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Frankreich

17.04.2019

Wie Macron Frankreich nach dem Brand in Notre-Dame einen will

Notre-Dame solle innerhalb der nächsten fünf Jahre wieder aufgebaut werden und dann noch schöner sein als vorher, sagte Macron in einer TV-Ansprache.
Bild: Yoan Valat/AP, dpa

Der Präsident verspricht den Wiederaufbau der zerstörten Kathedrale Notre-Dame innerhalb weniger Jahre - und will die Brandkatastrophe für sich als Chance nutzen.

Dass vermeintlich Unmögliches möglich werden kann, hat Emmanuel Macron schon mehrmals erlebt und gezeigt: Indem er sich vor zwei Jahren zum Präsidenten Frankreichs wählen ließ, im Alter von 39 Jahren und relativ neu in der Politik, mit einer noch jungen Partei und einer Positionierung in der Mitte, die mit dem klassischen Links-Rechts-Schema brach. Oder indem er seine ehemalige Lehrerin heiratete, die er als Teenager kennengelernt hatte, als sie noch verheiratet war und eine ihrer Töchter in seine Parallelklasse ging.

Vielleicht sind es Erfahrungen wie diese, die Macron nun erneut dazu bringen, eine eigentlich unmögliche Mission auszurufen: den rasanten Wiederaufbau der durch den Brand am Montag stark zerstörten Kathedrale Notre-Dame bis 2024. Die optimistischeren Experten veranschlagen mindestens zehn bis 15 Jahre dafür, andere sprechen von mehreren Jahrzehnten.

Fast alle Parteien haben den Wahlkampf wegen des Brands eingestellt

„Wir sind ein Volk der Erbauer“, sagt Macron in einer weihevollen, aber für seine Verhältnisse kurzen Fernsehansprache am Dienstagabend. „Ja, wir werden die Kathedrale Notre-Dame noch schöner aufbauen und ich möchte, dass das in fünf Jahren vollendet ist. Wir können es.“ Es ist ein französisches „Yes, we can“ oder „Wir schaffen das“, mit dem der Präsident seine absolute Entschlossenheit bei einer Frage zum Ausdruck bringen will, die die Franzosen ausnahmsweise eint. Der Brand des Sakralbaus hat sie stark erschüttert. Macron bietet dies die Gelegenheit, sich als Landesvater und oberster Krisenmanager zu präsentieren – technischen Bedenken über die Machbarkeit seines ehrgeizigen Ziels zum Trotz.

Kommentatoren nehmen seine Ansprache überwiegend positiv auf, auch seine politischen Gegner üben sich noch in Zurückhaltung. Fast alle Parteien haben angesichts der Brandkatastrophe den Wahlkampf für die Europawahl vorerst ausgesetzt. So kann diese für den Staatschef, der seit Monaten durch die anhaltenden und von Gewalt begleiteten Proteste der „Gelbwesten“ stark unter Druck erschien, eine Chance darstellen – auch wenn eine gravitätische Ansprache kaum ausreichen dürfte, um der anhaltenden Unzufriedenheit im Land etwas entgegenzusetzen. Sie betrifft soziale Ungerechtigkeiten wie auch die arrogante Abgehobenheit der politischen Klasse Frankreichs, als deren allzu perfekter Vertreter der 41-Jährige vielen gilt.

Macron geht es um die Unterstützung aus dem Volk

Nur rund eine Stunde nach Beginn der Feuerkatastrophe am Montagabend, nämlich zur besten Nachrichtenzeit um 20 Uhr, will Macron im Fernsehen eigentlich eine Reihe von Maßnahmen ankündigen, um der aktuellen Krise zu begegnen – Folgerungen der Regierung aus den monatelangen Bürgerbefragungen. Die Ausstrahlung der vorab aufgezeichneten Rede wird auf unbestimmte Zeit verschoben. Denn, so rechtfertigt dies Macron, er habe auf die neue Situation zu reagieren: „Ich glaube tief daran, dass es an uns liegt, diese Katastrophe in eine Gelegenheit zu verwandeln, alle gemeinsam besser zu werden, als wir sind.“ Es gelte, ein „nationales Projekt“ wiederzufinden, ruft er seine Landsleute zur Einheit auf. Er meint damit sicherlich nicht nur den Wiederaufbau von Notre-Dame. Es geht ihm um die Unterstützung aus dem Volk, die ihm zuletzt immer stärker abhandengekommen ist.

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Inzwischen sind viele der noch zurückgehaltenen Ankündigungen Macrons durchgesickert, was den erhofften Überraschungseffekt deutlich senkt. Dabei gehen einige von ihnen sehr weit. So soll Macron massive Steuersenkungen für die Mittelklasse sowie eine Überprüfung der umstrittenen Abschaffung der Reichensteuer befürworten – ihre Wiedereinführung schloss sein Umfeld bislang stets aus. Bis zur nächsten Wahl 2022 sollten keine Schulen oder Krankenhäuser in Frankreich geschlossen werden sowie 300 Bürger per Los in eine Versammlung berufen werden, um sich mit Themen wie der Energiewende auseinanderzusetzen. Als regelrecht explosiv gilt der Vorschlag, die Elitehochschule ENA abzuschaffen, denn Macron ist wie viele andere Politiker selbst Absolvent der berühmten Kaderschmiede, die ihm als Karrieresprungbrett diente. Ihr Ende würde einmal mehr seine Bereitschaft zeigen, radikal zu sein – und scheinbar Unmögliches durchzusetzen.

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