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Interview

22.04.2014

Theo Waigel: Von Euro, Niederlagen und echten Freunden

Theo Waigel hat viel zu erzählen. Drei Jahrzehnte war er Mitglied des Bundestags. Als Finanzminister erfand der langjährige CSU-Chef den Euro. Am Dienstag wird der Politiker, der aus Oberrohr bei Krumbach stammt und heute in Seeg im Allgäu lebt, 75 Jahre alt.
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Theo Waigel hat viel zu erzählen. Drei Jahrzehnte war er Mitglied des Bundestags. Als Finanzminister erfand der langjährige CSU-Chef den Euro. Am Dienstag wird der Politiker, der aus Oberrohr bei Krumbach stammt und heute in Seeg im Allgäu lebt, 75 Jahre alt.
Bild: Fred Schöllhorn

Theo Waigel wird 75 Jahre alt. Im Interview erzählt er von legendären Besuchen in Russland, bitteren Niederlagen und echten Freunden in der Politik.

Theo Waigel, als Schüler wollten Sie Landrat von Krumbach werden. Es ist dann doch ein bisschen mehr daraus geworden. Nun feiern Sie 75. Geburtstag. In all den Jahren haben Sie viele mächtige Politiker getroffen. Wer hat Sie am meisten beeindruckt?

Waigel: Da gibt es mehrere. Und das sind vielleicht nicht die, die man als Erstes erwartet. Das war zum Beispiel der bayerische Wirtschaftsminister Anton Jaumann aus dem Ries. Als sein persönlicher Referent habe ich viel von ihm gelernt. Er war geradlinig, hat aber auch andere Meinungen gelten lassen und selbst vor Franz Josef Strauß nie gekuscht – das hat mir sehr imponiert. Als ich dann nach Bonn ging, war es Karl Carstens, der mich als Fraktionsvorsitzender mit seiner vornehmen, glasklaren Art zu argumentieren beeindruckt hat. Außerdem Helmut Kohl, auf den ich mich immer verlassen konnte. Und auf internationaler Bühne Michail Gorbatschow.

Gorbatschow zum Weinen gebracht

Stimmt es, dass Sie Gorbatschow einmal zum Weinen gebracht haben?

Theo Waigel: Von Euro, Niederlagen und echten Freunden

Waigel: Ja, das war kurz nach dem Putschversuch gegen ihn 1991. Ich gehe auf ihn zu und sage: „Lieber Michail Gorbatschow, in den letzten Wochen haben viele Deutsche um Sie gebangt, mit Ihnen gehofft und für Sie gebetet.“ Da laufen ihm die Tränen über das Gesicht und er antwortet: „In einer solchen Zeit erkennt man seine wahren Freunde.“

Ein Jahr zuvor hatten Sie Gorbatschow zusammen mit Helmut Kohl und Hans-Dietrich Genscher im Kaukasus besucht, als er den Weg für die deutsche Einheit frei machte. Wie haben Sie diese Tage erlebt?

Waigel: Wir trafen uns zunächst in Moskau und sind dann mit Hubschraubern in Gorbatschows Heimat geflogen. Erst dort gab er die endgültige Zustimmung, dass das wiedervereinigte Deutschland Mitglied der Nato bleiben durfte. Das war unsere Bedingung. Die Atmosphäre war unglaublich spannend, mitten in dieser wunderschönen Gebirgslandschaft mit einem rauschenden Bach, der so laut war, dass man bei offenem Fenster nicht schlafen konnte. Bei einem Spaziergang mit Journalisten am Abend ist das berühmte Gruppenfoto entstanden, das heute noch in meinem Büro steht. Und als wir uns am nächsten Tag wieder gegenübersaßen, hat jeder gespürt: Hier wird Geschichte geschrieben.

Kritiker monierten, das mit der Wiedervereinigung gehe viel zu schnell...

Waigel: Wenn wir die heutigen Machtverhältnisse in Russland sehen, ist klar, dass die Zeit für eine solche Entscheidung begrenzt war.

Haben Sie noch Kontakt zu Gorbatschow?

Waigel: Vor einiger Zeit trafen wir uns. Er sagt: „Theo, darf ich dich Genosse nennen?“ Und ich antworte lachend: „Michail, du darfst – aber nur, weil ich Mitglied der Genossenschaftsbank Thannhausen bin.“

Eine frühere Reise nach Russland wird Ihnen aus anderen Gründen in Erinnerung bleiben. Sie waren an Bord, als Franz Josef Strauß als Pilot die gesamte CSU-Spitze unter abenteuerlichen Bedingungen nach Moskau flog…

Abenteuerlicher Flug mit Strauß

Waigel: Das war kurz nach Weihnachten 1987. Wir waren die Einzigen, die an diesem Tag in Moskau gelandet sind, weil alles total vereist war. Als wir endlich am Boden sind, frage ich Franz Josef Strauß: „Warum sind wir denn nicht auf einen anderen Flughafen ausgewichen?“ Da schaut er mich verständnislos an und antwortet: „Ganz einfach, weil wir kein Benzin mehr gehabt haben.“ Aber ich sage Ihnen: Das hat einen mordsmäßigen Eindruck gemacht auf die Russen. Und Strauß war so glücklich, wie ich ihn selten erlebt habe.

In dem kleinen Flieger saß auch Edmund Stoiber. Nach dem Tod von Franz Josef Strauß wurde er Ihr härtester Rivale in der CSU. War es Ihre schmerzlichste Niederlage, dass 1993 Stoiber Ministerpräsident wurde und nicht der Parteichef Theo Waigel?

Waigel: Eigentlich hatte ich mich ja schon für die Bundespolitik entschieden. Aber nach dem Rücktritt von Ministerpräsident Max Streibl herrschte große Unsicherheit in der Partei. Da habe ich mich zur Verfügung gestellt. Ich hätte das besser vorbereiten müssen. Um zu gewinnen, hätte ich den Kampf mit einiger Rücksichtslosigkeit führen müssen. Das habe ich nicht getan, aber das reut mich heute nicht.

In den Machtkampf wurde auch Privates, wie die Trennung von Ihrer ersten Frau, hineingezogen. Hat Sie das verletzt?

Waigel: Es gab schon Dinge unter der Gürtellinie, die einem wehtun, das ist gar keine Frage. Einigen von denen, die damals Stimmung gemacht haben, tut es heute leid.

Haben Sie daran gedacht, alles hinzuschmeißen?

Waigel: Ich war schon an einem Punkt angelangt, an dem ich mich fragte: Machst du noch weiter? Aber meine Freunde haben mich überzeugt: Man läuft nicht davon.

Auch später hat Ihnen Stoiber das Leben nicht leicht gemacht...

Waigel: Ich begrüße es sehr, dass Edmund Stoiber heute ein überzeugter Europäer ist. Ich hätte mir nur gewünscht, dass er dieselbe Einstellung schon vor 20 Jahren gehabt hätte. Damit hätte er mir bei der Einführung des Euro viel Ärger erspart.

Gibt es einen Politiker, mit dem Sie heute kein Bier mehr trinken würden?

Waigel: Nein. Aber wenn sich mir der eine oder andere zu sehr nähert, dann denke ich mir schon: Kamerad, dich hab’ ich auch anders in Erinnerung.

Wollen Sie Namen nennen?

Waigel: Nein.

Oskar Lafontaine vielleicht, Ihr Nachfolger als Bundesfinanzminister?

Waigel: Gar nicht. Menschlich hatten wir nie Probleme miteinander, obwohl er mich politisch unsäglich geärgert hat.

Wie war das für Sie, als plötzlich ein anderer Ihren Job gemacht hat?

Waigel: Lafontaine hat viel Verwirrung ausgelöst. Und es war köstlich: Als ich ein paar Monate später den amerikanischen Notenbank-Chef Alan Greenspan traf, sagte er nur: „Theo, we really miss you.“ (Theo, wir vermissen dich wirklich)

Was Sie mit Lafontaine gemeinsam haben: Auch er kann über sich selbst lachen.

Waigel: Stimmt, selbst bei den ernstesten Verhandlungen konnte man mit ihm Spaß haben.

Theo Waigel: „Höchst karikabel“

Ein Karikaturist hat Sie einmal als „höchst karikabel“ bezeichnet. Dank Ihrer Augenbrauen, die Ihnen sogar eine eigene Ausstellung eingebracht haben. Haben Sie je darüber nachgedacht, die Dinger zu stutzen?

Waigel: Niemals. Mancher Friseur hat mich gefragt. Da habe ich immer nur gesagt: „Unterstehen Sie sich. Da wird nicht ein Haar gekrümmt.“

Wenn Leute sagen: „Sie sehen aus wie der Waigel“, mache ich mir manchmal einen Spaß. Auf einer Bergtour in Südtirol habe ich einmal geantwortet: „Das passiert mir immer wieder, dass ich mit dem Kerl verwechselt werde, dabei will ich mit dem nichts zu tun haben.“ Worauf der Mann sagte: „Das kann ich gut verstehen.“ Darauf ist mir dann auch nichts mehr eingefallen...

Die Fähigkeit, über sich selbst lachen zu können, wird Ihnen auch beim Fußball helfen. Sie sind Anhänger von 1860 München. Wie kam das?

Wie er zu 1860 München kam

Waigel: Das hat mit Ihrer Zeitung zu tun. Ich habe schon als Kind in Oberrohr gerne gelesen und außer der Zeitung gab es nach dem Krieg ja nichts. Anfangs habe ich mir immer den Sportteil geschnappt, und da ist mir der Name 1860 München aufgefallen. Und irgendwann habe ich im Radio ein Spiel gehört: 1860 gegen Frankfurt. Die Sechzger führten 4:0. Und am Ende hieß es 4:4. Das hat mich so erschüttert, dass ich gesagt hab: Die musst du unterstützen. Angesichts des Spielverlaufs hätte ich natürlich schon damals ahnen können, dass das eine Himmel- und Höllenfahrt wird.

Der Posten des Präsidenten bei den Löwen wird ja regelmäßig neu vergeben. Hat es Sie nie gereizt, den Job zu übernehmen und Ihrem Lieblingsverein endlich ein eigenes Stadion zu bauen?

Waigel: Als Stefan Reuter Manager bei 1860 war, hat er mich gefragt. Ich habe geantwortet: „Sind S’ mir nicht böse, ich habe manchen Fehler im Leben gemacht, aber diesen mache ich nicht.“ Man kann einem Verein treu sein bis in den Tod. Aber man muss sich nicht alles antun.

"Mister Euro"

Für viele Menschen werden Sie immer „Mister Euro“ bleiben. Sie haben sogar den Namen für unsere Währung erfunden, oder?

Waigel: Stimmt. Es gab ja diesen Kunstbegriff Ecu (gesprochen: Ekü). Den konnte man den Deutschen, die so sehr an ihrer D-Mark hingen, nicht vermitteln. Dann waren noch Pfund, Taler oder Franken im Spiel. Und überall gab es jemanden, der dagegen war. Die Spanier wollten zum Beispiel keinen Franken. Denn der hätte dort Franco geheißen – wie der frühere Diktator. Da dachte ich mir, es gibt Eurocard, es gibt Eurocopter, warum nicht einfach: Euro.

Sie haben mir mal erzählt, dass Ihnen manchmal noch das Wort Mark herausrutscht, wenn Sie über Geld reden.

Waigel: Das passiert heute nur noch selten. Ich sage höchstens mal versehentlich Pfennig statt Cent.

Was würden Sie Euro-Kritikern wie Bernd Lucke von der Alternative für Deutschland gerne mal sagen?

Waigel: Ich würde sagen: „Sie sind ein Naivling und Ihre Politik ist absolut illusionär.“ Ich hab’ ihn ja bisher nur als Traumtänzer bezeichnet und dafür wütende E-Mails bekommen. Dabei ist es das Mildeste, was ich über diesen Mann und seine Freunde denke.

Sie sind relativ früh in den politischen Ruhestand gegangen. Haben Sie je an ein Comeback gedacht? Der amtierende Finanzminister ist nur dreieinhalb Jahre jünger als Sie...

Theo Waigel: 30 Jahre Bundestag waren genug

Waigel: 30 Jahre im Bundestag, neuneinhalb Jahre Finanzminister, über zehn Jahre Parteichef – das war wirklich genug.

Helmut Kohl war in all diesen Jahren ein enger Wegbegleiter. Sie sind einer der wenigen, die noch Kontakt mit dem kranken Altkanzler haben...

Waigel: Ja, im vergangenen Jahr hat er seinen Geburtstag hier bei uns in Seeg gefeiert.

Stimmt es, dass seine Frau ihn von der Öffentlichkeit abschottet?

Waigel: Nein. Ich telefoniere regelmäßig mit ihm. Er empfängt auch viele Besucher. Was er will, setzt er auch heute noch durch. Wir haben übrigens immer noch den Plan, gemeinsam für eine Brotzeit auf eine Allgäuer Alpe zu fahren. Wenn wir darüber reden, leuchten seine Augen wie früher.

Wegen seiner angeschlagenen Gesundheit kann er nicht so präsent sein wie andere Elder Statesmen...

Waigel: Ich finde es schade, dass er nicht so wie Helmut Schmidt oder Hans-Dietrich Genscher in der Lage ist, die Dinge einzuordnen, die sich in der bewegendsten Zeit der Weltpolitik des letzten Jahrhunderts ereignet haben. Nach seiner Abwahl kam ja die Spendenaffäre und dann folgten gesundheitliche Rückschläge. Kohl hat unglaublich viel bewegt, weil andere Staatsmänner ihm vertraut haben, vor allen Dingen George Bush senior und Michail Gorbatschow.

Haben Sie eigentlich irgendetwas aus Bonn als Andenken mitgenommen?

Waigel: Das Entscheidende sind Bilder und Erinnerungen. Davon habe ich viele. Und natürlich die Karikaturen. Interview: Michael Stifter

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