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US-Wahl 2020
04.11.2020

Von CNN bis RTL: So spannend war die TV-Wahlnacht

Mitarbeiter der Wahlbüros zählen die Stimmzettel aus. Die ersten Entscheidungen der US-Präsidentenwahl sind bereits gefallen.
Foto: David Santiago/Miami Herald/AP, dpa

Die Auszählung in den USA zieht sich in die Länge und beschert den Zuschauern einen nächtlichen Nervenkitzel - und so manchen kuriosen Moment.

Wer diese verrückteste Wahlnacht aller Zeiten vor dem Fernseher verfolgt, kommt aus dem Staunen kaum heraus. Was die TV-Sender bieten, ist eine Mischung aus knallharter Information, Unterhaltung und Schmerz. Los geht es mit einer Menge Pathos. „Liebe ist mächtiger als Hass, Hoffnung ist mächtiger als Angst, Licht ist mächtiger als Dunkelheit“, twittert Joe Biden kurz vor Mitternacht unserer Zeit. Donald Trump setzt auf bewährte Mittel: GROSSBUCHSTABEN.

Was zählt ist Florida, Florida, Florida

In einem deutschen Talkshow-Studio begrüßt derweil ZDF-Moderator Markus Lanz den SPD-Politiker Ralf Stegner ernsthaft als „Bernie Sanders von Kiel“. Was soll jetzt noch kommen? Keine Sorge, das war erst der Anfang! Die heiße Phase beginnt gerade erst. Schon bald wird klar: Was jetzt zählt, ist Florida, Florida, Florida. Der Sonnenstaat gilt mit seinen 29 Wahlleuten als Jackpot und hat schon manche Präsidentschaftswahl entschieden. CNN analysiert jeden einzelnen Wahlkreis, quasi bis in die kleinste Nebenstraße. Und es ist unfassbar eng. „Das ist der Grund, warum Wahlen so viel Spaß machen“, freut sich ein grauhaariger Mann vor einer sehr bunten Videowand. Es ist John King – sozusagen die amerikanische Ausgabe von Jörg Schönenborn.

Könnte Texas wirklich blau werden?

RTL zeigt derweil eine Reportage über weibliche Trump-Fans, die seine sexistischen Sprüche nicht so schlimm finden. Und im nachgebauten Oval Office der Bild-Zeitung geht es darum, wie der Präsident einmal dem französischen Kollegen Emmanuel Macron eine Fluse vom Sakko gewischt hat. Der Unterhaltungsfaktor ist hoch, auch als Zeit-Herausgeber Josef Joffe live zugeschaltet wird, aber gerade damit beschäftigt ist, einen Leitartikel zu schreiben, und die Fragen aus dem Studio einfach ignoriert. Mann muss eben Prioritäten setzen.

Um zwei Uhr nachts passiert etwas Unglaubliches: Auf der CNN-Landkarte leuchtet ein Bundesstaat in Blau auf (die Farbe der Demokraten), der seit Jahrzehnten knallrot (die Farbe der Republikaner) war: Texas. Sollte Biden den Cowboy-Staat gewinnen, wäre das der Heilige Gral. Aber genau wie in Florida: alles sehr, sehr knapp. So knapp, dass sogar Donald Trump das Twittern eingestellt hat. Zitterpartie ist gar kein Ausdruck. Im Oval Office der Bild-Redaktion spricht man übrigens zeitgleich über „Trumps schönste Frisuren“ und darüber, welches Shampoo der mächtigste Mann der Welt benutzt.

Mecklenburg County? Gibt es das echt?

Währenddessen verkündet der CNN-Zahlenmann King einen sich anbahnenden „Big Deal“ für Biden. In Ohio liegt der Herausforderer in Führung. War es das schon? Noch nie ist ein republikanischer Kandidat Präsident geworden, der Ohio verloren hat. Trump braucht dringend gute Nachrichten, sein Team erklärt ihn deshalb sicherheitshalber schon mal zum Sieger in Florida. Es ist gleich 3 Uhr nachts. Liegt es an der aufkommenden Müdigkeit, dass wir „Mecklenburg County“ auf dem Bildschirm lesen? Nein, den Wahlkreis gibt es wirklich, er liegt in North Carolina und wurde nach einer deutschen Prinzessin, Sophie Charlotte zu Mecklenburg-Strelitz, benannt. Aber das nur am Rande.

Demostranten ziehen am Tag der US-Präsidentschaftswahl mit Transparenten mit der Aufschrift "Changes" und Black Lives Matter Fahnen durch die Stadt.
19 Bilder
Eine historische Wahlnacht: Impressionen aus den USA
Foto: Ted S. Warren/AP, dpa

Auch RTL wendet sich jetzt von der Dauer-Doku, die stundenlang Donalds Geheimnisse und Melanias Schönheitsoperationen lupenrein aufdeckte, dem aktuellen Geschehen zu. Gerade noch rechtzeitig, denn viele Deutsche haben sich den Wecker auf 3 Uhr gestellt. Jetzt schließen in einer ganzen Reihe von Bundesstaaten die Wahllokale. Und es hat sich gelohnt, früh aufzustehen: Wir erleben ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Auf CNN ist immer öfter von einem „2016 moment“ die Rede. Wendet sich das Blatt wie damals allen Umfragewerten zum Trotz doch zugunsten Trumps? In Ohio liegt er plötzlich vorne, auch Texas leuchtet wieder rot. Es ist 4 Uhr und das große Rechnen beginnt. Klar ist nur, dass nichts klar ist. „A looooong way to go“, sagt King, der CNN-Schönenborn. Der Weg ist noch lang. Ins Bett zu gehen, ist keine Option. „Die Wahlnacht ist ja noch jung“, sagt der echte Schönenborn. Nun ja.

In sozialen Netzwerken macht sich bei den Trump-Gegnern eine Mischung aus Panik, Fatalismus und Müdigkeit breit. Ein Bundesstaat nach dem anderen geht an den Präsidenten. Vier weitere Jahre Trump? Durchaus realistisch. Auch das gefürchtete Szenario, tagelang auf das Endergebnis warten zu müssen, könnte eintreten. Selbst im Oval-Office-Imitat der Bild hat man auf ernsthaft geschaltet.

Und was sagt der Zahlen-King? „Es ist wie beim Sport. In der Halbzeit wird nicht abgepfiffen.“ Seine Kollegen von Fox News sehen das anders und erklären Trump schon mal zum Sieger in Florida. Vor der Wahl hatten Experten gewarnt, das Trump-Lager könnte Tatsachen schaffen, um die Auszählung der Briefwahlstimmen zu diskreditieren. Genau so kommt es: Obwohl alles offen ist, ruft sich Trump zum Sieger aus. Biden spricht von einem Skandal.

Die US-Demokratie wackelt – und draußen wird es langsam hell. Als für die meisten Deutschen der Tag beginnt, ist die Sache noch lange nicht gelaufen. In einem amerikanischen Fernsehstudio steht John King und sagt: „Lasst uns weiter die Stimmen zählen. Das hier sind die Vereinigten Staaten von Amerika, das ist nicht Belarus.“

In unserem Live-Ticker können Sie alle Neuigkeiten zur US-Wahl mitverfolgen.

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