche steht.

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Viel weiß man nicht über den Besuch. Klar ist nur, dass Jorge Mario Bergoglio mit 49 Jahren nach Deutschland kam, um Stoff für eine späte Doktorarbeit zu sammeln. Dass er nebenbei einen Studentenaustausch zwischen der Uni Eichstätt und der theologischen Fakultät in Buenos Aires initiiert hat. Dass er irgendwann nach Augsburg kam. Und dann? Dann versagt die Überlieferung.

Das Gnadenbild bewegte Franziskus

Wann genau Bergoglio St. Peter besuchte, weiß nicht einmal der ehemalige Geschichtslehrer Sieber, der bei sich zu Hause im Augsburger Stadtteil Bärenkeller kistenweise alte Schriftbücher, Protokolle und Artikel über die Kirche St. Peter gesammelt hat. Erst nach Franziskus’ Rückkehr in seine Heimat kann man den historischen Quellen wieder trauen: „Er gab seine Dissertationspläne auf und wurde Rektor des Jesuitenkollegs in Buenos Aires.“ Was auch immer dazwischen geschah: Bei seinem Abstecher in die Fuggerstadt muss Bergoglio ein paar Postkarten der Knotenlöserin eingesteckt haben. Sie sahen wohl kaum anders aus als die, die die bayerischen Pilger an diesem Wallfahrtstag tausendfach kaufen.

Das Gnadenbild bewegte Franziskus offenbar sehr. So sehr, dass kürzlich das italienische Fernsehen in Augsburg war, um bei der Knotenlöserin Szenen für eine Biografie über ihn aufzunehmen. So sehr, dass er die Postkarten damals vervielfältigen ließ. Mit den Kopien aus Augsburg schickte Bergoglio seine Priesteramtsstudenten in die Slums der argentinischen Hauptstadt hinaus. Die Gläubigen waren überwältigt von der alltagstauglichen Darstellung Marias als Knoten- und Problemlöserin. Deshalb erhielt die Malerin Berta Beti den Auftrag, eine Kopie der Augsburger Knotenlöserin anzufertigen.

„Weil sich von Postkarten so schlecht abmalen lässt“, sagt Historiker Sieber, habe der Papst die Eichstätter Austauschstudentin Barbara Klimmeck nach Augsburg geschickt. Ihr Auftrag: das Bild mit allen Details zu dokumentieren. Klimmeck brachte die Fotos, Beti malte und seit 1996 hängt eine Kopie der Knotenlöserin in der argentinischen Pfarrkirche San José de Talar. Heute pilgern an jedem 8. im Monat, dem Tag der argentinischen Nationalpatronin, Heerscharen Gläubiger dorthin. Bis zu 50000 sind es. So viele, dass sich zwischenzeitlich eine Bürgerinitiative gegründet hatte, die die „Virgen Desatanudo“, wie die Knotenlöserin auf Spanisch heißt, loswerden wollte.

Die Gottesmutter ist geblieben und Kult geworden. Karlheinz Sieber vom Bürgerverein hat es dokumentiert: „In ganz Lateinamerika gibt es inzwischen Wallfahrtsorte zur Knotenlöserin.“ Überall sieht sie ein klein wenig anders aus. Aber in jeder Kirche geht sie auf ein Bild aus Bayern zurück, das in St. Peter bis in die fünfziger Jahre hinein sogar noch in einer dunklen Ecke auf der Nordseite der Kirche hing. Erst die jesuitischen Mitbrüder des heutigen Papstes, die von 1954 an die Gottesdienste am Rathausplatz zelebrierten, verschafften ihr den heutigen Platz im rechten Seitenschiff von St. Peter am Perlach.

Normalerweise sitzen hier ein paar einzelne Gläubige, die nach dem Einkaufen in der Augsburger Fußgängerzone einen Moment der Stille suchen, oder ältere Katholiken, die seit Jahrzehnten regelmäßig zur Knotenlöserin beten. So wie die weißhaarige Frau, die ihren üblichen Weg durch die schmale, hölzerne Eingangstür der Kirche nehmen will, während auf der großen Bühne nebenan der Kutzenhausener Kinderchor singt. „Um Gottes willen, da krieg ich ja Platzangst“, sagt sie beim Anblick der Menschenmenge in der Kirche und schaut, dass sie wegkommt. „Morgen wieder“, murmelt sie noch und nickt der Ordnerin zu.

Augsburg ist kein klassischer Marienwallfahrtsort

Augsburg ist kein klassischer Marienwallfahrtsort – im Gegensatz zu großen Wallfahrtsorten wie Altötting oder Retzbach im Bistum Würzburg, wo die seit 2011 bestehende zentrale Wallfahrt der bayerischen Bistümer vergangenes Jahr Halt machte. Dabei hätte die Knotenlöserin so viel Potenzial. Findet jedenfalls Prälat Wilhelm Imkamp, Wallfahrtsdirektor von Maria Vesperbild im Landkreis Günzburg, Schwabens wohl bekanntestem Marienpilgerort. „Die Knotenlöserin ist ein ideales Marienmotiv“, sagt er im Gespräch mit unserer Zeitung. Die Darstellung spreche jeden unmittelbar an, sie sei ein „Bild aus dem Alltag“.

Dass ein Papst nötig war, um es „aus dem Schatten des Vergessens zu reißen“ – Imkamp kann es kaum glauben. Nach Maria Vesperbild, dem Wallfahrtsort mit Facebookprofil und Youtube-Kanal, pilgern jedes Jahr zwischen 450000 und 500000 Menschen. Mit der richtigen Marketingstrategie könnten es im Fall der Knotenlöserin sogar noch mehr sein, mutmaßt Imkamp.

Viele der rund 4000, die am Samstag gekommen sind, haben sich inzwischen im Dom einen Platz gesichert. Sie sitzen am Fuß der Seitenaltäre, drängen sich auf Zehenspitzen aneinander, um einen Blick auf die bayerischen Bischöfe zu werfen, die gemeinsam das Pontifikalamt zelebrieren. Neben der Marienweihe ist das der Höhepunkt dieser Wallfahrt. Draußen läuft der Gottesdienst auf Großleinwand. Auf den Bänken davor sitzen ein paar hundert weitere Pilger. Regina und Joachim Ciesielski sind für die Wallfahrt extra aus Berlin gekommen. „Wissen Sie, in Berlin haben wir ja so was nicht“, sagt die blonde Frau und schaut auf ihren Plan mit mehr als 20 Veranstaltungsorten. Dort fühle man sich als gläubiger Katholik manchmal „wie in der Diaspora“, erklärt sie. In Bayern sei das anders. „Einmal im Jahr brauche ich das einfach. Fürs Herz.“

Karlheinz Sieber verkauft derweil weiter Informationsbroschüren und Knotenlöserin-Buttons am Ausgang der Kirche. Mehr Devotionalien gibt es nicht. Auch nicht an diesem besonderen Tag. Auch, wenn gerade südamerikanische Pilger deshalb oft enttäuscht seien. Sie hätten auch gern eine Figur der Knotenlöserin, wie sie der philippinische Staatspräsident dem Papst vor ein paar Monaten schenkte, oder zumindest eine Mini-Version des Gnadenbildes, das auch in Franziskus Wohnräumen im Vatikan hängen soll.

Sieber aber glaubt, dass die Symbolik der Knotenlöserin im stillen Gebet am besten wirkt – ganz ohne Marketingstrategie und ganz ohne Rummel. Wenn man es so sieht, ist es also ganz gut, dass der Papst nicht nach Augsburg gekommen ist.

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