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14.01.2021

Wie sich Corona-Leugner im Netz radikalisieren

Corona-Leugner äußern sich im Netz immer aggressiver. Was braut sich da zusammen?
Bild: Fabian Sommer, dpa

Plus Sie drohen Politikern und Wissenschaftlern mit dem Tod und rufen zu Gewalt auf - Corona-Leugner äußern sich immer schärfer. Wie viel Sprengkraft steckt in der Szene?

Es ist der 7. Januar 2021. Einen Tag, nachdem in den USA gewaltbereite Trump-Anhänger das Kapitol gestürmt haben. Fünf Menschen starben dabei. Die Welt reagierte mit Entsetzen. Und Elke fragte sich, ob sich wohl auch in Deutschland Menschen fänden – „Söldner, Patrioten oder Rambos“ – die bereit wären, etwas ähnliches zu tun. Wobei, eigentlich fragt Elke nicht sich, sie schreibt die Frage in die Telegram-Gruppe „Corona-Rebellen“, die immerhin etwas über 5000 Mitglieder hat.

Und Elkes Frage stößt auf offene Ohren. Andere schließen sich ihr an, überlegen wie das funktionieren könnte, fantasieren am Ende sogar davon, den bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder zu töten. „Der Typ wird nicht gut bewacht. Alles schon in Arbeit“, schreibt Tim. Die wirklich grausamen Details sind an dieser Stelle ausgespart. Wer das liest und die Bilder aus den USA vor Augen hat, fragt sich unweigerlich: Was passiert da gerade? Entsteht auch in Deutschland in Facebookgruppen, auf Streaming-Plattformen und in Messenger-Diensten eine ähnlich gewaltbereite Szene wie es in den USA der Fall ist? Oder ist das gar schon längst passiert?

Die Corona-Pandemie ist ein Nährboden für Verschwörungsideologen

Tim, Elke und die anderen „Corona-Rebellen“ sind jedenfalls kein Einzelfall, sagt ein Mann, der sich schon seit Jahren mit dieser Szene im Internet auseinandersetzt. Er ist Teil der Aktivistengruppe „Die Insider“. Ein Zusammenschluss von Menschen, die geschlossenen Facebook- und Telegram-Gruppen von AfD-Anhängern, Rechtsextremen und Pandemie-Leugnern beitreten, um deren menschenverachtenden, grausamen und häufig rechtswidrigen Kommentare zu veröffentlichen und an die zuständigen Behörden zu melden.

Auch das, was Elke, Tim und die anderen geschrieben haben, haben "Die Insider" veröffentlicht. „Zum Teil gibt es Gruppen oder Kanäle mit Zehntausenden oder 100.000 Mitgliedern“, sagt der Aktivist. „Manche sind jetzt zum Glück gelöscht worden. Aber es entstehen immer wieder neue.“

Der Mann – nennen wir ihn Michael – möchte anonym bleiben, um nicht selbst Ziel von Hass und Hetze zu werden. Er wühlt sich schon seit Jahren durch die gedanklichen Abgründe, die AfD-Anhänger und -Politiker, deren Sympathisanten und andere rechte im Netz von sich geben. Seit März vergangenen Jahres, beschäftigen ihn zunehmend auch die Kommentare und Gruppen von Corona-Leugnern. Er sagt: „Wir versuchen, mit unseren Möglichkeiten etwas dagegen tun, dass Hass und Hetzte normal werden. Wir wollen zeigen, wie diese Menschen reden, wenn sie denken, sie sind unter sich", sagt er.

Die Attentäter von Halle und Hanau fanden im Internet Gleichgesinnte

Mit der Corona-Pandemie seien zahlreiche neue Gruppen im Netz entstanden. Doch die Inhalte seien die Gleichen wie schon davor. „Inzwischen ist es egal, ob etwas in einer Gruppe gepostet, in der es um Corona oder die Impfung geht, oder in einer Gruppe, die der AfD nahesteht", sagt er. „Die Kommentare und Reaktionen sind die Gleichen. Und oft entsetzlich." Menschen werden herabgesetzt, es wird davon fantasiert, Wissenschaftler und Politiker zu töten.

Dass solche Kommentare nicht nur Meinungsäußerungen sind, sondern brandgefährlich werden können, hat sich in jüngster Zeit mehrfach gezeigt: Stefan E., der den Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke ermordete, tauschte sich in solchen Gruppen aus – und erntet dort nach seiner Tat massiven Beifall von Rechtsextremen. Die Attentäter von Halle und Hanau waren ebenfalls im Netz aktiv und von Hasskommentaren angstachelt. „Das Problem ist, man weiß nie, wann ein Mensch solche Dinge nur sagt und wann er wirklich zur Gewalt gereift“, sagt Linda Schlegel. Sie ist Doktorandin an der Goethe-Universität in Frankfurt und forscht zum Thema Radikalisierung im Internet.

Expertin für Radikalisierung: Jeder Hasskommentar ist eine Bedrohung

Klar ist aber: Auch Attentäter, die als vermeintliche Einzeltäter Anschläge verübt haben, waren meistens in Gruppen vernetzt, in denen Hass und Hetze der normale Gesprächsstil waren. „Diese Täter haben oft Ansprechpartner im Netz, kündigen ihre Taten dort an und finden Zustimmung und Anerkennung in einer Gruppe, die ihre Weltsicht bestätigt“, sagt Schlegel. Im Netz bewege sich jeder – in einer Blase, die seine Sicht auf die Dinge bestätigt, einer sogenannten Echokammer. „Deshalb fällt es Extremisten leicht zu denken: Das sehen viele Menschen so wie ich. Gleichzeitig ist diesen Menschen aber bewusst, dass sie eine Minderheit sind. Sie drehen das nur um und sagen dann zum Beispiel: Wir sind die Elite.“

Dieser Effekt erkläre auch, warum Hasskommentare immer eine Bedrohung darstellen – selbst wenn der Schreiber vielleicht nicht zur Gewalt greifen würde. „Er kann jemand anderem das Gefühl vermitteln, dass es völlig normal, ja sogar gut ist, gewalttätig zu sein“, sagt Schlegel. Hanau, Halle, Lübcke – all diese Anschläge passierten vor dem Beginn der Corona-Pandemie. Doch wer seitdem die Corona-Demonstrationen beobachtet hat, geguckt hat, wie sich die Szene im Netz äußert, fragt sich: Hat der Ausbruch des Virus dazu geführt, dass mehr Menschen sich radikalisieren? Dass mehr Menschen anfällig sind für Hass, Hetze, Verschwörungserzählungen?

Die Journalistin Karolin Schwarz befasst sich mit der Szene der Corona-Leugner.
Bild: Britta Pedersen, dpa

Es könnte zumindest sein, sagt Karolin Schwarz. Sie ist Journalistin und beschäftigt sich seit langem mit der Verbreitung von Fake News im Netz. Im vergangenen Jahr ist ihr Buch „Hasskrieger - der neue globale Rechtsextremismus“ erschienen. Seit Ausbruch der Corona-Pandemie beobachtet Schwarz nicht nur Rechtsextreme, sondern auch das Netz aus Verschwörungserzählungen und -ideologien die rund um das Virus entstanden sind. Und die Menschen, die diese Dinge glauben. „Dazu, wie viele Menschen durch Corona an solche Verschwörungserzählungen glauben, haben wir bisher keine empirischen Daten“, sagt Schwarz. Doch auch sie hat das Gefühl, dass es mehr geworden sind. Warum?

Warum haben sich Corona-Leugner radikalisiert?

„Schon vor der Pandemie gab es in der Bevölkerung einen gewissen Anteil an Menschen, die offen waren für den Glauben an solche Verschwörungsideologien. Das wurde aber nie aktiviert“, sagt Schwarz. Das habe sich nun geändert. Denn anders als in andere Krisen zuvor, betreffen die Pandemie und ihre Auswirkungen wirklich jeden. Sie bringe immer neue Ungewissheiten mit sich und dieser unsichere Zustand daure schon recht lange an. „Das erzeugt einen ganz anderen Handlungsdruck“, sagt Schwarz.

Nur wie kann es sein, dass sich jemand, der im März lediglich unzufrieden war mit den Corona-Maßnahmen der Regierung und sich über die Schließung von Geschäften ärgerte, innerhalb weniger Monate so radikal wird, dass er zustimmt, wenn jemand Markus Söder den Tod wünscht, zur Gewalt aufruft oder rechtsextreme Inhalte teilt? Wirklich überraschend findet Karolin Schwarz das nicht. „Rechtsextreme haben schon davor versucht, zum Beispiel Impfgegner für sich zu gewinnen“, sagt sie. Zudem unterschieden sich die Verschwörungserzählungen, an die Rechtsextreme und Pandemie-Leugner glauben, häufig nicht voneinander. „Es geht um Antisemitismus – um eine jüdische Weltverschwörung, oder eine geheime Elite, die herrscht. Sie wollen die gesellschaftliche Ordnung zerstören und nach den eigenen – rechten – Vorstellungen wiederaufzubauen. Da gibt es viele Überschneidungspunkte“, sagt Schwarz.

Auch die Radikalisierungsforscherin Schlegel kann das begründen: Ein Mensch, sagt sie, radikalisiere sich nicht einfach so. „Es braucht ein Momentum – in der Forschung sprechen wir von einem cognitive openig – in dem das Weltbild des Menschen ins Wanken gerät, er mit seinen üblichen Überzeugungen nicht weiterkommt. Dann ist er offen für andere Ideologien und auch für Radikalisierung“, sagt sie. Dieses Momentum der Unsicherheit, der Punkt, an dem viele nicht weiterwissen, sei bei der Corona-Pandemie gegeben. Bleibt die Frage: Wie viel Sprengstoff steckt in der Szene?

Karolin Schwarz: Die Zeit der Verharmlosung von Corona-Leugnern ist vorbei

Harmlos seien Pandemie-Leugner nicht, sagt Karolin Schwarz. Das habe sich schon im August gezeigt. Damals hatte in Berlin eine große Demonstration gegen die Corona-Maßnahmen der Regierung stattgefunden – schon im Vorfeld war dazu aufgerufen worden, währenddessen den Reichstag zu stürmen. Und tatsächlich schafften es ein paar Menschen auf die Stufen des Parlamentsgebäudes. „Die Zeit, diese Menschen als harmlose Spinner abzutun, ist längst vorbei. Verharmlosung war schon vorher keine gute Idee und ist es jetzt erst recht nicht“, sagt Schwarz. Wie viel Gewaltpotenzial in der Szene stecke, lasse sich aber schwer beurteilen. „Es ist eine Mischszene. Die Leute glauben ja an völlig unterschiedliche Dinge. Manche sind Impfgegner, andere Anhänger der QAnon-Bewegung aus den USA, wieder andere Rechtsextreme. Es ist schwer sie als Gesamtheit zu beurteilen.“

Michael, der Mann von der Aktivisten-Gruppe „Die Insider“, hält das, was gerade im Netz passiert auch für sehr bedenklich. Die Gruppe veröffentlicht etwa zwei Mal am Tag Screenshots von den extremsten Diskussionen, die sie im Netz gefunden hat. „Die Menschen müssen merken, dass es so nicht geht“, sagt er. Und fügt an: „Aber wir könnten noch viel, viel, viel mehr veröffentlichen. Es gibt so viel Material.“

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