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US-Demokraten
28.02.2020

US-Vorwahlen: Ist Bernie Sanders noch zu stoppen?

Vor einem Jahr noch galt Bernie Sanders, der Alt-Revoluzzer mit dem mürrischen Blick und dem weißen Resthaar, als krasser Außenseiter.
Foto: Eric Gay/AP, dpa

Lange galt Joe Biden als aussichtsreichster Präsidentschaftskandidat der Demokraten. Bis Bernie Sanders aufholte. Nun wird es in South Carolina spannend.

Entschlossen klopft Keith Brinkmann an die Tür des gräulichen Holzhauses mit der Nummer 224. „Gabrielle?“, ruft er fragend. Den Namen hat er dem Wählerregister in seinem Smartphone entnommen. Die Jalousien des einfachen Bungalows sind heruntergezogen. Doch eine Seniorin öffnet die innere Haustür. Der äußere Einbruchschutz bleibt vorsichtshalber zu. Der überwiegend schwarze Vorort Hopkins ist nicht die beste Wohngegend in Columbia, der Hauptstadt des US-Bundesstaats South Carolina.

„Wissen Sie schon, ob Sie wählen gehen?“, fragt Brinkmann, ein freundlicher Zeitgenosse mit flaumigem Bart und einem gemütlichen Kugelbauch unter der Regenjacke. Die Afroamerikanerin antwortet ausweichend. Sofort setzt der Mittdreißiger nach: „Ich habe einen Bruder mit großen gesundheitlichen Problemen. Als er die Beiträge für seine Versicherung nicht mehr zahlen konnte, haben die ihn rausgeschmissen.“ Das sei der Grund, weshalb er den Plan von Bernie Sanders für eine Bürgerversicherung für alle unterstütze.

Und noch etwas: „Ist es Ihnen wichtig, Trump aus dem Amt zu jagen?“, fragt er eindringlich. Die Frau nickt. Aber vielleicht sei der linke Senator doch ein bisschen zu radikal, wendet sie dann ein. „Nur Bernie kann Trump schlagen“, kontert der Besucher an der Tür: „Und er ist mit großen Schritten auf dem Weg zum Sieg.“

Der Wahlkämpfer hat nicht übertrieben: Einen Monat nach dem Beginn der amerikanischen Vorwahlen hat der 78-jährige Sanders das Rennen um die demokratische Präsidentschaftskandidatur gewaltig aufgemischt. Im vorigen Frühjahr noch war der Alt-Revoluzzer mit dem mürrischen Blick und dem weißen Resthaar ein krasser Außenseiter, im Oktober erlitt er einen Herzinfarkt. Doch in Iowa ging er als gefühlter Gewinner, in New Hampshire als Sieger und in Nevada als Triumphator vom Platz. Plötzlich gilt der Mann, der sich stolz einen „demokratischen Sozialisten“ nennt, als Favorit unter den potenziellen Trump-Herausforderern. Dem zuvor als Top-Tipp gehandelten Ex-Vizepräsident Joe Biden droht hingegen das Ende seiner vor 48 Jahren begonnenen politischen Karriere.

"Nur Bernie kann Trump schlagen", sagt der Wahlkämpfer an der Haustür

An diesem Samstag bei den Vorwahlen in South Carolina wird sich das Schicksal des Obama-Stellvertreters entscheiden. Und es wird sich zeigen, ob Sanders seinen linken Durchmarsch ungebremst fortsetzen kann. Bei der Kandidatenkür kommen nun nämlich erstmals die wichtigen afroamerikanischen Stimmen ins Spiel. Rund 60 Prozent der demokratischen Wähler in dem Südstaat sind schwarz, und bei dieser Bevölkerungsgruppe hat Joe Biden auch wegen seiner Zeit an der Seite von Obama traditionell einen guten Ruf. Der 77-Jährige hat South Carolina zu seiner „Brandmauer“ erklärt. Seit Tagen eilt er von einem Termin zum anderen, hält Reden, besucht Kirchengemeinden und posiert für Selfies.

Für Biden geht es um alles oder nichts. Auf dem Weg zu einem Projekt für bezahlbares Wohnen im armen Norden der anderswo mit Säulen und Palmen protzenden Stadt Charleston hat Biden plötzlich ein Mikrofon vor dem Gesicht. „Haben Sie überhaupt noch eine Chance?“, will der Reporter wissen. „Ich werde siegen“, antwortet der Kandidat fest. Er muss es auch. „Wenn er hier verliert, muss er das Rennen wohl verlassen“, glaubt der erfahrene demokratische Kampagnenberater William Galston.

Für Joe Biden geht es auf dem Weg zur Präsidentschaftskandidatur der Demokraten um alles oder nichts. 
Foto: Patrick Semansky/AP, dpa

Noch im Oktober hatte Biden in South Carolina bei Umfragen knapp 30 Prozentpunkte vor Sanders gelegen. Seither ging es für den früheren Favoriten bergab – und für Sanders nach oben. „Ich höre, dass mein Name oft erwähnt wird“, kokettiert der Senator am Dienstag bei der Fernsehdebatte im prunkvollen Charleston Gaillard-Konzerthaus: „Ich frage mich, warum?“ Von allen Seiten haben ihn die anderen Präsidentschaftsbewerber unter Feuer genommen. Sanders rudert hektisch mit seinen Armen herum. In der Sache aber bleibt sich der linke Weltverbesserer treu. Seit Jahrzehnten predigt er dieselbe Agenda: Er kritisiert die „groteske und unmoralische Verteilung von Einkommen und Wohlstand“, sagt der Ölindustrie und der Wall Street den Kampf an und verspricht eine bezahlbare Krankenversicherung für jedermann, die er „ein Menschenrecht“ nennt.

Die Anhänger von Sanders schätzen dessen knorrige moralische Unerbittlichkeit

Sanders ist radikal und rigoros. Die Umsetzungschancen seiner Maximalpositionen mit dem republikanischen Senat thematisiert er ebenso wenig wie die Gegenfinanzierung. Das versetzt viele Vertreter des demokratischen Parteiapparats, die eine Wahlniederlage gegen Trump fürchten, in Alarmstimmung. Die Anhänger von Sanders schätzen hingegen gerade dessen knorrige moralische Unerbittlichkeit.

„Ich bin ein echter Überzeugungstäter“, sagt Keith Brinkmann, der an diesem kühlen Frühlingstag zusammen mit seinem Wahlhelfer-Kollegen Paul Reggentin 200 Häuser in Hopkins abklappert. Reggentin hat gerade sein Ingenieurdiplom bestanden. Der Literaturwissenschaftler Brinkmann arbeitet an der städtischen Bibliothek in Columbia. Nun hat er sein Wochenende geopfert, um für Sanders zu werben. Nicht nur sein kranker Bruder motiviert ihn, sondern auch seine eigene Erfahrung: Mit 25.000 Dollar Schulden hat er vor zehn Jahren die Universität verlassen. „Bis heute konnte ich fast nichts zurückzahlen. Dafür reicht mein Gehalt einfach nicht.“

Ähnlich wie Amtsinhaber Donald Trump hat Sanders eine hoch motivierte Anti-Establishment-Bewegung ins Leben gerufen, die ihn euphorisch unterstützt. 300 Bernie-Fans sind abends ins Pointe Event Center in Charleston gekommen, um dem schwarzen Philosophen Cornel West zuzuhören. Wie ein Sektenprediger redet der Mann mit der wilden Mähne auf die Gemeinde ein, geißelt die „neofaschistische Gegenwart“, den „repressiven Apparat“ und die kapitalistischen Verirrungen. „Seid Ihr bereit, Geschichte zu schreiben?“, ruft er irgendwann in den Saal. „Yeah!“, brüllt die Menge. „Aber das ist kein Spiel“, warnt West: „Wir legen uns mit mächtigen Gegnern an. Einige werden dafür zahlen müssen.“ Und dann sagt er einen Satz, der erschaudern lässt: „Ich bin bereit, für ihn eine Kugel zu kassieren.“

Eine Kugel für Bernie? Wahrscheinlich würde Isaac Holt, der schwarze Pastor in der Royal Baptist Mission Church, den Sanders-Verbündeten West als „verlorenen Sohn“ bezeichnen. Über dieses biblische Gleichnis predigt er nämlich am folgenden Sonntagmorgen. Auch er findet, dass sich Amerika ändern müsse. Er meint es aber ganz anders. Kriminalität und Drogenmissbrauch sind für Holt nämlich Folgen der modernen Gottlosigkeit: „Amerika war eine große Nation. Wir müssen umkehren“, fordert er.

Joe Biden darf im Gottesdienst eine kurze Ansprache halten

Nur wenige hundert Meter mit Holzbauten, Wohnwagen, zwei Schnapsläden, einem Beerdigungsinstitut und einem Nachbarschaftsladen trennen das Event Center und die Kirche. Und doch scheinen Welten zwischen dem systemfeindlichen Happening und dem ultrakonservativen Gottesdienst zu liegen. Kaum ein Zuhörer von West ist älter als 30 Jahre. Bei Holt sitzen ein paar Kinder in den vorderen Bänken. Die meisten schwarzen Besucher seines Gottesdienstes, die sich für den Kirchgang mit farbenfrohen Tüchern und Anzügen herausgeputzt haben, sind aber über 60 Jahre alt.

Auch Joe Biden ist mit Frau und Enkeltochter in die Kirche gekommen. Zwischen zwei Gospel-Songs darf der Ex-Vizepräsident eine kurze Ansprache halten. Und anders als allzu oft in den vergangenen Wochen ist er konzentriert und klar. Er spricht über die schwarze Bürgerrechtsbewegung, äußert sein Entsetzen über den tödlichen Neonazi-Aufmarsch von Charlottesville und warnt eindringlich vor dem Verlust der Demokratie unter Donald Trump. „Wir führen einen Kampf um die Seele Amerikas“, sagt Biden. Der Satz fehlt in keiner seiner Reden.

Biden ist kein guter Rhetoriker. Der Mann, dessen erste Frau und Tochter vor Jahrzehnten bei einem Verkehrsunfall ums Leben kamen und der später seinen Lieblingssohn im Kampf gegen den Krebs verlor, wirkt durch seine Persönlichkeit. Nach seinen Auftritten lässt er kaum eine Hand ungeschüttelt, kaum eine Schulter, die er nicht berührt. Er punktet als Menschenfreund und Vertrauter von Barack Obama, den er immer wieder erwähnt.

Robyn Donaldson unterstützt Joe Biden. Die 42-jährige Politikberaterin ist überzeugt: „Wir brauchen jemanden, der das Land zusammenbringt.“
Foto: Karl Doemens

„Joe hat einen wunderbaren Charakter“, schwärmt Politikberaterin Robyn Donaldson. „Er hat so viel Wärme und Empathie.“ Nach drei Jahren unter dem Poltergeist Trump sei das eine angenehme Erfahrung, sagt die 42-Jährige am Rande einer Wahlveranstaltung in Charleston: „Wir brauchen jemand, der das Land wieder zusammenbringt.“

Genau da verläuft in einem Rennen mit immer noch acht Teilnehmern die Trennlinie zwischen den beiden Spitzenreitern Sanders und Biden. Während die Fans des Senators das System für verrottet halten und runderneuern wollen, möchten die Anhänger des früheren Vizepräsidenten am liebsten zurück in die Obama-Zeit. Revolution oder Restauration? Die Wahl in South Carolina dürfte einen wichtigen Hinweis geben, in welche Richtung das Pendel bei den Demokraten ausschlägt. In den letzten Tagen hat Biden in den Umfragen merklich zugelegt. Sollte er überraschend eine Trendwende hinbekommen und klar siegen, würde das wohl die Dynamik des gesamten Rennens ändern. Schon am nächsten Dienstag, dem „Super Tuesday“, stehen nämlich Wahlen in 14 Bundesstaaten an, und die Fernsehbilder der Siegerparty in South Carolina dürften nicht ohne Wirkung bleiben.

Eine ganz andere Frage ist freilich, was wohl passiert, wenn der Siegeszug von Sanders noch gestoppt und sich beim Parteikonvent im Juli ein anderer Bewerber als Präsidentschaftskandidat durchsetzen würde? „Dann müsste ich sehr lange nachdenken“, gesteht Keith Brinkmann. Würde der Bibliothekar für einen anderen Demokraten stimmen? Man spürt den extremen Widerwillen des Bernie-Fans. „In dieses Dilemma werden wir nicht kommen“, weicht er schließlich einer Antwort aus.

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