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Lipödem

11.01.2019

Vorstoß von Jens Spahn: Bezahlt die Kasse bald das Fettabsaugen?

Das Fettabsaugen ist kein Kinderspiel. Für die Patienten ist es mit tagelangen Schmerzen nach dem Eingriff verbunden.
Bild: Daniel Karmann, dpa

Drei Millionen Frauen in Deutschland leiden unter einer Fettgewebe-Erkrankung. Gesundheitsminister Spahn will ihnen helfen.

Fettabsaugen soll von der Krankenkasse bezahlt werden – wenn es nach Jens Spahn (CDU) geht. Der Bundesgesundheitsminister will künftig sogar generell selbst entscheiden, welche Behandlungskosten erstattet werden. Damit legt sich Spahn nicht nur mit der Selbstverwaltung der Ärzte, Krankenhäuser und Gesetzlichen Kassen an. Auch in der Großen Koalition sorgen seine Pläne für mächtig Ärger. Gesundheitspolitiker von CSU und SPD kritisieren Spahns Vorstoß scharf.

Wie der Bundesgesundheitsminister der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sagte, will er nicht länger auf eine Entscheidung des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) zur sogenannten „Liposuktion zur Behandlung des Lipödems“ warten. Im G-BA sitzen Vertreter von Medizin und Krankenkassen, die darüber befinden, welche Untersuchungs- und Behandlungsmethoden die Gesetzlichen Krankenkassen bezahlen müssen. „Bis zu drei Millionen Frauen leiden täglich darunter, dass die Krankenkassen ihre Therapie nach einem Gerichtsurteil nicht bezahlen“, so Spahn. Den Betroffenen solle nun „schnell und unbürokratisch“ geholfen werden.

Im Zuge der wegen des geplanten Terminservice- und Versorgungsgesetzes anstehenden Änderung des Sozialgesetzbuchs will Spahn insgesamt die Möglichkeit schaffen, den G-BA zu umgehen. Dies, so sagte ein Sprecher des Ministers am Freitag, werde nur in Ausnahmefällen geschehen. Es gehe zunächst um die schnelle Hilfe für die Betroffenen von Lipödemen – schmerzhaften Fettablagerungen, die an Armen, Beinen oder Hüften entstehen, wenn der Körper das Fett nicht richtig verteilt. Die Erkrankung gilt nicht als Folge von Übergewicht. Als Ursachen für das Lipödem, umgangssprachlich und fälschlich auch als „Reithosenfettsucht“ bezeichnet, werden unter anderem Hormonstörungen oder genetische Veranlagung vermutet.

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SPD-Ärztin warnt vor Fettabsaugen auf Kassen-Kosten

Kritik kommt von der gesundheitspolitischen Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion, der Hausärztin Sabine Dittmar: „Ich kenne die Situation der Betroffenen mit Lipödem und verstehe auch den Ärger über die teils langen Entscheidungsprozesse der Selbstverwaltung. Es wäre aber der völlig falsche Weg, künftig per Ministererlass Methoden in die Regelversorgung bringen zu wollen, für die es keine hinreichende medizinische Evidenz gibt.“ Ein Vorgehen, wie es Spahn plane, würde nicht nur Haftungsfragen, sondern auch Fragen zur Patientensicherheit aufwerfen.

Dittmar weiter: „Wir haben Organe der Selbstverwaltung, die die Wirksamkeit von Behandlungsmethoden prüfen, Schaden und Nutzen abwägen und auf dieser Grundlage entscheiden, ob etwas Kassenleistung wird oder nicht.“ Solche Entscheidungen müssten „zweifelsohne schneller getroffen werden“. Doch es könne nicht ernsthaft gewollt sein, so Dittmar, „dass künftig Parallelstrukturen in einem Regierungsapparat losgelöst von wissenschaftlichen Prozessen und medizinischen Erkenntnissen über Behandlungsmethoden entscheiden.“

Auch Unionsfraktionsvize Georg Nüßlein (CSU) ist alles andere als begeistert von den Plänen Spahns: „Wir müssen uns erst einmal anschauen, wie sich Kosmetik von medizinischer Notwendigkeit unterscheidet.“ Er warnt davor, „vorschnelle Erwartungen zu wecken, die dann nicht zu erfüllen sind“.

Patientin musste 11.000 Euro selbst bezahlen

Erst im vergangenen Jahr hatte das Bundessozialgericht in Kassel entschieden, dass das Absaugen von Fettablagerungen auch weiterhin keine Leistung der gesetzlichen Krankenkasse ist. Geklagt hatte eine Frau aus Baden-Württemberg, die an schmerzhaften Lipödemen leidet und sich aus beiden Beinen insgesamt fast 16 Liter Fett absaugen ließ. Die Kosten – samt Folgeoperationen waren es gut 11.000 Euro – wollte sie von ihrer Krankenkasse einklagen. Doch sie scheiterte in allen Instanzen. Das Bundessozialgericht berief sich in seinem Urteil auch auf den G-BA, der bereits 2017 festgestellt hatte, der Nutzen der Fettabsaugung sei „noch nicht hinreichend belegt“. Eine eigene Untersuchung des G-BA befindet sich derzeit laut einer Sprecherin noch in der Vorbereitung.

Lesen Sie hier einen Kommentar zum Thema: Fettabsaugen auf Kassen-Kosten: Spahns Vorschlag ist der falsche Weg

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13.01.2019

Das Portal für wissenschaftliche Medizin empfiehlt in seinem Leitlinien für die Behandlung des Lipödems u.a. folgendes:
-Ödemreduktion: u.a. Liposuktion
-Schmerzlinderung: u.a. Liposuktion
-Reduktion der Hämotomneigung: u.a. Liposuktion
-Reduktion des pathologisch vermehren Unterhautfettgewebes: u.a. Liposuktion
-Verhinderung/ Beseitigung mechanisch bedingter Komplikationen: u.a. Liposuktion
Quelle: https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/037-012l_S1_Lipoedem_2016-01.pdf

Für die Reduktion einer ggf. begleitenden Adipositas wird korrekter Weise die Ernährungsumstellung empfohlen.
Daneben gibt es die Kompression, MLD (Lymphdrainage) und AIK für die Behandlung des Lipödems. Nur die Liposuktion wird den Lipödem-Patienten komplett derzeit als Behandlungsmethode verweigert.
Die Leitlinien wurden übrigens von Phlebologen erstellt – die sind vermutlich etwas versierter mit dem Thema als die SPD-Hausärztin. Dass die SPD-Hausärztin nun ausgerechnet mit der „Wissenschaft“ argumentiert, ist wirklich absurd. Herr Spahn möchte den wissenschaftlichen Empfehlungen Folge leisten, welche für die Behandlung des Lipödems empfohlen wird. Erprobt ist die Methode schon lange und wird von den Phlebologen in den medizinischen Leitlinien empfohlen.

Warum verweigert nun selbst das Bundessozialgericht notwendige und sinnvolle Behandlungen für Lipödeme, die längst wissenschaftlich anerkannt und empfohlen werden? Jeder weiß, der sich mit dem Thema auskennt, dass das nur vorgeschobene Gründe sind.

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12.01.2019

Sehr geehrtes Herr Junginger,
Anstatt nur ständig Gegner von Herrn Spahns Idee zu zitieren, wäre es schön, auch die Gegenseite mal zu beleuchten.
Man nennt so etwas neutrale Berichterstattung.
Oder auch: Sorgsame Recherche.
Mögen Sie Herrn Spahn nicht?
Rührt daher Ihre tendenziöse Berichterstattung?
Sie enthalten den Lesern bewusst wesentlich Informationen zur
Krankheit und vor allem zu den Betroffenen vor.

Sprechen Sie doch mal mit Experten.
Nein, nicht die Herrschaften vom G-BA - die kennen sich ja selber
nicht aus.
Fragen Sie Lymphologen und Chirurgen.
Lassen Sie Betroffene zu Wort kommen!

Und vor allem: Frauen, die sich auf Lebzeiten verschuldet haben, um ihre OPs im Alleingang
zu finanzieren, weil ihnen aufgrund von drohender Arbeitsunfähigkeit keine andere Wahl mehr blieb.
Verrückt: Diese Frauen können alle urplötzlich wieder am Leben teilnehmen.
Ohne Schmerzen, ohne aufwendige Therapien, welche zuvor über JAHRE von der
Solidargemeinschaft getragen werden mussten und ohne OP bis ans Ende ihres Lebens
von der Soli-Gemeinschaft hätten bezahlt werden müssen.
Bis hin zum Rollstuhl. Denn der ist das Endziel bei dieser Krankheit!

Jens Spahn ist der ERSTE und einzige Politiker, der sich JE dieser Krankheit
angenommen hat.
Er hat die Dramatik der Betroffenen erkannt und verspricht, zu helfen.

Der G-BA kommt seit JAHREN nicht in die Gänge und wird es auch in den
kommenden 5 - 10 Jahren nicht.
Angeblich gibt es keine Langzeitstudien?!
Was ist denn mit allen den bereits erfolgreich operierten Frauen?!
Wieso untersucht die denn keiner?!
Weil es peinlich wäre, festzustellen, dass der G-BA einfach seit Jahren
auf dem Holzweg ist?!

Man stelle sich vor, Krebspatienten oder Alkoholiker müssten künftig
für ihre Therapie selber zahlen, weil eine Chemo nicht garantiert, dass nie
wieder etwas zurück kommt oder eine 3-monatige Therapie nicht
gewährleistet, dass es keinen Rückfall gibt.....

Warum wird NUR bei Lipödem Kranken mit derart absurden Argumenten hantiert?

Wer sich anmaßt, über diese Krankheit zu urteilen, sollte sich ALLE Hintergründe anschauen
und nicht nur die bequemen Seiten, die einem evtl sogar politisch noch in die Gesinnung passen.

Sie benötigen Adressen von Ärzten, Anwälten, Chirurgen und Betroffenen (vor allem
erfolgreich operierten Frauen)?
Melden Sie sich gerne bei mir, ich vermittle!!!
Herzliche Grüße
eine einst schwer betroffene Patientin, die vor der Arbeitsunfähigkeit
stand und seit ihren OPs endlich wieder ein völlig normales Leben
führen kann.

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11.01.2019

Ob es richtig ist, von politischer Seite aus in die Kassenleistungen der Krankenkasse einzugreifen ist fraglich. Aber es muss sich definitiv etwas ändern. Ich bin selber ziemlich schlimm betroffen mit dieser Krankheit und habe jeden Tag daran zu leiden. Zu einem die körperlichen Schmerzen jeden Tag und vor allem jeden Abend, und zum anderen die Kommentare und Blicke der Menschen die keine Ahnung von meinem Leben haben. Ich habe mich bereits im Dezember auf eigene Kosten (7500 €) das erste Mal operieren lassen und selbst eine OP brachte mir bis jetzt deutliche Linderung des Druckschmerzes und dem Schweregefühl. Ich konnte bereits einen Tag nach der OP weiter spazieren gehen als die letzten Monate und das ohne Schmerzen. Jede Betroffene wäre zu 100 % bereit an einer Studie und Befragung teilzunehmen. Es ist leicht und wissenschaftlich mehr als machbar zwischen Lipödem und reinem Fett zu unterscheiden. Es gibt typische Symptome und per Ultraschall kann man deutlich sehen, ob es veränderte oder normale Fettzellen sind. Desweitern kann man es an der Art wo die Lymphflüssigkeit sich ansammelt erkennen. Es gibt so viele OP s die übernommen werden ohne den Erfolg 100 % sagen zu können, die Lebensqualität die einem genommen wird ist nicht zurückzubringen. Es wird Zeit, dass das Stigma von dieser Krankheit genommen wird.

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Kommentar

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