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Japan

29.04.2019

Thronwechsel in Japan: Ist er der Kaiser für die Zukunft?

Ab Mittwoch sind Kronprinz Naruhito und seine Ehefrau Masako das neue japanische Kaiserpaar. Mit ihrer Inthronisierung sind viele Hoffnungen verbunden.
Bild: Franck Robichon/EPA, dpa

Kronprinz Naruhito löst Kaiser Akihito ab. Ausgerechnet als Kopf einer erzkonservativen Institution könnte er helfen, das stagnierende Land zu modernisieren.

Die einen sind im Urlaub, die anderen fiebern mit. Zehn freie Tage wurden den Japanern verordnet, damit sie das Ereignis des Jahres mitverfolgen. Medial kann man ihm nicht entkommen: Der öffentliche Rundfunk NHK unterhält einen minutiösen Countdown-Blog zum Ausscheiden von Akihito. TV-Sender und Zeitungen berichten groß, wie der wegen gesundheitlicher Beschwerden abdankende Kaiser und seine Frau Michiko zum letzten Mal die Ahnen an Schreinen verehren. Parallel zählt man runter zum Neuanfang: Am Mittwoch wird Kronprinz Naruhito als 126. Tenno in der Geschichte Japans inthronisiert.

Seit Wochen erwartet das Land, die älteste ununterbrochene Monarchie der Welt, diese Krönung. Der 59-jährige Naruhito wird dann laut Verfassung zum "Symbol des Staates und der Einheit des Volkes". Und obwohl sich viele Japaner im Alltag kaum für ihre Monarchie und deren Zeremoniell interessieren, misst man der kaiserlichen Institution großen Wert bei. Es ist eine Mischung aus Respekt und Traditionsliebe, die den Übergang auf dem Chrysanthemen-Thron in Tokio zu einem Riesenereignis macht.

Der Versöhner Akihito und der Modernisierer Naruhito? 

Dabei wird auch spekuliert, wie Naruhito dem Thron seinen eigenen Stempel aufdrücken wird. Akihito, der 1989 als erster Kaiser nach dem Zweiten Weltkrieg dieses Amt antrat, machte sich einen Namen als Versöhner, der in Länder reiste, denen Japan bis 1945 an Deutschlands Seite schweres Leid zugefügt hatte. So bereinigte Akihito auch das Ansehen des Throns, das durch Vorgänger Hirohito und dessen Verwicklungen gelitten hatte.

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Heute steht Japan vor neuen Problemen. Sie reichen von gesellschaftlicher Verschlossenheit bis zu strukturellem Sexismus und münden in einer über zweieinhalb Jahrzehnte währenden ökonomischen Stagnation. Während der Nachbar China und teilweise auch Südkorea vorbeiziehen, sucht Japan bisweilen orientierungslos nach seinem neuen Platz in der Welt. Und weil gesetzliche Antworten auf die Herausforderungen kaum Veränderung bringen, setzen fortschrittliche Kräfte Hoffnungen auf Naruhito. Tatsächlich könnte der als Motor für Wandel funktionieren.

Die Vorstellung scheint zunächst paradox. Weltweit fallen Königs- und Kaiserhäuser eher wegen ihres Traditionalismus als mit sozialem Fortschrittsdenken auf. Besonders am japanischen Kaiserhof wirken diverse erzkonservative Offizielle, die auch den Kaiser in Schach zu halten versuchen. So dürfen in Japan nur Männer den Thron besteigen. Ohnehin wurde der Kaiser mit der Niederlage im Zweiten Weltkrieg politisch entmachtet. Naruhitos Bewegungsradius wird begrenzt sein.

Naruhito könnte mit seinem Lebensstil ein Beispiel geben

Allerdings ließ er schon in der Vergangenheit aufhorchen. So verkündete Naruhito zuletzt, "frischen Wind" in die Monarchie zu bringen. Sollte ihm dies gelingen, wäre das in Japan eine Sensation. Denn auch wenn der Kaiser keine Politikempfehlungen aussprechen darf, kann er mit seinem eigenen Lebensstil als Beispiel vorangehen. Schon das könnte entscheidende Auswirkungen haben.

Da ist etwa das Thema der Geschlechterrollen. Kaum ein Industrieland macht größere Unterschiede zwischen Mann und Frau als Japan. Im Gender Gap Report des World Economic Forum landet Japan von 149 Ländern auf Platz 110, hinter Brunei und Malaysia. Frauen leisten fünfmal so viel unbezahlte Haus- und Pflegearbeit wie Männer und sind entsprechend selten in den Arbeitsmarkt eingegliedert.

Männer geben in Umfragen häufig an, sie würden sich zwar gern mehr in Haushalt und Kindererziehung beteiligen, hätten aber immerzu Jobverpflichtungen bis spät in den Abend. Nur ein Prozent der Managementpositionen sind weiblich besetzt, auch weil eine Mutterschaft meist das Karriereende bedeutet. So hat Premierminister Shinzo Abe die Frauen schon als die am stärksten ungenutzte Ressource der Volkswirtschaft beschrieben.

Anders als die meisten Geschlechtsgenossen präsentiert sich Naruhito als vergleichsweise moderner Mann und Vater. Als er 1993 Masako Owada heiratete, soll er ihr versprochen haben, ihre Interessen auch gegen gesellschaftliche Erwartungen zu schützen. Nach öffentlicher Kritik an Masako, weil diese keinen Jungen zur Welt brachte, maßregelte der Ehemann: "Wenn es zu viel Gerede gibt, fürchte ich, dass sich der Storch beleidigt fühlt." Nachdem 2001 Tochter Aiko geboren wurde, zeigte sich Naruhito öffentlich als Vater, der sich an der Erziehung beteiligt.

Bekommt Japan erstmals eine Kaiserin?

Auch beim Blick über die eigenen Landesgrenzen hinweg könnte Naruhito zum Vorbild werden. Denn während sich die Welt mit hohem Tempo globalisiert, nimmt die japanische Gesellschaft nur bedingt teil. Zwischen 2004 und 2011 sank etwa die Zahl der im Ausland studierenden Japaner um fast ein Drittel. Bis heute beherrscht selbst unter der jungen Generation nur ein Bruchteil eine Fremdsprache. Zugleich verschließt sich das Land gegenüber Ausländern. Selbst ein neues Gastarbeitergesetz, das im April in Kraft trat, wird den akuten Arbeitskräftemangel nicht annähernd beheben.

Auch hier könnte Naruhito durch seinen Lebenslauf ein Umdenken provozieren. Er studierte in Oxford, schrieb dort eine Abschlussarbeit zu mittelalterlichen Transportsystemen von Wasser. So spricht Naruhito fließend Englisch, besser als die meisten Politiker und Manager im Land. Nie hatte Japan, das seit Jahren durch seine Verschlossenheit den Anschluss bei mehreren globalen Trends zu verlieren droht, in seiner jüngeren Vergangenheit einen so weltgewandten Kaiser.

All das macht Naruhito nicht zu einem Revolutionär. Wohl aber zu einer streitbaren Figur. Vor allem dem Kaiserlichen Hofamt, das die Geschäfte des Kaisers regelt, soll Naruhito suspekt sein. Dort will man schließlich vor allem eine Diskussion tunlichst vermeiden: Naruhito, dessen einziges Kind seine Tochter Aiko ist, wäre vermutlich der Idee zugetan, die Thronfolge auch Frauen zu ermöglichen. Aber so eine Emanzipation, meinen Konservative, sei ein Trend, den man getrost verpassen könne.

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