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Interview

28.10.2015

Terrorforscher: "Es wird in Deutschland zu Anschlägen kommen"

Versuchter Terroranschlag am Bonner Hauptbahnhof 2012. „Es leben schon jetzt in Europa genug Unterstützer des IS, die hier Anschläge planen können“, so Terrorforscher Neumann.
Bild: Meike Böschemeyer, dpa-Archiv

Peter Neumann ist ein weltweiter Terrorforscher. Er warnt vor zukünftigen Terroranschlägen in Deutschland und erzählt, wie der IS deutsche Islamisten als Kanonenfutter verheizt.

In Ihrem neuen Buch „Die neuen Dschihadisten“ erklären Sie die Entstehung des islamistischen Terrorismus und seine Bedrohung für Europa. Für wie groß halten Sie die Gefahr eines Anschlags in Deutschland?

Peter Neumann: Die Anschlagsgefahr in Deutschland ist nicht mehr nur abstrakt, wie es bislang immer hieß, sie ist real. Es wird in Deutschland zu Anschlägen kommen, genau wie in anderen europäischen Staaten. Ich erwarte nicht, dass in Europa ein 11. September passiert oder ein verheerender Anschlag wie in Madrid 2004. Aber es wird auch in Deutschland Anschläge nach dem Muster geben, wie wir es kürzlich im Thalys-Zug oder in Frankreich gesehen haben: Einzelpersonen oder kleine Gruppen, die schockierende Attentate verüben wollen. Diese Täter werden nicht unbedingt von Terrororganisationen wie dem Islamischen Staat geleitet. Aber sie glauben, in deren Interesse zu handeln.

Es gab in Deutschland mehrere Anschlagsversuche von Islamisten, die meist dilettantisch vorgingen. Wächst die Gefahr durch besser ausgebildete Rückkehrer aus IS-Kampfgebieten?

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Peter Neumann: Bereits jetzt haben wir nach Schätzung der UN 30.000 Auslandskämpfer in Syrien, darunter eine historisch hohe Zahl von 5000 Westeuropäern. Viele sterben im Kampf. Andere wollen im IS-Gebiet bleiben. Aber viele sind bereits zurückgekehrt. Nicht von allen geht eine Gefahr aus: Unter den Rückkehrern sind viele Desillusionierte, durch Kriegstrauma Gestörte oder solche, die radikal aber gewaltlos bleiben. Aber man weiß, dass von elf bis 25 Prozent der Rückkehrer eine hohe terroristische Gefahr ausgeht.

Was macht diese Gruppe so gefährlich?

Peter Neumann: Die gewaltbereiten Heimkehrer wollen terroristisch aktiv werden. Sie bringen eine militärische Ausbildung mit, sind im Konfliktgebiet brutalisiert worden und über Netzwerke organisiert. Und sie strahlen als Kriegsheimkehrer auf andere Islamisten eine Glaubwürdigkeit aus, um weitere Gewalttäter zu rekrutieren. Man darf diese Gefahr nicht übertreiben, aber dieses Risiko wird uns Jahre begleiten.

Wie beurteilen Sie vor diesem Hintergrund die massenhafte Aufnahme syrischer Flüchtlinge durch Deutschland?

Peter Neumann: Weltpolitisch betrachtet, ist das ein gutes Signal, das Deutschland auch bei den Menschen im Nahen Osten populär gemacht hat. Aber ich halte die Kritik für berechtigt, dass die Grenzöffnung nicht gut durchdacht war. Das positive Signal kann sich international genauso gut wieder ins Gegenteil drehen, wenn sich zeigt, dass Deutschland diese Politik nicht durchhalten kann.

Steigt durch die Flüchtlinge die Terrorgefahr? Etwa indem sich IS-Terroristen unter die Zuwanderer mischen?

Peter Neumann: Nein, ich halte es für absolut falsch, die Flüchtlingsfrage und das Thema Terrorgefahr zu vermischen. Es ist unverantwortlich, wenn Politiker solch eine Hysterie anfachen, ohne dass es dafür Fakten gibt. Die Sicherheitsbehörden erklären unisono, dass es keinerlei Hinweise auf eingeschleuste Terroristen gibt. Auch mein Team beobachtet die Internet-Aktivitäten des IS sorgfältig. Es gab verschiedene Aufrufe des IS an seine Anhänger, nicht nach Europa zu gehen, sondern in Syrien und im Irak zu bleiben, um den Islamischen Staat vor Ort zu unterstützen. Die Gefahr ist eine andere: Es leben schon jetzt in Europa genug Unterstützer des IS, die hier Anschläge planen können.

Was macht die Anziehungskraft des IS auf Unterstützer aus Europa aus?

Peter Neumann: Anfangs gab es viele Muslime, die den Syrern im Kampf gegen Baschar al-Assads Truppen helfen wollten. Inzwischen sehen wir viele, die ich die Gestrandeten nenne: Leute aus problematischen Verhältnissen, die in der westeuropäischen Gesellschaft erfolglos sind oder schlecht integriert sind. Aus dieser Gruppe hat sich auch in Deutschland eine radikale salafistische Gegenkultur für Muslime und Konvertiten entwickelt.

Was lockt diese Menschen an? Sie zitieren einen IS-Rekrutierer mit der schlichten Parole: „Wir bieten Sklaven, Pizza und den Märtyrertod...“

Peter Neumann: Menschen, die in Europa viele Misserfolge hatten, sehnen sich oft nach Ordnung, Geborgenheit und Anerkennung. Die Gegenkultur der Salafisten hat starke, sehr strenge Regeln. Wer sich daran hält, wird voll als Teil einer Gemeinschaft akzeptiert. Mit dem IS gibt es die Utopie eines ganzen Staates, wo solche Menschen nun sogar zu Helden der Gesellschaft erklärt werden.

Sie demaskieren dies in Ihrem Buch als brutalen Irrtum: Ausländische Kämpfer werden vom IS für die Drecksarbeit eingesetzt – als Henker, Folterer, oder Selbstmordattentäter...

Peter Neumann: Auslandskämpfer sind im Prinzip wichtig für den IS und verleihen ihm internationale Ausstrahlung. Aber in der Realität sind westliche Kämpfer meist schlechte Soldaten. Viele hatten zuvor nie eine Waffe in der Hand. Wer auch keine besondere zivile Qualifikation mitbringt, keine Berufsausbildung, sich nicht mit Computern oder sozialen Medien auskennt, wird vom IS verheizt. Als Selbstmordattentäter oder für Kamikaze-Aktionen. So sind bereits mindestens hundert der Deutschen im IS-Gebiet tot. Das dringt gegen die IS-Propaganda im Internet aber nur langsam durch.

Welche Rolle spielt die Religion für den IS-Terror?

Peter Neumann: Dem Islamischen Staat liegt eine totalitäre Ideologie mit dem Ziel einer Weltrevolution zugrunde, wie sie dem Kommunismus oder dem Nationalsozialismus nicht unähnlich ist. Aber es ist Unsinn, zu sagen, der Terror habe nichts mit dem Islam zu tun. Der IS bezieht sich auf den Islam und seine Quellen. Allerdings praktizieren und interpretieren die IS-Führer den Islam auf eine so extreme Weise, die selbst von Al-Kaida als zu radikal abgelehnt wird. Das zeigt, wie sehr sich der IS am absoluten Rand einer religiösen Doktrin bewegt.

Im Westen nährt dieser Terror eine Islamfeindlichkeit. Spielt diese Polarisierung den Terroristen und ihren islamistischen Unterstützen in die Hände?

Peter Neumann: Absolut. Das ist meine größte Befürchtung. Zur Hauptgefahr des islamistischen Terrorismus gehört nicht nur, dass Menschen bei Anschlägen sterben, sondern dass es dadurch zu einer Polarisierung in den europäischen Gesellschaften kommt. Es hat viel längerfristige Folgen für uns, wenn sich die Extreme auf Seiten der Rechten und der Islamisten gegenseitig hochschaukeln. Die Propaganda von Al-Kaida und IS will genau das erreichen: Sie sagt, man könne nicht Deutscher mit deutschen Werten und Muslim gleichzeitig sein. Wenn die deutsche Gesellschaft eines Tages das gleiche denken sollte, haben die Terroristen ihr Ziel erreicht. Die beste Prävention ist, dieser Botschaft entgegenzutreten und klarzumachen: Man kann ein guter deutscher Staatsbürger und ein guter Muslim sein.

Lässt sich der IS militärisch besiegen?

Peter Neumann: Natürlich könnten die Amerikaner den IS schlicht plattbomben. Aber dann stellt sich die gleiche Frage wie 2003 im Irak. Was passiert am Tag danach? Sollen ausländische Truppen oder Assads Armee das Gebiet besetzen? Dann beginnt die Misere von vorn. Nein, es gibt keine militärische Lösung. Die Syrer fürchten Assad mehr als den IS, deshalb ist auch die russische Intervention verhängnisvoll.

Gibt es eine andere Lösung?

Peter Neumann: Die einzig realistische Lösung ist es, den IS aggressiv einzudämmen. Auch das geht nicht ohne internationale militärische Gewalt. Aber es ist genauso wichtig, den IS ökonomisch auszutrocknen. Da kann noch viel mehr getan werden. Der Islamische Staat wird in sich zusammenfallen, wenn man ihm nicht erlaubt, sich auszudehnen. Diese Strategie erfordert viel Geduld, aber wir sehen schon jetzt erste Erfolge: Von einer Einnahme Bagdads durch den IS ist keine Rede mehr. Die scheinbar unaufhaltsame Ausweitung des IS ist gestoppt. Interview: Michael Pohl

Seit seinen Studien zu gewaltbereiten IS-Heimkehrern zählt der Politikwissenschaftler Peter R. Neumann zu den gefragtesten Terrorexperten der Welt. Der 41-jährige Würzburger leitet als Professor am Londoner Kings College das internationale Terror-Forschungsinstitut ICSR. In seinem neuen Buch „Die neuen Dschihadisten“ (Econ-Verlag, 256 Seiten, 16,99 Euro) beschreibt Neumann sehr anschaulich die Entstehung und Gefahren des islamistischen Terrors.

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Die Diskussion ist geschlossen.

30.10.2015

Zukünftig ist jeder Tag Silvester bei uns, jeden Tag eine Explosion, jeden Tag eine Neujahrsansprache von Merkel und Gauck. Und wir haben jeden Tag Feiertag dann geht es uns richtig gut.

Permalink
29.10.2015

Da kann ja noch was auf uns zukommen, bei der unkontrollierten Einwanderung.

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29.10.2015

Vielen Dank, Herr Pohl, für das interessante Interview. Herr Neumann hat eine nüchterne, sachliche und schlüssige Analyse dargelegt. Ein wohltuenden Lichtblick in dem vielen Geschwätz, das man zum Thema islamistischer Terror zu lesen/hören genötigt ist.

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