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Anschläge von Paris

17.11.2015

Wie ein mutiger Retter einer Schwangeren das Leben rettete

Das Video ging um die Welt: Minutenlang hängt eine schwangere Frau an einem Fenstersims des "Bataclan".
Foto: Le Monde, Screenshot (AZ)

Antoine Leiris betrauert die Liebe seines Lebens. Eine Frau vermisst ihren "perfekten Ehemann". Aber da ist auch die Geschichte von der schwangeren Frau und ihrem mutigen Retter.

Wer ist die schwangere Frau? Man weiß es nicht. Von ihrem Retter kennt man auch nur den Vornamen: Sébastien. Über eine Annonce im sozialen Netzwerk Twitter hat ihr Freund ihn ausfindig gemacht. Sie wollte sich bei ihm bedanken, dafür, dass er ihr und dem ungeborenen Kind vermutlich das Leben gerettet hat. Sie befand sich am Freitag in der Pariser Konzerthalle „Bataclan“, als die Terroristen dort das Feuer eröffneten. Wie viele andere versuchte sie, in ihrer Panik aus den oberen Stockwerken dem Blutbad zu entkommen. Eine dramatische Szene, die ein Journalist, der schräg gegenüber wohnt, von seinem Fenster aus gefilmt hat.

Unter den Fliehenden war auch Sébastien, der gerade versuchte, sich über ein Ablüftungsrohr hinabzuhangeln. Für einen Sprung nach unten war es zu hoch, er wäre nicht heil angekommen. Da sah er eine Frau, die verzweifelt um Hilfe rief. Sie schrie, dass sie schwanger sei. „Sie hing am Fenster und flehte die Leute unten an, sie aufzufangen“, erzählt der junge Mann. „Aber die Schießerei war in vollem Gange, niemand blieb stehen. Ich bin umgekehrt, um ihr zurück ins Innere zu helfen.“ Dort verlor er sie dann aus den Augen. Die Frau entging dem Kugelhagel. Viele andere nicht. Allein im „Bataclan“ starben mindestens 89 Menschen.

Für Sébastien war das Grauen noch nicht vorbei. „Ich hockte mich in ein Versteck, aber es war kein gutes. Plötzlich spürte ich den Gewehrlauf einer Kalaschnikow an meinem Bein, und einer der Terroristen sagte: ,Runter. Leg’ dich auf den Boden!‘“ Gemeinsam mit einem guten Dutzend weiterer Geiseln wurde er festgehalten und musste mit ansehen, wie die Terroristen von oben in die Menge schossen. „Wir lassen euch erleiden, was die Unschuldigen in Syrien erleiden“, riefen die Männer. „Hört ihr die Schreie? Das ist Krieg! Und es ist nur der Anfang!“

Nach einer Stunde wurde Sébastien befreit, als französische Eliteeinheiten schließlich die Konzerthalle stürmten. Für den Freund der schwangeren Frau ist er ein Held. „Viele kleine Gesten haben sie gerettet“, sagt er. „In einem solchen Moment des absoluten Wahnsinns können kleine Dinge wie eine ausgestreckte Hand Großes bewirken.“

Tausende Menschen spenden Blut für die Opfer

Es sind Erzählungen wie diese, die nach der Terrorserie in Paris die Runde machen. Es sind viele Erzählungen, auch schöne von selbstloser Hilfsbereitschaft oder unendlicher Erleichterung, seine Liebsten in Sicherheit zu wissen. Von tausenden Menschen, die seit Freitag Blut gespendet haben. Von Bergen an Blumen, Kerzen, Briefen, die sich vor den Tatorten stapeln. Und von glücklichen Zufällen wie dem der jungen Émilie, die eigentlich eine Karte für das Konzert der US-Band „Eagles of Death Metal“ im „Bataclan“ hatte – aber mit Grippe zu Hause im Bett lag. In Sicherheit.

Es scheint kaum jemanden in Paris zu geben, der keine Geschichte zu diesem schwarzen Freitag zu berichten hat. Jeder scheint jemanden zu kennen, der vor Ort war, als der Horror begann, der entkam – oder auch nicht. „Paris ist eine große Stadt, aber alle wirken wie durch ein unsichtbares Netzwerk miteinander verknüpft“, sagt Hervé, dessen Nichte noch am Freitagmittag im Restaurant „Le Petit Cambodge“ („Das kleine Kambodscha“) gegessen hat, in dem am Abend 14 Menschen ermordet wurden. Und dessen Mitbewohner hatte noch am Vorabend ein Konzert im „Bataclan“ besucht. Sie erfüllt nun das Gefühl, dem Wahnsinn der Extremisten mit Glück entgangen zu sein.

Antoine Leiris wendet sich per Facebook an Islamisten

Aber es gibt auch viele traurige, herzzerreißende Geschichten, die um das Erleben des schwersten Terroranschlags kreisen, den Frankreich je erfahren hat. Sie erzählen von Menschen, die so abrupt aus dem Leben gerissen wurden, und von ihren Hinterbliebenen, die den Verlust irgendwie zu fassen versuchen. Viele tun das mit bewegender Stärke. Wie Antoine Leiris, der sich auf seiner Facebook-Seite an die Extremisten wendet: „Freitagabend habt ihr das Leben eines außergewöhnlichen Wesens gestohlen, der Liebe meines Lebens, der Mutter meines Sohnes“, schreibt er. „Aber ich werde euch nicht den Gefallen tun, euch zu hassen. Mit Wut auf Hass zu antworten würde heißen, derselben Ignoranz einen Platz einzuräumen, die das aus euch gemacht hat, was ihr seid. Ihr wollt, dass ich Angst habe, dass ich die anderen mit misstrauischem Blick ansehe, dass ich meine Freiheit der Sicherheit opfere. Ihr habt verloren.“ Er schreibt, er bleibe mit seinem 17 Monate alten Sohn zurück, einem glücklichen und freien Kind. Und: „Wir sind stärker als alle Armeen dieser Welt. (…) Und auch seinen Hass werdet ihr nicht bekommen.“

Eine ähnliche Kraft entwickelt Grégory Reibenberg, Chef des Cafés „La Belle Équipe“ („Die Schöne Mannschaft“), wo 19 Menschen erschossen wurden, unter ihnen Angestellte und Freunde von ihm. Und seine Frau. Seit dem Attentat habe er so viel an Glück und Liebe erfahren, sagt er, dass es darum gehe weiterzumachen. Weiter zu leben. „Man kann lächeln mit Wunden auf dem Gesicht.“

Kaum ein Opfer ist älter als 40 Jahre

Dominique Revert, einer der Betreiber des „Bataclan“, der an diesem Abend nicht vor Ort war, hat angekündigt, das legendäre Konzerthaus, in dem schon Stars wie Lou Reed oder Oasis spielten, nicht dauerhaft zu schließen. „Es wird am Anfang zwar hart sein. Aber natürlich wird es wieder öffnen, alles andere wäre eine Kapitulation. Man darf nicht kapitulieren.“ Schon in den vergangenen Jahren hat das „Bataclan“ Terrordrohungen von Islamisten erhalten, wohl weil die früheren Besitzer Juden waren. Nun gehört es dem Großindustriellen Arnaud Lagardère.

Die Attentäter haben das populärste Ausgehviertel von Paris bewusst zum Ziel gewählt. In unmittelbarer Nähe liegt die frühere Redaktion des Satire-Magazins Charlie Hebdo, die im Januar Schauplatz eines Terror-Anschlags wurde. Kaum eines der jetzigen Opfer ist älter als 40 Jahre. Es traf lebensfrohe, kulturell interessierte, offene Menschen wie Alban Denuit, einen 32-jährigen bildenden Künstler, der mit seiner Freundin im „Bataclan“ war, weil er Musik liebte. Wie Précilia Correia, eine 35-jährige Franko-Portugiesin, die Elektronikgeräte verkaufte und Snowboard fuhr, fotografierte und Rockkonzerte besuchte. Oder Romain Feuillade, 31, ein angehender Schauspieler, Liebhaber von Basketball und gutem Essen, den seine Freunde als „fröhlich, großzügig und gutmütig“ beschreiben. Und seine Frau nennt ihn einen „perfekten Ehemann“.

Parlament soll Ausnahmezustand auf drei Monate ausweiten

Die Liste der Toten trägt mindestens 129 Namen. Können es noch mehr werden? Können weitere Schläge folgen, nachdem Frankreich die Bombardements auf Stellungen der Extremisten-Miliz „Islamischer Staat“ in Syrien nun ausweitet, um nicht zu kapitulieren, sondern diesen „Krieg“ gegen die Terroristen aufzunehmen, von dem die Regierung spricht? Am heutigen Mittwoch soll das französische Parlament den Ausnahmezustand auf drei Monate ausweiten. Die Regierung rüstet auf, verstärkt die ohnehin sehr präsenten Sicherheitskräfte in Paris massiv. Sie sagt es klar: Die Gefahr bleibt sehr hoch.

Die Menschen sind verstört. Aber wenn sie es auch nicht angstfrei tun: Sie gehen trotzdem bewusst auf die Straße. Am Donnerstag, wenn das Versammlungsverbot aufgehoben wird, ist eine große „Orgie“ geplant, wie die Veranstalter es provokativ nennen. Gemeint ist eine demonstrativ fröhliche Feier. Tausende Menschen werden erwartet. Viele reagieren mit Kreativität, ja mit herausfordernden Witzen auf den Horror. Im Internet veröffentlichen sie Party-Fotos. Das Motto „Je suis Charlie“ mit weißen Lettern vor schwarzem Hintergrund, das nach den Anschlägen im Januar um die Welt ging, erhält zahlreiche neue Variationen – wie jenes trotzige „Je suis en terrasse“ („Ich bin auf der Terrasse“). „Die Pariser leisten Widerstand“ steht über einer Karikatur der Zeitung Le Monde, die einen Mann rauchend an einem Tisch sitzend zeigt: „Es sind nicht drei Terroristen, die mich davon abhalten werden, für meinen Kaffee auf einer Terrasse fünf Euro zu bezahlen!“

Pariser wollen die Toten beweinen und dann weitermachen

Und: Man werde sich auch nicht davon abhalten lassen, im „Bataclan“ Konzerte anzuhören, im „Petit Cambodge“ zu essen, im Café „La Belle Équipe“ ein Bier zu trinken, schreibt der Journalist Luc Le Vaillant in der Zeitung Libération. „Wir werden unsere Toten beweinen. Wir werden uns die nötige Zeit nehmen, um zu realisieren, was ihr gewagt habt, uns anzutun. Und dann werden wir weitermachen wie vorher, verletzt, angeschlagen, aber überzeugt davon, dass ihr uns nicht nehmen könnt, was uns ausmacht.“

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