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Bertelsmann-Studie

15.07.2019

Wer wagt sich schon an Klinik-Schließungen?

„Lieber weniger, dafür besser?“ Eine Krankenhaus-Studie führt zu Debatten.
Bild: Federico Gambarini, dpa (Symbol)

Krankenhaus-Neubauten und die Abwicklungen kleinerer Häuser können aus medizinischer und finanzieller Sicht sinnvoll sein. Die Realität sieht jedoch meist anders aus.

Auch wenn komplette Klinikschließungen aktuell in der Region nicht anstehen: Die Krankenhausstruktur ist vielerorts in Bewegung geraten. Die Stichworte sind derzeit meist Fusion, Konzentration und Spezialisierung, aber auch Abwicklung einzelner Abteilungen. Der Druck, die in vielen Fällen dramatischen Defizite der Krankenhäuser zu verringern, ist erheblich. Hinzu kommt, dass es immer schwieriger wird, genügend Pflegepersonal zu finden. Eine Halbierung der Anzahl der Krankenhäuser, die die Verfasser der Bertelsmann-Studie zur Verbesserung der medizinischen Qualität für notwendig halten, erscheint jedoch derzeit in Schwaben und angrenzende Regionen als politisch nicht im Ansatz durchsetzbar. Zumal die Bevölkerung auf jede Veränderung in der Struktur der ärztlichen Versorgung höchst empfindlich reagiert.

Der Chef der Bayerischen Krankenhausgesellschaft, Siegfried Hasenbein, sagte unserer Redaktion, dass er davon ausgehe, dass im Zuge der Zentralisierung im Freistaat auch einige der 360 Krankenhäuser schließen würden. Ein „großes Krankenhaussterben“ werde es aber nicht geben. Der Professor für Medizinmanagement, Jürgen Wasem weiß um die Brisanz von Schließungen: „In ländlichen Regionen muss natürlich darauf geachtet werden, dass die medizinische Versorgung mit Krankenhäusern gewährleistet wird und die Wege nicht zu lang werden. Dennoch gibt es häufig ungenutzte Konzentrationspotenziale“, sagte er unserer Redaktion.

Im Landkreis Neu-Ulm steht eine Klinikreform an

Beispiel Landkreis Neu-Ulm: Dort steht Ende dieser Woche der Beschluss über eine durchgreifende Klinikreform im Kreistag an. Bisher stehen Krankenhäuser in Weißenhorn, Illertissen und in Neu-Ulm für Patienten offen. In Zukunft, so sieht das Konzept vor, sollen die Donauklinik (Neu-Ulm) und die Stiftungsklinik (Weißenhorn) als Akutkrankenhäuser bestehen bleiben. Im Gegenzug soll die Illertalklinik in Illertissen zu einem Gesundheitszentrum umgebaut werden. Dort sollen dann Notfälle, wie kleinere Verletzungen, behandelt werden. Für tiefer gehende Untersuchungen und stationäre Behandlung wären dann in Zukunft die Häuser in Neu-Ulm und Weißenhorn zuständig. In Illertissen wurde dieses Konzept von nicht wenigen Bürgern als Abwertung gesehen. Auch gibt es die Befürchtung, dass Patienten dann zum Klinikum Memmingen – also außerhalb des Kreises – ausweichen werden.

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Fachleute hatten zuvor für eine große Lösung plädiert: Den Neubau eines Krankenhauses im Zentrum des Landkreises, das sämtliche Bedürfnisse abdecken würde – bei gleichzeitiger Schließung der drei derzeitigen Standorte. Ein Ansatz, der den Verfassern der Bertelsmann-Studie sicher gefallen hätte, aber politisch eben – wie in vielen Regionen in Deutschland – nicht umsetzbar war. Auch Experte Jürgen Wasem von der Universität Duisburg-Essen kennt die großen Widerstände gegen solche Pläne. Doch woanders geht es: „Es kann durchaus sinnvoll sein, neue große Kliniken zu bauen. Die Dänen haben 16 große Häuser gebaut und dafür die Hälfte der bestehenden Kliniken dichtgemacht.“ Auch in Deutschland werde man um Schließungen letztlich nicht herumkommen. „Wenn eine Klinik zumachen soll, dann ist der Aufschrei in der Bevölkerung groß. Gleichzeitig zeigen Studien aber: Bei einer ernsten Erkrankung nehmen viele Patienten längere Wege in größere und leistungsfähige Krankenhäuser gerne in Kauf.“ Kritik übt Wasem an der Rolle der Bundesländer. Es sei ein großes Problem, dass die „zuständigen Länder notwendige Reformen seit Jahren“ blockierten. Eine Änderung sei „leider nicht in Sicht“.

Im Allgäu setzt die Politik auf Fusionen

Um unpopuläre Schließungen zu vermeiden, aber dennoch zu sparen und die medizinische Qualität zu sichern, setzen viele Regionen auf Fusionen. So wie im Allgäu: Dort laufen Gespräche zwischen den Oberallgäuer, Unterallgäuer und Kemptener Kliniken über die Schaffung eines Allgäuer Klinikverbundes. Für Wasem ein sinnvoller Ansatz.

Kritisch sieht der Fachmann für Medizinmanagement einen öffentlich weniger beachteten Punkt der Bertelsmann-Studie. Dort heißt es, dass deutschlandweit vier Millionen Fälle ambulant statt in Krankenhäusern behandelt werden könnten. „Das würde das System natürlich entlasten. Aber ich glaube, dass die Zahl viel zu hoch gegriffen ist. Da sind meine Kollegen zu optimistisch.“ (mit hip, jsto)

Lesen Sie auch den Kommentar: Gesundheitswesen: Geld darf nicht alles sein - der Patient muss im Mittelpunkt stehen

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