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23.10.2018

Völlig von der Rolex

Sawsan Chebli ist seit zwei Jahren Staatssekretärin in Berlin.
Foto: dpa

Hintergrund Tagelang erregte die SPD-Politikerin Sawsan Chebli mit einer teuren Uhr die Gemüter im Netz. Wer ist diese Frau?

Berlin Als Sawsan Chebli vor zwei Jahren ihren Posten als Vizesprecherin im Außenamt aufgab, um als Staatssekretärin in den rot-rot-grünen Berliner Senat zu wechseln, kannten sie selbst in der Hauptstadt nur wenige. Heute ist die 40-jährige SPD-Politikerin palästinensischer Herkunft und bekennende Muslima wohl die bundesweit bekannteste Vertreterin der Berliner Landespolitik. Das liegt allerdings weniger an ihrer Arbeit, sondern in erster Linie an ihren als privat deklarierten und vom Berliner Senat durchaus kritisch beäugten Aktivitäten in sozialen Netzwerken.

Dort provoziert und polarisiert sie gerne. So warf Chebli einem Ex-Botschafter Sexismus vor, der sie bei einem missglückten Kompliment „jung“ und „schön“ nannte. Nach den ausländerfeindlichen Demos in Chemnitz twitterte sie mit Blick auf die demokratische, oft schweigende Mehrheit: „Wir sind zu wenig radikal.“ Das sei kein Gewaltaufruf gewesen, stellte sie später klar. Nun steht sie auf ganz andere Weise im Fokus. Nachdem jemand ein (im Übrigen vier Jahre altes) Foto aus ihrer Zeit im Außenamt veröffentlicht hat, auf dem sie eine Rolex am Arm trägt, muss sie plötzlich für die Frage herhalten, ob Linke ihren Reichtum zeigen dürfen.

„Alles, was man zum Zustand der deutschen Sozialdemokratie 2018 wissen muss“, kommentierte der User mit Blick auf die jüngsten Wahlniederlagen der Partei – und recherchierte, dass das Modell 7300 Euro kostet. Dürfen „Sozis“ Rolex tragen? Nicht nur das Magazin Stern fachte diese Debatte an. Seitdem hyperventiliert das „Netz“.

Die einen greifen Chebli an, die anderen verteidigen sie: Welche Uhr man trage, sei schließlich Privatsache. „Man muss nicht arm sein, um gegen Armut zu sein“, sprang Christian Lindner Chebli bei. Der FDP-Chef spricht auch selbst gerne über seine Spritztouren im Porsche am Wochenende.

Chebli verdient rund 9400 Euro brutto im Monat, hat sich die teure Uhr also erarbeitet. Warum wurde #Uhrengate dann überhaupt zum Aufreger? Die Neiddebatte um die SPD-Politikerin weckt jedenfalls Erinnerungen an andere Sozialdemokraten mit Hang zum Edlen. Altkanzler Gerhard Schröder etwa trug gern Maßanzüge und paffte teure Zigarren. Und Ex-Finanzminister Peer Steinbrück offenbarte einmal, er würde keinen Pinot Grigio für nur fünf Euro kaufen.

Chebli selbst hat sich mit einer klaren Ansage zur Wehr gesetzt: „Wer von Euch Hatern (Hassern) hat mit 12 Geschwistern in 2 Zimmern gewohnt, auf dem Boden geschlafen&gegessen, am Wochenende Holz gehackt, weil Kohle zu teuer war? Wer musste Monate für Holzbuntstifte warten? Mir sagt keiner, was Armut ist“, twitterte sie. Die Reaktion zeigt, dass Kritik – und sei sie noch so abstrus – an ihr nicht einfach abperlt. Denn Chebli ist nicht nur die harte Politikerin, die gegen Antisemitismus mobil macht und einräumt, dass es unter Muslimen in Deutschland ein Problem mit Judenhass gibt. Sie ist auch ein verletzlicher Mensch, der selbst gewaltigem Hass und rassistischen Anfeindungen ausgesetzt ist.

Wegen der vielen Hetz-Nachrichten hat Chebli ihren Facebook-Account deaktiviert. (dpa, AZ)

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