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  3. USA: Eine Trauerfeier wird zum Tribunal

USA
03.09.2018

Eine Trauerfeier wird zum Tribunal

Ehepaar Michelle und Barack Obama, Ex-Präsident George W. Bush: „Wir hatten nie Zweifel, dass wir in derselben Mannschaft spielen.“
Foto: Saul Loeb, afp

Der Abschied von John McCain gerät zu einer überparteilichen Abrechnung mit Donald Trump

Nach einer halben Stunde hielt es Donald Trump vor dem Fernsehen im Weißen Haus nicht mehr aus. Meghan McCain hatte bei der Trauerfeier für ihren Vater in der nur fünf Kilometer entfernten Nationalen Kathedrale unter spontanem Beifall der mehr als 3000 geladenen Gäste gerade ausgerufen: „Das Amerika John McCains hat es nicht nötig, wieder groß gemacht zu werden, weil Amerika immer groß war.“ Da setzte der amtierende US-Präsident seine weiße „Make-America-Great-Again“-Kappe auf und ließ die Fahrzeugkolonne rufen.

Den ganzen Samstagvormittag schon hatte Trump versucht, von dem Ereignis des Tages abzulenken, bei dem seine Anwesenheit nicht erwünscht war. Wild wetterte er bei Twitter gegen seine politischen Gegner, die Medien, die Russland-Untersuchung und Kanada, das sich von ihm bei den Freihandels-Gesprächen nicht erpressen ließ. Doch es half nichts: Seit zehn Uhr morgens gab es auf allen maßgeblichen Fernsehkanälen der USA nur ein Thema: den Abschied des hoch angesehenen Senators und Kriegshelden John McCain. Selbst Trumps Haussender Fox übertrug die zweieinhalbstündige Zeremonie in voller Länge. Das war offensichtlich zu viel für den Präsidenten: Er stieg in die Limousine und fuhr zu seinem Golfplatz in Virginia. Während die amerikanische Nation kollektiv um ihren letzten großen Helden trauerte, schlug ihr oberster Repräsentant kleine Bälle über den Rasen.

Der Kontrast hätte schärfer nicht sein können: In der Kathedrale waren drei ehemalige Präsidenten und die gesamte Spitze der etablierten amerikanischen Politik, des Militärs und der Gesellschaft versammelt. Während Trump auf Twitter polterte, wurde dort parteiübergreifend für Anstand und Kompromiss geworben. „Es war wie ein Treffen des Washingtoner politischen Untergrunds“, urteilte die New York Times, und die Washington Post sprach in ihrer Titelzeile treffend von einem melancholischen „Abgesang auf alles, was verloren ist“.

Obwohl Trumps Name kein einziges Mal erwähnt wurde, schwang er in allen Nachrufen mit. Jeder Redner distanzierte sich mit kaum versteckten Botschaften vom amtierenden Präsidenten. McCains Tochter Meghan kritisierte „die billige Rhetorik von Männern, die den Opfern, die er so bereitwillig gab, nie nahekommen konnten“. Der an einem Gehirntumor im Alter von 81 Jahren verstorbene Senator war in nordvietnamesischer Kriegsgefangenschaft gefoltert worden. Trump, der sich vor dem Militärdienst drückte, hatte ihn dafür verspottet. McCain habe „Machtmissbrauch verachtet“, sagte Ex-Präsident George W. Bush: „Er konnte Eiferer und angeberische Despoten nicht ausstehen“ – auch dies eine direkte Referenz an den derzeitigen Amtsinhaber. Der demokratische Ex-Präsident Barack Obama verschwieg weder die politischen Differenzen, die er mit McCain hatte, noch dessen gefürchtete Temperamentsausbrüche. Doch der Republikaner, der im vergangenen Sommer mit seinem „Nein“ Trumps Gesundheitsreform zu Fall brachte, sei immer für Recht und Pressefreiheit eingetreten: „Wir hatten nie Zweifel, dass wir in derselben Mannschaft spielen.“

Obama lobte, dass McCain für Überzeugungen und Werte gestanden habe: „Oft kann unsere Politik klein und engstirnig und niederträchtig wirken, sie kann mit Schwulst und Beleidigungen, mit verrückten Debatten und gespielter Empörung auftreten. Diese Politik gibt vor, mutig zu sein, doch tatsächlich ist sie aus Angst geboren. John hat uns aufgefordert, größer als das zu sein.“

Tatsächlich ging es in den meisten Reden nicht nur um die Person McCains. Die Trauerfeier war vielmehr ein Hochamt auf die idealisierten amerikanischen Werte der Demokratie, des nationalen Zusammenhalts und des Patriotismus. So eindrucksvoll die überparteiliche Demonstration für das bessere Amerika war – das „größte Treffen des Widerstands“ gegen Donald Trump, wie das Magazin New Yorker schon frohlockte, hat Washington am Wochenende nicht erlebt: Zu viele Republikaner, die in der Kathedrale ihre Tränen verdrückten, sind im wirklichen Leben längst zu Komplizen des Präsidenten geworden.

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