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Frankreich

12.04.2018

Wenn Judenhass zum Alltag wird

Soldaten mit Maschinengewehren, das ist vor jüdischen Schulen in Frankreich ein ganz normaler Anblick. Aus Sicherheitsgründen hat die Fotoagentur die Gesichter unkenntlich gemacht.
Bild: BORIS HORVAT, afp

Der Mord an einer 85-Jährigen hat in Frankreich Bestürzung ausgelöst. Nirgendwo in Europa scheint der Hass gegen Juden so groß zu sein. Viele leben in Angst.

Ob sie sich hier sicher fühlt? Als Jüdin? In Frankreich? Die Frau, die vor einer jüdischen Grundschule im großbürgerlichen Pariser Vorort Vincennes auf ihren Sohn wartet, überlegt einen Moment. „Es ist ein ganz ungutes Gefühl“, sagt sie dann. Bedroht wurde ihre Familie zwar noch nie. „Aber man muss damit rechnen. Jeden Tag.“ Bald wird ihr Sohn mit seinen Kameraden auf die Straße laufen, die Kippa auf dem Kopf. Mit kleinen Klammern ist sie an seinem Haar befestigt, damit sie nicht herunterfällt, selbst wenn der Achtjährige noch so wild herumtobt. Wäre er allein unterwegs, ohne Schutz und Begleitung, sagt die Mutter, würde sie ihm einschärfen, die Kippa abzunehmen: Sie hätte Angst um ihn.

Droht dieses religiöse Symbol den Jungen eines Tages zur Zielscheibe von Judenhassern zu machen? Und könnten die Soldaten das verhindern, die mit ihren Maschinengewehren vor der Schule patrouillieren, weil jüdische Einrichtungen in Frankreich besonderen Schutz brauchen? Die Mutter dreier Kinder will trotzdem nicht nach Israel auswandern. „Wir sind Franzosen. Wir fühlen uns hier zu Hause.“ Aber fühlen sie sich auch sicher?

Die 85-Jährige wurde mit elf Messerstichen getötet und dann angezündet

Es ist eine Frage, die man stellen muss, seit der bestialische Mord an der 85-jährigen Jüdin Mireille Knoll das Land erschüttert hat. Tausende haben sich am Gedenkmarsch für die alte Dame beteiligt, die in ihrer Wohnung in Paris mit elf Messerstichen getötet und danach angezündet worden war. Ein paar Demonstranten trugen Israel-Fahnen. Andere zeigten Fotos von der Frau mit dem gutmütigen Lächeln. Humorvoll und lebensfroh sei sie gewesen, sagte ihre Nachbarin Claudette.

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Dabei hatte Mireille Knoll Schlimmes erlebt. Keine zehn Jahre war sie alt, als sie im Sommer 1942 mit mehr als 13000 Juden in Paris von französischen Nazi-Kollaborateuren festgenommen wurde; der Deportation in osteuropäische Todeslager entkam sie dank ihres brasilianischen Passes. Mit ihrer Mutter floh sie nach Portugal, kam später zurück nach Paris und heiratete einen Auschwitz-Überlebenden, der vor mehreren Jahren starb. Zwei Söhne zog das Paar in der Wohnung groß, in der Knoll ihren Tod fand.

Beim mutmaßlichen Haupttäter handelt es sich um den 28 Jahre alten Yassine M. Der Nachbar kannte die Frau von klein auf, besuchte sie ab und zu. Er und ein weiterer Tatverdächtiger, der Obdachlose Alex M., beschuldigen sich gegenseitig der Tat. Alex M. behauptet, Yassine M. habe „Allahu Akbar“, „Gott ist groß“, gerufen, bevor er auf Mireille Knoll einstach. Beide wussten, dass sie jüdisch, wenn auch nicht gläubig war. Die Männer sollen sich noch vor der Tat unterhalten haben, dass Juden oft wohlhabend seien –was auf die in bescheidenen Verhältnissen lebende Mireille Knoll keineswegs zutraf. Die Justiz ermittelt wegen schweren Diebstahls und vorsätzlicher Tötung aus einem antisemitischen Motiv heraus.

Juden haben heute in Frankreich Angst, sagt der Innenminister

Auch Emmanuel Macron folgte schnell dieser Auslegung. „Der Mörder hat eine unschuldige und wehrlose Frau getötet, weil sie Jüdin war“, sagte der Präsident. Französische Medien berichteten zuletzt, die Ermittler hätten keine Anzeichen von Judenhass bei Yassine M. feststellen können. Dennoch räumte Innenminister Gérard Collomb ein, dass sich antisemitische Übergriffe im Land zuletzt vervielfacht haben. „Juden haben heute in Frankreich Angst“, das dürfe nicht sein.

Dass Polizei und Politik inzwischen schnell von antisemitischen Motiven sprechen, liegt auch an den Versäumnissen im Fall Sarah Halimi: Die 65-jährige Jüdin war im April 2017 von ihrem Nachbarn aus dem Bett gezerrt, zu Tode geprügelt und aus dem Fenster gestürzt worden. Mehrmals soll der Mann antijüdische Beschimpfungen und „Allahu Akbar“ gerufen haben. Trotzdem dauerte es elf Monate, bis die Staatsanwaltschaft Antisemitismus als mögliches Tatmotiv festhielt.

„Lange haben sich die Juden in Frankreich alleine gelassen gefühlt“, sagt Francis Kalifat, Präsident des Zentralverbandes der französischen Juden, Crif. Die Regierung will nun den Kampf gegen Antisemitismus und Rassismus verstärken, Hassparolen im Internet sollen verstärkt ins Visier geraten. Kalifat aber fordert härtere Strafen und einen entschlosseneren Kampf gegen Salafismus. Eines ist ihm dabei wichtig: „Es gibt Antisemitismus in Frankreich und dieser reduziert sich nicht nur auf Muslime. Aber Frankreich ist nicht pauschal ein antisemitisches Land.“

Das Problem ist im Nachbarland auch so groß, weil die jüdische Gemeinschaft mit 550000 Mitgliedern die größte in Europa ist. Besonders sichtbar wird sie im Marais, dem traditionell jüdischen Viertel im Osten von Paris. In der stimmungsvollen Rue des Rosiers gibt es die besten Falafel der Stadt, Bäckereien verkaufen typisches Gebäck, ultraorthodoxe Männer mit ihren Rauschebärten bevölkern die Straßen. Doch das ist die Ausnahme; meist wird jüdisches Leben diskret gelebt. Aus gutem Grund, bedenkt man die brutalen Übergriffe der letzten Jahre.

„Dreckiger Jude“ wird an Hauswände geschmiert

2006 wurde Ilan Halimi, 25, Sohn einer jüdisch-marokkanischen Familie, von der „Gang der Barbaren“ entführt, wochenlang gefoltert und schließlich ermordet. Das Motiv: der vermeintliche „Reichtum aller Juden“. Im Frühjahr 2012 erschoss der Islamist Mohamed Merah in einer jüdischen Schule in Toulouse drei Kinder und einen Rabbiner. Kurz nach dem Attentat auf das Satiremagazin CharlieHebdo im Januar 2015 wurden bei einer Geiselnahme in einem jüdischen Supermarkt in Paris vier Menschen getötet. Im Januar gab es im Pariser Vorort Sarcelles, auch „Klein-Jerusalem“ genannt, kurz hintereinander Angriffe auf ein 15-jähriges Mädchen und einen achtjährigen Jungen, die sichtbar jüdische Zeichen trugen. Im vergangenen Jahr wurden Juden, die weniger als ein Prozent der französischen Gesellschaft ausmachen, Opfer von 38 Prozent der gezählten Gewalttaten. Premierminister Édouard Philippe warnte vor einer „neuen Form von gewalttätigem und brutalem Antisemitismus, der sich auf immer offenere Art und Weise in unserem Land ausdrückt“.

Wer kann, zieht um. Weg aus Gegenden mit hohem muslimischen Bevölkerungsanteil und starken sozialen Spannungen, dorthin, wo es ruhiger ist – nach Vincennes, ins Marais oder in den 11. Stadtbezirk, wo Mireille Knoll wohnte. Jüdischen Vereinigungen zufolge sank die Zahl der Juden im nördlichen Vorort Aulnay-sous-Bois in wenigen Jahren von 600 auf 100; in Clichy-sous-Bois von 400 auf 80.

Sarcelles nordöstlich von Paris galt lange als Paradebeispiel für das harmonische Miteinander der Religionen. Mehr als 80 verschiedene Nationalitäten leben hier. In den letzten Jahren aber hat sich die Stimmung gedreht und aufgeheizt, sagt Alain, der in einer koscheren Metzgerei arbeitet. „Es ist nicht mehr wie früher. Die Probleme kommen von der jungen Generation. Da ist richtiger Hass gegen die Juden. Unerklärlicher Hass.“ Einmal wird eine selbst gebastelte Granate in einen jüdischen Lebensmittelladen geworfen. Ein andermal wird „dreckiger Jude“ an eine Häuserwand geschmiert.

Auch Crif-Präsident Kalifat spricht von einem „Antisemitismus des Alltags“: böse Blicke, Beleidigungen, Drohungen. Jüdische Kinder besuchen immer öfter Privatschulen, weil die Eltern dort, wo viele muslimische Kinder sind, Angst um sie haben. „Das jüdische Leben wird immer schwieriger“, bedauert Kalifat. Alte Vorurteile hielten sich, nach denen Juden reich und politisch dominant seien.

Nirgendwo in Europa leben so viele Juden wie in Frankreich

Verschärft habe sich die Situation nach der zweiten Intifada im Jahr 2000: Nirgendwo in Europa fand der Nahostkonflikt einen so starken Widerhall wie in Frankreich mit gewalttätigen Zusammenstößen und brennenden Israel-Fahnen am Rande von Demonstrationen. Mit den Terroranschlägen der letzten Jahre spitzte sich die Lage weiter zu.

Wanderten bis dahin jährlich zwischen 1500 und 2000 französische Juden nach Israel aus, stieg die Zahl im Jahr 2015 auf 3500. 2016 waren es sogar mehr als 7000. „Die Franzosen sind zuletzt zur größten Einwanderergruppe geworden“, sagt die österreichische Publizistin Anita Haviv, die seit langem in Israel lebt. „In Tel Aviv gibt es französische Viertel, Bäckereien, Bars. Man hört die Sprache sehr oft.“ Crif-Präsident Kalifat sagt, dass seit einigen Jahren nicht mehr nur jüdische Studenten und Rentner Frankreich verlassen, „sondern zunehmend junge Paare und Familien, die sich hier nicht mehr sicher fühlen“.

So ist das auch bei Noa Goldfarb, einer Enkelin von Mireille Knoll. „Vor 20 Jahren habe ich Paris verlassen, weil ich wusste, dass dort weder meine Zukunft noch jene des jüdischen Volkes liegt“, schrieb sie nach dem Mord an ihrer Großmutter auf Facebook. „Aber wer hätte gedacht, dass ich meine Angehörigen dort zurücklasse, wo der Terrorismus und die Grausamkeit zu einer solchen Tragödie führen würden?“ In den Medien und sozialen Netzwerken sendeten Mireille Knolls Hinterbliebene versöhnliche Botschaften aus.

Dahingegen wollte der jüdische Zentralverband Crif Vertreter des rechtspopulistischen Front National, der sich vor allem in der Vergangenheit durch antisemitische Töne auszeichnete, sowie der radikalen Linken, die sich an einer Boykott-Aktion israelischer Produkte beteiligten, vom Gedenkmarsch ausschließen. Als die Parteichefs Marine Le Pen und Jean-Luc Mélenchon trotzdem kamen, wurden sie ausgepfiffen und mussten den Zug vorzeitig verlassen. Mireille Knolls Sohn Daniel sah das mit Widerwillen. „Der Crif macht Politik und ich öffne mein Herz“, sagte er. Jeder sei willkommen beim Gedenken an seine Mutter: „Es ist unerträglich, dass man in Frankreich heute auf eine so schreckliche Art und Weise sterben kann.“

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