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Psychische Belastung

26.10.2014

Tut die Polizei genug für die Seele der Beamten?

11. Juli, Asbach-Bäumenheim: Polizeibeamte bringen einen verletzten Diensthund in Sicherheit. Zuvor hat ein Kollege wild um sich geschossen. Er wird später getötet.
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11. Juli, Asbach-Bäumenheim: Polizeibeamte bringen einen verletzten Diensthund in Sicherheit. Zuvor hat ein Kollege wild um sich geschossen. Er wird später getötet.

Sie haben täglich mit Gewalt und Unglücksfällen zu tun. Seit dem Tod eines Kollegen bei Donauwörth stellt sich die Frage: Tut die Polizei genug für die Seele der Beamten?

In 35 Jahren als Polizist hat Lothar Riemer viele Tote gesehen. Allein in Deutschland waren es etwa 50. Bei einem Einsatz in Bosnien musste er bei der Öffnung eines Massengrabs dabei sein, in Afghanistan überlebte er Anschläge. Es sind belastende Ereignisse, die er nicht vergisst. Vor vier Jahren war dann alles zu viel. Er brach zusammen. Diagnose: Burnout. Damit ist der 54-Jährige nicht allein.

Die Zahl steigt

Wie viele Polizisten daran leiden oder sogar psychisch erkrankt sind, weiß niemand. Eine Statistik gibt es nicht, weil das der Datenschutz und die ärztliche Schweigepflicht nicht ermöglichen, sagen die Behörden. Viele von unserer Zeitung befragte Psychologen und Seelsorger sind sich aber sicher, dass die Zahl steigt. Denn für die Beschäftigten anderer Branchen ist dies bereits erwiesen. Und Polizisten, das liegt auf der Hand, erleben weitaus häufiger schwer Verkraftbares als andere.

Das scheint in der Karriere jenes 46-jährigen Beamten, dessen Fall im Sommer für so viel Aufsehen sorgte, nicht anders gewesen zu sein. Im Juli hat der Mann, der in der Polizeiinspektion Donauwörth arbeitete, in seinem Haus im benachbarten Asbach-Bäumenheim um sich geschossen und sich verschanzt. Kollegen versuchten über Stunden, die Situation zu entschärfen und den Beamten, der allein zu Hause war, zum Aufgeben zu bewegen.

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Ein Sondereinsatzkommando versuchte, den Spuk zu beenden. Nach offizieller Darstellung schoss der Mann, der angekündigt haben soll, seinen Tod in Kauf zu nehmen, während des Zugriffs auf einen Polizeihund, der später eingeschläfert werden musste. Auch zielte er auf die Kollegen. Die, so heißt es, hätten ihn daraufhin in Notwehr erschossen. Später erklärte die Polizei, der 46-Jährige habe offenbar unter psychischen Problemen gelitten und unter Alkoholeinfluss gestanden.

Sofort wurde Kritik laut, die Beamten hätten anders auf den Mann reagieren müssen. Die SPD will das Thema im Landtag behandeln und verlangt einen Bericht der Staatsregierung, weil sie Fehler beim Einsatz vermutet. Ob tatsächlich welche gemacht wurden, untersucht die Staatsanwaltschaft. Es wird noch dauern, bis es ein Ergebnis und einen Bericht im Landtag geben wird.

Jahrelang hielt er den Druck aus

Wie viele seiner Kollegen war auch Lothar Riemer den Belastungen des Dienstes ausgesetzt. Jahrelang war er mit dem Leid anderer konfrontiert und erlebte, dass nicht jeder gut auf die Polizei zu sprechen ist. Jahrelang hielt er den Druck aus. Schließlich gehört es für viele Polizisten dazu, hart im Nehmen zu sein, sich keine Schwäche zu erlauben und sie nicht zu zeigen. Während junge Beamte inzwischen geschult werden, nicht mehr alles nur mit sich auszumachen, und versucht wird, vom Image der harten Jungs wegzukommen, führte bei Riemer erst ein Mord zum Umdenken.

In Erding hatte ein Mann seiner Ex-Frau aufgelauert und sie getötet. Sie hinterließ drei Töchter. Das war der erste spürbare Knacks für Familienvater Riemer, der keine professionelle Distanz mehr wahren konnte. „Als ich vor Gericht aussagen sollte, war ich dazu fast nicht in der Lage, so hat mich das alles getroffen“, erinnert er sich. „Die Schutzmechanismen funktionierten nicht mehr.“ Um Abstand von den Belastungen zu gewinnen, bewarb er sich beim Bundesinnenministerium in Berlin, wo er später Auslandseinsätze deutscher Polizisten koordinierte und selbst daran teilnahm.

Zusammenbruch im Urlaub

Nach den Erlebnissen in Bosnien und Afghanistan kam 2010 plötzlich der Zusammenbruch im Urlaub. Sechs Wochen verbrachte er in einer Klinik, acht Monate war er krankgeschrieben, anderthalb Jahre ging er zur Therapie. Auf seinen Wunsch hin kehrte er in den Dienst zurück. Heute arbeitet er als Ausbilder bei der Bayerischen Bereitschaftspolizei in Dachau. Er, bei dem die Wiedereingliederung gut funktioniert hat, fühlt sich verstanden. Andere haben hingegen nicht so viel Glück.

Bundespolizist Peter Beck erlebte seinen Zusammenbruch 2011, nachdem sich ein Polizeischüler in einer Toilette erschossen hatte. Plötzlich kamen Erinnerungen an seinen Einsatz im Kosovo hoch. Nicht nur, dass Beck dort viel Gewalt und viele Tote sah. Im März 2004 entging er selbst dem Tod nur knapp, als er bei einer Mission der Vereinten Nationen mit einem argentinischen Kollegen durch die Stadt Mitrovica fuhr.

Die Gewalt zwischen Serben und Albanern eskalierte, Demonstranten griffen den roten Wagen mit der Aufschrift „Police“ an. Der heute 48-Jährige erinnert sich genau daran: „In Sekunden waren am Auto die Scheiben kaputt. Der argentinische Kollege duckte sich nur noch, hielt seine Hände über den Kopf und schrie: ,Go, go, go!‘ Kaum hatte ich Gas gegeben, hörten wir schon die ersten Schüsse. Mein erster Gedanke war: Gut, dass keine Handgranate ins Auto geflogen ist.“

Ende 2004 kehrte Beck zurück ins heimische Bremen. Nach dem Urlaub bereitete er den Einsatz auf und tat wieder seinen normalen Dienst. Zweimal war er anschließend noch im Kosovo und einmal in Moldawien, jeweils für ein Jahr. Seit dem Suizid des Polizeischülers auf dem Revier der Bundespolizei in Bremen ist er dienstunfähig und in Therapie.

Er wollte zurückzukehren, hielt den Job aber nur einen Monat durch. Im Januar dieses Jahres brach er den Versuch ab. „Ich hatte keinen Kontakt mehr zu den Kollegen, für mich war kein Platz mehr da“, sagt Beck. Es war die Zeit, als zum ersten Mal offiziell anerkannt wurde, dass er an einer posttraumatischen Belastungsstörung leidet, die zu Albträumen oder Depressionen führt. Aber mit der Einschränkung, er sei schon vor den Auslandsmissionen krank gewesen, wogegen Beck sich wehrt. Und erst jetzt, drei Jahre nach dem Zusammenbruch, soll er untersucht werden. Zuvor habe ihm eine Amtsärztin nur gesagt: „Gehen Sie zur Therapie, werden Sie gesund.“

Er fühlt sich ausgestoßen

Nach diesen Erfahrungen will er nicht zurück. Er fühlt sich ausgestoßen. Dass die Familie trotz der Belastung und anfänglicher Existenzangst zu ihm hält, ist das Glück, das ihn durchhalten lässt. Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Bürger für die Probleme belasteter Polizisten zu sensibilisieren. Denn wer nicht aufgefangen wird, sehe oft keinen Ausweg. „Auch ich war 2011 davor, durchzudrehen. Zum Glück hatte ich meine Pistole weggeschlossen und bin heimgegangen. Traumatisierte Kollegen sind eine Gefahr für sich und die Öffentlichkeit.“

Obwohl es vorkomme, dass Polizisten sich oder Angehörigen etwas antun, werde zu wenig unternommen, kritisiert Beck. Psychisch belastete Beamte seien noch ein Tabu. Wäre das anders, hätte es seiner Ansicht nach vielleicht nicht zum Einsatz in Asbach-Bäumenheim kommen müssen – oder er wäre anders verlaufen. Dann wäre der 46-Jährige am Leben und dem Sonderkommando die Erfahrung erspart geblieben, auf einen Kollegen zu schießen.

Inwiefern der Einsatz im Augsburger Präsidium nachbereitet wurde, zu dem auch Donauwörth und Asbach-Bäumenheim gehören, ist unklar. Wurde danach geprüft, ob genug für belastete Kollegen getan wird? Weil die Staatsanwaltschaft noch ermittelt, will sich das Präsidium nicht äußern. Es betont aber, dass es Angebote für besonders belastete Beamte sowie Informationen für Vorgesetzte und Kollegen gebe, um Symptome wahrzunehmen.

Reicht die Betreuung?

Den Fall Peter Beck kommentiert die Bundespolizei „aus datenschutz- und personalrechtlichen Gründen“ nicht. Sie verweist nur auf ein „engmaschiges Betreuungsnetz“ mit 250 „qualifizierten Ansprechpersonen“ – für 40000 Angehörige der Bundespolizei in ganz Deutschland.

Ist das genug? Geht es nach den Polizeigewerkschaften, wird viel getan. Das müsse aber ausgebaut werden, vor allem, wenn erst Jahre später Probleme sichtbar werden. Mehr getan werden müsste auch nach Ansicht von Pfarrer Ralf Radix, Vorsitzender der Konferenz der Evangelischen Notfallseelsorge Deutschlands. Feuerwehren und Rettungsdienste seien für den Umgang mit seelisch Kranken besser sensibilisiert als die Polizei.

Zumindest schult Bayern angehende Polizisten und führende Beamte, Zeichen psychischer Erkrankungen auch bei Kollegen zu erkennen. Nach Auskunft des Innenministeriums können sie den Zentralen Psychologischen, den Polizeilichen und den Ärztlichen Dienst sowie Polizeiseelsorger hinzuziehen. Doch obwohl sich etwa der Psychologische Dienst mit nur knapp zehn Psychologen um mehr als 41000 Beschäftigte in Bayerns Polizei kümmert und viele andere Aufgaben hat, stockt der Freistaat das Personal nicht auf. Zum einen sieht der Leiter des Dienstes, Hans Peter Schmalzl, nicht mehr belastete Polizisten, sondern nur eine größere Sensibilität für sie. Zum anderen sei das „Beratungsnetz“ schon jetzt sehr eng geknüpft, betont das Ministerium.

Eng genug, um auszuschließen, dass von labilen Polizisten eine Gefahr – auch für andere – ausgeht? Waffenträger mit psychischen Problemen bedeuten nicht automatisch eine Bedrohung, versichern Behörden, Gewerkschaften, Psychologen und Seelsorger. Gerd Reimann vom Berufsverband Deutscher Psychologen hält es zwar für sinnvoll, dass Personen, die dienstlich Waffen tragen, häufiger überprüft würden. Doch die größte Gefahr gehe von den Erkrankten für sich selbst aus, und tödlich ende sie nur selten.

So haben sich laut Innenministerium von 2010 bis Ende September 2014 insgesamt 35 bayerische Polizisten das Leben genommen. Zum Vergleich: Allein 2012 gab es in ganz Bayern mehr als 1700 Suizide. Dennoch müsse mehr getan werden, fordert Reimann. Die Ansicht, keine Schwäche zulassen zu dürfen und aus diesem Grund auf Hilfe zu verzichten, sei noch zu verbreitet.

Lesen Sie hier die Geschichte über einen tödlichen Unfall: Wo Retter an ihre Grenzen stoßen

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