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Großbritannien

11.05.2015

Warum David Cameron seinem größten Rivalen einen Job anbietet

Will Londons exzentrischer Bürgermeister Boris Johnson seinen konservativen Parteifreund David Cameron (links) als Premierminister beerben?
Bild: Andy Rain, dpa

Londons Bürgermeister Boris Johnson ist der größte parteiinterne Konkurrent von Premier David Cameron. Trotzdem bietet der ihm einen Job am Kabinettstisch an. Ob die Taktik aufgeht?

Londons Bürgermeister Boris Johnson ist kein Mann für die zweite Reihe. Der unangepasste Politiker mit dem immensen Ego passt eher auf die große Bühne der Politik. Exzentrisch, ungekämmt und zum Anfassen – so präsentiert sich der Konservative gerne und wird dafür nicht selten angehimmelt wie ein Popstar, den die Menschen um Autogramme oder Selfies bitten.

In Umfragen wählen die Briten den 50-Jährigen, den alle nur „Boris“ nennen, immer wieder zum beliebtesten Politiker. Auf Twitter folgen ihm 1,26 Millionen Menschen. Sein Name fällt mittlerweile automatisch, wenn Experten mögliche Nachfolger für Premierminister David Cameron durchgehen. Gestern ist Alexander Boris de Pfeffel Johnson auf der Liste wieder ein Stückchen nach oben gerutscht.

Cameron lässt sich für Johnson eine Sonderrolle am Kabinettstisch einfallen

Bei der Parlamentswahl am Donnerstag hatte er den ersten Schritt in Richtung Parteispitze genommen. Er zog für die Tories ins Unterhaus ein. Gestern kam ein weiterer hinzu, auch wenn er gewohnt lässig mit Rucksack und Fahrradhelm in der Hand durch die Tür mit der Hausnummer zehn in Downing Street trat. Cameron ließ sich für Johnson eine Sonderrolle am Kabinettstisch einfallen, obwohl viele den Londoner Bürgermeister als Konkurrenz für den Premier betrachten. Oder gerade deshalb?

Der Londoner Bürgermeister soll künftig an Sitzungen teilnehmen, gehöre aber keinem Ressort an, ließ der Premier wissen. Einen Ministerposten erhält Johnson also erst einmal nicht. Warum? Will Cameron seinen parteiinternen Rivalen doch auf Abstand halten? Will er mit der Entscheidung vermeiden, sich den Feind ins Kabinett zu holen?

Immerhin fiel der äußerst EU-kritische Johnson wiederholt mit scharfer Kritik an Camerons Europapolitik auf. Der Premier begründete seine Entscheidung zwar damit, dass Johnson sich auf sein letztes Jahr als Bürgermeister der Hauptstadt konzentrieren solle. Doch im Hintergrund wird das Getuschel immer lauter, obwohl Cameron den Rivalen selbst ins Spiel gebracht hatte, als er kürzlich mitteilte, er schließe eine dritte Amtszeit aus und sogleich drei mögliche Nachfolger aufzählte.

Der Londoner Bürgermeister hat sich zur Marke entwickelt

Neben Johnson nannte er Innenministerin Theresa May und Finanzminister George Osborne. Die beiden Minister, die auch in der neuen Legislaturperiode ihre Posten weiterführen, seien vor Johnson dran, heißt es in Westminster hinter vorgehaltener Hand. Derweil berichten britische Medien bereits, dass Johnson nach seiner Amtszeit als Bürgermeister einen wichtigen Kabinettsposten zugewiesen bekommen könnte. Damit würde die Wahrscheinlichkeit steigen, dass Johnson, der sich in London mittlerweile regelrecht zu einer Marke entwickelt hat, bei der nächsten Wahl 2020 als Spitzenkandidat der Tories antritt.

Das bestreitet die schillernde Persönlichkeit natürlich vehement. Seine Chancen, Premier zu werden, seien so groß, wie „Elvis auf dem Mars zu finden“, sagte er einmal. Oder dass er eher als Olive wiedergeboren oder von einer Frisbee-Scheibe geköpft werde. Es sind typische Boris-Sprüche, und nicht immer sitzen sie. Doch das alles scheint an ihm abzuprallen wie Wattestäbchen an einer eisernen Rüstung.

Der ehemalige Journalist, der bei der Times als Reporter gefeuert wurde, weil er ein Zitat eines Professors erfand, überspielt sachliche Schwächen gerne mit Wortwitz und einem großen Auftritt. Er sagt, was er denkt, und sorgt damit für einen unterhaltenden Farbtupfer in der bisweilen grauen Welt der Politik mit ihrem austauschbaren Personal.

Dass seine Beliebtheit auch aus seiner Darstellung als Gegenentwurf des Establishments rührt, verdankt er dabei vor allem seinem lockeren Auftreten. So warb er beispielsweise bei seinem ersten Wahlkampf für die Tories vor einigen Jahren mit dem Spruch: „Wenn Sie die Konservativen wählen, bekommt Ihre Frau größere Brüste.“

Er zog ins Parlament ein und stolperte kurz darauf über Skandale wieder aus Westminster hinaus. Seine Entertainment-Qualitäten täuschen leicht darüber hinweg, dass der in Amerika geborene Altertumswissenschaftler ein durch und durch Konservativer ist, der genauso die Elite-Kaderschmiede durchlief wie sein Parteikollege Cameron. Erst Internat in Eton, dann Studium in Oxford. Seinen Glanz erhielt er erst ab 2008 in der Rolle als Londons Bürgermeister. Nun gaben ihm die Wähler erneut eine Chance im Unterhaus. Die vom Ehrgeiz getriebene „blonde Gefahr“, wie ihn Medien schon genannt haben, wird dieses Mal ganz genau überlegen, wo er sich einschaltet. Dass er es tut, gilt aber nur als eine Frage der Zeit. Boris Johnson will in die erste Reihe.

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