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Ohne Anweisung von oben

05.11.2009

Wie ein Stasi-Offizier die Mauer öffnete

Harald Jäger hat jahrelang DDR-Bürger schikaniert. Aber am 9. November 1989 ließ er sie in den Westen - jedoch ohne offiziellen Befehl. Von Freddy Schissler

Leutkirch - Die Frage kommt ziemlich am Schluss der Talkrunde im beschaulichen Leutkirch im Allgäu, wo an diesem Abend im Rahmen der Reihe "Talk im Bock" die Emotionen hochkochen. Ob er denn bereit wäre, das Bundesverdienstkreuz entgegenzunehmen, will Moderator Bernd Dassel von Harald Jäger wissen.

Das ist jener ehemalige Oberstleutnant der Staatssicherheit in der DDR, der am 9. November 1989 als Erster die Mauer öffnete - als stellvertretender Leiter der Passkontrolleinheit an der Bornholmer Straße. Ohne ausdrücklichen Befehl von oben, zumindest zu diesem Zeitpunkt. Jäger überlegt kurz, vernimmt das Raunen im Saal und antwortet: "Wer einmal was Gutes getan hat, aber über Jahre hinweg viele Fehler begangen hat, darf kein Bundesverdienstkreuz bekommen."

Großer Beifall. In Harald Jägers Augen sammeln sich Tränen, wie schon zuvor an diesem Abend, an dem ein Besucher demonstrativ den Saal verlassen hatte, weil er die Anwesenheit eines Ex-Stasi-Mitarbeiters nicht länger ertragen konnte und andere treue Gäste dieser Talkrunde angesichts des Gesprächspartners erst gar nicht kamen.

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20 Jahre sind ins nun vereinte Land gezogen. Nach so langer Zeit verheilen viele Wunden. Und doch bleiben Narben. Die erkennt man besonders gut, wenn sich einer wie Harald Jäger, heute 66, aufs Podium setzt und sich kritischen Fragen eines Moderators stellt. Bernd Dassel spricht Tacheles mit dem ehemaligen Stasi-Mitarbeiter, der so deutlich die Schizophrenie, die Absurdität des einstigen Arbeiter-und-Bauern-Staats verkörpert.

Ob er den Bau der Mauer nicht absurd fand? Oder er als Grenzsoldat nie daran dachte, anderen Menschen Unrecht zuzufügen? Weshalb er nicht den Dienst quittierte, als in ihm Zweifel an "seinem" Staat kamen, sondern sich weiterhin jeden Monat 2700 DDR-Mark überweisen ließ, während Otto Normalverbraucher mit 1000 Mark auskommen musste? Harald Jäger hat sich diese Fragen oft selbst gestellt.

Seine Antworten darauf klingen nicht wirklich logisch, eher schwammig. Er habe lange, lange Zeit an das Gute im Staat geglaubt, sagt er. Er habe immer nur in kleinen Häppchen davon erfahren, was alles so schieflief. "Den Mut zu handeln", bekennt er, "hatte ich nicht. Heute kann ich mich dafür nur bei allen entschuldigen."

Der einstige Grenzsoldat Jäger ist keiner, der rhetorische Kapriolen schlägt. Was er sagt, kommt aus dem Bauch. Deshalb nimmt man ihm ab, dass er bedauert. Die vielen Befehle zum Beispiel, mit denen er anderen DDR-Bürgern Schaden zufügte. Sie traktierte. Aber er sagt auch: "Ich bereue nicht alles. Sonst müsste ich ja mein ganzes Leben bereuen." Das klingt im ersten Moment nicht wirklich logisch. Schon eher schizophren. Was er damit ausdrücken will: Er kann den ersten Teil seines Lebens nicht einfach so in den Mülleimer schmeißen und Deckel drauf.

Dann gibt es eben auch noch diesen 9. November 1989 im Rückblick des Oberstleutnants Jäger. Weil Genosse Günter Schabowski sich in einer Pressekonferenz verzettelte und den Zeitpunkt mit der Reisegenehmigung für DDR-Bürger mit "ab sofort" angab, stehen nur wenige Minuten nach Schabowskis Rede im Fernsehen Tausende von Menschen vor Jägers Grenzübergang an der Bornholmer Straße. Dem Oberstleutnant allerdings liegt kein Befehl zur Öffnung der Grenze vor. "Meine Vorgesetzten", erinnert sich Jäger, "sagten nur, Schabowski hätte Schafsscheiße erzählt." Die Erlaubnis zu öffnen geben sie ihm nicht. Nach einer Stunde der Ungewissheit - die Menschen an der Bornholmer Straße werden immer mehr - fasst Jäger als erster Grenzsoldat einen Entschluss: Er öffnet die Tore. Der Beginn des Mauerfalls.

Das "Rädchen des Systems", wie Jäger sich selbst bezeichnet, hatte sich erstmals in seinem Leben gegen die gewohnte Laufrichtung gedreht. Weshalb? "Weil ich in diesem Moment wusste, dass die Forderungen des Volks berechtigt waren." Und: "Weil mir schon die Jahre zuvor immer klarer geworden ist, dass in diesem Staat einiges falsch läuft. Aber ich hatte Angst, etwas dagegen zu tun." Da sind sie wieder, die Tränen in Harald Jägers Augen. Es ist für ihn zwar nur ein schwacher Trost, zumindest am 9. November 1989 Mut bewiesen zu haben. Aber immerhin ist es die Gewissheit, in diesem Moment richtig gehandelt zu haben. Was allerdings in seinen Augen (und in denen vieler anderer) viel zu wenig ist, um ein Bundesverdienstkreuz dafür zu bekommen.

Ach ja: Aus dem top verdienenden Oberstleutnant und Diplom-Juristen ist nach der Wende ein Eisverkäufer und Kioskmitarbeiter geworden. Ein sozialer Abstieg, den er als Quittung für sein jahrelanges Fehlverhalten verstehe, wie er sagt. Und deshalb auch akzeptiere. (Freddy Schissler)

Der Autor Gerhard Haase-Hindenberg hat über Harald Jäger ein Buch geschrieben: "Der Mann, der die Mauer öffnete", Heyne Verlag, 256 S., 7,95 Euro.

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