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Großbritannien

12.06.2019

Wahlkampf auf der Insel: Die Schlammschlacht beginnt

Boris Johnson würde gerne Premierminister werden.
Bild: Rui Vieira/AP, dpa

Wer folgt auf Theresa May? Boris Johnson? Jeremy Hunt? Die aussichtsreichsten Kandidaten bringen sich in Stellung. Das Niveau sinkt nahezu täglich.

Es ist seit geraumer Zeit ein Leichtes für Beobachter, Westminster mit einem Kindergarten zu vergleichen, auch wenn ein britischer Kommentator kürzlich nur teils im Scherz kritisierte, dass man damit Kindergärten unrecht tue. Nach dem offiziellen Rücktritt von Theresa May als Vorsitzende der konservativen Partei am Freitag wird nun ein Nachfolger gesucht. Bis Montagabend konnten sich Kandidaten aus dem Kreis der Parlamentarier bewerben. Als formale Grundvoraussetzung galt lediglich, mindestens acht Abgeordnete als Unterstützer hinter sich zu haben.

Ab dieser Woche wird der Kreis der Kandidaten nun von der Fraktion durch Wahlen, die erste findet am Donnerstag statt, sukzessiv verkleinert. Es gibt mehrere Abstimmungsrunden, bis schließlich zwei Kandidaten übrig bleiben, die dann hinaus in den finalen Wahlkampf ziehen. Meistens wird dieser zur Schlammschlacht. In diesem Jahr dürfte der Ton noch rauer, die Angriffe noch erbarmungsloser werden. Zu zerstritten und gespalten präsentieren sich die Konservativen beim Thema EU-Austritt.

Ende Juni soll feststehen, wer in die Downing Street zieht

Vermutlich ab Ende Juni dann entscheiden rund 160.000 Parteimitglieder, vornehmlich europaskeptisch eingestellt, per Briefwahl, wen sie lieber in der Downing Street Nummer zehn sehen wollen. Da die Tories derzeit in einer Minderheitsregierung unter Duldung der nordirischen Unionistenpartei DUP regieren, übernimmt der neue Parteichef auch das Amt des Premierministers. Mit einem Ergebnis wird in der Woche ab dem 22. Juli gerechnet.

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Der Wahlkampf steht noch am Anfang, doch die vergangenen Tage ließen nichts Gutes erahnen. Die Qualität der Debatte nähert sich dem Tiefpunkt. Der frühere Londoner Bürgermeister Boris Johnson gilt als klarer Favorit. Dem Wettanbieter Smarkets zufolge stehen die Chancen bei 57 Prozent, dass er zum neuen Parteichef gekürt wird. Allerdings: In den vergangenen fünf Jahrzehnten setzte sich nur einmal der „Frontrunner“ am Ende tatsächlich durch. Wer kommt noch in Frage? Drei Kandidaten, die man sich merken sollte:

Boris Johnson meinte einmal, seine Chancen auf den Job des Premierministers stünden in etwa so gut wie jene, „als Olive wiedergeboren“ zu werden. Natürlich kokettierte er, niemand will so unbedingt in die Downing Street wie das „blonde Gift“, wie ihn eine Biografin nannte. Dafür ändert Alexander Boris de Pfeffel Johnson auch gerne seine Meinung – je nachdem, wie hilfreich welcher Standpunkt für die eigenen Karriereaussichten erscheint. Vor dem EU-Referendum entschied er erst in letzter Minute, dass er dem Brexit-Lager angehören wolle. Johnson wurde dessen Wortführer und trommelte mit einer ganz eigenen Auslegung der Wahrheit, dafür aber äußerst publikumswirksam, für den EU-Austritt.

Nach dem Sieg der Europaskeptiker wurde er vom ehemaligen Vertrauten Michael Gove Shakespeare-reif aus dem Rennen manövriert. Premierministerin Theresa May holte ihn dann als Außenminister ins Kabinett, um ihren scharfen Kritiker so an die kurze Leine zu legen. Der Versuch scheiterte kolossal. Fakten interessieren Johnson selten, genauso wenig wie Details. Trotz etlicher Pleiten, Pannen und Peinlichkeiten als Chefdiplomat verzeiht ein Teil der Briten dem Klassenclown trotzdem immer wieder.

Jeremy Hunt gilt bei vielen als Fähnchen im Wind.
Bild: afp

Großbritannien: Ein Kandidat war in mehrere Skandale verwickelt

Jeremy Hunt beerbte Johnson als Chefdiplomat im Außenministerium und steht seinem Vorgänger in nichts nach, wenn es um das berühmte Fähnchen im Wind geht. Vor dem Referendum EU-Freund, tritt er inzwischen als Brexit-Befürworter auf. Mit besonders harschen Aussagen – er verglich die EU bei seiner Parteitagsrede mit der Sowjetunion – will er die Europaskeptiker in den eigenen Reihen überzeugen. Auch sonst möchte er offenbar am erzkonservativen Rand fischen – und zum Beispiel das liberale Abtreibungsrecht verschärfen.

Vor knapp drei Jahren hätte selbst im Land der Zocker niemand auf ein Comeback von Michael Gove gewettet. Im Sommer 2016 wollte der Umweltminister schon einmal in die Downing Street, doch nach filmreifen Intrigen und perfiden Hinterhältigkeiten zog er seine Kandidatur zurück. Nun ist der Brexit-Anhänger, der eine prominente Rolle während der Referendumskampagne spielte und danach Theresa May loyal zur Seite stand, wieder da. Nur wie lange?

Michael Gove und Skandale gehören schon fast zusammen.
Bild: afp

Nach seiner Beichte, früher bei mehreren Gelegenheiten Kokain geschnupft zu haben, fallen seine Beliebtheitswerte. Trotz unzähliger Entschuldigungen dürfte es das nun endgültig für den 51-Jährigen gewesen sein.

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