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Corona-Pandemie

06.04.2020

Wie ernst steht es um den britischen Premier Boris Johnson?

Da war er längst in Isolation: Der britische Premierminister Boris Johnson Ende März bei der morgendlichen Konferenz zum Thema Coronavirus in  der Downing Street.
Bild: Andrew Parsons/10 Downing Street, dpa

Plus Über Großbritannien liegt die Angst vor noch mehr Toten. Als die Königin tröstende Worte findet, kommt die Nachricht: Der Premierminister ist im Krankenhaus. Am Montagabend wird Johnson sogar auf die Intensivstation verlegt.

Es war ein ungewöhnlich sonniger Tag, als sich London selbst abriegelte. Als die Pubs in Soho ihre Zapfhähne abdrehten, die Museen an der Themse auf unbestimmte Zeit das Licht löschten, die Souvenirläden auf der Oxford Street ihre "Keep calm and carry on"-Schilder und Queen-Wackelfiguren einpackten. Es war der Morgen, nachdem Premierminister Boris Johnson sich an die Nation gewandt und nach langem Zögern den endgültigen Lockdown verordnet hatte.

Dann legte sich eine dumpfe Stille über die Metropole, eine Dunkelheit, die auch die Frühlingssonne nicht zu vertreiben vermag. Sie dauert nun seit vierzehn Tagen an.

Es könnten gefühlt auch vierzehn Wochen sein – müßig, die Tage zu zählen in einer Zeit, in der sie alle gleich sind, Montag, Mittwoch oder Sonntag. Allein, was sich verändert, ist die Zahl der täglich vermeldeten Toten. Es handelt sich um einen besorgniserregenden Trend. Im Vereinigten Königreich sind bis Montagmittag mehr als 5300 mit dem Coronavirus infizierte Menschen gestorben. Und London ist das Epizentrum.

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Coronavirus: Der britische Gesundheitsdienst NHS steht vor dem Kollaps

In vielen Kliniken ist die Kapazitätsgrenze erreicht, der aus Steuermitteln finanzierte, notorisch klamme nationale Gesundheitsdienst NHS steht schon jetzt vor dem Kollaps, auch wenn Bürgermeister Sadiq Khan vergangene Woche warnte, die Stadt sei vom Höhepunkt der Pandemie noch "zwei bis vier Wochen" entfernt.

Ärzte, Schwestern und Pfleger klagen unentwegt und trotz unzähliger Versprechen aus der Downing Street über das Fehlen von persönlicher Schutzausrüstung wie Masken, Brillen und Handschuhen, jeder vierte Mediziner im Land ist "krank oder in Isolation", gab der Ärzteverband Royal College of Physicians bekannt. Gleichwohl mangelt es an Beatmungsgeräten und vor allem: Tests. Steuert Großbritannien in die Katastrophe?

Heillos überlastet: Eine Sanitäterin passt vor einer Londoner Klinik ihren Mundschutz an.
Bild: Alberto Pezzali/AP, dpa

Aus einem Kongresszentrum in London wurde eine riesige Klinik

Um das marode System zu entlasten, wurde im Herzen der Docklands im Osten der Stadt ein Kongresszentrum, so groß wie ein dutzend Fußballfelder, zum Nightingale Hospital umfunktioniert mit dem Ziel, bis zu 4000 Patienten versorgen zu können. Die provisorische Klinik stelle "ein Licht in diesen dunklen Zeiten" dar, sagte Prinz Charles bei der Einweihung per Videobotschaft. Er meinte vermutlich die Leistung derjenigen, die das Großprojekt gestemmt haben.

Die eigentliche Ausstattung erinnert nämlich an Weltuntergangsszenen. Eine Zelle mit jeweils einem Intensivpflegebett und den nötigen Geräten folgt der nächsten. Und die Reihen scheinen kein Ende zu nehmen. Noch während die Handwerker schraubten und hämmerten, löste der Anblick der steril wirkenden Einheiten schieren Horror aus. Man will sich einen Betrieb kaum vorstellen. Hier soll überlebt werden. Hier dürfte jedoch vor allem gestorben werden. Sollte jeder der Plätze im äußersten Notfall belegt sein, wäre es die größte Klinik der Welt.

Mitarbeiten bauen das ExCel-Zentrum zu einem provisorischen Krankenhaus, dem NHS Nightingale Hospital um, das aus zwei Stationen mit jeweils 2000 Personen besteht.
Bild: Stefan Rousseau/PA Wire, dpa

Der Alltag in London erinnert an die Zeiten des Zweiten Weltkriegs

Während sie im Nightingale Hospital seit diesem Montag schwer erkrankte Menschen behandeln, herrscht im Londoner Zentrum Stillstand. Erstmals seit den Angriffen der deutschen Bomber während des Zweiten Weltkriegs, als man den Alltag ebenfalls rationierte und die Wohnung wegen des Fliegeralarms nicht verlassen durfte. Erinnerungen aus Schwarz-Weiß-Zeiten, von denen man dachte, sie nie wieder in der Weltstadt erleben zu müssen.

Die Lage ist so ernst, dass die Queen ran musste. Eigentlich sollten die Briten am Sonntagabend mit den mitfühlenden wie aufmunternden Worten von Elizabeth II. aus einem weiteren Wochenende im Lockdown verabschiedet werden. "Es werden wieder bessere Tage kommen, wir werden mit unseren Freunden vereint sein, wir werden mit unseren Familien vereint sein", versicherte die Königin in ihrer bewegenden Fernsehansprache an die Nation, in der sie zum Durchhalten aufrief und mit einer Zeile aus einem berühmten britischen Lied aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs schloss: "We will meet again" – wir werden uns wiedersehen.

Premierminister  Johnson wurde vor zwei Wochen positiv auf Covid-19 getestet

Doch nur wenige Minuten später wurde bekannt, dass Premierminister Boris Johnson ins Krankenhaus eingeliefert worden war. Der Regierungschef war vor knapp zwei Wochen positiv auf Covid-19 getestet worden, er befand sich seitdem in seinem Amtssitz in der Downing Street in Quarantäne. Stets hieß es, dass er lediglich unter milden Symptomen leide, auch wenn in der letzten Videobotschaft, die er aus der Selbstisolation abgab, deutlich zu erkennen war, dass es Johnson alles andere als gut ging.

Nun ist der 55-Jährige in einer Londoner Klinik, eine reine "Vorsichtsmaßnahme", heißt es beschwichtigend in einer Regierungserklärung. Auf Anordnung seines Arztes würde sich der fiebrige Premier Tests unterziehen. Gleichwohl leite er weiterhin die Regierungsgeschäfte. Funktioniert das in dieser nationalen Notfallsituation? Medienberichten zufolge habe Johnson eine Sauerstoffbehandlung erhalten. Der Premier meldet sich am Montag via Twitter und schreibt, er sei "in guter Stimmung". Ein konservativer Staatssekretär meint, Johnson sei "fit genug", um das Land auch vom Krankenbett aus zu führen.

 

Doch im Königreich wachsen die Zweifel angesichts der sich zuspitzenden Krise. "Wer hat das Sagen?", fragt das Boulevardblatt Daily Mail in Großbuchstaben. Außenminister Dominic Raab leitet am Morgen stellvertretend die tägliche Kabinettssitzung zur Pandemie. Wird er vorerst die Rolle des Chef-Krisenmanagers einnehmen? Johnsons Zustand schien sich über den Tag weiter zu verschlimmern. Am Montagabend wurde er auf die Intensivstation verlegt.

Die Queen versucht beruhigend auf das britische Volk einzuwirken

Der Zeitpunkt für einen Auftritt der Queen hätte angesichts der aktuellen Schreckensmeldungen also kaum besser gewählt sein können. Zwei Wochen nach der Verordnung der strengen Maßnahmen benötigte das Volk dringend etwas Zuspruch. In der langen Regentschaft der 93 Jahre alten Königin gab es einige Reden, die sie zu schwierigen Zeiten hielt. Man denke nur an ihre Ansprache nach dem Tod von Prinzessin Diana 1997, als die Queen nach dem Geschmack ihrer unglücklichen Untertanen zu lange gezögert hatte und erst auf massiven Druck aus der Bevölkerung schlussendlich ihr tiefstes Bedauern über den tragischen Unfall ausdrückte.

Allein mit der Queen: Ein Brite aus dem Osten Londons schaut am Sonntagabend die Fernsehansprache der Königin an.
Bild: Justin Setterfield, Getty Images

Es war also einer der raren Momente, in denen sich die Monarchin außerplanmäßig an die Briten wendet. Zuvor war das auch während des Golfkriegs 1991, letztmalig 2002 beim Tod ihrer Mutter, Queen Mum. Ihre Rede am Sonntagabend war anders, ambitionierter. Die Worte sollten die nervösen Briten beruhigen und sie inspirieren, die Bedeutung des Moments für die Nation hervorheben, in dem nur durch eine gemeinsame Kraftanstrengung das Leben vieler Menschen gerettet und die gefährliche Krankheit besiegt werden könne.

Die Queen harrt mit ihrem Mann auf Schloss Windsor aus

"Wenn wir vereint und entschlossen bleiben, werden wir sie überwinden", sagte die Queen, im Grün der Hoffnung gekleidet, in ihrer gut vierminütigen Ansprache aus Schloss Windsor. Dort harrt sie mit ihrem 98-jährigen Ehemann, Prinz Philip, in Selbstisolation aus, was auch immer das im royalen Kontext heißen mag.

"Ich hoffe, dass in den kommenden Jahren alle stolz darauf sein können, wie sie mit dieser Herausforderung umgegangen sind", sagte sie. Es handele sich um eine Zeit der Unterbrechung des Lebens; eine Unterbrechung, die manche in Trauer gestürzt habe, die für viele finanzielle Schwierigkeiten "und für uns alle enorme Veränderungen in unserem täglichen Leben bedeutet". Ihre Majestät appellierte an die Selbstdisziplin, die wohlgelaunte Entschlossenheit und den Zusammenhalt der Menschen – Eigenschaften, mit denen die Briten in der Geschichte Krisen überstanden haben und die, so hoffe sie, "noch immer dieses Land charakterisieren".

Für Beobachter kam es denn auch kaum überraschend, dass sie an ihre Radioübertragung im Jahr 1940 erinnerte. Damals sprach die 14-jährige Prinzessin zusammen mit ihrer jüngeren Schwester Margaret den Kindern Mut und Trost zu, die zum Schutz vor deutschen Luftangriffen von den Städten aufs Land gebracht und von ihren Familien getrennt wurden. Dieser Tage hagelt es keine Bomben auf London. Aber auch jetzt gelte es, die Trennung von den Lieben geduldig zu ertragen. "Heute wie damals wissen wir im tiefsten Innern, dass es das Richtige ist."

Inmitten der Corona-Krise wirkt London gespenstisch und gruselig

Wer in diesen Tagen durch die Straßen Londons geht, muss sich zwingen, diesen Zustand als "richtig" zu begreifen. Ausgerechnet London, jene Metropole, die alles hat – und das im Überfluss. Ihre Schönheit liegt nicht in den Sehenswürdigkeiten und Wahrzeichen, den Plätzen und Monumenten. Sie speist sich aus dem Alltag, den Menschen, der Energie. "Wer Londons müde geworden ist, der ist lebensmüde; denn in London gibt es alles, was das Leben bieten kann", sagte der Schriftsteller Samuel Johnson im 18. Jahrhundert. Seine Worte gelten auch fast 250 Jahre später.

Nun ist aus der Stadt alles Leben gesaugt worden. Gespenstisch. Gruselig. Der Stillstand, der zum Innehalten zwingt, ist schmerzvoller, als man es für möglich gehalten hat. Ohne die Menschen bildet die Stadt nur eine Hülle, hübsch gewiss, aber London pfeift auf hübsch, sondern will weiter und das schnell. Wie überhaupt können mehr als neun Millionen Einwohner so leise sein?

Es ist noch immer ungewöhnlich unenglisch, sonnig und warm, tagein tagaus. Vielleicht liegt darin der Grund, warum beim Gang durch die Innenstadt die Szenerie noch surrealer erscheint. Die Sonne wirkt wie das Scheinwerferlicht, das auf eine Filmkulisse fällt, die London ähnelt, aber nicht London ist. An der meistfotografierten Telefonzelle der Welt am Parliament Square, im Hintergrund der Glockenturm mit Big Ben und der Westminster-Palast, baumelt der Hörer, als wäre der letzte Tourist fluchtartig aus dem Bilderbuchmotiv gestürmt.

Fast wünscht man sich das Brexit-Getöse zurück

Kein Fluglärm, die meisten Airlines haben den Betrieb eingestellt. Keine Sirenen, zu frei sind die Straßen, als dass Krankenwagen und Polizei das laute Geheul benötigten. Kein Stimmengewirr. Keine Besucher. Keine City-Banker, die in ihren maßgeschneiderten Anzügen dem Klischee des britischen Gentleman nacheifern. Kaum Verkehr bis auf die fast leeren roten Doppeldeckerbusse, die sich wie Überbleibsel aus der Alten Welt durch die Neue Welt quälen. Man fühlt sich plötzlich einsam in dieser Metropole. Vor dem Westminster-Palast vermisst man die Dauerprotestanten, selbst jene Frustrierten und Wütenden, die so lange für oder gegen den Brexit demonstriert haben.

Das Getöse um den Ausstieg Großbritanniens aus der EU scheint nicht nur wie eine Ewigkeit her, sondern im Vergleich auch wie eine Kleinigkeit. Der Brexit kostete Nerven, aber keine Leben. Am Trafalgar Square knipsen weder Touristen Selfies, noch spielen Straßenmusiker John Lennons Gassenhauer und Ed Sheerans Schnulzen hoch und runter. Stattdessen sitzen fünf Obdachlose zusammen und scheinen die Wärme der Sonne zu genießen. Social Distancing wegen der Ansteckungsgefahr mit dem Coronavirus? Sie lachen höhnisch auf.

"Was sollen wir machen? Wir haben kein Zuhause, in dem wir bleiben können. Um uns schert sich niemand", schimpft ein Mann mit langem Bart und tiefen Kerben im Gesicht. Er hat seit zwei Tagen nichts mehr gegessen.

In London gibt es offiziell fast 11.500 Obdachlose. Manche klingeln jetzt aus Hunger und Verzweiflung an Haustüren, bitten um Geld, um Mitleid. Wohltätigkeitsorganisationen klagen, es mangele an Spenden und Essen. Weil die Behörden oft einen Adressverlauf oder einen lokalen Kontakt fordern, um Hilfe einzuleiten, "fallen zu viele durch das Raster", sagt Matt Downie von der Organisation "Crisis".

Viele vergleichen die Krise mit Katastrophenfilmen. Doch sie ist schlimmer. Sie ist Realität.

Über alle Entwicklungen in Bezug auf das Coronavirus informieren wir Sie in unserem Live-Blog.

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