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Not in Ostafrika

18.05.2017

Welthungerhilfe: "2030 muss keiner mehr hungern"

Die Präsidentin der Deutschen Welthungerhilfe, Bärbel Dieckmann, im Interview.
Bild: Robert Schlesinger, dpa

In Ostafrika herrscht eine große Hungersnot, obwohl Deutschland jedes Jahr in Afrika Millionen Euro investiert. Welthunger-Hilfe Präsidentin Bärbel Dieckmann im Interview.

Frau Dieckmann, die Welthungerhilfe hat im vergangenen Jahr 264 Millionen Euro allein für den Kampf gegen Hunger eingesetzt – so viel wie nie zuvor. Wie kann es im Jahr 2017 immer noch zu einer so großen Hungersnot kommen wie derzeit in Ostafrika?

Bärbel Dieckmann: Diese Hungersnot betrifft Gebiete, in denen es immer schon Dürren gegeben hat – allerdings mit längeren Abständen, manchmal alle zehn, manchmal alle zwölf Jahre. Außerdem sind es Gegenden, in denen keine ausreichend angepasste Landwirtschaft betrieben wird. Und es sind Gebiete, in denen es ein großes Bevölkerungswachstum gegeben hat. Wir wissen seit Ende 2016, dass ein großes Problem auf uns zukommt – aber die nötigen Hilfsgelder fließen nicht.

Woran liegt das?

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Dieckmann: Es gibt zu viele Krisen auf der Welt. Im Moment in Syrien, im Südsudan und vielen anderen Ländern in Afrika. Trotzdem haben uns private Spender im vergangenen Jahr 47 Millionen Euro gegeben, da ist die Bereitschaft zum Helfen schon da. Aber es brennt einfach an allen Ecken und Enden.

Wie lässt sich der Hunger bekämpfen?

Dieckmann: Man muss an mehreren Stellen ansetzen. Für uns ist das Wichtigste, die Landwirtschaft in den Ländern langfristig so zu verändern, dass sie sich an die neuen Umweltbedingungen anpasst. Denn den Klimawandel können wir nicht mehr rückgängig machen.

Reicht das aus?

Dieckmann: Wir brauchen außerdem einen gemeinsamen Nothilfefonds, in den die einzelnen Länder regelmäßig einzahlen – und mit dem die Vereinten Nationen in Krisensituationen viel schneller reagieren können. Außerdem diskutieren wir über eine Art Ernteausfallversicherung. Denn wenn die Leute nicht nur Lebensmittel, sondern Bargeld bekommen, können sie auf dem Markt einkaufen und verhungern nicht.

Wie kann das aussehen?

Dieckmann: Die Versicherung muss man langsam aufbauen, anfangs sicherlich mit staatlichen Mitteln. Aber sie könnte ähnlich wie bei uns funktionieren. Darüber habe ich erst in den vergangenen Wochen nachgedacht, als in den Nachrichten kam, was die Frostnächte bei unseren Obstbauern angerichtet haben. Auch der deutsche Landwirt wäre von einem Ernteausfall finanziell stark betroffen, wenn es nicht staatliche Hilfen oder eben eine Ausfallversicherung gäbe.

Deutschland steckt jedes Jahr Millionen in die Entwicklungshilfe. Warum kann damit eine Hungersnot nicht verhindert werden?

Dieckmann: Das kann Entwicklungshilfe schon verhindern. Wir haben heute viele neue landwirtschaftliche Methoden zur Verfügung – wie widerstandsfähiges Saatgut oder Wasserauffangbecken, um Regenfälle zu sammeln. Aber man wird auch darüber nachdenken müssen, ob es nicht Gebiete gibt, die auf Dauer für landwirtschaftlichen Anbau ungeeignet sind. Gerade in Gegenden, die immer schon Dürregebiete waren und jetzt durch den Klimawandel noch mehr betroffen sind. Da wird es schwer sein, Lösungen zu finden. Wenn man alle zwei oder drei Jahre eine Dürre hat, kann man dazwischen nicht mehr aufbauen.

Das heißt: Menschen müssen aus ihrer Heimat wegziehen?

Dieckmann: Wir versuchen, für diese Menschen alternative Möglichkeiten zu finden. Beispielsweise ein Ausbildungsangebot in einem Handwerksberuf, damit sie sich nicht mehr durch die Landwirtschaft ernähren müssen.

Seit Beginn der Flüchtlingskrise ist in der Entwicklungshilfe vor allem von Fluchtursachenbekämpfung die Rede. Ist das der richtige Weg?

Dieckmann: Wir verstehen unsere Arbeit nicht als Fluchtursachenbekämpfung. Wir wollen langfristig, dass die Menschen Hilfe zur Selbsthilfe bekommen und selbst ihr Leben gestalten können. Die Wahrheit ist trotzdem auch: Wenn uns das gelingt, fällt damit eine Fluchtursache weg. Ich empfinde die heutige Diskussion über Fluchtursachen nicht als ganz falsch. Ich erlebe sehr viele Menschen, die zum ersten Mal die Erkenntnis haben, dass es eine Welt auf Dauer nicht aushalten kann, wenn die einen ganz arm sind und die anderen reich. Menschen werden nicht in einer Region bleiben, wenn sie für sich und ihre Familie dort keine Lebenschance mehr sehen. Viele Menschen in Deutschland erkennen inzwischen, dass wir Dinge verändern müssen. Dass wir Klimawandel verursachen. Dass ungerechte Handelsbedingungen nur uns nutzen und nicht den Afrikanern.

Könnten mit den weltweit verfügbaren Lebensmitteln eigentlich nicht alle Menschen ernährt werden?

Dieckmann: Hunger ist eine Folge von Armut. Denn selbst im ärmsten Land der Welt kann man Essen kaufen, wenn man Geld hat. Darum brauchen wir in den Entwicklungsländern auch bessere Sozialsysteme und vor allem gerechtere Steuersysteme. Denn in den meisten afrikanischen Ländern gibt es inzwischen auch eine kleine, aber sehr wohlhabende Oberschicht – aber es findet keine Umverteilung statt.

Ihr Ziel ist, den Hunger in der Welt bis 2030 zu besiegen. Ist das möglich?

Dieckmann: Eigentlich ja. Wir haben in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht, es hungern weltweit nur noch elf Prozent der Menschen. Aber es müssen noch ein paar Dinge geschehen. Wir brauchen Investitionen in die kleinbäuerliche Landwirtschaft, denn drei von vier Hungernden leben auf dem Land. Wir fordern, dass die Staaten selbst zehn Prozent ihres Haushalts in die Landwirtschaft investieren. Im Moment macht uns große Sorgen, dass Hunger ganz stark auch eine Folge von Kriegen ist. Aber Frieden zu schaffen, liegt nicht in den Händen von Nichtregierungsorganisationen. Hier ist die internationale Staatengemeinschaft gefordert, politische Lösungen zu finden.

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20.05.2017

Wie so viele weitere Artikel zur teils katastrophalen Versorgungslage Afrikas krankt auch dieses Interview daran, dass eine Vielzahl von durchaus auch wichtigen Aspekten angesprochen werden, jedoch konkrete Lösungsvorschläge weitgehend unterbleiben. Das Hauptproblem der landesweiten

W a s s e r v e r s o r g u n g für Mensch, Tier und Nahrungsmittelanbau wird - wenn es als das wichtigste überhaupt gesehen wird - nicht weiter aufgegriffen.

Man könnte einmal eingehen auf erfolgreiche zentrale Wassergewinnungs und -verteilungsprojekte wie das Great-Man-Made-Water-Project in Libyen (siehe Wikipedia), das zumindest bis zu seiner mehr oder weniger starken Zerstörung durch die dortigen Kriegsereignisse gut funktionierte, selbst wenn ein Herrscher wie Gaddafi sein Initiator war.

Natürlich müßten für das übrige Afrika andere Wasserresourcen wie z.B. gespeichertes Wasser der tropischen Regenfälle und Süßwasser aus Seen und Flüssen in den wasserreicheren Regionen des Landes genutzt werden, um das Wasser sodann über groß angelegte Pipelinesysteme in die Dürregebiete zu leiten. Dazu wären keine Rohre mit 4 Meter Durchmesser nötig wie in Libyen!

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