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Coronavirus

15.05.2020

Wir und Corona: Trotz Corona durch die Welt reisen

Rund 100 Redakteure der Augsburger Allgemeinen arbeiten aktuell von zu Hause.
Bild: Adobe Stock (Symbolbild)

Hier berichten sonst Kolleginnen und Kollegen aus der Redaktion vom Alltag in Corona-Zeiten. Heute geht es um virtuelle Reisepläne.

Freitag, 15. Mai: Reisen trotz Corona

von Sandra Liermann

Eigentlich wollte ich in diesen Tagen meinen Reiserucksack packen und mich auf den Weg gen Osten machen. Ein Roadtrip durch Albanien war geplant. Den Berg Dajti wollte ich besteigen und die Aussicht auf die Hauptstadt Tirana genießen. In den heißen Benja-Quellen baden, meine Zehen in die eiskalte Syri-i-Kalter-Quelle stecken und in einer abgelegenen Bucht im Mittelmeer schwimmen. Kleine Dörfer entdecken, die in keinem Reiseführer stehen und mich durch die lokale Küche probieren... Nun ja, mit dem Coronavirus hatte ich nicht gerechnet, als ich diese Pläne geschmiedet habe.

Doch aufgeschoben ist ja bekanntlich nicht aufgehoben und so müssen jetzt halt Alternativen her. Das Gute in Zeiten wie diesen: Um die Welt zu entdecken, brauche ich aktuell gar keinen Urlaub. Das geht hervorragend nach der Arbeit von meinem WG-Zimmer aus.

Bild: Sandra Liermann

Statt in eine Yoga-Schule nach Indien zu reisen, hole ich mir jetzt Trainerinnen und Trainer aus London, Madrid oder Rom nach Hause – Online-Kurse machen’s möglich. Als Bonus kann ich im herabschauenden Hund gleich noch meine Fremdsprachen-Kenntnisse ein wenig auffrischen. Apropos Fremdsprachen: Mein Italienisch verbessere ich gerade ebenfalls per Online-Kurs, für den ich nun zeitweise an einer US-amerikanischen Uni eingeschrieben bin. Vokabeln und Grammatik büffele ich statt in einem großen Hörsaal nun aber ganz bequem auf meinem Sofa.

Da sitze ich auch, als ich virtuell durchs Frida-Kahlo-Museum in Mexico-City oder das National Museum of Modern and Contemporary Art in Seoul schlendere. Der Kochabend in unserer Küche wird zur Reise nach Thailand – das traditionelle Nudelgericht Pad Thai schmeckt selbst gekocht mindestens genauso gut wie in einer Straßenküche in Bangkok.

Mein Wochenendausflug führt mich und einige Freunde (digital) nach Finnland, wo wir bei unserem Spieleabend per Videoanruf gemeinsam einen fiktiven Kriminalfall lösen. Im Gegensatz zum skandinavischen Norden ist es derweil bei mir daheim übrigens angenehm warm. Dank der corona-bedingten freien Zeit komme ich jetzt auch dazu, mir die Doku über Afghanistan anzusehen, die schon so lange auf meiner To-Watch-Liste steht. Ganz analog blättere ich derweil in meinem Kuba-Bildband und lese endlich das Buch, das ich auf meiner Reise in den Kosovo entdeckt habe.

Meine Reisepläne für dieses Jahr habe ich übrigens nicht komplett aufgegeben: Auf dem Programm stehen statt Albanien, Dänemark und Estland jetzt allerdings Baden-Württemberg, Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern.

Sandra Liermann ist Digitalredakteurin und wollte in diesem Jahr eigentlich ihr 43., 44. und 45. Land bereisen. Dann kam Corona.

Donnerstag, 14. Mai: Ein harter Schnitt

von Christof Paulus

Einmal im Monat habe ich ein halbes Dutzend Brüder. Von den meisten kenne ich nicht einmal den Vornamen. Mit „Hey, Bro“ begrüßen sie mich, das ist so eine Art Slang und kann auch manchmal nur „Hallo, Bruder“ heißen. Ich mache mir da nichts vor: Sie wissen auch nicht, wie ich heiße. Ehrlich gesagt, habe ich mich auch nie vorgestellt. Keine Ahnung, ob sie wissen, dass ich regelmäßig hier vorbeikomme. Aber so ist eben der Umgang in Fatih Isiklars Friseurladen in der Augsburger Wertachstraße. Ich komme gerne hier hin, die Jungs können ihr Handwerk. Jetzt aber war ich seit drei Monaten nicht mehr dort, Corona hat mich ausgesperrt. Das Virus ließ mir noch zwei Optionen: Entweder lasse ich wachsen und habe bald ein Vogelnest auf dem Kopf. Oder ich greife zu radikalen Maßnahmen.

Gleich vorab: Meiner Freundin gefällt es gar nicht. Schwester und Mutter auch nicht. Aber ich hatte schon lang mit dem Gedanken gespielt, mir die Haare raspelkurz zu schneiden. Und wenn nicht jetzt, wann dann? Homeoffice, Ausgangsbeschränkungen, Kontaktverbot: Sollte sich der Schnitt als Katastrophe für meinen Kopf herausstellen, sehen das zumindest nur Leute, die eh loyal sind. Niemand muss sich für mich schämen. Jetzt ist die Zeit, in der einschneidende Veränderungen manchmal keinen Mut brauchen. Nur einen Rasierer.

Weil während Corona Friseurläden schließen mussten, hat Volontär Christof Paulus sich die Haare einfach kurz geschnitten.
Bild: Christof Paulus

Also habe ich zuhause etwas Barbershop-Atmosphäre geschaffen, Tee gemacht und Musik von Tarkan aufgelegt. Eine halbe Stunde später waren noch sieben Millimeter Haupthaar übrig geblieben. Mir gefällt’s. Corona wird enden, Normalität zurückkommen. Meine Haare auch. Bis dahin höre ich von fast jedem, den ich nach Wochen wiedersehe: „Corona-Frisur, oder?“ Fans gibt es auch.

Mein Mitbewohner bezeichnete den neuen Schnitt als „ehrenhaft“. Man ahnt richtig: Er besucht normalerweise denselben Friseur. Und auch während Corona liegen unsere Haare in den gleichen Händen: Kurz nach meinem Radikalschnitt auf dem Kopf sollte ich ihm seine ebenfalls stutzen. Ihm gefiel es sogar, gestern hatte er bereits den zweiten Termin bei mir, seinem Friseur aus dem Zimmer nebenan.

Inzwischen haben Friseure wieder geöffnet. Ich habe erst mal keinen Bedarf und finde nicht, dass der Kontakt sein muss. Lieber Fatih, mein einziger Bruder, dessen Name ich kenne: Tut mir leid, wir sehen uns erst frühestens im Sommer wieder. Wenn meine Haare so lange sind, dass sie in den Ohren kitzeln und es mir unter dem dichten Flaum im Nacken viel zu warm wird. Du fehlst mir schon ein bisschen. Ich hoffe, ich Dir auch. Bleib gesund!

Christof Paulus ist Volontär. Er trägt normalerweise mehr Haar und weniger Bart.

Mittwoch, 13. Mai: Der Rhythmus der Nacht

Ein Protokoll von Yannick Dillinger

Es ist 2.30 Uhr: In Unterschöneberg klingelt der Wecker. Während sich die meisten Menschen in Schwaben um diese Zeit noch einmal umdrehen und weiterschlafen, ist für Pia Otto die Nacht vorbei. Seit 2007 ist das schon so. Montags bis samstags, Monat für Monat, Jahr für Jahr. Um 3 Uhr beginnt ihr Arbeitstag, der Job ruft.

Pia Otto trägt jeden Tag bis auf sonntags 140 Exemplare der Augsburger Allgemeinen sowie Briefe aus. Sie ist es, die den Menschen in Zusmarshausen-Wörleschwang die Tageszeitung in den Briefkasten steckt, bei Wind und Wetter.

Besonders im Frühjahr und Sommer mache das Austragen Spaß. Dann, wenn der Bodenfrost weg ist und sie die Scheiben nicht erst freikratzen muss. Am angenehmsten sei die Ruhe beim Arbeiten. So früh begegne ihr kaum jemand auf der Straße. Nur das Vogelgezwitscher und die Musik aus dem Autoradio zerreißen die Stille. Jetzt, während der Corona-Pandemie, sei noch weniger los auf den Straßen. Ansonsten habe sich ihr Job aber nicht verändert – Social Distancing sei morgens um 3 Uhr nicht die allergrößte Herausforderung.

Die wenigen Menschen, die sie mit gebührendem Abstand trifft, seien freundlich wie eh und je. „Das ist das, was mich am meisten begeistert: die Freundlichkeit der Abonnenten. Ich finde es toll, wie treu sie uns sind“, sagt Pia Otto. Deshalb habe sie auch „das dringende Bedürfnis, mich bei meinen Kunden zu bedanken“. Die tun das auch umgekehrt: mit kleinen Grußbotschaften auf Zetteln zum Beispiel. Zum überwiegenden Teil sind die Absender der Dankesbotschaften Menschen, denen Pia Otto schon seit 13 Jahren ihre Tageszeitung liefert.

Pia Otto ist eine von rund 2000 Menschen, die jeden Morgen so früh aufstehen, damit die etwa 170.000 Abonnenten ihre Zeitung zuverlässig und pünktlich auf dem Küchentisch liegen haben – von Nördlingen bis Neu-Ulm, von Landsberg bis Friedberg, von Donauwörth bis Wertingen. „Pia Otto steht als positives Beispiel für ihre vielen Kolleginnen und Kollegen, die mit der Zustellung unserer Zeitung dafür sorgen, dass die für alle Bürgerinnen und Bürger wichtigen Informationen bis in den letzten Winkel unseres Verbreitungsgebietes gelangen – und sich alle Mitbürgerinnen und Mitbürger ungehindert und fundiert über das aktuelle Geschehen und die neuesten Entwicklungen informieren können“, sagt Kay Helmecke, Geschäftsführer der pd.Medienlogistik GmbH. Dies sei gerade in Krisenzeiten für jeden Einzelnen von enormer Bedeutung. „Mein Dank gilt daher allen unseren Zustellerinnen und Zustellern, die sich jeden Tag für unsere Abonnenten einsetzen“, so Helmecke.

Dienstag, 12. Mai: Beim Geisterspiel allein im Oberrang

Von Michael Mang

Zu viel Nähe kann für Journalisten zum Problem werden. Auf der anderen Seite sollen wir den Politikern auf die Finger schauen – und dafür muss man extrem nahe heran. Deshalb habe ich mir einen Platz direkt am Ring gesichert und teile mir mit dem Oberstdorfer Marktgemeinderat seit über zehn Jahren einen der engsten Sitzungssäle der Republik. Zwar fehlt dort Beinfreiheit, es herrscht häufig dicke Luft und der Oppositionsführer fährt einem schon mal mit dem Stuhl gegen die Kniescheibe, wenn er das Fenster kippen will. Dafür kann man den Ratsmitgliedern buchstäblich über die Schulter schauen, kann jedes Zucken der Gesichtsmuskeln beobachten und ist so bei den meist hitzigen Debatten mittendrin statt nur dabei.

Bevor die Corona-Krise begann, hätte ich es nicht für möglich gehalten, dass mir die langen Sitzungen Woche für Woche, die oft nach 23 Uhr enden, fehlen würden. Doch es ist einfach nicht das Gleiche, alle Ratsmitglieder abzutelefonieren – wenn man sie auch live diskutieren und streiten sehen kann. Doch die letzten Sitzungen der Legislaturperiode fielen ebenso ins Wasser wie die persönlich geführten Interviews mit ausscheidenden Kommunalpolitikern und Wahlpartys, wo einem siegestrunkene Wahlgewinner endlich einmal ehrlich die Meinung sagen.

So fieberte ich der E-Mail aus dem Rathaus entgegen, die – nachdem das Gesundheitsamt grünes Licht gegeben hatte – die erste Gemeinderatssitzung nach der Corona-Pause ankündigte. Wenige Tage später machte ich mich voll desinfiziert und mit schickem Mund-Nasen-Schutz ausgestattet auf den Weg. Doch was mich in Oberstdorf erwartete, war ein völlig anderes Bild: Statt am altehrwürdigen Ratstisch tagten die 20 Gremiumsmitglieder im großen Kursaal auf der Fläche eines halben Fußballfeldes. Dort wo noch vor wenigen Monaten 1000 Zuhörer die Podiumsdiskussion mit den zwei Bürgermeisterkandidaten vor der Wahl verfolgt hatten. Für den Berichterstatter war ein einsamer Tisch mit großem Sicherheitsabstand auf der Empore aufgestellt.

Michael Mang bei der Sitzung des Marktgemeinderates Oberstdorf.
Bild: Michael Mang

Dort verbringe ich nun meine Abende – wie der letzte Zuschauer im Oberrang eines Geisterspiels. Wenn ich dort sitze und mal wieder nichts verstehe, weil ein Ratsmitglied vergessen hat, den Knopf seines Tischmikrofons zu drücken, sehne ich mich in den engen, stickigen Sitzungssaal im alten Rathaus zurück. Wenn sich das Coronavirus verzogen hat, will ich wieder auf meinen alten Platz und dann rücke ich ganz dicht heran.

Michael Mang ist Leiter der Lokalredaktion Immenstadt und verbringt viel Zeit mit dem Oberstdorfer Gemeinderat.

Montag, 11. Mai: Von Glück und Sonne geküsst

Von Tom Trilges

Ich liebe meine Mittagspausen zurzeit. Nichts gegen die netten Kollegen aus der Redaktion, aber beim besten Willen können sie den Luxus, den ich gerade erlebe, nicht ersetzen. Nach der morgendlichen Telefonkonferenz begebe ich mich an die Arbeit und warte, wann ein guter Zeitpunkt ist, um mal zu verschnaufen. Dann rufe ich aus dem Wohnzimmer Richtung Küche und frage, wie es aussieht – wenn meine Freundin es nicht schon vor mir getan hat.

20 Minuten später sitzen wir dann auf der Terrasse, hören die Vögel zwitschern und bewundern das Wachstum unserer Hecke. Ehrlich: Als das ganze mit dem Homeoffice anfing, war da gar nichts. Mittlerweile, wenige Wochen später, kann man kaum noch erkennen, wenn hinter dem dichten Grün jemand entlangläuft.

Ich bin für das Brötchen holen verantwortlich. Gemüse schneiden kann sie einfach besser. Wenn ich vom Bäcker komme, kümmere ich mich um Musik – die reicht von 80er-Kuschelrock bis zu freshen Frühlingshits von heute – und decke den Tisch. Eine fixe Aufgabenteilung ist die Basis einer funktionierenden Homeoffice-Beziehung, habe ich gelernt.

Tom Trilges genießt mit seiner Freundin die Mittagspause auf der Terrasse.
Bild: Trilges

Wenn wir dann draußen Platz genommen haben, ist zuerst das Grünzeug fällig. Für sie nach dem Motto „Darauf freue ich mich schon den ganzen Vormittag“, für mich eher nach dem Credo „Das Beste kommt zum Schluss“. Denn nach der Pflicht starte ich in die Kür – und die hat es in sich. Die liebevoll und nach stundenlangen Diskussionen auserkorenen Schinken und Salamis von unserem Fünf-Sterne-Metzger um’s Eck bringen meine Augen zum Leuchten. Ich zahle dafür extra mehr in die monatliche Haushaltskasse ein – Verzicht ausgeschlossen. Eineinhalb Semmeln belege ich so großzügig.

Danach rundet eine Hälfte mit Schokocrème diesen Teil ab und es folgt als Finale furioso ein Joghurt oder ein zuvor eingeweichtes Müsli. Ja, ich esse das nur, wenn es richtig pampig ist und ich rate jedem Genießer, das genauso zu tun!

Nach einer Stunde geht es wieder an den Arbeitsplatz, der selbstverständlich Terrassen- und Hecken blick bietet. „Gar nicht so schlecht“, denke ich oft und schreibe wenig später weiter an irgendeiner Corona-Horror-Story. Nicht falsch verstehen: Das Virus ist gerade für Senioren oder für Eltern kleiner Kinder alles andere als ein Spaß. Aber ich fühle mich daheim einfach pudelwohl. Die beste Entscheidung haben meine Freundin und ich Mitte März getroffen: Da haben wir die Terrassenmöbel in weiser Voraussicht bestellt – aus Akazienholz und mit extrem gemütlichen Polstern. So lässt es sich leben.

Tom Trilges ist Volontär an der Günter Holland Journalistenschule. Er genießt mittags die Sonne auf der Terrasse statt des AZ-Kantinen-Essens.

Sonntag, 10. Mai: Soziale Netzwerke statt Konzertsaal

von Ida König

Zugegeben, so schlecht war der Urlaub zu Hause gar nicht. Der Balkon hat eine Rundum-Erneuerung erfahren und im Garten ist endlich auch diese eine Ecke aufgeräumt, in der schon seit längerem der ausrangierte Holzkohlegrill vor sich hin rostete. Zeit für solche Projekte nehme ich mir sonst kaum. Denn den Großteil meiner Freizeit verbringe ich normalerweise mit Musik – genauer, mit einer Brass Band. Für die Urlaubstage Anfang Mai war daher ursprünglich die Reise zur Europameisterschaft der Brass Bands in Palanga, Litauen, geplant. Eine große Ehre für mein Ensemble – denn unseren Startplatz hatten wir uns mit dem Sieg der deutschen Meisterschaft erspielt.

Seit mir ein Onkel als Zehnjährige die Querflöte aus- und die Trompete eingeredet hat, kann ich mir ein Leben ohne dieses Instrument nicht mehr vorstellen. Gute Freunde habe ich über die Musik kennengelernt, mit Orchestern durfte ich Teile der Welt bereisen, die mir sonst wohl bis heute fremd geblieben wären. Heute ist vor allem die aus Großbritannien stammende Brass-Band-Musik ein wichtiger Ausgleich neben dem Beruf für mich.

Gut 30 Blechbläser und Schlagwerker machen es sich hier zum Sport, neben Bearbeitungen von Sinfonieorchester- bis Bigband-Literatur vor allem virtuose Originalkompositionen einzustudieren und sich in zahlreichen Wettbewerben zu messen. In den Wochen und Monaten vor einem solchen Ereignis wird an den meisten Wochenenden geprobt, nicht selten bis spät in den Abend hinein. Trotzdem kann ich mir kaum ein schöneres Hobby vorstellen – oder vielleicht sogar deswegen.

Bis Orchester wieder proben dürfen, wird voraussichtlich aber noch einige Zeit vergehen – von Auftritten vor Publikum ganz zu schweigen. Umso mehr freue ich mich daher momentan über Musik in den sozialen Netzwerken. Zumindest auf diese Weise lässt sich trotz Corona der Kontakt zu Gleichgesinnten aufrechterhalten. Damit bin ich offenbar nicht alleine – denn umgekehrt ist die Resonanz auf eigene Beiträge erstaunlich hoch.

Über digitale Reichweiten mache ich mir sonst in der Redaktion Gedanken, dass sie jetzt auch in meinem Privatleben auftauchen, ist Neuland. Auf der anderen Seite ist das Interesse von Musikern aus meinem Bekanntenkreis an journalistischer Arbeit so groß wie noch nie. Zu einem gewissen Grad freut mich das – aber ich bin froh, wenn wir die Corona-Zeit überstanden haben. Denn digitale Formate sind weit weg vom Gefühl eines echten Konzerts – und Reichweiten würde ich lieber mit den Kollegen bei einer Tasse Kaffee in der Büroküche diskutieren.

Ida König ist Digitalredakteurin und hofft, dass digitale Reichweiten bald wieder ausschließlich mit ihrem Beruf zu tun haben.

Freitag, 8. Mai: Packen wir's an!

Von Anika Zidar

Was bleibt im Laufe des (normalen) Alltags nicht alles liegen: Die Steuererklärung wartet auf ihre Abgabe, die Brotzeitdosensammlung im Küchenschrank will mal wieder aussortiert und die Terrasse fit für den Sommer gemacht werden. In diesem Frühjahr ist das alles kein Problem. Seit eineinhalb Monaten haben wir so viel Zeit wie lange nicht – vor allem, weil der übliche Freizeitstress zwischen Shopping-Nachmittagen, Tanzstunden und anderen Verabredungen sein jähes Ende in den Ausgangsbeschränkungen fand.

Der erste Reflex war im März ein ausgiebiger Frühjahrsputz. Die Fliesen in Küche und Bad glänzten um die Wette, auch die dicken Wälzer ganz hinten im Bücherschrank wurden komplett von Staub befreit und mit dem Fenstersauger kam endlich Omas Erbstück zum Einsatz, das bis dato ungenutzt sein Dasein im Putzmittelschrank fristete. Letzterer erfreute sich einer großen Entrümpelung – genauso wie der Kleiderschrank, aus dem einiges in die Altkleidersammlung wanderte.

Angepackt habe ich mit meinem Freund in den Tagen darauf dann die eingangs erwähnten Steuerbescheide, Küchenschrank und Terrasse. Doch irgendwann wurde die Welt in zweieinhalb Zimmern Stadt-Wohnung zu klein. Zwischen Küche und Terrasse, Dachfenster und Kellerabteil gehen die Aufgaben zwar nicht aus. Vielfältiger werden sie aber auch nicht. Also den Freund eingepackt, nichts wie raus aufs Land und zurück in mein Elternhaus. In zwei Wohnungen gibt es dort genug Platz, um sich nicht allzu nahe zu kommen. Und vor allem: einen großen Garten.

Einige Zimmer im Haus wollten wir ohnehin erneuern. Farbe war noch im Werkraum, also worauf warten? Abrücken, Abdecken, Abkleben, Streichen – als wir den Dreh einmal raus hatten, konnten wir gar nicht mehr aufhören. Fünf Zimmer waren schneller geweißelt, als wir gedacht hatten. Weil der Blick aus dem frisch gestrichenen Schlafzimmer von hässlich grau gewordenen Dachpfannen getrübt wurde, saß ich tags drauf auf dem Carport und befreite ihn vom Moos. Auch im Garten geht es jetzt erst richtig los: Der alte Geräteschuppen soll einer neuen Gartenhütte weichen und spätestens zum Sommeranfang will ich ein einigermaßen großes Planschbecken aufgebaut haben. Irgendwo muss man sich ja abkühlen, wenn Freibäder geschlossen sind und an den Seen in der Region Badeverbot herrscht.

Doch bevor ich die Familie mit noch mehr verrückten Ideen nerve, widme ich mich im Mai und Juni erst einmal der Feldarbeit. Einen alten Schulfreund, der nun Bio-Bauer ist, unterstütze ich auf seinen Äckern.

Anika Zidar ist Digitalredakteurin. In der Corona-Zeit hat sie die Anpackerin in sich entdeckt.

Donnerstag, 7. Mai: Konferenzen am Küchentisch

Von Brigitte Mellert

Vergangenes Jahr habe ich vor Beginn meines Volontariats eine Wohnung in Augsburg gesucht. Bezahlbar sollte sie sein, geschafft. Nah an der Arbeit sollte sie sein, geschafft. Balkon? Unnötig. Zu teuer, brauche ich nicht. Die meiste Zeit werde ich sowieso in der Redaktion verbringen, und die Wochenenden lieber draußen in der Natur als daheim. Und noch eins war mir klar: Ein Schreibtisch kommt mir partout nicht in die Bude – zu präsent waren die vollgequetschten WG-Zimmer aus meiner Studienzeit noch.

Außer einem kleinen Küchentisch ist in meiner Wohnung also kein Arbeitsplatz zu finden. Gemütlich, fand ich damals. Dann kam Corona. Innerhalb eines Vormittages war klar, dass wir die nächsten Wochen im Homeoffice arbeiten werden. Meinen großzügigen Arbeitsplatz mit zwei Bildschirmen und wirklich bequemen Schreibtischstuhl tauschte ich daher gegen: Laptop, Küchentisch und Holzstuhl.

Wechselnde Arbeitsplätze sind wir Volontäre in unserem zweiten Ausbildungsjahr sowieso gewohnt: Alle vier Wochen tauschen wir das Ressort – in einem Monat schreiben wir für die Wirtschaftsredaktion, im anderen basteln wir mit am Layout der Zeitung. So geht das elf Monate lang. Ich hielt mich zu diesem Zeitpunkt als Fotografin größtenteils auf den Straßen Augsburgs auf. Zum Schutz der anderen Kollegen ging ich daher schon Mitte März in Heimarbeit über. Innerhalb kürzester Zeit hieß es dann, Telefon umleiten, E-Mail-Zugang einrichten und das Netzwerk freischalten. Ich bin meinem Arbeitgeber dankbar, wie schnell er es uns ermöglicht hat, im Homeoffice arbeiten zu können. In anderen Unternehmen ist das keine Selbstverständlichkeit.

Brigitte Mellert.
Bild: Brigitte Mellert

Die neu gewonnene Zeit zu Hause brachte mich aber auch dazu, meine damals getroffenen Prioritäten bezüglich der Wohnungseinrichtung kritisch zu hinterfragen. Nach acht Stunden beginnt auch der bequemste Küchenstuhl zu schmerzen und die Sonnenstrahlen sehe ich nur durch das gekippte Fenster. Ein Balkon? Ach, das wäre jetzt doch ganz nett. Sehnsüchtig begutachte ich die Bilder auf meinem Handy, die mir Freunde und Familie aus ihren Homeoffices auf der Terrasse schicken.

Aber Not macht bekanntlich erfinderisch: So ist der Handyvertrag wegen der gestiegenen Gespräche mit dem Smartphone aufgestockt, ein zweiter Bildschirm aus der Arbeit geliehen und der Küchenstuhl gegen einen Gymnastikball ausgetauscht. Mein Rücken dankt’s. Und der Balkon? Nach Feierabend schlüpfe ich in die Laufschuhe und sauge die abendlichen Sonnenstrahlen am Flussufer auf.

Brigitte Mellert ist Volontärin und schreibt aktuell für das Politikressort. Artikel entstehen seither in der heimischen Küche.

Mittwoch, 6. Mai: Das Virus lehrt uns, Zahlen zu lesen

Von Markus Schwer

Wir sehen es nicht. Aber das Virus ist da – und nicht zu fassen. Es hat unseren Alltag derart umgekrempelt, wie wir uns das nie hätten vorstellen können. Schon immer habe ich mich für Zahlen, Statistiken, Grafiken interessiert. So beschäftigt mich die Frage: Ist Corona wenigstens in Zahlen zu fassen? Allein die Größe fordert die Vorstellungskraft. Das Virus ist winzig: 100 Nanometer, also 100 millionstel Millimeter! Aber seine zerstörerische Kraft ist riesig: Milliarden, Billionen Euro – die Zahlen von Krediten, Soforthilfen und (bald) Schulden sind kaum zu (er)fassen.

Infizierte, Erkrankte, Genesene, Tote, Verdoppelungszeit, Reproduktionszahl, Letalitätsrate – mit all diesen Parametern werden wir täglich konfrontiert, von Zahlen überschwemmt. Das ist erst mal gut so: Zahlen sind Fakten – die brauchen wir in Zeiten von Fake News und Verschwörungstheorien. Aber: Wir müssen Zahlen auch lesen (lernen).

Wie viele Menschen sind infiziert? Eine einfache Frage, von wegen! Welche Quelle ist seriös? Wer ist erfasst? Was ist mit der Dunkelziffer? Und dann: Sind es nun viele oder wenige, wenn in Deutschland 167 000 Menschen infiziert sind? Mathematisch sind es 0,2 Prozent der Bevölkerung. Da lässt sich die Frage kaum unterdrücken: Deswegen muss alles stillstehen?

Es sind also andere Zahlen, die wichtig sind: Geht es nach Neuinfizierten pro Tag? Müssten die Kranken in Kliniken der Maßstab sein? Im Fokus steht die Kurve der Infizierten. Steigt sie halbwegs stetig (also linear) oder immer steiler (also exponentiell)? Moment, wie war das in der Legende vom indischen Herrscher, der den Erfinder des Schachspiels belohnen wollte? Der erbat sich ein Reiskorn aufs erste Feld, zwei Körner aufs zweite, das Doppelte, also vier, auf das dritte Feld usw. Das Ende ist bekannt: Der König vermochte die Körner für 64 Felder nicht aufzubringen: 18,45 Trillionen Körner hätte er benötigt. Für Corona haben wir damit verstanden, warum „Flatten the Curve“, also das „Abflachen der Kurve“, so wichtig war.

Markus Schwer.
Bild: Susanne Görgner

Je mehr Zahlen da sind, desto aussagekräftiger werden sie, heißt es. Und doch ist die Frage „Wie liegt Deutschland im Vergleich?“ alles andere als einfach zu klären. Wer die Infizierten zum Tag X listen will, muss sich fragen: Stehen die Fallzahlen im Kontext zur Einwohnerzahl? Ist eingerechnet, dass die Pandemie in Italien früher und in Amerika später begonnen hat? Fragen über Fragen. Das Telefon klingelt, Anruf vom Sohn: „Du Papi, was kostet eigentlich eine Todesanzeige?“ Der Vater eines Freundes ist an Corona gestorben. Vor ein paar Wochen hatte er 60. Geburtstag gefeiert. Corona und die Zahl 1: der erste Tote, der für mich ein Gesicht hat. Zahlen – sie sind wichtig, aber nicht zu fassen.

Markus Schwer produziert am Newsdesk in Augsburg die Seiten für die Ressorts Politik und Wirtschaft.

Dienstag, 5. Mai: Übersetzerin, Ratgeberin, Kummerkasten

Von Rebekka Jakob

Es sei ihm schon ein wenig arg, jetzt anzurufen, sagt der Mann am anderen Ende der Leitung. „Sie haben ja sicher grad so viel zu tun.“ Und ein bisschen peinlich ist es ihm auch. Trotzdem hat er seinen ganzen Mut zusammengenommen und meine Telefonnummer in der Lokalredaktion gewählt, die derzeit auf mein Handy umgeleitet ist. Denn er versteht es einfach nicht. „Was ist denn das, ein Hotspot, ein Lockdown und ein Shutdown? Und was ist Triage?“ Über 80 Jahre sei er nun schon alt, aber solche Begriffe seien ihm dann doch noch nie untergekommen, meint unser Leser. Wenn seine Heimatzeitung die schon benutzt, dann sollte sie auch mal erklären, was sie bedeuten, findet er.

Finde ich auch. Also nehme ich mir eine Viertelstunde Zeit, und wir gehen die Fachbegriffe der Corona-Krise gemeinsam durch. Ungewohnt sind Anrufe wie diese für mich nicht – schließlich ist die Lokalredaktion für viele Leserinnen und Leser auch sonst nicht nur Informationsquelle, sondern auch Ratgeber und manchmal Kummerkasten.

Rebekka Jakob.
Bild: Jakob

In Zeiten wie diesen ganz besonders: von der Frage, wie man an einen Corona-Test kommt, über die Bitte, einen Aufruf an die Nachbarschaftshilfe zu starten, bis zum grundsätzlichen Frust, weil die Kinder daheim die Wände hochgehen, weil die Kita gegenüber immer noch nicht aufmachen darf.

Einziger Unterschied zu sonst: Meine Kollegen und ich beantworten Anfragen wie diese zu Hause, am Küchentisch oder in der Arbeitsecke, dem Homeoffice. Noch so ein Fremdwort, das man erklären muss.

Trotzdem sind wir gerade irgendwie noch näher an der Lebenswirklichkeit und den Sorgen unserer Leserinnen und Leser dran als sonst. Das Hausaufgabenprogramm, das die Schule benutzt, stürzt dauernd ab? Kennen wir. Endloses Warten auf das Corona-Testergebnis eines Familienmitglieds? Haben wir auch schon erlebt. Kein Klopapier im Drogeriemarkt in der Innenstadt? Wem sagen Sie das.

Als wir alle Fachbegriffe, so gut es ging, durchgegangen sind, erzählt mir unser über 80 Jahre alter Leser dann noch, wie einsam er sich durch die Corona-Einschränkungen fühlt. „Man kommt ja mit niemandem mehr zusammen zum Reden“, sagt er. Darum sei er so froh, dass der Zusteller jeden Morgen pünktlich seine Heimatzeitung in den Briefkasten steckt. „Es ist so wichtig, dass ihr uns gerade jeden Tag darüber informiert, was bei uns vor der Haustüre vor sich geht. Das macht ihr schon richtig“, sagt er zum Abschied. Als ich mich verabschiedet und aufgelegt habe, frage ich mich, wer jetzt hier eigentlich gerade wem geholfen hat.

Rebekka Jakob ist verantwortliche Redakteurin in der Lokalredaktion Illertissen. Englisch hatte sie als Leistungskurs.

Montag, 4. Mai: In der Jogginghose zur Arbeit

Von Werner Kempf

Wenn Bayern die Vorstufe zum Paradies ist, dann ist Homeoffice im Oberallgäu der Himmel auf Erden. Von der Bettkante zum Schreibtisch auf dem Balkon sind es knapp fünf Meter. Beim Hochfahren des Laptops schweift der Blick in die zum Teil noch schneebedeckten Berge.

Die milde Frühlingssonne vertreibt die Morgenfrische. Eichhörnchen schwingen sich von Ast zu Ast, Amseln bauen ein Nest. Selbst wenn der Nachbar die Idylle mit einem Plausch zu zerstören droht, genügt es, derzeit mehrmals hintereinander laut zu husten, um den Eindringling zu vertreiben.

In der Isolation gibt es keinen Dresscode, denn unbequeme Zeiten benötigen bequeme Kleidung. Die Jogginghose ist eine der wenigen Konstanten, die uns in dieser Krise durch den Alltag begleitet. Nein, Karl Lagerfeld hatte unrecht. Wer ein derartiges Kleidungsstück trage, habe die Kontrolle über sein Leben verloren, sagte der Modezar. Aber die Schlabberhose gibt uns Struktur und Halt in diesen Tagen.

Homeoffice mit Ausblick: Lokalredakteur Werner Kempf bei der Arbeit.
Bild: Kempf

Zu Hause lästert auch keiner über die Frisur, die uns in einen vorzivilisatorischen Zustand versetzt. Die Matte ist längst nicht mehr zu bändigen. Erst jetzt weiß man, was die Ehefrau mit Bad-Hair-Days meint, an denen sie schlecht gelaunt ist und das Haus nicht mehr verlässt.

Auch der Dreitage-Bart und die wild wuchernden Augenbrauen, die inzwischen jenen von Theo Waigel Konkurrenz machen, stören niemanden. Die üppig sprießenden Bartstoppeln unterstreichen die Männlichkeit und geben auch Männern ohne Eigenschaften in Krisenzeiten ein Profil.

Selbst das ständige Händewaschen und Desinfizieren des Kühlschrankgriffs und der Türklinken in der Redaktion nerven den Heimarbeiter nicht mehr.

Wahrscheinlich läuft in diesen Tagen die Sekretärin in einem weißen Schutzanzug durch die Räume. Mit Kapuze, Brille, Gasmaske und Handschuhen. Auf dem Rücken einen Kanister und in der Hand eine Sprühpistole. Mit der verteilt die Hobby-Hygienikerin hochgiftige Substanzen, während der Kollege zu Hause tief durchatmet und seine Lunge mit sauerstoffreicher und virenfreier Luft versorgt.

Doch der Tag wird kommen, an dem die Vertreibung aus dem Paradies unausweichlich ist. Dann heißt es zurück zum alten Arbeitsplatz. Deshalb der Appell an die Redaktionsleitung: Bitte keine „Öffnungsdiskussionsorgien“, vor denen ja schon die Kanzlerin gewarnt hat. Wir systemrelevanten Schreiberlinge sind am sichersten in den eigenen vier Wänden. Wir vertrauen auf Markus Söder. Der wird uns hoffentlich nicht so bald rauslassen.

Werner Kempf arbeitet in der Lokalredaktion Immenstadt. Schreiben in der Idylle, nennt er seine Tätigkeit im Homeoffice.

Sonntag, 3. Mai: Menschen hinter Masken

Von Ulrich Wagner

Eines ist klar: Ich arbeite als Fotoreporter für die Redaktion, deshalb vermisse ich natürlich die Bundesliga-Spiele des FC Augsburg, das Training, die Pressekonferenzen, den ganzen Rummel um ein Heimspiel herum sehr. Nun ist das Stadion leer, der Parkplatz ebenso, die Spieler gehen in großen Abständen wortkarg auf den abgeriegelten Trainingsplatz. Gähnende Leere, wo sich sonst die Massen tummeln. Geisterspiele könnte es in absehbarer Zeit geben, fotografisch sind die aber nicht besonders interessant.

Die Fototermine der Redaktion kommen derzeit per Mail, Whatsapp oder übers Telefon. Es fehlt der persönliche Austausch mit den Kollegen, die oft heiß diskutierte Bildauswahl am PC findet nicht statt, man ist auf sich gestellt.

Fotoredakteur Ulrich Wagner freut sich über die neue Freundlichkeit der Menschen.
Bild: Michael Winter

Aber alles Jammern hilft nichts, in meinem beruflichen Corona-Alltag haben sich auch manche Vorteile und neue Erkenntnisse ergeben. Es gibt keine Staus mehr auf der A8 und der B17 (das ändert sich aber leider gerade wieder), keine Parkplatzsuche in der Innenstadt, günstiges Benzin, reduzierten Berufsverkehr, aber vor allem sind die Begegnungen mit den Menschen anders als vor Corona.

Mit den Schutzmasken wirken alle gleich, anonym, etwas bedrohlich und gerade deshalb wieder interessant für Fotos. Hat man sich mit Menschen zum Fototermin verabredet oder spricht sie auf der Straße an, begegne ich einer neuen Freundlichkeit, einer Freude über das sich Austauschen, Reden, Jammern, Lachen in dieser kontaktarmen Zeit. Die Menschen hinter den Masken sind eine besondere Begegnung für mich. Man winkt sich zu, man hält Abstand, begrüßt sich mit den Ellenbogen, man schätzt sich glücklich, gesund zu sein, wünscht wildfremden Menschen alles Gute und viel Gesundheit.

Eine neue Nachdenklichkeit und Demut dem Leben, der Natur und der Gesundheit gegenüber ist entstanden. Das war auch dringend nötig.

Aufregend war auch vor kurzem mein Foto-Streifzug durch den Augsburger Zoo. Die Tiere, die sonst von tausenden Besuchern am Tag manchmal genervt sind, hörten mal wieder menschliche Stimmen, kamen aus ihren Behausungen, waren sichtlich interessiert, kamen ganz nah, ließen sich streicheln, ein ganz besonderer und berührender Moment. Laut Ankündigung dürfen die Zoos ja bald wieder öffnen, dann wird es für die Giraffen und Co. wieder lauter.

Bei meinen langen Spaziergängen an der Wertach kam ich zuletzt oft ins Grübeln und konnte der Krise auch etwas Positives abgewinnen. Aber natürlich sehne auch ich mich nach Normalität und der Zeit nach Corona.

Ulrich Wagner arbeitet als Bildredakteur in der Zentrale der Augsburger Allgemeinen in Augsburg. Er hat gerade viele besondere Begegnungen.

Mittwoch, 29. April: Löwenzahn statt Sonnenblumen

Von Maria Heinrich

Die Fassaden des Kolosseums bewundern, über den Petersplatz spazieren, zusehen, wie andere Touristen von der Spanischen Treppe aufgescheucht werden – und dazu, natürlich, Unmengen an Eis, Pizza und Pasta essen ... So hatten sich mein Mann und ich unseren Urlaub im April eigentlich vorgestellt. Am liebsten wollten wir ein paar Tage in Rom verbringen und dieses ganz besondere, unbeschreibliche Gefühl spüren, das einen nur an einem lauen Abend überkommt, wenn man durch diese typisch kleinen Gassen einer italienischen Stadt schlendert und an einer köstlichen Kugel Eis schleckt. Doch an Verreisen ist wegen des Coronavirus in diesen Tagen und wahrscheinlich auch in den kommenden Monaten nicht zu denken.

Jetzt haben wir zum ersten Mal erlebt, wie entspannt Urlaub zu Hause sein kann. In den vergangenen Jahren glichen Urlaubstage, die wir in der Heimat verbracht haben, häufig eher einer Abarbeitung von To-do-Listen: entfernte Verwandte abklappern, Keller ausräumen, Müll zum Wertstoffhof bringen, zum Zahnarzt. Solche unliebsamen Dinge eben, zu denen man normalerweise nicht kommt oder einfach keine Lust hat.

Maria Heinrich, Redakteurin im Ressort Bayern und Welt, verbringt ihren Urlaub in Corona-Zeiten zu Hause.
Bild: Heinrich

Die Corona-Maßnahmen haben uns zwar einen Strich durch unseren Italien-Urlaub gemacht – dafür haben uns die Ausgangsbeschränkungen ein paar wunderbare freie Tage daheim beschert, in denen wir versucht haben, ein Stück Italien nach Hause zu holen.

Zum Beispiel, als ich nach ein paar Wochen im Supermarkt ein Stückchen Hefe ergattern konnte – ich kaufe sonst nie Hefe – und wir selbst Pizza gebacken haben. Oder als wir in jedes Gericht eine extra Portion Knoblauch gemischt und neue Eissorten ausprobiert haben. Melone und Holunder waren meine Favoriten. Als wir mit unserer Hündin Emma bei langen Spaziergängen die ersten warmen Abende genossen haben. Statt Felder voller Sonnenblumen – wie man sie von Fotos aus der Toskana kennt – haben wir uns eben über die weiten Wiesen voller Löwenzahnblüten gefreut – und uns abends blödsinnigerweiße gewundert, warum unsere Hosenbeine ganz gelb verschmiert waren. Endlich war auch genug Zeit, um auf der Terrasse den „Hobbit“ und die „Herr der Ringe“-Reihe zu lesen – und sich wie jedes Jahr im Frühjahr zu ärgern, dass man sich wieder mal nicht mit Sonnenmilch eingeschmiert hat und schon ganz rot ist, nachdem man 20 Minuten in der Sonne gesessen hat – ganz wie sonst am Strand im Italien-Urlaub.

Zu Hause ist’s eben auch schön – solange man sich Zeit für sich nimmt. Und solange man gesund und zusammen ist. Das ist sowieso das Allerwichtigste, gerade in diesen Tagen der Corona-Krise.

Maria Heinrich arbeitet als Redakteurin im Ressort Bayern und Welt. Den Urlaub daheim zu verbringen, findet sie auch ganz schön.

Dienstag, 28. April: So viel wie jetzt wurde lange nicht gekocht

Von Michael Kerler

Das waren selige Zeiten. Mittags bin ich mit den Kollegen in die Kantine gegangen – nicht nur eine Gelegenheit für ein schmackhaftes Essen, sondern gleichzeitig für einen Plausch. Die Kinder wiederum haben im Kindergarten oder bei Großeltern gespeist, abends kam die Familie dann wieder zusammen. Seit der Corona-Epidemie ist das erst einmal Vergangenheit. Durch die Kantine in unserem Unternehmen ziehen sich rot-weiße-Absperrbänder, den größten Teil meiner Arbeitszeit verbringe ich im Homeoffice, der Kindergarten ist zu. Das Virus hat das Leben in kürzester Zeit geändert. Und doch gibt es eine Konstante: Jeden Mittag ist da eine vierköpfige Familie, deren Mägen knurren. Die Epidemie hat dazu geführt, dass wir wieder gelernt haben zu kochen.

Michael Kerler besitzt neun Kochtöpfe - die jetzt wieder häufiger zum Einsatz kommen.
Bild: Kerler

So viel wie in Corona-Zeiten ist lange nicht mehr daheim gebraten, gebacken und frittiert worden. Für die gestandene schwäbische Hausfrau ist das alles nicht neu. Ich aber lerne jeden Tag hinzu. Ohne Corona-Krise wären Jahre vergangen, bis ich einen Schweinebraten fabriziert hätte. Jetzt wanderte kürzlich ein Stück Schweinerücken ins Rohr, dazu Karotten, Sellerie, Lauch, auf dem Herd garten Kartoffelknödel. Und der Koch saß zwei Stunden vor dem Ofen, um zu beobachten, wie sich die Kruste entwickelt. Derart gebannt habe ich früher höchstens Tim Mälzers TV-Kochduell "Kitchen impossible" verfolgt. Das war an einem Wochenende. An Grenzen stößt das Ganze, wenn unter der Woche die Mittagspause nur eine Stunde dauert. In solch einer Stunde kann man locker in die Kantine gehen. Wer aber im Homeoffice kochen will, muss sich sputen. Bei uns zuhause gab es zuletzt Blitz-Spaghetti (schmeckt jedem), Fisch (schnell durch), Pfannkuchen (leicht zu machen) oder Himbeer-Hirsotto, das wie Milchreis funktioniert, nur mit Hirse (ein Hit bei Kleinkindern). So fühlt man sich an manchen Tagen halb als Journalist, halb als Koch. Interessant wird es nur, wenn der Anruf des Finanz-Experten für den morgigen Bericht ebenfalls mittags kommt und der Blick bereits über das Kochbuch wandert. "Ah, die Corona-Krise trifft die Wirtschaft stärker als die Finanzkrise... Schlagen Sie drei Eier auf und rühren diese ein, bis ein zäher, dickflüssiger Teig entsteht." Gut ist es deshalb für die Texte, dass auch meine Frau häufig und gerne kocht und mir spätestens dann den Kochlöffel aus der Hand nimmt. Mittlerweile haben wir einige Routine entwickelt und können für Abwechslung am Tisch sorgen. Gerade beim Vierjährigen zeichnen sich jedoch Favoriten ab: Mehr Schnitzel, weniger Kartoffelsalat, mehr Pudding.

Ah ja, und noch eine Konstante gibt es leider: den Abwasch am Abend.

Michael Kerler arbeitet als Redakteur im Ressort Politik und Wirtschaft. Er besitzt neun Kochtöpfe.

Montag, 27. April: Bis aufs Blut

Von Stefan Lange

Die letzten Wochen hat sich Berlin von seiner besseren Seite gezeigt. Der tägliche Weg mit dem Rad ins Büro war ein Vergnügen, denn die Straßen waren ziemlich leer. Seit wieder mehr Geschäfte öffnen dürfen – in Berlin waren Buchläden und einige andere Läden, die in anderen Bundesländern schließen mussten, übrigens nie zu – ist es allerdings vorbei mit der Herrlichkeit. Radfahren in der Hauptstadt ist wieder gefährlich.

Angesichts der Zustände möchte man den französischen Präsidenten Emmanuel Macron einladen und ihm zeigen, was "Krieg" in Friedenszeiten wirklich bedeutet. Der Kampf gegen Corona ist es jedenfalls nicht, es ist vielmehr die bis aufs Blut ausgetragene Auseinandersetzung zwischen Radfahrern und den Möchtegern-Schumis, die mit der sukzessiven Aufhebung von Corona-Regeln endlich wieder Gegner auf der Straße haben. Die Polizei greift kaum ein, sie sitzt in den Mannschaftswagen und kontrolliert im Vorbeifahren die Kontaktbeschränkungen. Klingt übertrieben? Von wegen. Parallel zur erweiterten Ladenöffnung stieg die Zahl der Verkehrsdelikte, zwei Radfahrerinnen wurden bei Unfällen schwer verletzt. Alles an nur einem Tag.

Stefan Lange ist Berliner Büroleiter. Seine Frisur sieht nicht nur zu Corona-Zeiten so aus.
Bild: Stefan Lange

Wenn ich es lebend, ohne Beschimpfungen und allzu viele Stinkefinger bis zum Reichstagsgebäude geschafft habe, droht dort das nächste Corona-Ungemach. Maske tragen ginge nicht, selbst wenn ich es wollte. Denn die Polizei will meinen Bundestagsausweis sehen, damit ich zum nicht mehr weit entfernten Büro die Abkürzung über den abgesperrten Vorplatz nehmen kann. Zum Ausweis gehört aber bekanntlich auch ein Gesichtsabgleich. Mit Maske geht das nicht, mit Maske komme ich auch nicht durch die Sicherheitskontrollen im Reichstagsgebäude. Wobei mir einige Beamte auch schon freundlich mitgeteilt haben, dass angesichts meiner Locken ein Haarabgleich völlig ausreichend sei.

Richtig haarig wird es in ein paar Tagen, wenn die Kundgebungen in der Walpurgisnacht sowie am 1. Mai anstehen. Der schwarze Block freut sich jetzt schon auf die seit Jahren erstmals wieder legale Möglichkeit, vermummt aufzutreten. Demos sind wegen Corona zwar verboten, aber darum wird sich Berlin kaum scheren, die linksautonome Szene schon gar nicht. Sie hat Massenaktionen angekündigt, die Polizei bereitet sich bereits "intensiv vor", wie ein Sprecher sagte. Nicht ausgeschlossen, dass Steine fliegen und Blut fließt. So wie früher, als noch regelmäßig die Barrikaden brannten und man als Journalist bis zum Morgengrauen um die Blocks getrieben wurde. Die Berichterstattung jedenfalls wird wieder gefährlich. Obwohl – schlimmer als Radfahren ist es nun auch wieder nicht.

Stefan Lange leitet das Hauptstadtbüro der Augsburger Allgemeinen in Berlin.

Sonntag, 26. April: Nicht ohne meine Nachbarn

Von Ute Krogull

Noch nie musste ich so oft die Frage beantworten, wie es mir geht. Gesund: Ja! Einsam: Nein! Damit die Menschen mir das mit der Nicht-Einsamkeit auch glauben, spule ich Erklärungen ab: dass ich im Job viel telefoniere. Dass ich eh viel Ruhe brauche. Und irgendwann fällt immer der Satz: "Und dann habe ich ja noch meine Nachbarn." Was man an denen hat, merkt man jetzt erst so richtig. Wir wohnen in einem Sechs-Parteien-Haus, "Eichhörnchenhaus" genannt, und ich fand schon vor Corona, dass wir etwas Besonderes sind. Nicht nur jeder für sich, sondern als Gemeinschaft, einfach nett. Wir singen zwar abends nicht zusammen von den Balkonen, dafür trinken wir da morgens zusammen Kaffee oder abends Wein.

Ute Krogull auf ihrem Balkon.
Bild: Daniel Massierer

Unsere WhatsApp-Gruppe hilft in jeder alten und neuen Notlage. Früher konnte ich reinschreiben, wenn mir nach Ladenschluss eine Kochzutat gefehlt hat. Zwei Minuten später hatte ich den Ingwer – und meine Nachbarin einen Tag darauf ein Glas Chutney vor der Tür. Als fast alle Läden geschlossen wurden, musste ich um Hilfe bitten, als meine Telefonakkus am ersten Tag des Homeoffice fanden, sie seien jetzt wirklich zu altersschwach, um sich noch aufladen zu lassen. Der Nachbarin brach die Nähmaschinennadel beim Maskennähen ab – die der alten Nähmaschine meiner Oma im Keller passt. Weil viele von zu Hause aus arbeiten, sieht man sich öfter kurz in der Mittagspause beim Müllraustragen; vom Fenster aus geht der Blick auf den Hof, der wechselweise als Spielplatz, Turnraum, Sonnenstudio, Kreidemalatelier und Leseecke genutzt wird. Das verbindet, obwohl jeder für sich lebt; es ist weniger Mietshaus, mehr WG. Von Balkon zu Balkon ist immer Zeit für ein Schwätzchen über die kleinen Themen des Alltags: Hat der Supermarkt im Viertel Klopapier (meistens nicht)? Ist an der Wertach sehr viel los (eigentlich immer)? Aus der Abschottung, in die man im Homeoffice trotz aller Telefonate schon mal verfallen kann, schreckt mich das Klingeln der Nachbarskinder auf, die Blumen–erde brauchen.

All das bringt ganz beiläufig ein Stück Normalität und Abwechslung in den Corona-Alltagstrott. Das perfekte Nähe-Distanz-Verhältnis, räumlich und menschlich. "Standby Community" nennt man das, hat mir einmal ein Soziologe erklärt. Ich glaube, das wird etwas sein, das uns nach Corona bleibt, weil es stimmt: Zusammen ist man weniger allein.

Meine Kollegin meinte über diesen Bericht etwas neidisch zu mir: Schönes Thema, sie hätte nicht so tolle Nachbarn. Nur solche, die laut Techno hören. Ich erinnere mich dunkel. So einen hatten wir auch mal. Nicht lange. Wir sind eine nette Gemeinschaft.

Ute Krogull ist stellvertretende Redaktionsleiterin in Friedberg und Hobby-Balkongärtnerin.

Freitag, 24. April: Der Weg ist das Ziel

Von Dominic Wimmer

Wo ist nur seine Ausdauer hin? Der Akku meines Smartphones ist dermaßen schwach auf der Brust. An einem Arbeitstag im Homeoffice gehen zwei Ladungen drauf. Denn Recherche vom Wohnzimmertisch aus und zig Telefonate jeden Tag mit den Kollegen der Lokalredaktion Landsberg und mit Augsburg saugen am Akku wie Graf Dracula an seinem Opfer. Aber der Austausch funktioniert auch über andere Plattformen wie das Portal "Slack" – das schont den Akku zumindest ein bisschen.

Exponentiell dazu nimmt meine Ausdauer in diesen Tagen spürbar zu. Mein Triathlon-Training läuft trotz Corona-Krise und Homeoffice-Alltag auf vollen Touren. Und obwohl das traditionelle Oster-Radtrainingslager in der Emiglia-Romana schon vor Wochen geplatzt ist, klappt das Training dahoam außerordentlich gut. Zumindest das Radfahren und das Laufen. Schwimmen fällt flach. Die letzte Einheit war am Freitag, 13. März. Böses Omen? Schon da verabschiedete ich mich vom Schwimmmeister mit den Worten "Bis irgendwann mal". Drei Tage später kam die Ausgangsbeschränkung – Restaurants, Discos, Kinos, Theater, Museen, Freizeiteinrichtungen inklusive Schwimmbäder wurden geschlossen.

Die Alternative zum Schwimmen: Kraft- und Athletiktraining. Für jede Woche packt der Coach drei bis vier Einheiten in den Wochenplan, zusätzlich zu den zehn bis 15 Stunden Rad- und Lauftraining. Und bei den Squats, Push-Ups und anderen Übungen auf der Matte macht auch die Frau mit. Das Motto: Gemeinsam fit durch die Krise, oder Neudeutsch: Parshipgoals, Beziehungsziele. Das schweißt noch mehr zusammen. Und unser acht Monate alter Sohn Louis Alfred baut auch gerade ordentlich Ausdauer und Power auf. Im Krabbelsprint geht es durchs Wohnzimmer von der Couch zum Tisch, zum Fernseher, zur Stehlampe und zurück. Ladekabel von Laptop und Smartphone sind nicht mehr sicher.

Aber ob der Papa dieses Jahr ein einziges Mal zum Zielsprint ansetzen kann? Dass dieses Jahr in Bayern oder im EU-Ausland auch nur ein Triathlon-Wettkampf stattfindet, gilt als sehr unwahrscheinlich. Bis zu meinem eigentlichen Saisonhighlight, dem Ironman Austria, sind es ab heute noch 70 Tage.

Zumindest im Kopf dient das Renndatum als Motivationsstütze und die Vorbereitung läuft ganz normal weiter. Denn: der Weg ist das Ziel und Ausdauer müssen wir gerade alle an den Tag legen. Und das Training hilft mental durch die Krise. Selbst wenn es ein 2020 ohne einziges Rennen wird, sollte immerhin die Strandfigur passen.

Dominic Wimmer ist stellvertretender Leiter der Redaktion Landsberg. 2019 wurde er oberbayerischer Triathlon-Meister in seiner Altersklasse.

Donnerstag, 23. April: Versuchte Selbstironie

Von Peter Bauer

"Merkwürdige Zeiten": Davon sprechen derzeit sehr viele. Geradezu ein Spiegelbild dieser "merkwürdigen Zeiten" – das ist auch eine Zeitungsseite, die vor einigen Tagen in unserer Ausgabe in Krumbach erschienen ist. Oben der Bericht über eine 37-jährige Frau, die chronisch lungenkrank ist, jetzt gehört sie zur sogenannten "Hochrisikogruppe". Unten eine Todesanzeige. Ein Krumbacher gestorben, 84 Jahre alt. Dann heißt es: "Die Beerdigung findet aus aktuellem Anlass im engsten Familienkreis statt."

Der "aktuelle Anlass" – das ist unser gegenwärtiger Alltag. Dieser Alltag lässt auf eine mitunter bizarre Weise selbst der Trauer nur noch wenig Raum. Der 84-jährige Krumbacher stammte aus dem Sudetenland, er verlor 1945 seine Heimat. Während er nach Schwaben kam, verschlug es seine Familie in die sowjetische Besatzungszone, hinter den "Eisernen Vorhang". Unter geradezu abenteuerlichen Umständen gelang es dem damals jungen Mann, seine Familie in den Westen zu bringen. Diese Geschichte hat er uns erzählt, er war einer der "Zeitzeugen", mit dem ich immer wieder über die Kriegs- und Nachkriegszeit gesprochen habe.

Peter Bauer mit Büchern über den Zweiten Weltkrieg.

Jetzt, in diesen Apriltagen, richten sich die Blicke vieler Redaktionen wieder auf die Geschehnisse im Jahr 1945. 75 Jahre ist das jetzt schon her. Kein Zweifel, bei Rückblicken dieser Art schlich sich in den letzten Jahren irgendwie bisweilen auch eine Art redaktionelle Routine ein. Das ist diesmal ganz anders. So mancher "Zeitzeuge", der die tief greifenden Umbrüche der Kriegs- und Nachkriegszeit erlebt hat, wird jetzt noch einmal von einer Weltkrise geradezu eingeholt. Viele der noch Lebenden, oft über 90 Jahre alt, tun sich schwer, all das einzuordnen. Aber viele der von uns Befragten leben nicht mehr.

Immer wieder erinnere ich mich in diesen Tagen auch an einen Krumbacher Künstler, der aus Magdeburg stammte. 1939 war er bei den ersten Soldaten dabei, die in den Krieg mussten. Er überlebte sechs Jahre Krieg (die meiste Zeit an der Ostfront) und vier Jahre sowjetische Gefangenschaft. Als er nach Magdeburg zurückkehrte, waren seine Eltern nicht mehr am Leben. Er floh in den Westen, kam irgendwann nach Krumbach, arbeitete als Designer und Kunstlehrer. Wenn er über all das erzählte, dann geschah dies meist in einer geradezu nüchternen Distanz gegenüber sich selbst. Mitunter auch begleitet von einer humorvollen und gleichermaßen beeindruckenden Selbstironie.

Ja, die Selbstironie. Ich spüre, dass mir die viel gelobte Selbstironie gerade gar nicht so leicht fällt. Aber jetzt steht wieder der Rückblick an auf die Zeit vor 75 Jahren. Und da ist auch der Vorsatz, es mit der Selbstironie doch öfter zu versuchen.

Peter Bauer ist Leiter der Lokalredaktion in Krumbach.

Mittwoch, 22. April: Hotel Papa

Von Rudi Wais

Katja, unsere Große, hat aus der Not eine Tugend gemacht. Als klar ist, dass auch in der Schweiz die Universitäten lange geschlossen bleiben, leert sie ihren Kühlschrank, packt einen Koffer, setzt sich ins Auto und fährt los. Wozu in einer kleinen Ein-Zimmer-Bude ohne Balkon über der Promotion sitzen, wo die Eltern doch ein großes Haus mit Garten haben? Für die Videokonferenzen mit ihrem Professor muss sie nicht in Zürich sitzen, in unserer kleinen Siedlung in Diedorf bei Augsburg ist das Internet fast so schnell wie dort. Und das Wort Homeoffice bekommt so doppelte Bedeutung: Katja arbeitet nicht nur von zu Hause aus, sie ist auch zu Hause – bei uns.

In einem Alter, in dem die Kinder gerade ausziehen oder längst ausgezogen sind, verlängert die Corona-Krise für uns Eltern die gemeinsame Familienzeit um ein paar wertvolle Wochen. Die Große, die schon vor ein paar Jahren ausgeflogen ist, sitzt plötzlich wieder mit am Frühstückstisch. Benny, unser Zweiter, wollte in dieser Woche eigentlich nach München ziehen, um dort seinen Master zu machen – da Vorlesungen und Seminare aber nur online stattfinden, hat er die Zimmersuche fürs erste eingestellt und studiert von zu Hause aus weiter. Und Oliver, der Kleine, muss keine Sorge mehr haben, es könnte ihm langweilig werden, wenn er als einziges Kind noch bei seinen allmählich ergrauenden Eltern wohnt. Als Student im zweiten Semester ist das Hotel Mama - oder Papa - ja so oder so die bequemste Lösung.

Rudi Wais und seine Familie.
Bild: Wais

Unverhofft, heißt es, kommt oft, und so sitzen Vater, Mutter und drei Kinder im fortgeschrittenen Alter von 24, 22 und 19 Jahren nach dem Abendessen nun wieder wie früher um ein Brettspiel namens Dog, einer Art Mensch-Ärgere-Dich-nicht für Ambitionierte. Wir radeln gemeinsam durch die Stauden oder suchen gemeinsam nach neuen Netflix-Serien. Aktueller Favorit: Fauda, ein packender Mehrteiler über den Kampf einer israelischen Anti-Terroreinheit gegen die islamistische Hamas.

Nicht jedem von uns gefällt das gleichermaßen, nicht jeder von uns geht gleich gelassen mit dem Gefühl des Eingesperrtseins um, aber selbst wenn der eine oder die andere sich mal für ein paar Stunden zurückzieht, so trifft sich fast jeden Abend kurz vor Mitternacht die ganze Sippe noch einmal wie zufällig im Wohnzimmer, gerne auch auf einen kleinen Schnaps vor dem Schlafengehen. Momente besonderer Vertrautheit sind das, die wir ohne Corona so vermutlich nicht hätten oder jedenfalls nicht mehr so häufig. Gemeinsam, als Familie, erträgt sich eben auch die staatlich verordnete Abgeschiedenheit leichter.

Nur eine Frage beschäftigt uns noch: Hält das WLAN auch, wenn alle fünf gleichzeitig im Homeoffice arbeiten?

Rudi Wais ist Mitglied der Chefredaktion und Vater von drei Kindern.

Dienstag, 21. April: Bitte küss mich, liebe Muse

Von Andreas Kornes

Herrlich. Diese Stille. Um das kleine Holzhäuschen mit den Bambusröhren summen Mauerbienen herum. Ein perfektes Projekt für lange Tage zu Hause. Sehr entspannend. Die Mauerbienen kümmern sich um sich selbst. Man muss ihnen nur zuschauen. Eine Amsel zwitschert. Der Nachbar links unten mäht den Rasen. Im Halbschatten des Balkons steht ein Tisch mit Laptop drauf, daneben ein paar Stühle. Homeoffice, wie herrlich. Liebliche Muse, küss mich. Ich bin bereit. Fertig, ruft das Kind. Fügen Sie jetzt in Gedanken eine mindestens dreistellige Anzahl kleiner "e" in das fertig ein, um zu verstehen, wie das Wort vorgetragen wird. Das Kind ist dreieinhalb Jahre alt und mit einem pavarottischen Stimmvolumen gesegnet. Fertig. Widerspruch zwecklos. Auf Speichern geklickt. Sprint ins Bad. Dort sitzt der Nachwuchs auf der Schüssel. Glasige Augen, roter Kopf. Wer Kinder hat, weiß, was nun zu tun ist. Allen anderen seien die Einzelheiten erspart. Der kluge Gedanke, der gerade eben noch im hintersten Hinterkopf Gestalt annahm, ist weg.

Drüben im Arbeitszimmer sitzt die Mutter des Kindes. Telefonkonferenz mit den Kollegen. Normalerweise wechseln wir uns im Homeoffice ab. Klappt meistens. Nicht immer. Die Telefonkonferenz ist zu Ende. Das Kind wandert zurück in die Obhut seiner Mutter. Herrlich, diese Stille. Die Mauerbienen summen. Die Amsel zwitschert. Der Nachbar mäht. Auf dem Laptop gähnt die Leere eines Artikels, der geschrieben werden will. Soll. Muss. Raum für Notizen sind in der Zeitung nicht Teil des Gesamtkonzeptes. Ein Filterkaffee soll die verschreckte Muse anlocken.

Sportredakteur Andreas Kornes im Homeoffice.
Bild: Kornes

Die Sonne wandert und scheint in den Laptop. Die kleinen Mistviecher summen. Die Amsel gibt mit ihren Freunden ein Konzert und der Nachbar mäht jeden Grashalm einzeln. Das Laptop wandert ins Arbeitszimmer. Fenster zu, Türe zu. Stille. Endlich. Erst einmal den Kollegen anrufen und den Eindruck erwecken, man habe eine wichtige Frage. Dann ein bisschen parlieren über diese Pandemie, die uns alle in die eigenen vier Wände zwingt. Es tut gut zu hören, wie es dem dabei ergeht, der drei Kinder um sich schart. Jammern hat noch nie geschadet.

Drei Kontrollbesuche einer Dreijährigen später ist es früher Abend geworden. Die Seiten im Sportteil sind gefüllt. Raus auf den Balkon. Der Rasen ist gemäht. Die Amseln schweigen. Wieder ein Tag geschafft. Söder hat das Oktoberfest abgesagt. Dieses Virus ist ein harter Gegner. Fast so hart wie eine Dreijährige, die noch eine Runde Memory spielen will. Mir wird diese Pandemie als die Zeit in Erinnerung bleiben, in der ich das letzte Mal gegen meine Tochter gewonnen habe.

Andreas Kornes ist Mitglied der Sportredaktion und teilt seinen Balkon mit fleißigen Mauerbienen.

Montag, 20. April: Ich hab’ jetzt ein Naturstudium

Von Sarah Ritschel

Wie von heute auf morgen alles blüht! Und dann die Bäume: Gestern hingen da doch noch diese spinnenarm-ähnlichen Äste vor dem grauen Himmel. Jetzt auf einmal so viel Grün – ein Wunder, wirklich!

So war das in den vergangenen Jahren mit mir und der Natur. Irgendwann blickte ich in das – für eine Stadtwohnung erstaunlich üppige – Stück Park vor dem Balkon. Und wo eben noch graubraune Dürre war: Frühling, ja er ist’s.

Dieses Jahr sehe ich jedes Blatt einzeln sprießen und meinte kürzlich sogar, auf den Tag genau bestimmen zu können, wann welcher Vogel aus seinem Winterquartier zurückgekehrt ist. Ein bisschen vermessen nach einem Monat privaten Ornithologiestudiums. Aber doch erweitere ich mein naturkundliches Wissen fast rund um die Uhr. Ich registriere, dass der Sanddorn blüht. Beim Aufwachen analysiere ich den Gesang der Vögel – Zilpzalp, Kohlmeise, Specht auch wieder da –, am Schreibtisch im Homeoffice sitze ich neben der Balkontür und freue mich, wenn die Amsel mit ihren gelben Augenringen auf dem Geländer sitzt.

Beruflich bringt mir das leider überhaupt nichts. Ich schreibe vor allem über Bildung. Gut, dass die Frage, wann und wie die Schulen wieder öffnen, meinen naturnahen Arbeitsplatz mit Notizzetteln füllt und so viel Stoff zum Berichten bietet. Sonst würde ich noch viel öfter den Vögeln hinterhersehen, die es gerade so schön haben wie selten, und noch viel häufiger ein bisschen melancholisch werden. Das passiert ja recht schnell in diesen Zeiten.

War ich in den vergangenen Jahren wirklich so ignorant, all das nicht wahrzunehmen? Oder holen sich tatsächlich Tiere die Städte zurück, weil kaum jemand auf der Straße ist? Nein, ich habe noch keinen Fuchs auf den gepflasterten Fußwegen im Park gesehen, keinen Wolf und erst recht keine Löwen, wie sie jetzt im Krüger-Nationalpark auf den unbefahrenen Straßen liegen. Dann müsste ich mir auch ernsthaft Sorgen machen, ob ich gerade wirklich nur ein bisschen melancholisch bin. Aber ich weiß jetzt, dass nebenan im Park Fledermäuse leben – nach drei Jahren, die ich nun schon in dieser Wohnung verbringe.

Man liest gerade immer wieder, dass die Verklärung der Natur etwas Psychologisches ist, wenn nun einmal nur sie einem bleibt. Und dass man sich auf die kleinen Freuden besinnt, wenn die großen einem fehlen. Küchenpsychologie eben. Dafür braucht es kein Studium.

Ich habe Wichtigeres zu tun: Muss nämlich checken, ob die neue Mundschutzpflicht in Bayern auch für Schulen gilt – und endlich herausfinden, welcher Vogel draußen wie eine verstimmte Querflöte trillert.

Sarah Ritschel schreibt vor allem über Schule – und merkt privat immer wieder selbst, was es alles zu lernen gibt.

Sonntag, 19. April: Fortbildung an der Platte

Von Tilmann Mehl

Häufiger an Sportjournalisten gerichteter Vorwurf: Ihr habt gar keine Ahnung, über was ihr da berichtet. Stimmt. Die wenigsten von uns haben sich von Skisprung-Schanzen gestürzt oder waren in der Lage, die 100 Meter unter zehn Sekunden zu sprinten. Bislang. Die Vorhaltungen gegenüber der Sportjournaille entbehren freilich nicht einer gewissen Ungerechtigkeit. Denn welcher Politik-Kommentator muss sich schon anhören, ihm fehle der notwendige Einblick, weil er ja noch nie Parteivorsitzender der SPD gewesen sei? Wirtschaftsreportern ist die Vorhaltung fremd, sie sollen erst mal ein DAX-Unternehmen leiten, ehe sie über Bullen und Bären berichten.

Sportreporter sind die besseren Journalisten. Probleme gibt es nicht, nur Herausforderungen. Coronare Zeiten ermöglichen es, an Schwächen zu arbeiten. Möge keiner mehr sagen können, man hätte keine Ahnung. Mögen andere aus Gründen der Selbstverwirklichung lernen, fließend Mandarin zu sprechen oder sich die sonnenanbetende, tote Katze yogastisch perfekt aneignen: Sportreporter bilden sich sportlich weiter. Zeit ist kein limitierender Faktor. Statt 100 Minuten täglich auf der Autobahn zu verbringen (der Autor dieser Zeilen wohnt zwischen Landsberg und München), sind es nun noch 20 Sekunden vom Arbeitsplatz zur Tischtennisplatte im Garten. Keine Blödeleien mit den Kollegen nach dem Mittagessen, stattdessen spektakuläre Ballwechsel mit dem Elfjährigen. Erfahrung gegen aufkommende Genialität (glaubt der Elfjährige). Erfahrung behält die Oberhand. Keine Niederlage im eigenen Garten bislang. Gegen keinen Chinesen, keinen Timo Boll. Wer hat nun keine Ahnung?

Tilmann Mehl bildet sich als Sportreporter weiter.
Bild: Mehl

Sind nach der Mittagspause die letzten unwissenden Zeilen getippt: Basketball statt A8. Freiwürfe auf den an der Scheune viel zu hoch angebrachten Korb. Gedanklich immer ein minimaler Rückstand 0,8 Sekunden vor der Schlusssirene. Statt Jordan-Trikot ein leider figurbetonendes T-Shirt. Ganz schön eingegangen in letzter Zeit. Kurzfassung: Die Chicago Bulls hätte mit mir an der Freiwurflinie keine sechs Meisterschaften gefeiert.

Weitere Sportfortbildungen:

  • Episches Elfmeterschießen (aus sieben Metern) gegen den Elfjährigen (samt Handgelenkstauchung des Kindes nach einem fulminanten Trickschuss des Vaters).
  • Morgendliche Tour mitsamt dem Achtjährigen über den See. Sohn übernimmt das Paddel, ich die Verantwortung.
  • Hindernisreiten auf Sabrina, dem ansonsten stoischen Holzpferd im Garten. Die Fünfjährige hat einen enormen Erfahrungsvorsprung und deutlich mehr Talent. Keine Chance. Aber immerhin nun den Hauch einer Ahnung.

Tilmann Mehl berichtet hauptsächlich über Fußball. Spielt er selbst, dann eher mit Auge als mit Bewegung.

Donnerstag, 16. April: Das Büro wird zum Familien-Yoga-Zimmer

Von Christina Heller

Es ist ziemlich genau einen Monat her. Der Montag, an dem in Bayern zum ersten Mal alle Kindergärten und Schulen geschlossen blieben, und sich alle fragten: Was kommt da noch auf uns zu? An diesem Montagabend vibriert mein Handy. Eine SMS von Debby, wie ich sie hier mal nennen möchte. Debby ist Yogalehrerin. Nicht meine, sondern die meiner Eltern. Meine Schwester und ich haben ihnen den Kurs geschenkt. Seither erreichen mich hin und wieder Nachrichten von Debby. So auch an jenem Tag. Debby teilt mit, dass sie bis auf Weiteres ihre Klassen absagen muss. Aber sie wirkt deshalb nicht verunsichert. Im Gegenteil.

In ihrer Nachricht schreibt sie: "Ich werde mich eine Zeit zurückziehen, um mehr mit mir, bei mir und im vertrauensvollen Austausch mit dem Universum zu sein." Eine Art Retreat für die Seele. Ihr Schüler sollten es ihr gleich tun. Dann sendet sie jedes Stern- und Herz-Emoji, das die Tastatur her gibt.

Ziemlich esoterisch, denke ich. Und dennoch bringt sie mich auf eine Idee. Wenn die Yoga-Kurse ausfallen, warum probieren wir es als Familie nicht mal gemeinsam aus – via Videotelefonie und mit Lehrerin aus dem Internet? Der Rest der Familie ist schnell für die Idee begeistert. Und gleichzeitig denken wir uns: Das kann ja was werden.

Bild: Christina Heller

Zuletzt haben wir uns alle vor mehr als zehn Jahren auf Skype getroffen. Damals war ich etwa 15.000 Kilometer von daheim entfernt – ähnlich weit wie die damalige Technik von ihrem heutigen Stand. Skypen ging nur mit einer Webcam, die man sich extra auf den Computerbildschirm klemmen musste. Folge: Ich sah von meinen Eltern wahlweise die Nasenspitzen oder die Hände. Selten ihre Gesichter und wenn dann nicht beide gemeinsam. Ob das nun besser würde?

Seit jener SMS ist unser Tele-Yoga schon zu einer kleinen Tradition geworden. Jedes Wochenende wird mein Büro deshalb für eine Stunde zum Familien-Yoga-Zimmer. Wir vier versammeln uns über Skype und turnen gemeinsam nach, was eine Internet-Yogalehrerin vormacht. Manchmal ist das vielleicht nicht ganz so meditativ. Etwa wenn jemand während einer Rückenübung begleitet von "Huuiiii, ups"-Rufen aus dem Bild kullert – und alle lachen müssen. Oder wenn plötzlich aus dem Off ein "Das andere rechts" ertönt.

Aber die Zeit ist immer schön. Wir hören und sehen (sogar die Gesichter) uns und plaudern meist noch etwas weiter. Das ist lustig und irgendwie näher als das sonstige sonntägliche Telefonat. Debby würde vielleicht etwas sagen: "Ihr nutzet die wundervollen Möglichkeiten des Universums zum vertrauensvollen Austausch." In diesem Sinne (die Sternen-Emojis denken Sie sich bitte einfach dazu): Namaste.

Christina Heller ist Digital-Reporterin. In Corona-Zeiten nutzt sie ihre digitalen Kompetenzen jetzt auch mal anderweitig.

Mittwoch, 15. April: Der Zuruf im Büro fehlt

Von Gregor Peter Schmitz

Am meisten fehlt: der "Küchenzuruf". Den haben wir von Stern-Legende Henri Nannen gelernt, der Begriff ist überholt, auch ein bisschen sexistisch, weil Macho Nannen natürlich annahm, dass der Mann am Esstisch thront, die Frau in der Küche werkelt und er ihr eine spannende Geschichte zuruft. Aber den "Bürozuruf" gibt es noch: "Hast du das gesehen, die Geschichte?" Als Chefredakteur ruft man gerade viel, doch in der Redaktion ist halt kaum einer, und ist man im Homeoffice, ruft höchstens die beste Partnerin von allen zurück: "Ruf doch woanders".

Also muss man "schalten, schalten, schalten", "Life Size" heißt der neue Videoschalten-Freund, dann ploppen sie auf, all die Köpfe, bis zu 200 passen ins Bild, 16 Außenredaktionen, Korrespondenten, und wo, herrje, steckt denn nun Berlin?

Und man muss "tippen, tippen, tippen", im Kurznachrichtendienst Slack, dabei fieberhaft überlegend, was die ganzen bunten Slack-Symbole bedeuten. Ist im Urlaub, wer als "Status" eine Palme hat, und der mit dem "Krank"-Zeichen, hat der nun eine Grippe oder doch etwa Corona?? Man "slackt", noch so ein neues Wort, aber das Gequatsche auf dem Flur fehlt trotzdem, in dem oft eine Idee stirbt, doch zehn andere entstehen. Den anderen fehlt das offenbar auch, weswegen sich viele melden, weil sie einfach mal sagen wollten, dass sie noch leben, und andere rufen an, um endlich richtig ausführlich zu besprechen, wie wir in Zukunft als Menschen leben wollten und sollten, so nach Corona.

Andere möchten nur etwas lästern, eine andere gute journalistische Tugend, etwa warum die eine Kollegin in der Videoschalte scheinbar in einem Plattenladen steht ("Die kann die doch nicht alle gesammelt haben?"), weshalb der Berliner Büroleiter während der Konferenz mit einem Teppichmesser spielt und ob das als subtile Drohung zu verstehen sei, der wirke ja schon länger etwas übellaunig. Dann meldet sich noch der München-Korrespondent, immer zehnmal müsse er es derzeit versuchen, da habe er ja den Söder schneller an der Strippe, und den Papst sowieso, und weil der Herr ein ausgezeichneter Korrespondent ist, glaubt man ihm das sofort – merkt aber an den betretenen Reaktionen, dass man hinzufügen sollte, so gute Kontakte natürlich auch allen anderen zuzutrauen...

Ein Chefredakteur ist in diesen Tagen immer auch Beichtvater – was wörtlich zu verstehen ist, denn jeden Moment kann die Zuschrift einer betagten Leserin kommen, sie wisse nicht mehr wohin mit all ihren Sünden, die Beichtstühle seien ja auch zu. Am Ende des Tages ist man vor allem reif für die Couch, selbst wenn die im Homeoffice den ganzen Tag ganz nahe war. Aber Alkohol, wenigstens das, ist direkt greifbar, auf Küchenzuruf sozusagen.

Gregor Peter Schmitz ist Chefredakteur. Er ruft in diesen Tagen wirklich sehr viel, wird aber eher wenig gehört.

Dienstag, 14. April: Atembeschwerden in der Quarantäne

Von Sibylle Mettler

Luft ist etwas wirklich Wunderbares. Ich dachte nicht, dass mir das bald so schmerzlich bewusst werden würde, als mein Mann von seinem Bekannten erzählte. Den hatte es ohne Vorwarnung umgenietet. Fieber, Durchfall, Erbrechen, wie zerschlagen. Vier Tage später lag auch mein Mann mit Magen-Darm-Beschwerden auf der Couch. Sicherheitshalber gingen wir auf Abstand, aßen an getrennten Tischen, tippelten im Flur mit eineinhalb Metern Abstand um uns herum. Ich machte mir Sorgen. Denn der Bekannte meines Mannes litt zu dieser Zeit massiv unter trockenem Husten. Und ein anderer lag mit Covid-19 auf der Intensivstation.

Bei mir begann es mit einer wahnsinnigen Schlappheit. Zuerst dachte ich mir nicht viel dabei. Eine angespannte Tochter, die sich mit ihren zehn Jahren noch nicht allein im Online-Lernen zurechtfand, ein gelangweilter Sechsjähriger, ein erkrankter Mann, dazu meine Arbeit im Homeoffice: Da kann Frau schon mal k. o. werden.

Zwei Tage später musste ich mich aufs Atmen bewusst konzentrieren. Als hätte mein Körper vergessen, wie das geht. Meinem Mann ging es ähnlich, hinzu kamen bei ihm Kopf-, Glieder- und Halsschmerzen. Früher hatte er Asthma. Wie würde sein Körper auf das Sars-CoV-2-Virus reagieren, so er es denn hatte? Unsere Ärztin veranlasste bei ihm einen Corona-Test und stellte uns unter Quarantäne. Während wir auf das Ergebnis warteten, kämpften wir gegen Atembeschwerden an. Der Corona-Test meines Mannes fiel negativ aus. Warum fällt uns dann das Atmen schwer?

Unsere Hausärztin hat nun auch mich testen lassen, das Ergebnis steht noch aus. Es wird aber nichts verändern. Ich bin froh, dass die Hausmittel meiner Oma anschlagen. Wird es in der Brust eng, beuge ich mich mit einem Handtuch um den Kopf über einen Topf heißes Salzwasser. Außerdem liege ich stundenlang auf der Terrasse, teils mit Winterklamotten. Das fühlt sich an, als wäre ich in einer Lungenheilanstalt des 19. Jahrhunderts. Was damals gegen Tuberkulose half, wirkt auch 150 Jahre später.

Als Schulen und Kindergärten geschlossen wurden, hatte ich nichts dagegen, eine Zeit lang zu Hause zu sein. Mal keine Termine, kein "Taxi Mama", kein Wecker. Doch zwei Wochen Quarantäne zeigen Wirkung. Der Kleine jammert, dass ihm langweilig sei. Die Große hat sich jetzt, da die Ferien beginnen, endlich ans Online-Lernen gewöhnt. Ich bin zutiefst dankbar, dass ich in dem Dorf, in dem wir wohnen, frische Luft atmen kann. Dass ich einen Garten besitze. Und dass wir uns rechtzeitig von der 72-jährigen Oma zurückgezogen haben. Sie ist Gott sei Dank gesund.

Sibylle Mettler arbeitet als Redakteurin in Immenstadt. Aktuell ist sie in Quarantäne.

Montag, 13. April: Kein Eishockey, nirgends

Von Marina Mengele

Für mich begann die Corona-Krise am 10. März. Als die Nachricht bekannt wurde, dass die Play-offs in der ersten Deutschen Eishockeyliga abgesagt werden – also die Endrunde, bestehend aus erster Play-off-Runde, Viertel-, Halbfinale und Finale. Kein Eishockey mehr, nirgends. Da nahm ich alles Folgende fast gefühlstaub hin. Ein Kurzurlaub nach Budapest wird storniert, Home-Office am provisorischen Balkontisch im Wohnzimmer eingerichtet, Familientreffen und Geburtstagsfeiern abgesagt – für einen Eishockeyfan konnte es nicht mehr schlimmer werden als ein Ende ohne Play-offs.

Die ganze Saison, 52 Spieltage lang, fiebert man mit der Mannschaft mit. Die Augsburger Panther hatten sich zum Saisonende den zehnten Tabellenplatz gesichert und sich somit ganz knapp für die Endrunde qualifiziert. Der Gegner wäre der Rivale aus Ingolstadt gewesen, ein besseres Derby gibt es nicht. Alles wäre möglich gewesen. Wie im erfolgreichsten Jahr des Vereins 2010 hätte man ins Finale einziehen können. Doch nun kann man nur spekulieren.

Aber Sie lesen es sicherlich schon heraus, dieses First-World-Problem tangiert mich nur auf einer emotionalen Ebene. Seit 16. März arbeite ich im Home-Office, das lässt sich in meinem Beruf als Social-Media-Managerin – ich arbeite auf digitalen Plattformen wie Facebook, Instagram oder Youtube – einfach umsetzen. Die Video-Telefonate mit den Kollegen sind ein Anreiz, sich morgens zumindest ein bisschen zurechtzumachen und neue Aufgaben kommen durch diese Krise ebenfalls dazu. Zum Beispiel die Liveübertragungen von Pressekonferenzen auf Facebook.

In der Freizeit bleibt nun Zeit für neue alte Hobbys – es wird gepuzzelt, gelesen, gemalt und viel mehr gekocht und gebacken. Die Wohnung war lange schon nicht mehr so sauber und die Fenster selten so früh nach dem Winter geputzt. Ich spare mir tägliche 90 Kilometer im Auto und könnte auch sonst Geld sparen – keine Restaurantbesuche mehr, keine Ausflüge am Wochenende, keine Eishockey-Tickets . Könnte – gäbe es das Online-Shopping nicht.

Es ist für mich weiterhin surreal, dass uns eine Pandemie im Jahr 2020 lahmlegen kann. Doch das Wichtigste ist, dass die Familie und Freunde gesund sind und bleiben. Es zeigt auch, wie gut es uns vor der Krise ging. Wie selbstverständlich es war, an einem sonnigen Samstag durch die Stadt zu schlendern. Ich freue mich auf die Zeit danach, vielleicht hat uns diese Situation wachgerüttelt. Die ersten Spiele der Augsburger Panther im September werde ich jedenfalls als puren Luxus wahrnehmen.

Marina Mengele ist Social-Media-Managerin der Augsburger Allgemeinen und Fan der Augsburger Panther. Sie betreut außerdem unserem Panther-Instagram-Account @aev.kompakt.

Freitag, 10. April: Jetzt - Videokonferenz mit Moritz

Von Lea Thies

Ich muss mich beeilen, für diesen Text habe ich rund 15 Minuten Zeit, denn Karl will seinen besten Freund Moritz anrufen. Dazu braucht er meine Hilfe und vor allem: mein Smartphone. Denn das avanciert in Zeiten von Social Distancing zu einem Freunde-Anker – auch für Kindergartenkinder.

Also los: Hände waschen, Abstand halten, in den Ellenbogen niesen und husten – das alles hat mein Vierjähriger ratzfatz rausgehabt und er macht auch bereitwillig bei den Corona-Vorsichtsmaßnahmen mit, weil er weiß: Wenn alle Menschen sich daran halten, profitieren davon auch seine Großeltern. Warum er aber seinen besten Freund oder seine beste Freundin nicht einmal mit ganz großem Abstand treffen beziehungsweise sehen darf – das versteht er zu Recht nicht. Und auch nicht, warum Menschen Ärger bekommen haben, die alleine auf einer Parkbank saßen oder mit der Familie ein kleines Picknick machten – wo sie damit doch niemanden gefährdeten. Oder warum sich die Polizei schwer bewaffnet neben der Wiese postiert, auf der zwei Familien im Abstand von über 100 Metern jeweils für sich Fußball spielen. Oder …

"Das sind halt die Regeln, mein Schatz", "verrückte Zeiten", "Abstand halten!" – diese Worte fallen seit vier Wochen täglich und wenn man sein Kind dabei sieht, wie sehr es seine Kindergartenfreunde vermisst, dann kommen einem schon mal ziviler Ungehorsam und ein harmloses 50-Meter-Abstand-Treffen in den Sinn.

Vermutlich wäre die Lage an der Freundefront noch viel prekärer, gäbe es nicht Smartphones und Videotelefonie. Ein kleiner Trost: Moritz hinter Glas ist besser als gar kein Moritz. Und Sophie hinter Glas, und Johanna hinter Glas … Seitdem gehört mein Smartphone nicht mehr nur mir. Ich habe jetzt quasi einen wunderbaren Zweitjob: Karls Telefonistin.

Das hebt auch die Stimmung im Homeoffice, wenn man Vierjährigen beim minutenlangen Telefonieren samt Wohnungsbegehung zuhört, beim Fachsimpeln über Mopeds, Feuerwehr und Lego, beim Lachen und Juchzen, wenn mal ein "Feuerwehrmann Sam"-Lied oder ein Trommelsolo eingeworfen wird. Zugegeben, unpraktisch, wenn gerade eine Telefonkonferenz ansteht und Sohnemann das Handy mit seiner eigenen Videokonferenz blockiert.

Um das Telefonmanagement in Corona-Zeiten zu vereinfachen, haben wir uns also fürs Homeoffice wieder ein Festnetz-Telefon zugelegt. Damit auch verbunden: alte Erinnerungen an zeternde Eltern wegen stundenlanger Telefonate – aber dafür ist jetzt keine Zeit. Jemand schielt von links unten hoch und wartet auf seine tägliche Videokonferenz …

Journal-Redakteurin Lea Thies ist für die Kinderseite Capito verantwortlich. Zurzeit muss sie sich ihr Smartphone mit einem Vierjährigen teilen.

Mittwoch, 8. April: Am Bildschirm fehlt der Duft von Weihrauch

Von Alois Knoller

Weihrauch liebe ich über alles. Den würzigen, herben Duft vermisse ich, seit die öffentlichen heiligen Messen eingestellt worden sind. Wie mystisch verbreiteten sich doch die graublauen Schleier im Augsburger Dom!

Jetzt gibt es nur virtuelle Gottesdienste auf dem Bildschirm. Keinerlei Duft wird dabei übertragen – weder der von Weihrauch noch wenigstens der von Kerzenwachs. Gut, Letzteres lässt sich auch im Homeoffice ohne besonderen Aufwand herstellen. Hier ist eine offene Flamme ja sogar erlaubt im Gegensatz zum Redaktionsbüro mit seinen strengen Brandschutzregeln.

Mit dem Weihrauch ist es schon schwieriger. Ich hätte sogar noch ein Tütchen mit dem aromatischen Harz zu Hause. Doch würde ich es auf der glühenden Kohle verschmoren lassen, wäre es um den familiären Frieden geschehen. Einen würdigen Ort zum Ausweichen finde ich in Corona-Zeiten leider nicht.

Also ist im Homeoffice Fasten angesagt, das auch an Ostern noch kein Ende hat. Denn auch in den gestreamten Gottesdiensten, die ich jetzt aus beruflichem Interesse anschaue, wird kein Rauchfass geschwungen. Mediale Teilhabe ist um einige sinnliche Eindrücke ärmer als das Live-Ereignis. Mag die Kamera auch näher an die handelnde Person zoomen können, als dies der Besucher in einer großen Kirche sehen würde.

Alois Knoller im Homeoffice bei der Übertragung der Messe aus der bischöflichen Hauskapelle mit Prälat Bertram Meier.
Bild: Gerlinde Knoller

Leinwände mit Videoübertragungen werden auch bei großen Gottesdiensten aufgestellt, damit die Mitfeiernden auf den ungünstigeren Plätzen auch etwas mitbekommen. Und stark ist man versucht, das projizierte Geschehen für realer zu halten als das, das vorne gerade abläuft. Doch dabei sitzt man immerhin in der Kirche selbst, hört live die Orgel und die Lieder, spricht mit den anderen die Gebete mit, riecht die Kerzen.

Am Bildschirm fallen diese unmittelbaren Eindrücke allesamt weg. Eine Distanz legt sich zwischen den Betrachter und dem Betrachteten. Besser als gar nichts sind die Medienangebote der Kirchen allemal. Und die Nachfrage bestätigt, dass ein breiteres Bedürfnis in der Bevölkerung nach Teilhabe an religiösen Feiern besteht. In Nuancen unterscheiden sich die Qualitäten: Eine bildgetriebene Darstellung verlangt besondere Motive, manche Geistliche setzen geschickt Symbole in ihren Gottesdiensten ein. Momente des stillen Verharrens zerdehnen sich am Bildschirm. Live ist mir das alles doch viel lieber.

Gottesdienste im Livestream: Der Bischof von Augsburg, Bertram Meier, wird zu Ostern Gottesdienste vor den laufenden Kameras von a.tv halten. Sie können sie unter augsburger-allgemeine.de/ostergottesdienst am Karfreitag um 15 Uhr, in der Osternacht um 21 Uhr, am Ostersonntag um 10 Uhr und am Ostermontag um 10 Uhr mitverfolgen.

Alois Knoller ist Mitglied der Kulturredaktion und auf Kirchenthemen spezialisiert.

Dienstag, 7. April: Das schlechte Gewissen läuft mit

Von Inna Hartwich

Ich schaue mich um, laufe schneller. Ja, ich bin ein wenig paranoid, ich fühle mich, als hätte ich gerade etwas Verbotenes getan. Doch verboten ist es nicht, was ich hier mache: Ich gehe einkaufen.

Viel kaufen muss ich zwar nicht, aber "Besorgungen von Lebensmitteln" sind in diesen Tagen eine der wenigen Möglichkeiten, seine vier Wände überhaupt noch zu verlassen. Seit einer Woche gilt in Moskau und vielen anderen russischen Regionen die "Selbstisolation für alle". Das Wort "Quarantäne" vermeidet die Regierung. Dabei kennt es jedes Kind, weil hier seit jeher die Kindergärten schnell schließen, wenn es einmal mehrere fiebernde Kinder oder Lausbefall in einer Gruppe gibt. "Karantin" steht dann an der Eingangstür.

Die "Corona-Nicht-Quarantäne" läuft unter dem Stichwort "Putin-Ferien". Der Präsident hatte, nachdem er erst allerlei Hände geschüttelt hatte und sich später in einem quietschgelben Schutzanzug samt Gasmaske in ein Infektionskrankenhaus am Rande Moskaus traute, "arbeitsfreie Wochen" verfügt. Bis Ende April. Vielleicht werden sie verlängert. Homeoffice, Homekita, Homewahnsinn – nicht anders als irgendwo anders auf der Welt.

Der Aufenthalt im Freien allerdings ist in Moskau weitgehend untersagt, "Ferien" hin oder her. Der Bürgermeister ließ nach Putins Rede erst alle Parks schließen, dann Cafés, Restaurants, Kultureinrichtungen. Die Metro ist nahezu leer, die Stadt staufrei. Sein Heim verlassen darf man nur zum Einkaufen, zum Arzt, zur Apotheke, zum Gassigehen mit dem Hund (aber nur 100 Meter vom Haus entfernt), zum Müllcontainer und zur Arbeit, wenn denn keine "Udaljonka" möglich ist, wie die Russen das Arbeiten zu Hause fast schon liebevoll nennen. "Komm, wir binden Saweli an die Leine, dann dürfen wir vor die Tür", sagt unsere vierjährige Tochter. Saweli ist ihr Stoffhund. Wir "spazieren" nun seit Tagen auf dem Balkon, ohne Hund.

Bei grippeähnlichen Symptomen bleiben viele Russen erst einmal zu Hause, weil sie dem eigenen Gesundheitssystem nicht trauen und die Regierung überdies mit harten Strafen bei Missachten des Isolationsregimes droht, die bei umgerechnet 175 Euro beginnen. Polizisten patrouillieren dazu durch die Straßen, außerdem ist Moskau bestens mit Gesichtserkennungskameras ausgestattet. Die Krise ist auch eine Chance für den Staat, seine Überwachungsinstrumente auszutesten.

Solange die kurzen Ausbrüche nach draußen aber noch nach eigenem Ermessen funktionieren, nutze ich diese auch. Mit Kind und Abfallsack in der Hand geht es heute zum nächsten Müllcontainer. Es ist nur ein kurzer Weg über den Hof – aber was für ein erhebendes Gefühl!

Inna Hartwich berichtet für uns aus Moskau - Hundebesitzer sind dort momentan klar im Vorteil.

Montag, 6. April: Meine erste Videokonferenz

Von Andreas Frei

Die erste Videokonferenz aus dem Homeoffice – na ja, sagen wir mal so: Es lag eine gewisse Spannung in der Luft. Vor dem inneren Auge malte ich mir aus, wie das Bild auf meinem Laptop grieselt und auf einmal die Leitung steht. Und ich sehe den Chefredakteur in unserer Zentrale, der wie einst Ede Zimmermann bei "Aktenzeichen XY... ungelöst" sehr ernst in die Kamera schaut und mich wie einst Ede den Kollegen Peter Nidetzky im ORF-Aufnahmestudio fragt: "Was hat es bei Ihnen an ersten Nachrichten gegeben?"

In der Realität grieselte nichts. Es machte schwupp, dann sah ich fünf Kollegen, Corona-bedingt verteilt auf gefühlten 500 Quadratmetern Redaktion. Dort hängen zwei große Bildschirme, auf einem war wohl ich jetzt zu sehen. Die Kollegen winkten zart, und ihre erste Frage lautete: "Was hängt denn hinter deinem Rücken für ein knallgelbes Bild?"

Die anfängliche Ernüchterung wich der Erkenntnis, dass dieser Frage ein durch und durch menschliches Interesse zugrunde liegt. Sie kennen mich ja nur aus der Redaktion. Wenn wir dort konferieren, ist die Umgebung immer dieselbe.

Plötzlich sitzen die Kollegen quasi an meinem Esstisch; dort baue ich jeden Morgen mein Homeoffice auf, wegen der Größe des Tisches und der Nähe zur Küche. Sie sitzen da und schauen sich um. Was man so macht beim ersten Besuch in einem fremden Haushalt. Diese Optik gehört neuerdings auch zur Interview-Ästhetik im Fernsehen. Gesprächspartner stehen nicht mehr im Studio, sondern starren zuhause in ihre Laptops. Die Augen der Zuschauer erliegen dann schnell dem Reiz dieser unfreiwilligen Homestory. Sie entdecken hässliche Schrankwände aus den Achtzigern, traurige Pflanzen oder langweilige weiße Wände.

In einer unserer Videoschalten, die inzwischen Alltag geworden sind, sagte jemand aus der Runde zu einer Kollegin: "Und das hinter dir sind also deine Bücher." Die Kollegin antwortete: "Das sind Schallplatten." Auch das kommt vor.

Die mit Abstand häufigste Frage, die mir über diesen Kanal bisher gestellt wurde, war tatsächlich die nach dem gelben Bild an meiner Wand. Ich sagte dann wahrheitsgemäß, dass meine Frau es gemalt hat, ich sehr stolz sowohl auf das Bild als auch auf meine Frau bin und ein guter Auktionator dafür sicher ein paar Trillionen rauskitzeln würde.

Ach ja, da war noch etwas bei der ersten Videokonferenz. Mittendrin erhielt ich eine Whatsapp aufs Handy. Ich las: "Die Kameraeinstellung von unten macht Doppelkinn." Auf dem Bildschirm des Laptops sah ich ganz hinten im Büro einen Kollegen aus der Sportredaktion stehen. Mit einem Grinsen im Gesicht.

Andreas Frei ist Leiter der Redaktion Bayern und Welt.

Sonntag, 5. April: Mein neuer Kollege Karlsson

Von Florian Eisele

Seit drei Wochen habe ich in meinem Büro einen neuen Kollegen. Er ist ... Na ja: etwas speziell. Von der Einhaltung von Regeln hält er nicht viel. Er pflegt einen infantilen Humor, will mehrfach im Jahr Geburtstag feiern und ist dank eines Propellers auf dem Rücken auch etwas laut. Trotzdem bin ich heilfroh, dass Karlsson vom Dach seit dreieinhalb Wochen ein fester Bestandteil meines Homeoffice geworden ist. Dreieinhalb Wochen, in denen zuerst eine freiwillige Quarantäne infolge eines vorherigen Österreichurlaubs und die anschließenden Ausgangsbeschränkungen mein Büro in unsere Wohnung verfrachtet haben.

Seitdem teilen sich meine Frau und ich die Arbeit auf: Einer von uns beiden arbeitet am Schreibtisch, der andere betreut unsere beiden drei und sechs Jahre alten Kinder. Für mich bedeutet das: Entweder recherchiere ich und schreibe Artikel – oder ich male und lese aus Kinderbüchern vor. Zum Beispiel. Dass man in der Corona-Krise auch als Teilzeit-Kindergärtner einen langen Atem und Gelassenheit braucht, ist uns schnell klar geworden. Umso besser ist es, dass wir bei der Suche nach neuem Lesestoff für unseren Nachwuchs relativ bald auf Karlsson vom Dach gestoßen sind. Sollte jemand den Romanhelden von Astrid Lindgren nicht kennen: Der dicke Karlsson, eine Mischung aus Mann und Junge, lebt auf einem Stockholmer Hausdach und fliegt dank eines Propellers auf dem Rücken ins Zimmer seines Freundes Lillebror, um ihn zu Unsinn anzustiften. Geht etwas schief, ist das für den lupenreinen Anarchisten Karlsson natürlich kein Problem. Seine Standardantwort, wenn etwa eine Dampfmaschine explodiert oder er Müll vom Hausdach wirft, ist auch bei uns mittlerweile zum geflügelten Wort geworden: "Das stört keinen großen Geist."

In Zeiten der Pandemie ist das ein wertvoller Satz geworden. Wenn massive Ausgangsbeschränkungen verkündet werden, das Toilettenpapier zur Neige geht oder einem die Decke auf den Kopf zu fallen droht, kommt Karlsson ins Spiel. Der hätte an all dem Wahnsinnigen, was gerade um uns herum geschieht, wahrscheinlich noch seine helle Freude und würde einwerfen, dass dies doch bitteschön keinen großen Geist zu stören habe. Und wahrscheinlich hat er damit Recht – in den meisten Fällen zumindest. Normalerweise ist es wohl keine gute Idee, den Rat Karlssons einzuholen. Aber was ist derzeit schon normal. Ein Vorsatz für die Zeit nach Corona ist jedenfalls, sich öfter vor Augen zu halten, dass vieles eben keinen großen Geist stört.

Karlsson vom Dach ist eine der bekanntesten Romanfiguren von Astrid Lindgren und derzeit eine der gefragtesten Personen im Haushalt unseres Sportredakteurs Florian Eisele. Das kann an dessen beiden Kindern liegen.

Freitag, 3. April: Eine einsame Insel

Von Margit Hufnagel

Jetzt ist es also soweit. Ich höre Stimmen. Sie flüstern etwas von Corona – was auch sonst. Außer mir ist niemand im Büro in diesen Tagen. Die meisten Kollegen machen Homeoffice, nur ein paar wenigen begegnet man noch im Treppenhaus. Ansonsten: Leere. Womöglich ist der Nachrichten-Desk unserer Redaktion, also der lange Tisch, an dem an normalen Tagen keine zwei Minuten Ruhe herrscht, gerade der sicherste Ort in ganz Deutschland. Mehr "social distancing" geht quasi nicht.

Ein paar Bildschirme leuchten noch blau, jemand hat vergessen, sie auszuschalten. Twilight. Ein bisschen unheimlich. Und jetzt auch noch diese Stimmen, dieses Wispern. Bestimmt nur Einbildung. Oder? Verfluchtes Corona! Ich gehe durch die Schreibtischreihen. Typisch, Kollege X hätte ruhig mal seine ganzen leeren Wasserflaschen mitnehmen können. Und wer gießt eigentlich die Orchideen von Kollegin Y? Die war auch schon mal frischer ... also die Orchidee. Irgendwann fällt mir auf: Da steht ein Radio! Und es läuft! Der schwarze Apparat sieht aus wie ein alter Weltempfänger, redet ohne Unterlass und wirkt mit seinen Knöpfen und der langen Antenne wie aus einer anderen Zeit.

Aber was heißt das schon in diesen Tagen? "Früher" ist in Coronazeiten gerade einmal ein paar Wochen her – seither ist nichts mehr, wie es war. Wer hätte sich vor einem Monat vorstellen können, dass Texte für die Zeitung und das Internet nicht mehr im Redaktionsgewusel entstehen, sondern im besten Fall im heimischen Arbeitszimmer, im eher schlechten Fall am Küchentisch? Der Arbeitsalltag in einer Redaktion besteht zu großen Teilen aus Kommunikation. Ein schneller Zuruf über den Schreibtisch: Wer kann sich um das Thema kümmern? Eine Konferenz mit anderen Ressorts: Was plant ihr für das Wochenende? Wer recherchiert was? All das geht nicht mehr so einfach. Aber es muss gehen. Nur eben anders. Wir installieren Messenger-Dienste auf unseren Handys, ständig piepst das Mistding. Was früher ein beiläufiger Satz war, wird jetzt ein ausufernder Tipp-Einsatz. Und wie schaltet man eigentlich diese Auto-Korrektur ab? Verfluchtes Corona!

In der Kantine haben sie Aufklebe auf den Boden gepappt, die anzeigen, wie groß der Abstand sein muss. Abstand von wem eigentlich? Essen gibt es nur noch zum Mitnehmen. Also zurück an den Platz. Die Tür geht auf, ein Kopf wird durch den Schlitz gesteckt, der Restkörper bleibt sicherheitshalber im Gang. "Sind Sie ganz alleine hier?", fragt der Besucher. Die Augen sind groß. Er lacht und schüttelt ungläubig den Kopf. Isolation mitten im Büro. Verfluchtes Corona!

Margit Hufnagel ist Mitglied der Politik-Redaktion und hätte nicht gedacht, dass sie den Lärm einmal vermisst.

Margit Hufnagel ist Mitglied der Politik-Redaktion und hätte nicht gedacht, dass sie den Lärm einmal vermisst.
Bild: AZ

Donnerstag, 2. April: Das Dalai-Lama-Prinzip

Von Julius Müller-Meiningen

Normalität. Das ist das Wort der Stunde. Die große Sehnsucht. Im Ausnahmezustand wünschen wir uns alle nichts sehnlicher, als zur "Normalität" zurückzukehren. Alles soll werden wie vorher. Manchmal bekomme ich allerdings einen flauen Magen, wenn ich mir vorstelle, wie nach Corona in Rom alles wieder seinen alten Gang nehmen wird. Der wieder auflebende Verkehr wird das erste Merkmal der Rückkehr zur "Normalität" sein. Wer wird dann noch öffentliche Verkehrsmittel nutzen, in denen man ja angeblich auch nicht mehr sicher ist? Man wird wieder um sein Leben fürchten müssen, wenn man eine Straße überquert. Sich im Straßenverkehr fortzubewegen ist nach allen bisherigen Erkenntnissen mindestens so gefährlich, wie dem sogenannten Killervirus zu erliegen.

Auch die Eile wird zurückkehren, von der viele von uns derzeit eine erholsame Pause nehmen. Wie hat der Dalai Lama es so schön formuliert: Die Menschen im Westen setzen erst ihre Gesundheit aufs Spiel, um Geld zu verdienen, und verlieren dann ihr Geld, um ihre Gesundheit wieder herzustellen. Wir lebten, als müssten wir nie sterben, und sterben, als hätten wir nie gelebt. Immer nach vorne gerichtet, nie innehaltend. Ich vermisse sie gerade nicht, die wahnsinnige Eile der Normalität. Und habe denselben Eindruck bei den mich umgebenden Menschen, die plötzlich auf das Vogelzwitschern hören, das man ja gar nicht hören konnte, weil es wie verschluckt war vom Großstadtlärm.

Man sieht jetzt verrückte Fotos: Affen erobern die Straßen in Thailand, Ziegenböcke wagen sich in Wales in die Zivilisation vor. Enten watscheln durch Rom. Pfauen flanieren in Madrid. Gestern waren wir es, die sie im Zoo anstaunten. Heute sind es die Tiere, die sich vor den verschlossenen Läden fragen: "Ja wo sind sie denn alle hin, diese komischen Menschen?"

Julius Müller-Meiningen.
Bild: Julius Müller-Meiningen.

Wenn alles wieder normal wird, verschwinden die Tiere wieder aus den Städten – ausgenommen diejenigen, denen wir Menschen zu sehr auf die Pelle gerückt sind. Zum Beispiel die Fledermäuse, die das Virus in sich tragen und es vielleicht sogar über einen Zwischenwirt an uns übertragen haben. Warum? Weil wir sie nicht in Ruhe lassen. Weil wir uns immer weiter in ihre Lebensräume vorarbeiten. Die Welt nimmt sich gerade eine Pause von der Spezies Mensch, das ist offensichtlich. Die Frage ist, ob wir die Botschaft verstehen – und das hat viel mit unserem Verständnis von "Normalität" zu tun.

Irgendwo habe ich einen Satz gelesen, der mich nicht mehr loslässt. Ich halte ihn für sehr optimistisch, er lautet: "Wir werden nicht zur Normalität zurückkehren, denn die Normalität war das Problem."

Julius Müller-Meiningen berichtet für uns aus Rom.

Mittwoch, 1. April: Mensch, ärgere dich nicht!

Von Stephanie Sartor

Arthur Schopenhauer hat einmal gesagt, dass wir selten an das denken, was wir haben, aber immer an das, was uns fehlt. Und gerade fehlt viel.

Das Leben ist zusammengeschrumpelt. Wie ein Apfel, der zu lange in der Küche herumgelegen ist. Wir sind ausgetrocknet, durstig nach Menschen, jedes Telefonat ist wie ein Wasserloch in der Wüste. Und man ertappt sich bei dem überraschend anregenden Wunsch, mal wieder dicht gedrängt in einer U-Bahn zu stehen, ganz gepflegt am Bankschalter in der Schlange zu warten.

Der vergangene Samstagabend also. Durst löschen. Mein Mann und ich sitzen an unserem Wohnzimmertisch. Vor uns liegt ein aufgeklapptes Spielbrett. Unsere Freunde, mit denen wir uns für diesen Abend verabredet haben, schauen aus unserem Fernseher heraus. Und wir hinein. Ein Kabel führt zum Laptop, der wiederum ist mit einer kleinen Webcam verbunden, die wir auf einen Stuhl gesetzt haben. Das Spiel beginnt.

Mein kleines rotes Auto zuckelt drei Felder vor. Dann hält es. Ich hätte in der Lotterie gewonnen, steht da. 50.000 Mark. Nicht übel. Wir spielen "Spiel des Lebens". Und ich komme nicht umhin, mir – nicht ohne ein wenig Wehmut – zu denken: Irgendwie spielt das Leben gerade nicht wirklich fair.

Es wird ein langer Abend. Eine lange Nacht. Wir spielen und reden und lachen und tun irgendwie so, als wäre nichts. Spielen ein wenig Normalität. Vergessen Corona. Wenigsten ein bisschen. Gegen drei Uhr morgens winken wir ein letztes Mal in die Kamera, dann fahren wir den Computer herunter. Welt, gute Nacht.

Stephanie Sartor ist Redakteurin im Ressort Bayern & Welt und Digitalreporterin.
Bild: Stepanie Sartor

Noch mal Schopenhauer: Wenn wir vor allem an das denken, was uns fehlt, dann sind das die Menschen, die wir bisher oft gesehen haben. Die zu unserem Leben gehören wie die Schlossallee zu Monopoly: die Eltern, mit denen man so gerne mal wieder am Sonntag zusammensitzen und Rinderrouladen essen würde. Die Schwester, die Nichte, Freunde und Kollegen. Im Büro reichte früher ein kurzer Zuruf über den Schreibtisch, jetzt schreibt man E-Mails, telefoniert, manchmal gibt es eine Videokonferenz. Alles ein bisschen komplizierter. Alles ein bisschen distanzierter.

Diese Distanz müssen wir überbrücken. Müssen warten, Geduld haben, den Gedanken zulassen, dass wir auch in den nächsten Wochen in keiner Kneipe sitzen werden, in keinem Restaurant, bei keiner Familienfeier, nicht in der Kantine beim Kaffee mit der Kollegin. Das ist nun mal das Spiel, so sind die Regeln. Wir müssen uns damit abfinden, denn es hilft ja alles nichts. Also: Mensch, ärgere dicht nicht!

Stephanie Sartor ist Redakteurin im Ressort Bayern & Welt und Digitalreporterin.

Dienstag, 31. März: Kultur per Klick? Da fehlt doch was…

Von Stefan Dosch

Theater, Konzert, Kino, Museum … Für einen, für den all dies seit Jahrzehnten einen nicht unbeträchtlichen Lebensbestandteil darstellt, ist die derzeitige Generalschließung eine, sagen wir mal, ungewohnte Situation. Aber, könnte man fragen, wo ist denn hier das Problem, wo wir doch in digitalen Zeiten leben? Ist ja alles verfügbar, Beethoven, Shakespeare, Leonardo und all die anderen, sämtlich nur ein paar Klicks entfernt!

Stimmt. "Besuchen Sie uns online!", schallt es aus allen Ecken des digitalen Postfachs hervor. In einer Fülle, dass man schon nicht mehr weiß, wohin man zuerst gucken, hören soll. "Lucia di Lammermoor" aus München oder "Rosenkavalier" aus Berlin? Dem Pianisten Igor Levit ins Wohnzimmer folgen oder lieber dem Geiger Daniel Hope? Virtuell an den Gemälden des Frankfurter Städel entlangflanieren oder gleich den Sprung in die Eremitage nach St. Petersburg wagen?

Und so kann man seine Nase unvergleichlich nah an die Pixeloberfläche eines van Gogh heranrücken oder die Berliner Philharmoniker beim Rackern im sinfonischen Dickicht verfolgen – und hält’s in den wenigsten Fällen lange am Bildschirm aus. Denn stets wird man vom selben Gefühl beschlichen: Da fehlt etwas. Und zwar etwas Entscheidendes.

Es fehlt der Freiraum und der besondere Lichteinfall, den ein Museum aufzubieten vermag, es fehlt dieser besondere Moment der Betrachtung vor dem Original, so als wäre man selbst der Künstler, der vor hundert oder fünfhundert Jahren von eben dieser Warte aus sein Werk in den Blick nahm. Es fehlt die unvergleichliche Akustik eines originären Konzertsaals, diese Luftigkeit und die spezifische Verzögerung, bis der Klang eines Orchesters das Ohr erreicht.

Und schon gar nicht will sich in der eigenen Stube diese besondere Konzentration einstellen, der Wille eines Kollektivs, über einen bestimmten Zeitraum hinweg nichts anderes zu tun, als eine künstlerische Darbietung zu verfolgen. Eine gesteigerte Aufmerksamkeit, die in einer Livesituation auch von den Interpreten erfasst wird und ihrerseits potenzierend wirkt und die jetzt, beim virtuellen Konsum, so ganz und gar nicht aufkommen will. Ganz zu schweigen von anderen heimatlichen Störfaktoren, dem bimmelnden Telefon, dem Rumpeln der Waschmaschine, dem unaufschiebbaren Anliegen der Tochter …

Aber wir wollen nicht ungerecht sein. Die digital vermittelte Kultur, sie hat auch einen Vorteil. Wo man in der echten Theaterwelt, wenn mal gar nicht taugt, was einem geboten wird, hoffnungslos eingezwängt bleibt in seiner Sitzreihe: Daheim am Bildschirm genügt ein Klick, und ’raus bist du.

Stefan Dosch ist Redakteur im Feuilleton unserer Zeitung.
Bild: Stefan Dosch

Stefan Dosch ist Redakteur im Feuilleton.

Montag, 30. März: Die Familie schreibt...

Von Rüdiger Heinze

Man macht halt das Beste daraus. Und dieses Beste ist alles andere als: nicht auszuhalten. Für unsere Familie heißt dieses Beste: stilles Arbeiten nebeneinander, friedliches produktives Einverständnis. Jeder sitzt am Laptop, jeder hat Homeoffice, jeder hat zu schreiben.

Das heimgekehrte Tochterherz formuliert für die Uni Greenwich einige Seminararbeiten – etwa über Shakespeare, Stimmstörungen und einstige Tarnbemalung britischer Kriegsschiffe. Hart stoßen sich die Themen im Raum. Gleichzeitig klagt das Kind, es habe mehr denn je zu tun, weil die Professorinnen und Professoren Homeoffice-Aufgaben stellen – und die dauerten länger als jede Vorlesung.

Die beste aller Ehefrauen wiederum sitzt an einem Buchmanuskript über den 1902 im schwäbischen Babenhausen geborenen Dirigenten Eugen Jochum, seine frühe Förderung durch eine jüdische Familie und seine spätere Rolle im Nationalsozialismus. Außerordentlich kniffliges Thema. Na ja und meine Person schreibt halt das hier auf, diese Notiz aus dem Alltag. Folgt etwas über die Hochästhetik Raffaels zu seinem 500. Todestag.

Jedenfalls können wir froh sein, dass wir Arbeit haben, die anscheinend sogar sinnvoll ist. Dass wir uns konzentrieren müssen und damit der gedanklichen Corona-Schleife zeitweise entfliehen können. Dass wir uns zu beschäftigen wissen, auch übers Schreiben hinaus. Damit ist nicht der tägliche Spaziergang gemeint, sondern die Lektüre am Abend. Der Rückzug in die Wohnung bringt einen Gewinn an Zeit, und manches, was liegen geblieben ist, lässt sich jetzt nachholen – oder vorziehen. Keiner liebt die Bearbeitung des Steuerausgleichs, gewiss nicht, aber jetzt ist ein Punkt gekommen, der weniger qualvoll ist.

Und auch das Tagebuch profitiert von der staden Zeit mitten im Frühling: Man ist nicht mehr versucht, die banalen Geschehnisse des Tages flüchtig zu protokollieren – um Zeit zu sparen – , sondern kann sich grundsätzlichere, übergreifendere Gedanken machen zu dieser besonderen, dramatischen Zeit. Schadet nicht, hilft verarbeiten! Derlei Notizen, breit gesammelt aus der Bevölkerung, könnten für Sozialgeschichtler in künftigen Zeiten ein Fressen sein.

Eben beginnt mein Weib, Klavier zu üben. Beethoven – was sonst 2020. Die Wut über den verlorenen Groschen. Auch ich saß bereits – nach langer Zeit – mal wieder am Cembalo. Mit Bach. Tut immer gut.

Ja, und dann zeichneten Tochterherz und ich schon zweimal zusammen. Seit ihren Kindertagen kaum noch vorgekommen. Motiv: der aufblühende Zweig einer japanischen Zierkirsche. Hoffnungszeichen. Es gibt so viel zu tun.

Rüdiger Heinze Kulturredaktion Kulturredakteur Homeoffice
Bild: Richard.mayr@gmx.de

Rüdiger Heinze ist als Redakteur zuständig für Kunst und Theater.

Sonntag, 29. März: Tschüss Steffen Seibert, hallo Nachbar

Von Jan-Luc Treumann

Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin. So heißt es alle zwei Jahre, wenn die beiden Volontärsjahrgänge einen besonderen Teil ihrer Ausbildung absolvieren: ihre Berlinfahrt. Am heutigen Montag wäre es so weit gewesen, früh am Morgen wären wir in den Bus gestiegen, um knapp 600 Kilometer in die deutsche Hauptstadt zu fahren.

Dort hätten wir die Korrespondenten unserer Zeitung besucht, uns angesehen, wie die Deutsche Presse-Agentur arbeitet und bei den Berliner Kollegen der Morgenpost nachgefragt, wie sie Online-Journalismus machen. Wir wären in die Berliner Unterwelt hinabgestiegen und hätten uns die Zivilschutzanlagen des Kalten Krieges angesehen. Unsere Ausbildungsleiterin hat uns ein spannendes Programm zusammengestellt, das sich nun wegen des neuartigen Coronavirus erledigt hat. Dabei haben wir uns alle drauf gefreut; die Kollegen im Haus haben von der Berlinreise geschwärmt. Wir hätten die Kollegen des neuen Jahrgangs noch besser kennenlernen können. Und statt Steffen Seibert bei der Bundespressekonferenz sehen wir nun aus dem Homeoffice die Nachbarn von gegenüber.

Auch sonst wirbelt SARS-CoV-2 das Volontärsleben durcheinander. Die Volontäre im zweiten Ausbildungsjahr sind ein bisschen wie die sogenannten Groundhopper im Sport, die so viele Stadien wie möglich besuchen wollen. Nur, dass wir in unserem Medienhaus von Ressort zu Ressort springen: Einen Monat verbringen wir in der Politik, einen im Bayern-Teil und so weiter. Und so stand ich Anfang März in der Sportredaktion, in der ich – laut Plan – im April gewesen wäre. Ich wollte Bescheid sagen, dass ich die ersten Tage des Monats nicht da sein werde, weil die Berlin-Fahrt der Volontäre ansteht. Nun werde ich (zunächst) gar nicht mit der Sportredaktion zusammenarbeiten. Denn die meisten Volontäre aus unserem Jahrgang bleiben im April in dem Ressort, dem sie gerade zugeteilt sind. Auch für uns heißt es nun: Homeoffice – und eine Einarbeitung in einen neuen Bereich ist so kaum möglich. So bleibe ich weiterhin der Online-Redaktion treu, aber auch dort beeinflusst das Virus die Ausbildung.

Eigentlich sollen die Volontäre in ihrer Online-Zeit eine Multimedia-Reportage schreiben. Ein Blick hinter die Kulissen der Augsburger Puppenkiste sollte es bei mir werden; ich wollte dorthin gehen, wo kein Zuschauer hinkommt, und unseren Leserinnen und Lesern davon berichten. Doch so ein Termin ist derzeit nicht machbar. Die aktuelle Phase bedeutet eben eine Ausbildung unter besonderen Bedingungen. Und deswegen heißt es für uns: Berlin, Berlin, wir fahren nicht nach Berlin.

Jan-Luc Treumann ist Volontär. In pixeligen Videochats fällt hoffentlich nicht auf, dass er mal wieder zum Friseur muss.
Bild: AZ

Jan-Luc Treumann ist Volontär. In pixeligen Videochats fällt hoffentlich nicht auf, dass er mal wieder zum Friseur muss.

Freitag, 27. März: Trügerische Idylle am Reiterhof

Von Andrea Bogenreuther

Zu einer Zeit, in der nahezu alle Freizeitstätten und Sportanlagen geschlossen haben, gehören wir Pferdebesitzer und Reitsportler zu den Privilegierten. Wir dürfen uns – dirigiert von strengen Auflagen – weiterhin um unsere Tiere kümmern. Doch mit dem "Hobby" Reitsport hat das alles nichts mehr zu tun. Zulässig ist einzig und allein die Grundversorgung der Pferde – also Fütterung, Pflege und Bewegung. Diese drei Punkte müssen gewahrt bleiben. Denn in diesem Fall schlägt das Tierschutzgesetz das Infektionsschutzgesetz.

Und so stehen die Pferde auch in unserem Stall täglich auf ihren Paddocks draußen in der Sonne, die Katzen tollen über den Hof und Reiter bewegen ihre Vierbeiner auf unserem großen Springplatz. Doch die Idylle trügt. Nichts ist hier mehr so wie noch vor drei Wochen. Als Kinder von ihren Eltern zum Reitunterricht gebracht wurden und im Stall immer geschäftiges Treiben herrschte. Seit zwei Wochen sind Lehrgänge, Trainingsstunden und Reitunterricht nach Vorgabe der Deutschen Reiterlichen Vereinigung nicht mehr zulässig. Auch für unseren Stall gilt die vom Dachverband ausgegebene Formel: Pro Tag pro Pferd ein Mensch für exakt zwei Stunden.

In der Halle und auf dem Platz darf zwecks Sicherung der vorgeschriebenen Abstände nur noch ein Reiter pro 200 Quadratmeter unterwegs sein. Was zur Folge hat, dass wir uns bei 35 Pferden auf dem Hof nach einem ausgeklügelten Zeitplan richten müssen.

Sportredakteurin Andrea Bogenreuther mit ihrem Pferd.
Bild: Tamara Degen

Ausnahmslos jeder, der den Hof betritt, muss sich in einem vorgeschriebenen "Anwesenheitsplan" für das zweistündige Zeitfenster eintragen. An jeder Stalltür hängen Listen mit Vorschriften zu den Hygienemaßnahmen. Jeder, der sich um ein Pferd kümmert, benötigt zudem eine unterschriebene und abgestempelte "Eigenerklärung" mit dem Namen und der Lebensnummer des Pferdes. Dieses Formular kann man der Polizei vorlegen, wenn man auf dem Weg in den Stall aufgehalten wird. Oder die Reitanlage selbst überprüft wird. Denn die staatlichen Kontrollen laufen bereits. Stallbesitzer und Vereinsvorstände werden haftbar gemacht, wenn sich Mitglieder und Pferdebesitzer nicht an diese Regeln halten.

Doch wer sich schon einmal um ein Pferd gekümmert hat, wird ahnen, dass der vorgeschriebene zweistündige Zeittakt mit Pflege (die Pferde verlieren gerade ihr Winterfell!), Reiten und Misten eng gesteckt ist. Und weil Pferde wahre Meister darin sind, zu unpassendsten Zeiten durch den Koppelzaun zu brechen, an einer Kolik zu erkranken oder sich ein Hufeisen loszutreten, sind die Sorgen der Pferdebesitzer groß. Mal schnell in den Stall fahren, geht einfach nicht mehr.

Andrea Bogenreuther ist Sportredakteurin. Sie besitzt ein Pferd und gibt in ihrer Freizeit im Verein Reitunterricht.

Donnerstag, 26. März: Spazieren gehen mit Hund und unruhigem Gefühl

Von Stefanie Wirsching

Wer einen Hund hat, kommt ins Gespräch. Zumindest mit anderen Hundebesitzern, die zur gleichen Zeit die gleiche Gassi-Runde gehen. Das liegt an den Hunden, die völlig distanzlos mit ihren Artgenossen umgehen. Während die Hunde schnüffeln, stehen die Menschen daneben, sagen mindestens "Hallo", oder "Wie alt ist er denn", meist aber wird ein wenig geplaudert. Vorbei! Seit dem Wochenende wird die Eineinhalb- besser Zwei-Meter-Regel auch auf den Wald- und Feldwegen eingehalten, vielleicht kurz die Hand zum Gruß gehoben, und verwunderte Hunde an der Leine aneinander vorbeigezogen.

Es fühlt sich merkwürdig an. Wie sich derzeit alles merkwürdig anfühlt. Im Roman "Die Wand" erzählt Marlen Haushofer von einer Frau, die plötzlich durch eine durchsichtige Wand von der Außenwelt abgeschnitten ist. Vielleicht ein bisschen so. Nur dass es keine Wand ist, sondern eine Haube, die über einen gestülpt wurde.

Vorige Woche noch ist man auf dem Spaziergang mit Wildfremden ins Gespräch gekommen, weil auch alle reden wollten. Über das, was die Welt gerade bewegt, und sei es auch in an sich so lapidaren Verästelungen wie der Frage, ob man eigentlich mit dem Hund bei Ausgangsbeschränkungen noch raus darf. Darf man also. Wobei natürlich die Frage nicht ganz so lapidar ist, wenn man mit einem Hund in einer Stadtwohnung lebt und, wie eine Bekannte erzählt, der Hund den ganzen Tag bellt, wenn er nicht herauskommt. Und lapidar natürlich auch nicht die Frage, was passiert, wenn man in Quarantäne müsste…

Und jetzt? Ziehen die Besitzer die Hunde also aneinander vorbei. Ziehen alle vorbei. Radelt ein Teenager im Fußballtrikot langsam schlenkernd vorbei, ohne das sonst dazugehörige Rudel, spaziert die Kleinstfamilie mit Kinderwagen vorbei, ein paar Jogger mit verstöpselten Ohren, ein Paar in curryfarbenen Jacken, von der Ferne winkend ein Bekannter. Lieber wäre einem jetzt, man würde gar niemanden begegnen, weil es einen so großen Unterschied macht, ob man Abstand halten möchte oder ob man Abstand halten muss. Und andererseits: Draußen und die Sonne scheint. Draußen und die Sonne scheint und direkt vor einem hüpft auf dem Boden ein Rotkehlchen vor sich hin, als würde es Mensch und Hund nicht sehen. Unsichtbar unter der Haube.

In Spanien sind die Menschen - bis auch das dann verboten wurde - mit Kanarienvögeln und Ziegen spazieren gegangen, um der Ausgangssperre zu entgehen. Hauptsache draußen. Unruhig in den Alleen hin und her wandern. Wer jetzt einen Hund hat…

Stefanie Wirsching ist Redakteurin der Kultur- und Journalredaktion. Ihr Hund: Chilli, fünf Jahre alt, Lagotto Romagnolo.

Mittwoch, 25. März: 1,5 Meter Abstand – Ein Begräbnis in Zeiten von Corona

Von Anton Schwankhart

Ein guter Bekannter ist vor einigen Tagen gestorben. 58, verheiratet, drei erwachsene Kinder. Nicht an Covid-19. Eine seltene Krankheit hat ihn das Leben gekostet. Man muss das inzwischen sagen, obwohl er jetzt, ganz am Ende, doch noch auf eine Art zum Virus-Opfer geworden ist. Mein Bekannter, der mir zuletzt ganz besonders ans Herz gewachsen war, stand Religion und Kirche nahe. Dass einer wie er sich in einem katholischen Begräbnis von der Welt verabschieden wollte, stand außer Frage. Aber was ist ein solcher Wunsch in Zeiten von Corona wert? In Zeiten, in denen selbst in den Todesanzeigen in unserer Zeitung darauf hingewiesen wird, dass die Beisetzungen nur im engsten Familienkreis stattfinden dürfen.

Am Tag nach seinem Tod saß die Familie zusammen, um die Beerdigung zu besprechen. Damals waren die Ausgangsbeschränkungen noch weit weg, aber die Sorge, es könnte kein Begräbnis werden, wie es sich der Verstorbene gewünscht hatte, bereits zum Greifen nah. Und mit jedem Tag näher zum Beerdigungstermin entfernte sich die Planung weiter von ihrem Ursprung.

Erst die Kränze ordern. Nein, bedauert die Blumenhändlerin, die seit vielen Jahren die Familie zu allen möglichen Anlässen versorgt, sie dürfe in ihrem Laden nicht mehr verkaufen. Die Bestatterin bringt Kunstgebinde ins Spiel. Dann ein Ausweg: Die Blumenhändlerin sagt, sie dürfe ausliefern. Immerhin. Blumen und Kränze gesichert. Wohin aber liefern? In die repräsentative Kirche, die dem Verstorbenen nahe war, dürfen nicht mehr als 25 Trauergäste. Bald darauf sind es nur noch zehn. Bei zehn bin ich draußen. Auch wenn der Verstorbene der Cousin meiner Frau war, reicht das nicht einmal zum Härtefall. Jetzt bleibt nur noch das kleine Kirchlein. An einen schön gestalteten Gottesdienst mit Musik ist nicht mehr zu denken. Die Familie diskutiert kurzfristig eine Feuerbestattung, verwirft die Idee aber wieder. Inzwischen gibt es auch kein Kirchlein mehr. Nur noch eine Beerdigung im Freien ist erlaubt.

Wenigstens hat die Kreisverwaltungsbehörde Erbarmen. 15 Trauergäste, 1,5 Meter Abstand. Ich bin wieder dabei. Die Familie versichert als Besteller der Bestattung schriftlich, dass alles ordnungsgemäß abläuft, andernfalls droht Bußgeld. Bei aller Würde: Am Sarg wirken die Trauernden seltsam verloren. Dort, wo es einen nach Nähe verlangt, stehen die Angehörigen in Corona-Abstand allein mit ihrem Schmerz. Der Trauergottesdienst findet später statt, wenn die Pandemie vorüber ist. Allerdings bereitet der Pfarrer die Familie schon jetzt auf einen Ansturm vor, man müsse sich darauf einstellen, dass dann Gottesdienste zusammengelegt werden. "Die Leute", so der Geistliche nüchtern, "sterben auch nach Corona weiter."

Anton Schwankhart ist Leiter der Sportredaktion.

Dienstag, 24. März: Verdacht auf Corona – und 14 Stunden bis zum Test

Von Richard Mayr

Was tun, wenn einen der Hausarzt nicht mehr sehen will? Dann bleibt man einfach zu Hause, regelt alles am Telefon, bekommt die Krankmeldung zugeschickt und versichert dem besorgten Arzt, dass man ihm bestimmt beim nächsten Besuch eine Briefmarke mitbringen wird, versprochen. Was aber tun, wenn aus Halsschmerzen und Fieber plötzlich Lungenschmerzen werden, einen trockener Husten plagt und man das Pech hatte, einem der ersten Corona-Patienten der Region begegnet zu sein?

Vor anderthalb Wochen war es noch möglich, es unter der Nummer 116117 beim ärztlichen Notdienst zu versuchen. Gut, Geduld war dafür schon nötig. Sogar reichlich. Der erste Hoffnungsschimmer nach einer Stunde voller Belegtzeichen endlich durchgekommen zu sein, war trügerisch. Denn der Telefoncomputer hatte einen nicht nach Bayern durchgestellt, sondern in das deutschlandweite Callcenter. Und als es dort hieß: Moment, wir verbinden sie, flog man wieder aus der Leitung. Vier Stunden später war klar, dass man einer erfolgreichen Vermittlung nach Bayern in diesem Augenblick so nah wie seitdem nicht mehr gewesen war. Das System kollabierte gerade.

Deutschland schaltete auf den Corona-Modus um. Die Befürchtung, am Virus erkrankt zu sein, griff wie der Erreger exponentiell wachsend um sich. Um 18 Uhr, nach zehn vergeblichen Stunden gab es immer noch kein Durchkommen. Wenn es nicht auch um Recherche gegangen wäre, ob das überhaupt möglich ist, jemanden zu erreichen, wäre das der Punkt gewesen, frustriert aufzugeben.

Aber es gab ein spätes Glück. Um halb elf hatten es die meisten entweder geschafft oder aber müdigkeitsbedingt aufgegeben, um halb elf ging es wieder ins deutschlandweite Callcenter und von dort weiter in die bayerische Warteschleife, das erste Mal. In der folgenden Stunde in der Warteschleife bestand tatsächlich die Gefahr, einfach einzuschlafen. Aber so nah vor dem Ziel – nein.

Irgendwann war tatsächlich eine abgearbeitet klingende Stimme am anderen Ende, die abwiegeln wollte, sehr unwahrscheinlich, könnte ein grippaler Infekt sein. Letztlich hieß es: "Sie stehen vorläufig unter Quarantäne, ein Arzt kommt zu ihnen, sie werden getestet. Bitte verlassen sie bis dahin nicht das Haus."

Dann ging es vergleichsweise schnell. Der Arzt kam am nächsten Morgen, die Nachbarn bekamen es nicht mit, als er in Schutzkleidung klingelte. Schnell ein Rachenabstrich und da ein Merkblatt, wie man sich jetzt zu verhalten habe. Zwei Tage später der Anruf des Arztes: "Negativ" – Erleichterung.

Richard Mayr ist Kulturredakteur und war in einer Theaterpremiere, die auch einer der ersten Corona-Erkrankten der Region besuchte.

Montag, 23. März: Ein Shutdown kann ganz schön stressig sein

Von Sarah Schierack

Wenn man sich anderen Personen nicht nähern darf und ein Besuch schon gar nicht infrage kommt, muss man sich aus vielen Indizien zusammenreimen, wie die Mitmenschen in der Corona-Krise wohl ihre Zeit verbringen. Die Schulfreundin erzählt in einer Sprachnachricht, sie würde nun viel backen: Brot, Kuchen, und was es da sonst noch gibt. Die Kollegin veröffentlicht im Internet Bilder ihrer blank geputzten Wohnung, mehrere Freunde spielen nun abendfüllend Brettspiele.

Ich freue mich, dass die Menschen plötzlich so viel Zeit haben, so viele neue Hobbys finden – ich beneide sie sogar darum. Denn ich habe seit Beginn des Corona-Shutdowns nicht ein einziges Buch ausgelesen, keine neue Sprache gelernt und der dringend notwendige Frühjahrsputz rückt auf meiner Liste der Dinge, die ich zu tun habe, von Tag zu Tag weiter nach unten.

Vergangene Woche konnte ich das noch auf meinen Tagesablauf schieben, der so anders als in normalen Zeiten gar nicht ist: Gemeinsam mit einigen wenigen Kollegen arbeite ich weiter in der Redaktion. Mittags sitzen wir mit großem Abstand in der Kantine, die zwar zu zwei Dritteln abgesperrt ist, aber den Betrieb aufrecht erhält. Abends gehe ich einkaufen, danach noch spazieren. Die Abende sind ruhiger als sonst, aber ich kann mir noch einbilden, dass das Leben normal weitergeht.

Der wahre Grund ist aber ein anderer: Auch wenn das ganze Land stillgelegt ist, ist die Zeit, in der nichts zu tun ist, knapp bemessen. Die Straßen sind leer, die Bars und Restaurants zu – weniger los ist deswegen aber nicht, vor allem nicht am Wochenende. Ich habe das Gefühl, weil alle Abstand halten müssen, will man sich zumindest digital so nah wie möglich sein.

Ich habe lange nicht mehr so viel telefoniert wie in den vergangenen Tagen. Einen Spaziergang am Sonntag musste ich abbrechen, weil mein Handyakku die ständige Beanspruchung nicht mehr mitmachte. Später stand eine Video-Konferenz mit Freunden an, zu der ich zu spät kam, weil ich noch meine Familie am Telefon hatte.

Nach eineinhalb Stunden musste ich mich auch aus dem Video-Gespräch wieder verabschieden: Meine Schwester hatte zu einem Livestream auf Instagram eingeladen. Auch in der nächsten Woche stehen schon einige Dinge an: Eine Freundin bietet Online-Yoga an. Dazu kommen Klavierkonzerte im Internet, Lesungen und Bands, die ihre Auftritte ins Netz verlegen. Wirklich stressig finde ich das natürlich nicht. Ich muss mich nur langsam mit dem Gedanken anfreunden, dass ich den Frühjahrsputz wohl auf unbestimmte Zeit verschieben werde.

Sarah Schierack ist Leiterin der Digital-Redaktion. Sie ist dankbar, dass sich die Menschen während der Krise zumindest über das Internet austauschen können.

Sonntag, 22. März: Aus der Stille wird langsam Einsamkeit

Von Birgit Holzer

In diesen Tagen bedauere ich es, nicht mitten in Paris zu leben. Zwar liegt die Stadtgrenze nur ein paar hundert Meter entfernt und ich liebe die unmittelbare Nähe zum großen Park Bois de Vincennes, in dem ich immer noch joggen gehe – alleine, wohlgemerkt. Seit Dienstag dürfen wir in Frankreich die Wohnung zumindest noch verlassen, um das Nötigste einzukaufen, Sport zu treiben, den Hund – falls vorhanden – auszuführen und in Ausnahmefällen zu arbeiten. Ansonsten heißt die wenig charmante Aufforderung der Behörden: "Restez chez vous!" ("Bleibt zu Hause!"). Dabei heißt Paris im Frühling doch in normalen Zeiten: ein Besuch auf dem Eiffelturm, bei der Mona Lisa im Louvre, ein Stopp im Straßencafé.

Die sonst so wohltuende Ruhe meines Vorortes im Kontrast zum lauten Paris befördert in Zeiten der weitgehenden Ausgangssperre ein Gefühl der Einsamkeit. "Quarantäne-Feten" gibt es hier nicht, zu denen sich die Pariser über die sozialen Netzwerke verabreden: "Zeigen wir, dass wir es schaffen, den Hausarrest beherzt durchzustehen!", heißt es auf Facebook. Jeden Abend um 19.30 Uhr soll man sein Fenster öffnen, die Musik aufdrehen, dazu tanzen und einander zuwinken.

Eine schöne Geste, aber bei mir bleibt es um 19.30 Uhr ruhig. Nur die Vögel zwitschern diskret. Viele meiner Nachbarn flohen noch rechtzeitig aufs Land zu ihren Familien, bevor das ab Dienstag nicht mehr möglich war. Und die Zuhausegebliebenen sind derzeit nicht besonders auf Kontakt aus: Ihre Einkäufe erledigen sie schnell und tun dabei so, als sei nicht nur der Körper-, sondern auch der Blickkontakt verboten. Die Stimmung ist angespannt.

Und doch schrecke ich um 20 Uhr auf, als ich draußen Applaus und Jubelrufe höre: Es gibt also doch noch Gutgelaunte, und sie sind an ihre Fenster gekommen, um auf diese Weise das französische Krankenhauspersonal zu ehren, das längst am Limit arbeitet. Auch dazu wurde im Internet aufgerufen. Dass sich auch meine Nachbarn beteiligen, berührt mich. Ich klatsche laut mit. Und schon fühle ich mich weniger allein.

Als Korrespondentin in Frankreich arbeite ich nicht in einem Redaktionsbüro. Homeoffice ist mir nicht fremd – absolute Ruhe aber schon. Alle Termine der nächsten Wochen sind abgesagt. Sogar die französische Rentenreform wird ausgesetzt, die im Winter für so viel Streiks und Aufruhr in der Bevölkerung sorgte. Über welche Themen werde ich künftig noch schreiben, außer über die Lage in Frankreich und meinen Alltag in Zeiten des Virus? Sehr vielseitig ist er momentan nicht. Aber eigentlich ist gerade das besonders.

Birgit Holzer lebt seit elf Jahren im Pariser Vorort Charenton-le-Pont, von wo aus sie als Frankreich-Korrespondentin berichtet.

Freitag, 20. März: Die Freude und den Tod vor Augen

Von Uli Bachmeier

So schön kann der Weg zur Arbeit sein. Es ist ein strahlend heller Frühlingsmorgen. Und es ist als wäre Sonntag. Statt die U-Bahn zu nehmen – die vor Corona oft überfüllt war, jetzt aber auch in Stoßzeiten nur noch spärlich besetzt ist –, packe ich meinen Rucksack und ziehe los: vorbei an der Technischen Universität und den Pinakotheken über die Ludwigstraße in den Englischen Garten und dann weiter bis zur Isar. Etwa 45 Minuten dauert der Fußweg von der Maxvorstadt ins Lehel, wo sich das Münchner Büro unserer Redaktion befindet.

Diese Zeit – 45 Minuten hin, 45 Minuten wieder heim – nehme ich mir normalerweise nicht. Plötzlich aber hab ich sie. Gefühlt 95 Prozent aller Termine finden nicht statt. Pressekonferenzen gibt es nur noch per Live-Stream. Politische Abendveranstaltungen sind abgesagt. Und auch der Landtag kommt nach dreiwöchiger Pause – erst Fasching, dann Kommunalwahlkampf – nur langsam wieder in die Gänge.

Corona-Krise? Den Enten im Englischen Garten ist das ziemlich egal.
Bild: Abt (Symbol)

Den Enten im Englischen Garten ist das ziemlich egal. Für einen politischen Korrespondenten aber ist das ein ernstes Problem: Ich treffe keine Leute mehr, die etwas wissen – oder genauer: die etwas wissen, bevor alle es wissen. So viel wir auch telefonieren, so digital vernetzt wir auch sind – mir fehlt das persönliche Gespräch, der unmittelbare Eindruck und die beiläufigen Gesten, die oft mehr sagen als Worte. Korrespondenten sind ein bisschen wie Trüffelschweine und ein bisschen wie Eichhörnchen. Sie wühlen und sie sammeln. Im besten Fall ergeben ihre Erträge einen authentischen Ausschnitt der Wirklichkeit, der dann korrekt dargestellt werden kann. Wenn ihnen der direkte Kontakt mit politischen Akteuren entzogen wird, dann wissen sie zwar immer noch, was passiert (und hoffentlich auch, warum). Die tieferen Motive, die Erwartungen, Hoffnungen und Ängste hinter den Entscheidungen aber bleiben ihnen verborgen.

Der journalistische Ertrag eines Spaziergangs durch den Englischen Garten hält sich in Grenzen. Ich kann von dort nur berichten, dass sich die Surfer an der Eisbach-Welle ihren Spaß bisher nicht haben verderben lassen. Wer eiskaltes Wasser nicht scheut, den schreckt weder das Virus, noch beeindrucken ihn die Appelle, zu Hause zu bleiben.

Mich persönlich schreckt das Virus auch nicht. Ich bin gesund. Ich werd’s überleben. Trotzdem meide ich die U-Bahn und gehe zu Fuß. Ich denke auf dem Weg an meine Eltern. Ich besuche sie zurzeit nicht. Mein Vater ist 86, hat ein schwaches Herz und eine kranke Lunge. Ich weiß: Wenn er sich ansteckt, hat er kaum Chancen zu überleben. Ich weiß aber auch: Er hätte seine helle Freude daran, mit mir den Surfern zuzuschauen oder im Biergarten eine Maß zu trinken.

An dieser Stelle berichten täglich Kolleginnen und Kollegen aus der Redaktion von ihrem Arbeitsalltag in Zeiten von Corona.

Uli Bachmeier, 60, ist unser Landtagskorrespondent in München.

Donnerstag, 19. März: Keiner kommt zum Kindergeburtstag

Von Doris Wegner

Geschenkpapier? Wo ist verdammt noch mal Geschenkpapier? An alles gedacht in den letzten hektischen Tagen, aber ausgerechnet daran nicht. Geschenkpapier wäre für mein kleines Familiensystem jetzt absolut relevant. Denn mein Kind hat Geburtstag. Es ist spätabends, der Kuchen endlich im Ofen ... Die Geschenke? Nun, da liegen sie ...

Kindergeburtstag allerdings ist in diesen Tagen eine recht einsame Sache. Es gibt keine lustigen Einladungen, die verschickt werden. Keine bunten Luftballons am Hauseingang. Keine gut gelaunten Freunde, die erwartungsvoll ins Haus marschieren, spielen, lachen und am Ende des Tages über die Stränge schlagen. Keine Oma, die kommen kann, die drückt und herzt. Das Kind hingegen ist aufgeregt und hibbelig wie in jedem anderen Jahr auch. Und nach den pflichtschuldig erledigten Homeschooling-Einheiten ausgesprochen erwartungsfroh.

Nun, und ich bin den ersten Tag im Homeoffice, sitze an einem alten Esstisch und die Nachrichten überschlagen sich: Der Außenminister hat wegen der Corona-Pandemie eine weltweite Reisewarnung ausgesprochen und im Anschluss die größte Rückholaktion aller Zeiten von deutschen Urlaubern angekündigt. Luftbrücke wird das von einigen genannt. Eine absolute Ausnahmesituation.

Noch in der Nacht hatte ich meinem Sohn eine Karte geschrieben, dass er diesen Geburtstag wohl nicht so schnell vergessen werde, weil er in ganz außergewöhnliche Zeiten falle, dass es vielen anderen Kindern genauso gehe und dass wir die Party – ist doch klar! – nachholen werden. Leichtsinnigerweise habe ich ihm Normalität versprochen, die es derzeit nicht gibt, und einen superlustigen gemeinsamen Spielenachmittag angekündigt.

Gespielt hat das Kind dann allein. Tischtennis gegen die Fensterscheibe. Tschick, tack, dong, tschick, tack, dong, tschick, tack dong ... Das ist also der Sound lahmgelegten Kinderglücks.

Mit Mitteln, die eigentlich nicht okay sind, habe ich sein Verständnis erkauft: Weißt du, das ist eine Situation, die ich so auch noch nicht erlebt habe. Du bist doch jetzt schon groß. Tschick, tack, dong. Ich bin ganz schnell fertig. Tschick, tack dong, dong, dong ... Zwei Dinge treiben mich nun um: Wann kann ich die Rückholaktion für diesen versauten Kindergeburtstag starten? Und weiter: Hat mein Sohn gemerkt, dass auf seinen Geschenken lauter Schneeflocken, Tannenbäume und Rentiere zu sehen waren? Ich glaube schon. Er hat nichts gesagt.

Doris Wegner ist verantwortlich für das Reise-Journal unserer Zeitung. Wenn es schon keine Feier gab – der Kuchen fehlte nicht.

Mittwoch, 18. März: Leere Regale und volle Kneipen

Von Katrin Pribyl

Ich lebe in Brixton, einem hippen Viertel im Londoner Süden. Insbesondere vor der U-Bahnstation fühlt man sich wie auf dem Jahrmarkt. Es wuselt und brummt und lärmt und riecht tagsüber nach den Abgasen der Doppeldeckerbusse und den Blüten vom nahen Blumenstand; nachts wabert der Geruch frischer Hotdogs durch die Luft, die vor der Station gebraten werden. Man fühlt sich am Puls der Zeit in dieser Stadt, die sich immer bewegt, immer überrascht, immer fasziniert.

Im Moment wuselt, brummt und lärmt es noch immer, wenn auch wegen der Coronavirus-Krise deutlich weniger als sonst. Und man stellt sich die Frage: Kann London überhaupt zum Stillstand kommen?

In einem Chat mit Freunden wurde jetzt diskutiert, wo man sich am Abend treffe. Geplant war ein Dinner in Soho. Hier im Ausgehviertel West End tummeln sich sonst Massen von Touristen, nun sind deutlich weniger Menschen unterwegs. Die Theater haben geschlossen – aus freien Stücken. Drastische Maßnahmen der Regierung? No.

Die U-Bahn ist spärlich besetzt, auch wenn Johnson beschwichtigt.
Bild: dpa

Endlich stünden die Chancen gut, einen Tisch bei diesem neuen Taiwanesen zu bekommen, freut sich im Chat derweil Freund M. Freund R. fragt: "Wollen wir davor noch gemeinsam ins Fitnessstudio?" Ich frage: "Seid ihr des Wahnsinns?" Das Motto "Keep calm and carry on" haben die Briten während des Krieges erfunden und in den Jahrzehnten danach perfektioniert. Nur nicht aus der Ruhe bringen lassen! Zwar sind auch in London die Regale der Supermärkte leer geräumt, nur tauscht man seine Sorgen allzu häufig noch beim Bier im Pub. Es herrscht in manchen Kreisen ein Gefühl der Unverwundbarkeit, das mich fassungslos zurücklässt.

Die U-Bahn, die berühmte Tube, ist trotzdem deutlich leerer als sonst. Ich nutze keine öffentlichen Verkehrsmittel mehr und falls ich etwas erledigen muss, gehe ich meistens zu Fuß. Eigentlich sollte diese Woche die nächste Runde der Verhandlungen zwischen dem Königreich und der EU über die künftigen Beziehungen nach dem Brexit beginnen. Verschoben. Man mag es kaum aussprechen, aber ein bisschen vermisse ich den Brexit.

Eine befreundete Ärztin arbeitet für den staatlichen Gesundheitsdienst NHS, eine heilige Kuh auf der Insel. Doch ihre Schilderungen über fehlende Ausrüstung oder den Mangel an Personal sind gruselig. Selbst Ärzte und Pfleger werden kaum getestet, wenn sie für das Coronavirus typische Symptome zeigen. Es ist ein unterfinanziertes Gesundheitswesen, das auch ohne Coronavirus schon keuchte. "Uns droht eine absolute Katastrophe", sagt Anna. Ich lege auf – und mir ist ein bisschen übel.

Katrin Pribyl ist unsere Korrespondentin in London. Sie staunt über die Unbekümmertheit vieler Briten.

Dienstag, 17. März: Soforthilfe für Sam

Von Michael Stifter

Als ich meinem Sohn im Sommer erzählt habe, dass ich nach Berlin fahre, um ein Interview mit Horst Seehofer zu dessen 70. Geburtstag zu führen, bekam ich eine ebenso einleuchtende wie überraschende Antwort. Mit der Miene eines Menschen, dem gerade siedend heiß einfällt, dass er etwas ganz Wichtiges vergessen hat, sagte der Dreijährige: "Aber Papa, dann müssen wir doch noch einen Kuchen backen, wenn der Horst Geburtstag hat." So, und jetzt erklären Sie mal diesem kleinen Kerl, dass Politik ein ernstes Geschäft ist und der Papa sich jetzt wirklich, wirklich auf diesen Text konzentrieren muss.

Homeoffice – das hat der kleine Mitbewohner schon begriffen – bedeutet, "dass ich dem Papa jetzt immer Hallo sagen kann, wann ich will". Mein erster Tag in Heimarbeit beginnt allerdings mit einer ganz anderen, grundsätzlichen Frage: Vor der Konferenz duschen oder nicht? Ich entscheide mich für ja. Mein Ziel ist es, mich möglichst lange gegen die drohende Verwahrlosung zu stemmen. Die kommenden zwei Wochen werde ich zu großen Teilen im Schlafzimmer verbringen. Nachts zum Schlafen und tagsüber zum Arbeiten – und ich habe fest vor, Letzteres stets voll bekleidet zu tun.

Michael Stifter in seinem Home-Office.
Bild: Stifter

Die Tür zu meinem "Büro" geht auf. Feuerwehrmann Sam hat seinen Helm verloren. Jetzt müssen schnelle Lösungen her. Ich werde mit einem Soforthilfeprogramm eine Eskalation der Krise verhindern. Whatever it takes. Sam ist systemrelevant – jedenfalls für das Kind. Auch die Nahrungsmittelversorgung dahoam steht schon bald auf der Kippe. Jetzt, da ich meine eigene Kantine bin, ist der Speiseplan recht schokoladen- und koffeinlastig. Dann kommt die rettende Eilmeldung von meiner Frau – aus dem Kitchen Office quasi. Es ist noch Suppe da.

Kurz darauf sitze ich am Laptop, tippe meine Artikel, bekomme Mails und ständig neue Corona-Nachrichten. Immer wieder telefoniere ich mit dem Teil der Mannschaft, der in der Redaktion die Stellung hält. Eigentlich könnte man das Meiste auch schriftlich klären, aber irgendwie tut es gut, sich zu hören. Eine der besten Erkenntnisse dieser Krise: Wie schön es ist, Kolleginnen und Kollegen zu haben, mit denen man gerne Zeit verbringt. Normalerweise. Im Homeoffice ist jeder auf sich allein gestellt. Vom Schreibtisch aus sehe ich den Nachbarn, der seinen Garten umgräbt. Er hat Zeit, denn sein Arbeitgeber musste den Laden vorerst zusperren. Vielleicht gehe ich nachher mal auf einen Espresso zu ihm hinunter. Ein gutes Verhältnis zu den Nachbarn ist in diesen Tagen Gold wert – erst recht, wenn er Obst und Gemüse anbaut.

Michael Stifter leitet das Ressort Politik & Wirtschaft. Er hat zwei kleine Kinder, die sich gerade über den Papa im Homeoffice wundern.

Über alle Entwicklungen rund um das Coronavirus informieren wir Sie in unserem Live-Blog.

Wie verändert sich die Arbeit von Journalisten in Zeiten des Coronavirus? In einer neuen Folge unseres Podcasts geben wir einen Einblick.

Wir wollen wissen, was Sie denken: Die Augsburger Allgemeine arbeitet daher mit dem Meinungsforschungsinstitut Civey zusammen. Was es mit den repräsentativen Umfragen auf sich hat und warum Sie sich registrieren sollten, lesen Sie hier.

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11.04.2020

Sehr verehrte Frau Lea Thiel,
Ich bin ein großer Fan der Capito-Seite und freue mich auch täglich darauf. Vielleicht auch, weil ich 41 Jahre lang als Lehrerin tätig war?
Aber zu Ihrem Beitrag heute in Der Zeitung muss ich unbedingt meine Meinung äußern:
Sie schreiben, wie selbstverständlich ihr vierjähriger Sohn die unbedingt notwendigen Verhaltensregeln einhält. Das finde ich sehr gut und ist aus meiner beruflichen Erfahrung bei Kindern durchaus möglich, wenn man ihnen diese Notwendigkeit verständlich erklärt.
Aber----ein differenziertes Abwägen der wirklichen Notwendigkeit von Anordnungen der Gesundheitsbehörden oder anderer Regierungsorgane ist bei einem vierjährigen Kind schlicht unmöglich! Hier greifen Sie als erwachsene Person mit Ihren Vorstellungen zu einem (für Journalisten nach meiner Überzeugung) unlauteren Mittel. Sie reihen sich ein in die Gruppe der Meinungsmacher und schieben vor, ein kleines Kind hätte sich diese Fragen gestellt.
Ich denke aber nicht, dass Journalisten keine eigene Meinung veröffentlichen dürfen. Aber wenn sie das tun, sollte es klar erkennbar sein!
Trotzdem werde ich weiterhin ein eifriger Leser der Capito-Seite bleiben und mich täglich wieder darauf freuen.
Mit freundlichen Grüßen
Monika Kubitschek

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