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Edenbergen

28.09.2015

Was die Menschen im Autobahndorf zur neuen A8 sagen

Der Rastplatz Edenbergen an der Autobahn 8 nahe Augsburg in der Abenddämmerung. Auto- und Brummifahrern ist er ein Begriff, anders als das gleichnamige Dorf im Landkreis Augsburg nördlich der A8.
Bild: Marcus Merk

Eine Raststätte hat das kleine Edenbergen bekannt gemacht. Beim Ausbau der A8 haben sie in den vergangenen vier Jahren viel gelitten. Was die Einwohner zur A8-Eröffnung sagen.

Ein regnerischer Tag neigt sich dem Abend zu. Wenn man die A8 an der Ausfahrt Neusäß verlässt und über Batzenhofen ins benachbarte Edenbergen fährt, sieht rechter Hand die Autobahn aus wie eine Mischung aus römischem Limes und Berliner Mauer. Die früher offene Schnellstraße ohne Pannenstreifen ist nun mächtig breit und tief zwischen zwei Wällen eingebettet. Von einer Anhöhe aus betrachtet flimmert die Fahrbahn in der Dämmerung wie ein kilometerlanges Lichtband, das durch die hügelige Landschaft mäandriert. Das Bild hat fast etwas Surreales.

Gleich daneben: das gut 300 Seelen zählende Dorf Edenbergen, das zur Stadt Gersthofen gehört. Edenbergen, das klingt wie: kleines Paradies auf einem Hügel liegend. Der Ort hätte normalerweise einen Bekanntheitsgrad, der nicht weit über seine Flurgrenzen hinausreicht. Weil es hier aber eine Autobahnraststätte gibt, ist er in Bayern bekannt – ähnlich wie Irschenberg, Fürholzen oder Vaterstetten.

Bewohner von Edenbergen haben sich an Lärm gewöhnt

Schuo – schuo – schuo. Zischende Geräusche liegen in der Luft. „Heute hört man die Autobahn besonders gut“, findet Andreas Roser, der gerade den Rasen um sein neues Haus herum ansät. Daran, sagt er, habe er sich längst gewöhnt. Richtig laut aber sei es gewesen, als in den vergangenen Jahren bis zu 100 Lkw am Tag bei ihm vorbeibretterten. „Gott sei Dank ist das zu Ende.“

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Wer in Edenbergen wohnt oder dorthin zieht, weiß, dass Verkehrslärm zum Leben dazugehört wie Sonne und Regen. Roser nimmt es leicht. Im Dorf sei der Lärmpegel sowieso nicht dramatisch, oben am Waldrand würden sich die Schallwellen erheblich höher aufschaukeln. „Da fühlt es sich an, als würde man direkt auf der Autobahn stehen.“ Ob er Schlafprobleme habe? „Nein, überhaupt nicht“, sagt Roser.“

Langsam wälzt sich der Feierabendverkehr über die kurz vor der Fertigstellung noch auf zwei Spuren beschränkte Strecke. Etwa 52000 Autos rauschen täglich hier vorbei. Tendenz steigend. Das ist aber nichts gegen den Raum Stuttgart, wo es 150000 sind.

Die A8 ist eine der wichtigsten Verkehrsachsen in Süddeutschland und Teil des transeuropäischen Netzes. Mit ihren insgesamt 505 Kilometern führt sie von Perl an der luxemburgischen Grenze über Karlsruhe, Stuttgart, Ulm, Augsburg und München bis nach Salzburg. Sie gehört zu den ältesten Autobahnen hierzulande. Den ersten Spatenstich setzte am 21. März 1934 auf der Strecke München–Salzburg in Unterhaching Adolf Hitler.

Staufalle A8

Längst zählt die Autobahn zu den meistbefahrenen Straßen im ganzen Land, leider auch zu den stau-anfälligsten. Ob im Badischen, am Albaufstieg oder ab dem Inntaldreieck bei Rosenheim bis zur Landesgrenze: Es gibt noch viele Flaschenhälse. Der Abschnitt zwischen München und Salzburg beispielsweise nimmt die Hauptlast des Verkehrs nach Österreich und Italien auf. Dort gibt es bislang kaum Lärmschutz, keine angemessene Entwässerung und keinen Standstreifen. Fast jeder deutsche Autofahrer stand hier schon einmal in der Schlange.

Der zu oft stockende Verkehr war auch der Grund, warum die Autobahn – erst zwischen Augsburg und München und jetzt zwischen Augsburg und Ulm – in den vergangenen etwa zehn Jahren sechsspurig mit Pannenstreifen ausgebaut wurde. Kosten: rund eine Milliarde Euro.

Woran sich die meisten nicht mehr erinnern, ist das unendliche politische Gezerre um den Ausbau. Über Jahrzehnte hinweg wurde gestritten. Der früher so mächtige Augsburger Baulöwe Ignaz Walter forderte schon in den 90er Jahren eine privat finanzierte Autobahn, weil aufgrund der Wiedervereinigung und des Aufbaus der ostdeutschen Infrastruktur nie genug Geld in der Kasse des Bundesverkehrsministeriums war. Auch der ehemalige Bauminister Eduard Oswald (CSU) und die schwäbische Industrie- und Handelskammer zählten zu den Lobbyisten der A8-Erweiterung.

Interessanterweise war es dann mit Kurt Bodewig ein SPD-Verkehrsminister, der sich mit Unterstützung der CSU dazu entschloss, private Betreiber mit ins Boot dieses Riesenprojekts zu nehmen. Es war die einzige bedeutende Entscheidung seiner politischen Laufbahn. Aber die bleibt ihm. Na ja, Geschichten von gestern.

In Edenbergen holen die Landwirte Johann Miller junior und senior mit dem Traktor für ihre 40 Milchkühe Futtermais aus dem Fahrsilo. Der 66-jährige Vater schüttelt den Kopf und lacht etwas bitter, wenn man ihn auf das Thema Autobahn anspricht. Nicht nur, dass er Grund abgeben musste, er kann sich auch über den Flächenverbrauch nur wundern: „Das ist schon Wahnsinn! Die haben riesige Brücken errichtet, wo es gar keine braucht, alles überdimensioniert. Aber Geld spielte offenbar keine Rolle.“ Die private Betreibergesellschaft Pansuevia hält dem entgegen, die Autobahn müsse ja mindestens 30 Jahre halten und auch späteren Anforderungen in diesem relativ langen Zeitraum genügen.

Der Hof der Millers steht im zu Edenbergen gehörenden Weiler Gailenbach, wo es auch ein Schloss aus dem 16. Jahrhundert mit heute leer stehendem Gutshof gibt. Direkt gegenüber leben die Millers auf der Anhöhe. Bis zur Autobahn sind es nur einige hundert Meter.

"Man sieht nichts mehr von der Landschaft"

Miller, der früher, als der Ort noch selbstständig war, im Gemeinderat saß, bedauert die Einhausung der Autobahn ebenso wie sein Sohn. „Man sieht ja gar nix mehr von der Landschaft.“ Auch der Blick in den Nachbarort Täfertingen ist durch die hohen Erdwälle unterbrochen. Dann fällt den beiden noch die Geschichte von dem Hund ein, der auf die Autobahn geraten war und wegen der Umzäunung nicht mehr herausfand. Dies führte zu einer Totalsperrung. „Der Hund hat es überlebt“, erzählt Miller und grinst. Mit einem Leckerli sei er von der Straße gelockt worden.

Wer das große Ganze im Blick hat, lässt sich von Einwänden, wie die Millers sie vorbringen, nicht aufhalten. „Schwaben ist eine Wirtschaftsregion mit weit überdurchschnittlicher industrieller Produktion, eine von 18 bundesdeutschen Top-Logistik-Regionen sowie ein bedeutender touristischer Raum. Deshalb benötigen wir eine leistungsfähige Verkehrsanbindung“, predigt Peter Lintner von der Industrie- und Handelskammer seit Jahr und Tag.

Und abgesehen vom nun endlich wieder fließenden Verkehr ist der Ausbau ja auch so etwas wie eine wirtschaftliche Blutauffrischung für die Städte und Gemeinden, die entlang der Autobahn liegen. Im Grunde profitiert das ganze Land. „Lebensader“ nennen Wirtschaftsleute darum die Autobahn. Fast klingt es wie ein Kosewort. Kein Wunder: Im ersten Ausbau-Abschnitt zwischen München und Augsburg ließ sich in den vergangenen fünf Jahren wunderbar beobachten, wie sich unterschiedlichste Unternehmen am Rande der Strecke ansiedelten.

Trotzdem gibt es auch heute, oder gerade heute, gegen derartige Großprojekte starke Widerstände. Stichwort: hoher Flächenverbrauch. Zurzeit insbesondere am südlichsten Zipfel der A8, im relativ engen Inntal. Geplant sind dort drei Fahrstreifen und ein Standstreifen je Fahrtrichtung. Dagegen laufen die Bürger Sturm, vor allem in Gemeinden wie Frasdorf, wo die Autobahn schon jetzt das Dorf durchschneidet. Bürgerinitiativen versuchen, das Unvermeidliche noch irgendwie zu verhindern. „Lassen Sie nicht zu, dass unsere Heimat zerstört wird“, fordern sie. Über 100 Bürger sind auch schon bei einer Lichterdemo durch Rohrdorf gegangen. Entschieden ist bisher noch nichts.

In Schwaben war der Widerstand geringer

Im Schwäbischen war der Widerstand weit geringer. Das heißt aber nicht, dass auch nach Fertigstellung der A8, die Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) heute freigeben wird, nicht noch Prozesse laufen. Angelika Wagner trägt zum Beispiel ein Scharmützel mit der privaten Betreibergesellschaft vor Gericht aus. Niemand lebt näher an der Autobahn als sie und ihr Mann. Die beiden haben vor einigen Jahren die Gailenbacher Mühle gekauft und liebevoll saniert. Die Schmutter fließt unter dem Hauptgebäude hindurch, eine kleine Turbine liefert ökologisch Strom.

Im Grunde wäre das hier ein romantisches Fleckchen Erde – könnte man nicht fast auf die Schnellstraße hinüberspucken, so nah ist sie. Der Krach der Fahrzeugkolonnen ist seltsamerweise halbwegs erträglich. „Wir hätten sogar auf den teuren Lärmschutzwall verzichten können“, sagt Angelika Wagner. Der habe nämlich gar nichts gebracht: „Vorher war es auch nicht lauter.“ Ihr Schlafzimmer hat sie zum Hof hin. Sie sagt wie viele andere in Edenbergen auch: „Wir können mit dem Verkehr gut leben.

Wenn es um die Enteignung ihres Grunds wegen der Autobahn-Erweiterung geht, lässt sie jedoch nicht mit sich spaßen: „Ich bin eine wehrhafte Bürgerin.“ 400 bis 500 Quadratmeter des Anwesens sollen abgezwackt werden. Dort sollten ursprünglich baumdicke Kabelstränge verlegt werden, die an der Straße entlanglaufen. Das jedoch sieht die Wirtschaftsprüferin und Steuerberaterin nicht ein, und ihre Begründung klingt durchaus schlüssig. Der private Betreiber verdiene neben der Maut auch daran mit Gebühren. Weil die Leitungen aber nicht von öffentlichem Interesse seien, dürften Grundbesitzer auch nicht einfach so enteignet werden.

Irrwitzig ist: Die Kabel verlaufen heute gar nicht über Wagners Grund, für die Autobahn wird er auch nicht mehr benötigt. Das Enteignungsverfahren läuft aber trotzdem noch. Am 8. Oktober ist wieder ein Gerichtstermin. „Wenn wir verlieren sollten, gehe ich bis zur letzten Instanz“, kündigt Angelika Wagner an. Sie glaubt, die besseren Argumente auf ihrer Seite zu haben.

Trotz dieser Querelen sind auch die Wagners froh, dass das Mammutprojekt vor ihrer Tür endlich beendet ist. Über Wochen und Monate haben in der Gailenbacher Mühle die Gläser auf dem Tisch getanzt, wenn draußen von sieben Uhr morgens bis acht Uhr abends der Beton der alten Fahrbahn zertrümmert wurde, um ihn vom noch werthaltigen Stahlgeflecht zu trennen. Mülltrennung auf der Autobahn sozusagen. „Das war unerträglich“, sagt Angelika Wagner. Dabei ist das im Grunde vorbildlich – nur eben dann kein Vergnügen, wenn man direkt daneben wohnt.

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