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08.11.2019

Theo Waigel schrieb die schwierigste Rede seines Lebens im Flugzeug

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Theo Waigel ist CSU-Chef und Bundesfinanzminister, als die Mauer fällt. Was soll er den Menschen in der DDR sagen? Wie reagiert die Sowjetunion auf die Revolution? Aus diesen Notizen entstand die Rede, die Waigel am 10. November 1989 vor der Berliner Gedächtniskirche gehalten hat.
Bild: Robert Schlesinger, dpa

Plus Am Tag nach dem Mauerfall reist Theo Waigel nach Berlin, um vor 100.000 Leuten zu sprechen. Hier können Sie die Gedanken, die er sich aufschrieb, teils nachlesen.

Als die Menschen in Berlin auf der Mauer tanzen, hält Theo Waigel gerade im Kreis Neu-Ulm eine Rede zum 25-jährigen Jubiläum des CSU-Ortsverbandes Illerberg. „Die deutsche Frage steht auf der Tagesordnung der Weltpolitik“, sagt der CSU-Chef – und kann nicht ahnen, dass sie in diesen Minuten ganz auf dieser Tagesordnung nach oben gerutscht ist. Eilmeldungen auf Smartphones gibt es damals nicht. Erst später erfährt Waigel, dass die DDR an diesem Abend ihre Grenzen zum Westen geöffnet hat. Zu Hause in Oberrohr schaltet er den Fernseher ein. Er telefoniert mit Helmut Kohl, den die Ereignisse während eines Besuchs in Polen überraschen. Am nächsten Tag wollen sie sich in Berlin treffen. Waigel muss dort die vielleicht schwierigste Rede seines Lebens halten, denn er weiß: Jedes falsche Wort kann den Weg zur Einheit verbauen.

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In Moskau wird angespannt verfolgt, was da im sozialistischen Bruderstaat DDR passiert. Noch bleiben die russischen Soldaten ruhig, noch ist kein Schuss gefallen. Aber niemand weiß in diesem Moment, ob der Kreml der Revolution tatenlos zuschauen wird. „Michail Gorbatschow hat damals zwei Menschen angerufen: Helmut Kohl und Willy Brandt. Und beide haben ihn davon überzeugt, dass sich die Demonstrationen nicht gegen die Sowjetunion richten. Er hat ihnen mehr vertraut als dem Erich Honecker, und das war ein großer Glücksfall“, erinnert sich Waigel drei Jahrzehnte später.

Theo Waigel ist CSU-Chef und Bundesfinanzminister, als die Mauer fällt. Was soll er den Menschen in der DDR sagen? Wie reagiert die Sowjetunion auf die Revolution? Aus diesen Notizen entstand die Rede, die Waigel am 10. November 1989 vor der Berliner Gedächtniskirche gehalten hat.
Bild: Waigel

Wie viel Hoffnung darf man den DDR-Bürgern machen?

Auf der Fahrt zum Münchner Flughafen und später im Flieger nach Berlin macht sich der damals 50-Jährige Notizen. „Freude, Dankbarkeit, Hoffnung, Optimismus“ sind die ersten vier Worte, die Waigel einfallen. Am Ende werden es neun Seiten handschriftliche Stichworte sein. Der erste Termin in der noch geteilten Stadt findet nachmittags vor dem Schöneberger Rathaus statt. Dort, wo John F. Kennedy für das berühmte Bekenntnis „Ich bin ein Berliner“ bejubelt wurde, wird der Bundeskanzler gnadenlos ausgepfiffen. Die Bilder gehen um die Welt und Waigel wird nie vergessen, wie wütend Kohl darüber war. Er selbst hat Glück, denn er wird erst später bei einer CDU-Kundgebung vor der Gedächtniskirche sprechen. Das Publikum dort ist weniger feindselig. Doch wie viel Hoffnung darf man diesen Menschen machen?

„Ich habe jedes Wort genau abgewogen, denn die Sowjets sollten auf keinen Fall etwas in den falschen Hals bekommen“, erinnert sich Waigel. Als er an jenem Abend nach dem Mauerfall vor 100.000 Menschen ans Rednerpult tritt, dankt er deshalb nicht nur den westlichen Partnern, sondern zollt auch der Politik Gorbatschows seinen Respekt. Er lässt aber auch keinen Zweifel am Ziel der Bundesregierung: „Freie Selbstbestimmung aller Deutschen“. Dass es nicht einmal ein Jahr dauern wird, bis Ost und West ein Land sind, kann er sich da noch nicht vorstellen.

Waigel wird nach dem Mauerfall zu einem der Architekten des Vereinigungsprozesses

Den später erhobenen Vorwurf, die Wiedervereinigung sei zu schnell erfolgt, hält er für Unsinn. „Wir hatten doch nur ein Zeitfenster von eineinhalb Jahren. Schon 1991 wurde Gorbatschow weggeputscht und wir hätten nie und nimmer mit einem anderen – nicht mit Jelzin und erst recht nicht mit Putin – diese Chance gehabt“, gibt Waigel zu bedenken. Er ist außerdem davon überzeugt, dass die Menschen die DDR ohne die Aussicht auf eine baldige Einheit in Scharen verlassen hätten.

Theo Waigel ist CSU-Chef und Bundesfinanzminister, als die Mauer fällt. Was soll er den Menschen in der DDR sagen? Wie reagiert die Sowjetunion auf die Revolution? Aus diesen Notizen entstand die Rede, die Waigel am 10. November 1989 vor der Berliner Gedächtniskirche gehalten hat.
Bild: Waigel

Am 10. November 1989 vor der Gedächtniskirche lobt der damalige Finanzminister den „Mut und die politische Tapferkeit“ der DDR-Bürger. Er versichert ihnen die Solidarität der Bundesrepublik. Dass viele Menschen im Osten 30 Jahre später frustriert sind und beklagen, ihr Land sei quasi vom Westen geschluckt und seiner Identität beraubt worden, kann er nicht nachvollziehen. Er gibt aber zu, es sei ein Fehler gewesen, der Bevölkerung nicht von Anfang an offen zu sagen, wie katastrophal die wirtschaftliche Lage der DDR tatsächlich war. Stattdessen hatte Kohl den Ostdeutschen bekanntlich versprochen, die neuen Bundesländer würden sich schon bald in blühende Landschaften verwandeln. Er gewann die nächste Wahl – gegen die SPD und deren Bedenken.

In den Monaten nach dem Fall der Mauer wird Waigel zu einem der Architekten des Vereinigungsprozesses. Als er nach seiner Rede vor der Gedächtniskirche nach Bonn fliegt, trifft er im Flugzeug Egon Bahr. Der enge Vertraute Willy Brandts hatte in den 70er Jahren mit seinem Slogan „Wandel durch Annäherung“ das Verhältnis zum Osten entspannt und einen entscheidenden Schritt zur Überwindung der deutschen Teilung gemacht. „Sie wissen schon, Herr Waigel, dass jetzt Weltgeschichte geschrieben wird“, sagt Bahr. Der CSU-Politiker stimmt ihm zu. Am Abend zuvor hatte er in Illerberg noch über die Tagesordnung der Weltpolitik gesprochen. Nun ist die Welt eine ganz andere.

Lesen Sie dazu auch unsere Multimedia-Reportage: Zwei Reporter unterwegs auf dem ehemaligen "Todesstreifen"

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08.11.2019

Inhaltlich jämmerlich - gemessen an der geschichtlichen Bedeutung!
Ein weiterer unsäglicher Beitrag aus dem Stück "Die Augsburger Allgemeine, deren Verleger - und der ewige Theodor"

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