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Katholische Kirche

29.02.2020

Warum schwieg Papst Pius XII. zum Naziregime?

Der Vatikan wird am 2. März die Archive aus der Zeit von Papst Pius XII. öffnen, um ihn zu entlasten.
Bild: Cristian Gennari

Der Vatikan öffnet seine Archive zum umstrittensten Pontifikat des 20. Jahrhunderts und gibt damit Einblicke in die Zeit des Nationalsozialismus und den Holocaust.

Die katholische Kirche denkt in Jahrhunderten. Der kommende Montag wird dennoch als wichtiger Tag in ihre Geschichte eingehen. Historiker bekommen erstmals Einblick in die Archive aus der Amtszeit Pius’ XII. (1939–1958), der den Nationalsozialismus, Zweiten Weltkrieg und Holocaust auf dem Stuhl Petri miterlebte. Endlich soll Licht in die ungeklärte Frage kommen, welche Rolle Eugenio Pacelli als Papst damals spielte.

60 Wissenschaftler haben im Vatikan-Archiv Platz, das Papst Franziskus im Oktober offiziell in „Vatikanisches Apostolisches Archiv“ umbenennen ließ. Es war bis dato als „Geheimarchiv“ bekannt, was nicht gerade für Transparenz sprach. Damit nicht alle anderen Recherchen zum Erliegen kommen, genehmigte der Vatikan zunächst 30 Forschern die Einsicht in die bislang unter Verschluss gehaltenen Dokumente. Die Historiker stammen unter anderem aus den USA, aus Israel und Deutschland.

Wieso der Vatikan erst verspätet Zugang zu den Akten gewährt

Seit der Schriftsteller Rolf Hochhuth 1963 mit seinem Drama „Der Stellvertreter“ das Schweigen von Pius XII. zum Holocaust denunzierte, ist die Rolle Pacellis in Kirche und Öffentlichkeit umstritten. Möglicherweise ist auch das ein Grund, den Fundus zu öffnen: Es könnte ein differenzierteres Bild des Pontifex entstehen. „Die Kirche hat keinen Grund, die Geschichte zu fürchten“, so Archivdirektor Kardinal José Tolentino de Mendoça.

Warum schwieg Papst Pius XII. zum Naziregime?

Normalerweise gewährt der Vatikan erst 70 Jahre nach Ende eines Pontifikats Zugang zu den Akten. Im Fall Pius XII. geschieht das acht Jahre früher. Im Zentrum des Interesses stehen Pacellis Verhältnis zum Naziregime und seine Haltung zum Holocaust. Die Vorwürfe, Pius XII. habe zu wenig zur Rettung der Juden getan und seine Stimme nicht öffentlich gegen die Nazis und ihre Verbrechen erhoben, perlten im Vatikan in der Vergangenheit ab.

Der Papst habe im Stillen geholfen und eine „leise Diplomatie“ betrieben, behaupten dagegen Mitarbeiter. „Pius XII. war ein Diplomat und hatte einen sehr scheuen Charakter“, sagte der deutsche Priester Norbert Hofmann, der im Ökumene-Rat für den Dialog mit dem Judentum zuständig ist.

Eugenio Pacelli: Forscher bekommen Zugang zu tausenden Dokumenten

Als Papst Benedikt XVI. im Jahr 2009 die Seligsprechung Pius’ XII. vorantrieb, sorgte das bei jüdischen Verbänden für Empörung. Im Vatikan wuchs in der Folgezeit die Überzeugung, dass fundierte Erkenntnisse über das Pacelli-Pontifikat nötig sind. Seit Jahren bereiteten Archivmitarbeiter das Material vor und digitalisierten es teilweise: Es handelt sich um etwa 200.000 archivalische Einheiten, die teilweise wiederum bis zu 1000 Einzeldokumente enthalten.

Das Bild zeigt Papst Pius XII.
Bild: Hanno Gutmann

Zugang bekommen die Forscher – unter ihnen auch der Münsteraner Kirchenhistoriker Hubert Wolf – nicht nur zum ehemaligen Geheimarchiv, sondern auch zu anderen Beständen wie denen des Staatssekretariats, in denen die Korrespondenz mit den Vatikan-Botschaften und Nuntiaturen liegt. Dort sei von über zwei Millionen Dokumentenbündeln bereits mehr als die Hälfte digitalisiert und nach Schlagworten geordnet. „Es wird Jahre dauern“, sagte Bischof Sergio Pagano auf die Frage, wann mit ersten konkreten Ergebnissen zu rechnen sei.

Wissenschaftler hoffen auch auf weitere Antworten

Nicht nur die Kernfrage zum Grund des Schweigens Pius’ XII. ist von Interesse. Wissenschaftler erhoffen sich Antworten auch zu anderen Fragen, bei denen der Vatikan und sein Diplomatennetz eine wesentliche Rolle spielten. So könnte Licht in Pacellis Verhältnis zum faschistischen Regime in Italien und in die Rolle des Vatikans nach Kriegsende kommen. Katholische Einrichtungen halfen Nazitätern über die sogenannte „Rattenlinie“ bei der Flucht aus Europa. Pius XII. war Zeuge der sich anbahnenden europäischen Einigung, des Kalten Krieges und Gegner des erstarkenden Kommunismus in Italien.

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