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Charlie Hebdo

09.01.2016

Warum der Terror nicht das letzte Wort haben darf

Daniel (links) und Emmanuel Leconte drehten den Dokumentarfilm „Je suis Charlie“, den sie im Augsburger Thalia-Kino vorstellten.
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Daniel (links) und Emmanuel Leconte drehten den Dokumentarfilm „Je suis Charlie“, den sie im Augsburger Thalia-Kino vorstellten.
Bild: Yoan Valat, dpa

Vor einem Jahr protestierten Millionen Franzosen in Paris gegen die Attentate auf Charlie Hebdo. Zwei Männer ehren in einem Dokumentarfilm das Vermächtnis der Opfer.

Würden die Bürger wieder millionenfach zum „Place de la République“ strömen, wenn sich Paris nicht weiter im Ausnahmezustand befände? Wie vor einem Jahr, als alle bekannten: „Je suis Charlie.“ „Ich denke ja“, sagt der französische Filmemacher Emmanuel Leconte. „Die große Kundgebung am 11. Januar 2015 war einerseits ein sehr schmerzhafter Moment der Trauer, andererseits aber auch sehr berührend, denn man merkte plötzlich, wie Menschen zusammenstehen können. Das stärkte sie.“

Zusammen mit seinem Vater Daniel Leconte hat Emmanuel schon einige Wochen nach den islamistisch motivierten Attentaten auf die Redaktion des Satire-Magazins Charlie Hebdo am 7.Januar 2015, nach der Ermordung einer Polizistin am 8. Januar und nach der tödlichen Geiselnahme in einem jüdischen Supermarkt am 9.Januar einen Dokumentarfilm begonnen. Zum Jahrestag kam er jetzt in die Kinos. Der Münchner Filmverleih „Temperclay“ startete ihn auch in vierzig deutschen Städten. Aber nur Augsburg kam gestern in den Genuss einer exklusiven Begegnung mit den beiden Regisseuren.

Charlie Hebdo: Terroristen zielten auf etwas viel Größeres

Beide wollten nicht das linke Magazin mit seinem mitunter beißenden Spott glorifizieren. Sie widmen den Film vielmehr den Opfern der Attentate. Und zwar allen. Die Terroristen zielten ihrer Ansicht nach nämlich auf etwas viel Größeres. „Wenn ein Magazin fertiggemacht wird, nur weil es Karikaturen publiziert, ist Frankreich nicht länger mein Land. Dann muss ich aufstehen für mein Land, seine Freiheit, seine Werte“, interpretiert Emmanuel Leconte die starke Resonanz der Bevölkerung. Nicht der Terror, die Angst, die Einschüchterung dürfen das letzte Wort haben.

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„Die Ermordeten sollten weiterhin zu den Menschen sprechen. Sie sind tot, aber sie haben immer noch etwas zu sagen“, betont Daniel Leconte. Ihr Humor, ihre Intelligenz und ihr Gespür für gesellschaftliche Bewegungen beeindruckten ihn.

„Unverschämte“ Mohammed-Karikaturen von Charlie Hebdo

Schon 2007 hatten Vater und Sohn im Film einen Prozess um die Klage von Islamverbänden gegen Charlie Hebdo wegen Mohammed-Karikaturen verfolgt. Das Gericht bestätigte damals zwar die Kunst- und Meinungsfreiheit, aber das liberal-kritische Magazin sei seinerzeit dennoch ziemlich verlassen dagestanden in der französischen Presse. Den letzten Anstoß für ihren zweiten Dokumentarfilm habe ein gewisser Gleichklang zwischen extremen französischen Intellektuellen und islamischen Fundamentalisten gegeben – als hätte sich Charlie Hebdo mit seiner freigeistigen Provokation der Muslime den Terrorüberfall selbst zuzuschreiben.

„Der Vorwurf des Rassismus ist ausgerechnet für dieses Magazin ganz schrecklich“, sagt Daniel Leconte. „Glauben Sie mir: Es gibt keine Zeitung, die sich mehr gegen Rassismus ausspricht als Charlie Hebdo. Vor ihr gab es in Frankreich lange keine Publikation, die sich für die Rechte von Feministinnen und Homosexuellen einsetzte.“

In Augsburg treffen die Lecontes bei einer Kino-Schulvorführung auf junge Muslime, die sich durch „unverschämte“ Mohammed-Karikaturen von Charlie Hebdo in ihrer religiösen Haltung angegriffen und beleidigt fühlen. „Mohammed darf einfach nicht gezeigt werden, schon gar nicht der Hintern des Propheten“, empört sich eine Schülerin. „Du hast recht, ich empfinde dies auch als Angriff“, bestätigt Daniel Leconte. „Aber wir haben hier eine freie Demokratie, und in ihr hat jeder das Recht, zu kritisieren, was er nicht für richtig hält. Oder glaubst du, es ist erlaubt, für eine Karikatur zu morden?“ Außerdem: Die Menschen im jüdischen Supermarkt, die Polizistin und die Besucher im Konzertsaal Bataclan, die alle durch Terroristen sterben mussten, sie haben keine Karikaturen gezeichnet.

Charlie Hebdo: 90 Prozent aller Zeichnungen mit innenpolitischen Themen

Die Lecontes haben keine Angst, öffentlich aufzutreten. „Ihr alle“, sagt Daniel zu den Schülern, „lebt in einer Welt, die sehr gefährlich geworden ist. Ihr wärt nicht der Souverän eures Lebens, wenn ihr nicht begreift, dass ihr stärker als die Feinde eurer Freiheit seid.“ Sich die Angst vom Leib zu halten, gelinge am besten durch Aufgeklärtsein. „Seid wach, seid im Bilde!“

Bei Durchsicht der Karikaturen von Charlie Hebdo der letzten fünfzehn Jahre habe sich herausgestellt, dass gerade einmal drei, vier Prozent den Islam und Mohammed betreffen. Bei 90 Prozent aller Zeichnungen gehe es um innenpolitische Themen Frankreichs, den Staatspräsidenten, die Arbeitslosigkeit, die Immigration. Mit sarkastischer Freiheit rechne das Magazin übrigens auch mit Katholiken ab.

Hat Satire seine Grenzen? „Ja. Sie werden vom Gesetz vorgegeben – immer dort, wo Hetze gegenüber Minderheiten anfängt“, sagt Emmanuel. Und das beste Heilmittel gegen Hass? „Lasst uns debattieren, am besten mit ein bisschen Humor und etwas weniger Verbissenheit.“

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