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Moskau

28.02.2015

Vier Schüsse auf Boris Nemzow: Wer ermordete den Putin-Kritiker?

Boris Nemzow war Freitagnacht im Zentrum Moskaus auf offener Straße erschossen worden.
Bild: Maxim Shipenkov/Archiv (dpa)

Boris Nemzow ist tot. Der bekannte russische Oppositionspolitiker und Putin-Kritiker wurde in Moskau auf offener Straße erschossen. Ein Auftragsmord?

Boris Nemzow war Freitagnacht im Zentrum Moskaus auf offener Straße erschossen worden. Der frühere Vize-Regierungschef sei mit einer jungen Frau über eine Brücke nahe des Kreml gelaufen, als ihm vier Kugeln in den Rücken geschossen worden seien, sagte eine Sprecherin des Innenministeriums dem Sender Rossia 24. Die Kugeln hätten ihn getötet.

Der 55-jährige Nemzow war ein prominenter Putin-Kritiker. Weil er gegen Haftstrafen für Putin-Gegner auf die Straße gegangen war, musste er vor einem Jahr selbst für mehrere Tage ins Gefängnis. Nemzow war 1997 und 1998 unter dem damaligen Präsidenten Boris Jelzin Vize-Ministerpräsident und galt als einer der Architekten der liberalen Wirtschaftsreformen. Bei der Präsidentschaftswahl 2008 schickte ihn die liberale Partei Union der rechten Kräfte ins Rennen, er legte die Kandidatur aber vor der Wahl nieder.

Präsident Wladimir Putin sprach von einem "Auftragsmord". Es habe sich um einen "brutalen Mord" und eine "große Provokation" gehandelt. Wer hinter der Tat steckt, ist derzeit noch unklar.

In einer vom Weißen Haus verbreiteten Erklärung forderte Obama die russische Führung zu einer "schnellen, unvoreingenommenen und transparenten" Aufklärung des Verbrechens auf. Obama sprach der Familie Nemzows sein Beileid aus, ebenso wie dem russischen Volk, das "einen der engagiertesten und eloquentesten Verteidiger seiner Rechte" verloren habe.

Auch der frühere Regierungschef Michail Kasjanow reagierte geschockt im kremlkritischen Radiosender Echo Moskwy: "Ich kann es nicht glauben. Was ist aus Russland geworden? Die Aggression wächst." Der Oppositionspolitiker Wladimir Ryschkow warnte vor einem "wachsenden Hass auf Andersdenkende" in der Gesellschaft. "Ich bin schockiert", sagte er. Kein Oppositioneller könne sich heute sicher fühlen in dem Land, betont er.

Bundeskanzlerin Merkel fordert Aufklärung des Mordes

Nun hat auch Bundeskanzlerin Angela Merkel reagiert und sich bestürzt geäußert. Regierungssprecher Steffen Seibert teilte am Samstag in Berlin mit, die Kanzlerin fordere Russlands Präsidenten Wladimir Putin auf, "zu gewährleisten, dass der Mord aufgeklärt und die Täter zur Rechenschaft gezogen werden". Außenminister Frank-Walter Steinmeier sagte, Nemzows Tod mache ihn "traurig und wütend". 

Merkel sei "bestürzt über die hinterhältige Ermordung" des 55-Jährigen, der als einer der schärfsten Kritiker von Kremlchef Putin galt. "Sie würdigt den Mut des ehemaligen stellvertretenden Ministerpräsidenten, der seine Kritik an der Regierungspolitik immer wieder auch öffentlich geäußert hat", erklärte Seibert.

Mord an Putin-Kritiker Boris Nemzow: Warum musste er sterben?

Knapp drei Stunden vor seiner Ermordung hatte sich Boris Nemzow ein letztes Mal mit scharfer Kritik an Russlands Präsident Wladimir Putin zu Wort gemeldet. Das Interview von Freitag mit dem Radiosender Moskauer Echo, in dem Nemzow Putins Ukraine-Politik heftig verurteilte, ist zu seinem politischen Testament geworden. 45 Minuten lang entwarf der prominente Oppositionelle darin seine Vorschläge, "um Russland zu verändern". Mehrfach schnitt er den Journalisten das Wort ab, um seine Sicht der Dinge ausbreiten zu können - als hätte er geahnt, dass seine Zeit abläuft.

Anlass für das Interview war der Anti-Krisen-Marsch, zu dem der 55-jährige frühere Vize-Regierungschef zusammen mit oppositionellen Weggefährten für Sonntag aufgerufen hatte. "Dieser Marsch fordert den sofortigen Stopp des Krieges mit der Ukraine, er fordert, dass Putin seine Aggression einstellt", sagte Nemzow in das Mikrofon des Radiosenders.

Putins Vorgehen im Konflikt mit dem Nachbarland sei auch für die schwere Wirtschaftskrise in Russland verantwortlich. "Die Sanktionen, dann die Kapitalflucht: all dass wegen Putins unsinniger Aggression gegen die Ukraine."  In dem Interview wiederholte Nemzow auch den Vorwurf, Moskau unterstütze die prorussischen Separatisten in der Ostukraine mit eigenen Truppen, was der Kreml stets zurückgewiesen hat.

Boris Nemzow übte vor der Ermordung scharfe Kritik am Kreml

Eine Journalistin erwähnte auch die Krim und sagte, dass eine Mehrheit der Bewohner gewollt habe, dass die Schwarzmeer-Halbinsel in die russische Föderation eintrete. "Die Bevölkerung wollte in Russland leben, zugegeben", erwiderte Nemzow. "Aber die Frage ist eine andere: Man darf sich nicht nach dem Willen richten, sondern nach dem Gesetz. Und man muss die internationale Gemeinschaft respektieren."

Korrupte Politiker vor Gericht stellen, das Militärbudget halbieren, das Bildungsbudget aufstocken: Der einstige Gouverneur und Architekt der liberalen Wirtschaftsreformen der 90er Jahre machte in dem Interview zahlreiche Vorschläge, um Russland zu modernisieren.

Zugleich zeigte er sich wenig optimistisch, dass er Gehör finden würde: "Die Opposition hat zur Zeit nicht viel Einfluss auf die Russen." Auch dagegen hatte er indes ein Rezept parat. Ihren Wortführern müsse jede Woche in einem der Hauptfernsehsender eine Stunde Zeit eingeräumt werden. "Denn wenn man die Macht in den Händen eines einzigen Menschen konzentriert, dann kann das nur zur Katastrophe führen - zu einer totalen Katastrophe."

Durch das Attentat auf Nemzow hat das Lager derjenigen, die ihre Stimme noch gegen Putin erheben, einen ihrer wichtigsten Vertreter verloren. Der Anti-Krisen-Protestmarsch, der am Sonntag durch einen Moskauer Vorort ziehen sollte, wurde als Reaktion auf die tödlichen Schüsse abgesagt. Statt dessen sollen die Moskauer nun am 1. Mai zu einem Gedenkmarsch für Boris Nemzow ins Stadtzentrum kommen. afp/dpa, AZ

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