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Twitter, Facebook, Foren

15.06.2009

Wie Irans Opposition den Widerstand im Internet organisiert

Bei Flickr stellen Augenzeugen Fotos von den blutigen Auseinandersetzungen im Iran ein. Bild: Flickr

Sie berichten bei Twitter, mobilisieren über Facebook: Die Opposition im Iran nutzt Internet und soziale Netzwerke, um den Widerstand gegen die Regierung zu organisieren. Von Sascha Borowski

Sie berichten bei Twitter, mobilisieren über Facebook, organisieren sichin Foren: Die Opposition im Iran nutzt Internet und soziale Netzwerke, um denWiderstand gegen die Regierung zu organisieren. Von Sascha Borowski

"Functioning Iran proxies" heißt die Botschaft, gefolgt von Zahlenreihen. Einer hat sie geschrieben und ins Netz gestellt. 20, 50, 100 andere wiederholen sie, verbreiten sie in rasender Geschwindigkeit weiter. Eine Viertelstunde später haben zig-tausende Menschen die Nachricht gelesen.

Es ist Montagabend und wieder haben sie dem Regime in Teheran ein Schnippchen geschlagen. Über den Kurznachrichtendienst Twitter hat ein Nutzer mitgeteilt, welche Rechner-Netze im Iran aktuell noch nicht gesperrt sind. 15 Minuten darauf wissen Tausende Bescheid und tragen die passenden Zahlenreihen auf ihren Rechnern ein. Und die Regierung mit ihren Sperren hat das Nachsehen. Das Internet ist einfach schneller als die staatlichen Zensoren.

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Twitter, gerne mal als virtuelle Müllkippe und Ansammlung von Banalitäten verspottet, hat sich im Iran zu einem Instrument des Widerstands entwickelt. Twitter (www.twitter.com) ist ein Online-Dienst, über den man 140 Zeichen lange Botschaften versenden kann. Öffentlich, für jedermann lesbar. Jedes angemeldete Mitglied kann eigene Kurz-Nachrichten verschicken oder die Nachrichten anderer Nutzer für sich abonnieren. So entsteht schnell ein Netzwerk von Menschen, die eigene Nachrichten verschicken und die Nachrichten anderer Menschen verfolgen und weiter verbreiten.

Seit drei Jahren gibt es Twitter - ein "soziales Medium", weil sich Menschen darüber vernetzen, miteinander Kontakte pflegen, kommunizieren. Bei der iranischen Opposition ist Twitter das Mittel, Widerstand und Protest gegen das Regime in Teheran zu organisieren.

Über Twitter verbreiten die Aktivisten ihre Botschaften - und die ganze Welt liest mit. Über Twitter organisieren sie sich. Über Twitter bauen sie eine Gegenöffentlichkeit auf zu den staatlich kontrollierten und zensierten Medien. Es ist ein mächtiges Mittel. Denn Teheran unternimmt viel, die Meinungshoheit zu behalten. Ahmadinedschad und seine Truppen greifen zur Zensur: Internetzugänge werden gesperrt. Ausländische Journalisten werden in ihrer Arbeit behindert oder gar gestoppt. Niemand soll den Protest gegen die angeblich gefälschten Wahlen im Iran verbreiten.

Doch die iranische Opposition mit gut informierten und ausgebildeten Studenten an der Spitze lässt sich von staatlichen Netzsperren nicht stoppen. Im Iran sind - gerade in den Städten - viele Menschen online. Die Regime-Gegner kennen die Sperren und wissen sie zu umgehen. Sie nutzen für ihre Zwecke alle sozialen Online-Dienste, die es aktuell gibt. Für Kurzbotschaften dient ihnen Twitter. Bilder werden über Flickr verbreitet, etwa die beeindruckenden Fotos von faramarz. Videos von den brutalen Übergriffen der Polizei werden über Youtube verbreitet. Auch hier genügt die Eingabe des Stichworts iranelection (Iran-Wahl), unter dem die Regime-Kritiker ihre Botschaften sammeln. Und auch in Facebook-Gruppen und hunderten Foren organisieren sich die Gegner der Regierung.

Den Oppositionellen kommen dabei die Stärken des sozialen Netzes zugute. Social Dienste wie Twitter & Co. sind schwer kontrollierbar, hervorragend vernetzt, blitzschnell und mittlerweile bestens etabliert. Auch die internationalen Medien lesen mit und sind längst bei Twitter und Facebook präsent - nicht nur die Augsburger Allgemeine ist mit einem Twitter-Account (www.twitter.com/AZ_Augsburg) und einem eigenen Facebook-Auftritt vertreten.

Gerade die Schnelligkeit von Twitter & Co.ist es, die der Opposition im Iran in diesen Tagen besonders zur Hilfe kommt. Die demonstrierenden Gruppen sind damit äußerst flexibel - und schlagen den Zensoren immer wieder ein Schnäppchen. So auch am Montagabend wieder. Die Nachricht über die funktionierenden Proxys etwa wird nur knapp zwei Stunden verbreitet. Dann ändern die Twitter-Nutzer schon wieder ihre Taktik. Aus der Botschaft wird eine Warnung: "Send functioning Iran proxies by private DMs -- do not post them on #iranelection They are screening Twitter", heißt es. "Verschickt die Nachricht über Privatmitteilungen, nicht mehr öffentlich unter dem Stichwort Iran-Wahlen. Sie überwachen Twitter".

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