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US-Wahlkampf
11.03.2020

Präsidentschaftswahl in den USA: Trau keinem unter 70!

Ob nun Donald Trump, Bernie Sanders oder Joe Biden der nächste US-Präsident wird - eines steht fest: Mr. President ist künftig so alt wie noch nie in den USA.
Foto: dpa-Montage

Der nächste Präsident wird der älteste in der US-Geschichte sein. Ist das ein Problem oder kann es ein Vorteil sein? Wie drei deutsche "Politrentner" darüber denken.

Bill Clintons Zeit im Weißen Haus liegt mehr als zwei Jahrzehnte zurück. Der frühere US-Präsident wirkt heute wie eine Erinnerung an eine ferne Epoche. Die Amtskollegen von damals, Helmut Kohl, François Mitterrand oder Boris Jelzin, sind längst tot und Clinton ist inzwischen ein älterer Herr mit schlohweißen Haaren. Und doch ist er immer noch jünger als sämtliche Kandidaten, die momentan um den Schreibtisch im Oval Office kämpfen. Die Wahl in den Vereinigten Staaten läuft unter dem inoffiziellen Motto: Trau keinem unter 70!

Mag das Rennen auch noch offen sein, eines steht schon fest: Der nächste Präsident wird der älteste in der Geschichte der USA sein. Den aktuellen Rekord hält Donald Trump, der beim Amtsantritt bereits die 70 überschritten hatte und damit sogar den bis dahin Klassenältesten Ronald Reagan jung aussehen ließ. Zeit also für eine Verjüngungskur? Nicht wenn es nach den Demokraten geht. Ihre Antwort auf den alten Mann im Weißen Haus sind zwei noch ältere Männer: Joe Biden, 77, und Bernie Sanders, 78. Einer der beiden wird Trump im November herausfordern.

Kann man den Job des US-Präsidenten im hohen Alter noch machen?

Nun ist es so, dass sich ein amerikanischer Präsident nicht mit den Widrigkeiten des Alltags herumzuschlagen hat. Er muss sich nicht darum kümmern, ob im Kühlschrank noch etwas Essbares herumliegt, die Hecke im Garten schneiden oder ein Flugticket besorgen. Auch spielt das ständige Gezänk mit der eigenen Partei oder dem Koalitionspartner, das Bundeskanzlern den letzten Nerv kosten kann, in den USA kaum eine Rolle. Trotzdem ist der Job als mächtigster Mann der Welt extrem kraftraubend. Wie soll man das schaffen, in diesem Alter?

Gerhart Baum kann da mitreden. Er ist 87 Jahre alt, war einst Minister unter Helmut Schmidt und mischt sich heute noch gerne in politische Debatten ein. Er hält es für einen Fehler, Menschen nach ihrem Alter zu beurteilen. „Natürlich müssen die Älteren irgendwann loslassen, was vielen schwerfällt. Das heißt aber nicht, dass die Jüngeren automatisch alles richtig machen werden“, sagt der FDP-Politiker und verweist auf die Vorzüge des Alters. „Erfahrung spielt eine große Rolle. Und ich bedauere es, wenn junge Politiker glauben, sie könnten alles besser, anstatt auf die Erfahrung der Älteren zurückzugreifen“, sagt Baum.

Die bayerische Verfassung schreibt übrigens vor, dass die Ministerpräsidentin oder der Ministerpräsident des Freistaates mindestens 40 Jahre alt sein muss. Dieses Mindestalter gilt auch für das Amt des Bundespräsidenten. Doch in Bayern gibt es auch eine Begrenzung nach oben. Hauptamtliche Bürgermeister dürfen bei Amtsantritt noch keine 67 sein. Damit käme Wolfgang Bosbach nicht mehr infrage. Der langjährige CDU-Bundestagsabgeordnete wird in diesem Jahr 68, hat aber auch nach seinem Abschied vom aktiven Geschäft keine richtige Lust auf die Hängematte. Er hält die Diskussionen um das Alter von Politikern für wenig zielführend. „Es gibt träge 40-Jährige und agile 70-Jährige – nicht nur im richtigen Leben, sondern auch in der Politik“, sagt Bosbach. Auch er betont, wie wichtig Erfahrungswerte sind: „In der Schule oder im Studium kann man viel lernen, aber keine Lebens- und Politikerfahrung sammeln.“

Winfried Kretschmann ist mit 71 Jahren ein beliebter Ministerpräsident

Sein Kollege Baum gibt noch etwas anderes zu bedenken: „Es kann durchaus sein, dass gerade in kritischen Situationen einem Älteren mehr Vertrauen entgegengebracht wird.“ Gerda Hasselfeldt sieht das ähnlich. „Es ist nicht automatisch so, dass die Jungen lieber Jüngere wählen und die Alten lieber Ältere, es kommt in erster Linie auf die Persönlichkeit an, ob ein Politiker die Menschen überzeugt oder nicht“, sagt die frühere CSU-Landesgruppenchefin im Bundestag. Sie hat nach drei Jahrzehnten in der Spitzenpolitik ihre Karriere mit 67 Jahren aus freien Stücken beendet. „Ich wollte aufhören, solange das noch ein paar Leute bedauern“, sagt sie mit einem Augenzwinkern. Manche Dinge seien ihr gegen Ende ihrer Zeit als Politikerin sogar leichter gefallen. „Man wird gelassener und lernt sich selber besser kennen und seine Kräfte einzuteilen“, sagt Hasselfeldt, die heute Präsidentin des Deutschen Roten Kreuzes ist. Vielleicht ist genau das eines der Erfolgsheimnisse des ältesten deutschen Ministerpräsidenten.

Winfried Kretschmann ist 71 Jahre alt und braucht vielleicht mehr Verschnaufpausen als seine jüngeren Kollegen. Doch Baden-Württembergs grüner Landesvater ist derart populär, dass seine Partei ihn im kommenden Jahr für eine weitere Amtszeit ins Rennen schickt. Konrad Adenauer war schließlich auch schon 73, bevor er als erster Bundeskanzler eine Ära prägte. Und Helmut Schmidt hätte wahrscheinlich mit 90 noch mehr Stimmen bekommen als sämtliche seiner Nachfolger in der SPD.

Mit Erfahrung alleine ist das allerdings nicht zu erklären. „Es gibt auch Leute, die haben viel Erfahrung und ziehen daraus die falschen Schlüsse“, räumt Baum ein. Wichtig seien da ehrliche und kritische Berater. „Donald Trump zum Beispiel hat Erfahrung, allerdings nicht in der Politik. Er führt die USA wie ein Unternehmer und duldet keine anderen Meinungen. Ein Politiker, der beratungsresistent ist, scheitert in der Regel – egal, wie alt er ist“, sagt Baum.

Der US-Präsident muss jedes Jahr zum Gesundheitscheck

Und was ist mit der körperlichen Leistungsfähigkeit, was ist mit dem Stress, dem Druck? „Die größte Belastung für einen Politiker ist es, in unvorhergesehenen Stresssituationen das Richtige tun zu müssen. Das können sie nicht üben“, sagt Baum. Ob man dazu auch im hohen Alter in der Lage ist, könne man selbst oft gar nicht wirklich einschätzen. „Denn das subjektive Zutrauen ist etwas anderes als das objektive Können“, sagt Baum. In den USA muss der Präsident deshalb jedes Jahr einen ausführlichen Gesundheitscheck absolvieren. Allerdings kam es dabei auch schon zu kuriosen Szenen. Beispielsweise, als der zuständige Arzt Trump vor zwei Jahren auffallend euphorisch „unglaublich gute Gene“ bescheinigte, worauf ihm der Präsident umgehend einen Ministerposten anbot. Bis heute halten sich auch Gerüchte, Trump habe sich ein paar Zentimeter größer geschummelt, um das Verhältnis zwischen Gewicht und Körpergröße zu manipulieren, und damit der nicht gerade schmeichelhaften Diagnose „Fettleibigkeit“ zu entgehen.

Dass die Amerikaner einen Präsidenten wählen, ohne zu wissen, ob er den Aufgaben überhaupt gewachsen ist, glaubt Baum trotz allem nicht. „Ein Politiker, der sich in die Arena begibt, wird genau beobachtet. Keine Schwäche bleibt verborgen und am Ende können die Wähler ja entscheiden, ob sie jemandem ein Amt noch zutrauen oder nicht.“

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