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Türkei
16.10.2018

Mesale Tolus Ehemann darf die Türkei verlassen

Mehr als erleichtert: Suat Corlu und Mesale Tolu.
Foto: Susanne Güsten

Die Neu-Ulmer Journalistin Mesale Tolus reist zum Prozess nach Istanbul - und wird belohnt. So lief die Gerichtsverhandlung.

Im Justizpalast von Istanbul gehen täglich 50.000 Menschen ein und aus – so viele wie die gesamte Bevölkerung von Neu-Ulm, wo Mesale Tolu zuhause ist. Mehr als 250 Gerichte tagen hier auf 19 Stockwerken und der Fläche von fast 50 Fußballfeldern, davon fast 100 Strafgerichte. Tausende Schicksale entscheiden sich hier täglich, doch den Fall Mesale Tolu kennt auch hier fast jeder. „Die deutsche Journalistin? Das ist im Block C“, wissen die Sicherheitsbeamten auswendig: „Zu Mesale wollen Sie? Im fünften Stock!“

Gefährlich Reise für Mesale Tolu

Die Anklage wirft Tolu die Unterstützung für linksextreme Gruppen vor. Von April bis Dezember vergangenen Jahres saß sie in Untersuchungshaft und durfte erst nach mehr als acht weiteren Monaten im August die Türkei verlassen. Jetzt ist sie wieder da, um vor Gericht zu erscheinen. Mit ihrer Rückreise vor den Richter ist Tolu ein Risiko eingegangen – schließlich könnte das Gericht die Ausreisesperre neu verhängen. Tolu will beweisen, dass sie der türkischen Justiz zur Verfügung steht. Damit will sie die Chancen für ihren Mann Suat Corlu erhöhen, ebenfalls freizukommen – ein Einsatz, der sich lohnen wird.

Im Gerichtssaal sitzt das Ehepaar nebeneinander auf der Anklagebank, eingerahmt von fünf Mitangeklagten. Zweieinhalb Monate haben sich Mesale Tolu und Suat Corlu nicht sehen können – seit Tolu mit ihrem Sohn Serkan ausreisen durfte und Corlu zurückbleiben musste. Seither sei ihr Sohn deshalb von seinem Vater getrennt, sagt Tolu vor dem Istanbuler Gericht: „Unsere Familie leidet darunter.“

Blick auf den kleinen Serkan

An der Anwesenheit seiner Frau bei dem Gerichtstermin sei ja zu erkennen, dass keiner in der Familie sich ins Ausland absetzen und der türkischen Justiz entziehen wolle, sagt Suat Corlu. Seine Frau und sein Sohn wohnten nun einmal in Deutschland, das Kind gehe dort in den Kindergarten. Wenn seine Frau das Kind auch gelegentlich zu Besuchen in die Türkei bringen könne, sei das auf Dauer nicht praktikabel, weil Serkan dadurch immer aus dem Alltag gerissen werden müsse.

Der Vorsitzende Richter verliest mit monotoner Stimme die Entscheidung. Die Ausreisesperre gegen Suat Corlu ist aufgehoben. Draußen vor dem Saal gibt es Umarmungen, Küsschen und glückliche Gesichter. Wird Suat Corlu jetzt sofort mit seiner Frau zum Sohn nach Deutschland reisen? „Nein“, sagt Corlu noch in der Tür des Gerichtssaals. „Ich brauche ja erst ein Visum.“ Wird ihr Mann dann nach Deutschland ziehen, wird die Familie in Ulm zusammen leben? „Das weiß ich gar nicht, das muss ich noch mit meinem Mann besprechen“, sagt Tolu. Sie hätten sich noch gar keine Gedanken gemacht, was geschehen werde, wenn die Ausreisesperre aufgehoben würde. „Denn wir hatten eigentlich nicht damit gerechnet.“

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