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Studie

19.02.2019

Was Kinder brauchen - und was ihnen Angst macht

Gebt den Kindern das Kommando, singt Herbert Grönemeyer. Aber ganz so einfach ist das dann vielleicht doch nicht.
Bild: Adobe Stock

Wie fehlende Zuwendung durch Familie oder Lehrer der Entwicklung schadet und welche Sorge vieler Schülerinnen und Schüler die Experten besonders alarmiert.

Was brauchen Kinder, um gut aufwachsen zu können? Vor allem natürlich Zuneigung und Halt – in der Familie, von Freunden, aber auch von ihren Lehrern. Egal, ob es um die Entwicklung der Persönlichkeit geht oder um schulische Leistungen: Ohne ein gewisses Gefühl von Sicherheit tun sich Kinder schwer. Die renommierte Frankfurter Erziehungswissenschaftlerin Sabine Andresen hat in Zusammenarbeit mit der Bertelsmann Stiftung 3450 Kinder und Jugendliche zwischen 8 und 14 Jahren befragt und herausgefunden, was ihnen besondere Angst macht.

Viele Kinder fühlen sich in der Schule nicht sicher

Fangen wir mit der guten Nachricht an: Den meisten Kindern geht es nach eigenem Empfinden grundsätzlich gut. Doch die Studie, die im Schuljahr 2017/18 durchgeführt wurde, offenbart auch, was Heranwachsende – je nach Alter und Schulform – belastet. Gut fünf Prozent der Achtjährigen haben das Gefühl, dass sich niemand in der Familie wirklich um sie kümmert. Und sogar jeder zehnte 14-Jährige beantwortet diese vielleicht alles entscheidende Frage mit „nein“ oder „nur ein bisschen“. Anette Stein von der Bertelsmann Stiftung appelliert, diese Zahlen ernst zu nehmen. „Das sieht zunächst recht gut aus. Aber jedes einzelne Kind sollte doch eine Vertrauensperson haben.“ Für die Erziehungswissenschaftlerin Andresen steht fest: „Die Familie ist der Ort, wo jedes Kind ohne Ausnahme Schutz, Liebe, Fürsorge, Aufmerksamkeit erfahren sollte.“ Doch es ist nicht nur die Zuwendung im privaten Umfeld, die Heranwachsenden fehlt. Viele von ihnen fühlen sich auch in ihrer Schule nicht sicher oder machen sich finanzielle Sorgen – auch wenn es dafür nicht immer handfeste Gründe zu geben scheint.

Vor allem, wenn es um das das Vertrauen in die Lehrer geht, sieht die Studie Handlungsbedarf. Je älter die Jungen und Mädchen werden, desto weniger glauben sie: „Meine Lehrer kümmern sich um mich und helfen mir, wenn ich Probleme habe“. Gut vier von fünf achtjährigen Grundschülern stimmen dieser Aussage zu „100 Prozent“ oder „sehr“ zu. Aber bei den 14-Jährigen ist es nicht einmal mehr die Hälfte.

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Und dann gibt es ja auch noch die Angst vor körperlichen Übergriffen oder Mobbing. Das mangelnde Sicherheitsgefühl vieler Schülerinnen und Schüler ist die wohl beunruhigendste Erkenntnis der Untersuchung. Denn auf den Satz „Ich fühle mich sicher in meiner Schule“, entgegnet etwa jedes dritte Kind an einer Haupt-, Gesamt- oder Sekundarschule: „Ich stimme weniger zu.“ Das sei geradezu alarmierend, findet Bertelsmann-Expertin Stein. Man habe bislang noch nicht genau differenziert oder berechnet, welche Ängste konkret welche Rolle spielen. Die Studie wird erst im Sommer komplett veröffentlicht. Gefragt wurden die Schüler unter anderem, ob sie sich in der Schule beziehungsweise auf dem Weg dorthin sicher fühlen, ob sie selbst schon Erfahrungen mit Mobbing oder Gewalt gemacht haben. Viele Antworten zeigen, dass es hier Handlungsbedarf gibt. „Das Sicherheitsgefühl ist ein zentraler Bestandteil ihres Wohlbefindens“, betont Andresen. „Kinder und Jugendliche verbringen immer mehr Zeit in der Schule.“ Umso wichtiger sei es, die erforderlichen Rahmenbedingungen zu schaffen.

Die Wissenschaftlerin ist überzeugt, dass die Teilnehmer der Studie, die einzeln und in Gruppendiskussionen befragt wurden, ihre eigene Situation am besten einschätzen können. „Kinder und Jugendliche sind in der Lage, sehr differenziert auf unterschiedliche Lebensbereiche einzugehen. Es ist entscheidend, dass ihre Stimmen auf politischer Ebene gehört und ernst genommen werden“, sagte Andresen.

Sorgen um die finanzielle Situation beschäftigt viele

Eine wichtige Rolle spielt bei den Entwicklungschancen auch das Geld. Die Analyse hat ergeben, dass längst nicht alle Familien genug Spielraum haben. Kindern aus einkommensarmen Familien sei ein „durchschnittliches“ Aufwachsen oft verwehrt. In der Befragung sieht sich ein großer Teil zwar materiell recht gut versorgt. So sagen zwischen 92,5 und 98,4 Prozent, dass sie genug Geld für Klassenfahrten besitzen, etwas Schönes zum Anziehen, ein Fahrrad, Roller oder Inliner haben und auch alles Nötige für die Schule. Allerdings: Über ein eigenes Zimmer verfügen nur 84 Prozent, Familienurlaub konnten im Jahr zuvor lediglich 88 Prozent machen und ihre finanziellen Absicherung sehen viele mit Sorge. Gut jedes zweite Kind macht sich „gelegentlich“, „häufig“ oder sogar „immer“ Sorgen um die Finanzlage der eigenen Familie. Diese Sorgen sollte auch die Politik unbedingt ernst nehmen, fordert Andresen. Denn: Kinder brauchten eine solide Finanzausstattung, um ihre Möglichkeiten auszuschöpfen und ihre Begabungen zu entfalten. (dpa/msti)

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