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Augsburg

24.07.2019

Warum Annie H. in der Identitären Bewegung ist

Die 19-jährige Annie H. ist ein Mitglied der Identitären Bewegung Augsburg.
Bild: privat

Plus Die Identitäre Bewegung versucht, Mitglieder zu gewinnen – auch in der Region. Was macht die rechtsextremistische Gruppe so gefährlich und welche Rolle spielen Frauen?

Meine Familie, Liebe und Kekse – mehr brauch’ ich nicht. So betitelt Ingrid Weiss ihre Fotos auf Instagram. Darauf zu sehen: hübsch arrangiertes Essen. Ihr Mann. Die Tochter. Heile Welt. Aber Weiss postet auch Fotos, die sie mit folgenden Hashtags versieht: #defendeurope, #ib und #identitariangirls.

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Weiss gehört zu den aktivsten weiblichen Mitgliedern der Identitären Bewegung. Die Gruppe hat Ableger in ganz Europa, mehrere Ortsgruppen in Deutschland – und wurde vom Verfassungsschutz als rechtsextremistisch eingestuft. Dabei haben die Identitären auf den ersten Blick nichts mit bekannten Neonazi-Gruppen gemein: Es sind junge, modern wirkende Menschen, oft Studenten, denen man ihre Gesinnung zunächst nicht ansieht.

Der Verfassungsschutz begründet die Einstufung als rechtsextrem wie folgt: Die Identitäre Bewegung „zielt letztlich darauf ab, Menschen mit außereuropäischer Herkunft von demokratischer Teilhabe auszuschließen und sie in einer ihre Menschenwürde verletzenden Weise zu diskriminieren.“ Durch diese Einstufung werden die Identitären vom Verfassungsschutz noch stärker überwacht.

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Schon zuvor geriet die Gruppe mit dem Gesetz in Konflikt, auch in Augsburg: Vor kurzem fand bei zwei Identitären eine Hausdurchsuchung statt. Die Staatsanwaltschaft begründete dies mit dem Verdacht auf Volksverhetzung. Zu den Betroffenen gehört eine junge Frau, Annie H. In der rechten Szene heißt es, dass die Durchsuchung auf eine Aktion der Identitären vor einem Augsburger Asylbewerberheim zurückgeht – Anlass war die mutmaßliche Vergewaltigung einer 15-Jährigen durch junge Asylbewerber. Fotos der Aktion zeigen Annie H. mit roter Farbe beschmiert, auf dem Boden liegend, daneben ein Schild: „Opfer von Multikulti“.

Die Identitäre Bewegung wurde vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuft

Solche Aktionen sind ein Grund, weshalb die Identitäre Bewegung mehrere Jahre vom Verfassungsschutz beobachtet wurde. Außerdem haben einige Mitglieder laut Verfassungsschutz eine einschlägige Vergangenheit. „Mehrere Aktivisten der IB in Bayern waren zudem bereits früher in rechtsextremistischen Organisationen aktiv“, bestätigte auch Bayerns Innenminister Joachim Herrmann unserer Redaktion.

Außerdem berichtet der Verfassungsschutz, dass einige Identitäre „Kontakte in die rechtsextremistische Szene unterhalten“. So offenbar auch in der Ortsgruppe Augsburg, wie der Allgäuer Journalist Sebastian Lipp berichtet. Er beobachtet die rechte Szene seit mehreren Jahren und dokumentiert die Erkenntnisse auf der Website „Allgäu rechtsaußen“. Dort postete er, dass ein Augsburger Identitärer auf einem Treffen der Neonazi-Gruppe „Voice of Anger“ gesehen wurde.

Obwohl die Identitäre Bewegung Kontakte zu Neonazi-Gruppen unterhält, unterscheidet sie sich doch deutlich von diesen. „Die Identitäre Bewegung ist die jüngste rechtsextreme Gruppierung“, erklärt Prof. Dr. Esther Lehnert. Sie ist Teil des Forschungsnetzwerks „Frauen und Rechtsextremismus“ und betont: „Das Besondere, auch im Vergleich zu vorherigen rechtsextremen Gruppierungen oder Initiativen, ist die Form, weniger die Inhalte.“ Sie erklärt, dass die Identitären als Teil der neuen Rechten realisiert haben, „dass es wenig anschlussfähig ist, sich positiv und offen auf den Nationalsozialismus zu beziehen“.

Auch in Augsburg und Schwaben ist die Identitäre Bewegung aktiv

In der Vergangenheit hat die Gruppe durch Aktionen, die sich vor allem gegen den Islam und Einwanderung richteten, auf sich aufmerksam gemacht – auch in Schwaben. Hauptsächlich findet man ihre Propaganda jedoch im Internet: „Die Identitären benutzen die sozialen Medien und sind dabei sehr professionell und erfolgreich.“ Und Expertin Lehnert hat festgestellt, dass die weiblichen Mitglieder dabei eine große Rolle spielen: „Ihre Profile wirken sehr modern und stylish.“

Ein Beispiel, das Lehnert nennt, ist Melanie Schmitz, oft als „Postergirl“ der Identitären bezeichnet. Schmitz’ Instagramprofil wurde gelöscht, die Rechtsextremismus-Expertin erinnert sich aber noch: „Auf dem Profil spielte Schmitz mit Inszenierungen von Weiblichkeit – von Femme fatale bis hin zur guten Partnerin, die zu Hause auf den Mann wartet.“ Das wirkt harmlos: „Auf den ersten Blick denkt man, man ist auf einem Mode- oder Foodblog“, sagt Lehnert. „Es gibt schicke Frisuren, schöne Sprüche, Verweis auf Literatur.“ Nur, wer sich mit der Materie befasst, sieht, dass es kein üblicher Blog ist. „Man findet rechtsextreme Symbolik, aber die muss man kennen, um sie als solche zu enttarnen.“ Die Expertin erklärt: „Das ist eine Normalisierungsfunktion, die auf Jüngere ausgerichtet ist, um zu zeigen: Wir sind genauso cool, wir interessieren uns für Mode, machen Sport, wir kaufen regional.“

Letzteres vertreten aus Gründen des Umweltschutzes mittlerweile fast alle Parteien – der Hintergedanke der Identitären ist ein anderer: „Wir wollen den Erhalt der ethnokulturellen Identität im Grundgesetz verankern“, fordert die Gruppe. In einem Schreiben des bayerischen Innenministeriums heißt es: In der Ideologie der Identitären Bewegung „wird die Bedeutung von Abstammung und Identität in einer Art und Weise betont, die eine starke Nähe zum biologistischen Denken und der völkischen Ideologie von Rechtsextremisten erkennen lässt.“ Die Aussagen der Gruppe entsprächen der rechtsextremistischen „Blut und Boden“-Ideologie.

Völkisches Denken gehört zur Ideologie der Identitären Bewegung

Völkische Ideologie sei auch für das Frauenbild der Identitären relevant, betont Expertin Lehnert: „Frauen werden am Ende doch immer über ihre Biologie identifiziert und definiert. Mutterschaft spielt da nach wie vor eine zentrale Rolle.“ Auch die Identitäre Ingrid Weiss propagiert im Internet, wie sehr die Mutterrolle sie ausfülle. „Es geht darum – das sagen die Protagonistinnen der Identitären ja auch selbst – möglichst viele Kinder zu kriegen, diese möglichst mit einem rechtsextremen Partner aufzuziehen, die Idee einer Familie in Volksgemeinschaft zu leben“, erklärt Lehnert.

Im Gegensatz zu Weiss erklärten sich zwei junge Frauen der Identitären Bewegung Augsburg bereit, Fragen per E-Mail zu beantworten: Antonia-Victoria M. – und Annie H., deren Wohnung durchsucht wurde. Antonia-Victoria M. erzählt, ihr werde des Öfteren mit Skepsis begegnet, da sie das Prinzip der Karrierefrau eher moniere: „Diese Entwicklung weg vom Familiendenken und hin zur absoluten Fokussierung auf die Karriere, finde ich persönlich sehr schade, vor allem weil dieses Bild von unserer Gesellschaft nicht nur unterstützt, sondern auch beworben wird.“

Charakteristisch für die Identitäre Bewegung sind schwarz-gelbe Fahnen mit Lambda-Aufdruck.
Bild: Paul Zinke, dpa

Hinsichtlich der Rolle der Frau in der Gesellschaft sei sie zwiegespalten, erklärt M.: „Auf der einen Seite haben Frauen heutzutage mehr Rechte als vor ein paar Jahrzehnten gar denkbar“, sagt die junge Frau. „Auf der anderen Seite jedoch sehe ich, wie Feminismus immer extremistischere Züge annimmt und weniger auf eine Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern abzielt, sondern eher in eine Diskriminierung von Männern oder sogar in eine Höherstellung der Frau oder anderer Geschlechter rutscht.“

Die Identitäre Bewegung ist laut Antonia-Victoria M. eine „konservativ-rechte Jugendbewegung“. Dort seien häufig „klassische Rollenbilder“ vertreten. Denn Männer und Frauen unterschieden sich in Neigung und Temperament, schreibt Annie H. dazu: „Konkret meine ich damit zum Beispiel, dass männliche Fürsorge sich mehr in der Rolle eines Beschützers, Verteidigers und Versorgers äußert, während weibliche Fürsorge sich mehr im Sinne von Kümmern, Pflegen, Trösten, Sorge um gerechte Verteilung und Herstellung von Harmonie und Wohlbefinden ausdrückt.“

Frauen wird seltener Rechtsextremismus unterstellt

Die Eigenschaften, die H. aufzählt, werden Frauen oft zugeschrieben – und das sei gefährlich, erklärt Expertin Lehnert: „Frauen normalisieren rechtspopulistische oder rechtsextreme Inhalte, weil sie bürgerlicher oder friedlicher wirken.“ Es handle sich um das „Prinzip der doppelten Unsichtbarkeit“: der Annahme, dass Frauen unpolitischer sind und seltener menschenverachtende Einstellungen haben.

Das Bild aus dem Jahr 2016 zeigt Identitäre bei der Blockade der CDU-Bundeszentrale
Bild: Bernd von Jutrczenka, dpa

Auch die Aussagen der jungen Frauen aus Augsburg klingen meist nicht radikal: „Was die IB besonders gefährlich macht, ist, dass sie nicht das ‚klassische‘ Vokabular von Rechtsextremisten benutzt und daher auf den ersten Blick oft nicht als rechtsextremistisch eingestuft wird“, betont Innenminister Herrmann. Laut Forscherin Lehnert ist das Taktik: „Die Identitären haben erkannt, dass es Sinn ergibt, mit alten Begriffen, die neu aufgeladen werden, zu operieren. Man spricht also nicht mehr von Abschiebung, sondern von Remigration.“ Das klinge bürgerlicher, nahbarer.

Im Internet sprechen Identitäre von einer „rasenden Islamisierung“. Auch Annie H. findet, dass „feministische Aktivistinnen“ die „Islamisierung“ verharmlosen, „obwohl es gerade Frauen sind, deren Freiheiten durch eine Islamisierung eingeschränkt werden“. Ein weiterer Begriff ist der „Große Austausch“, bei dem laut den neuen Rechten die europäische Bevölkerung durch Migranten ausgetauscht werden soll. Gesteuert sei dies von „Eliten“ wie den westlichen Regierungen, so die Verschwörungstheorie.

„Das Gefährliche an der Identitären Bewegung ist, dass sie versucht, mit Jugend-affinem Auftreten und vermeintlich gemäßigter Sprache in breite Bevölkerungsschichten einzuwirken“, erklärt Sönke Meußer vom bayerischen Verfassungsschutz. Hintergrund der Aussagen sei aber immer rechtsextremistische Ideologie. Dies in Kombination mit dem „Prinzip der doppelten Unsichtbarkeit“ mache die weiblichen Mitglieder so gefährlich, betont Expertin Lehnert: „Das bedeutet, dass sie immer eher mit ihrem Rechtsextremismus durchkommen.“

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24.07.2019

>> Auch Annie H. findet, dass „feministische Aktivistinnen“ die „Islamisierung“ verharmlosen, „obwohl es gerade Frauen sind, deren Freiheiten durch eine Islamisierung eingeschränkt werden“. <<

Es ist fatal, wenn die Nennung offensichtlicher gesellschaftlicher Probleme in Ländern mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit als "rechtsradikal" eingestuft wird. Warum belässt man Afd & Co. dieses durchaus überzeugende Argument? Warum setzen wir nicht glasklar die Aussagen des Art. 3 Grundgesetz dagegen?

Wir sehen die Spaltung in der feministischen Bewegung seit den Übergriffen in Köln. Frau Schwarzer und Emma werden seither aus dem linken Spektrum vielfach als rechts denunziert.

https://www.welt.de/debatte/kommentare/article151084213/Erstaunlich-wie-Feministen-die-Realitaet-ausblenden.html

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