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Klimagipfel

09.11.2017

Wo die Sonne ihre ganze Kraft zeigt

Der 210 Meter hohe Turm ist das Herz des Solarkraftwerks, das jetzt in der chilenischen Atacama-Wüste fertiggestellt werden soll.
Bild: Thomas Imo, photothek.net, GIZ

Chile erlebt derzeit eine Energie-Revolution. Das Potenzial für die Erneuerbaren ist schier unerschöpflich

Die intensivste Sonneneinstrahlung der Welt, die trockenste Wüste der Welt, die größte Kupfermine der Welt mit einem riesigen Energiebedarf. Alles an einem Ort – und kaum Menschen, die das Experiment stören können. Bessere Versuchsbedingungen hätte sich kein Wissenschaftler ausdenken können. In der chilenischen Atacama-Wüste existieren sie wirklich. Mit internationalem Know-how und deutscher Erfahrung will der Andenstaat jetzt zum weltweiten Vorreiter der Energiewende und des Klimaschutzes werden. Auch auf dem Weltklimagipfel, der derzeit in Bonn stattfindet, wird dieser Aufbruch wohlwollend registriert.

Er ist schon vom Flugzeug aus zu sehen: 210 Meter hoch erhebt sich der Turm über die graue Atacama-Wüste. Das zweithöchste Gebäude Chiles ist ein echtes Leuchtturm-Projekt und das Herzstück der ersten konzentrierten Solarenergie-Anlage Südamerikas. 10600 jeweils 144 Quadratmeter große Spiegel sollen schon bald die Energie der Sonne auf die Spitze des Turmes fokussieren und so 50000 Tonnen Salz auf 545 Grad erhitzen. Die geschmolzenen Kristalle werden dann Wasser verdampfen, das eine gewaltige Turbine antreiben und so bis zu 110 Megawatt Strom erzeugen kann. Genug Energie für mehr als 380000 Haushalte. Weil das verflüssigte Salz die Energie der Sonne 17,5 Stunden lang speichert, kann das Kraftwerk 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr Strom liefern.

„Ich bin sehr stolz, dass wir hier schon bald die weltweite Energie-Revolution mit vorantreiben werden“, sagt Ivan Araneda. Er ist der Mann, der den Sonnenturm in der Wüste baut oder – besser gesagt – endlich fertig bauen will. Denn momentan steht auf seiner Mega-Baustelle alles still. Im vergangenen Jahr wuselten hier noch jeden Tag bis zu 2000 Bauarbeiter und Ingenieure herum. Mit Overalls, Helmen und Sonnenbrillen schützten sie sich vor den Strahlen, die nicht nur Salz schmelzen, sondern auch die Haut in Minuten verbrennen können.

Vor eineinhalb Jahren meldete die spanische Firma, die das Kraftwerk in der Atacama bauen wollte, Konkurs an, seitdem stehen die Kräne auf dem fast fertigen Turm still. Mittlerweile sind die Verhandlungen mit neuen Geldgebern in einer entscheidenden Phase. Auch die deutsche Kreditanstalt für Wiederaufbau (KFW) überlegt, sich mit einem 100-Millionen-Euro-Kredit an dem Eine-Milliarde-Euro-Projekt zu beteiligen. Araneda hofft, dass die Verträge möglichst bald unterschrieben werden. Der ungeduldige Chilene will nicht noch mehr Zeit verlieren, während die Sonne jeden Tag vom wolkenlosen Himmel scheint. Was für andere schönes Wetter ist, ist für den Solarmanager verschwendete Energie und somit verschwendetes Geld.

Und die Sonne sorgt nicht nur in der Wüste für Goldgräberstimmung. Auch Energieminister Andrés Rebolledo in der zwei Flugstunden südlich gelegenen Hauptstadt Santiago de Chile ist bestens gelaunt. „Was unser Land gerade erlebt, ist keine Energiewende, das ist eine Energie-Revolution!“ 2014 machten Sonne und Wind gerade mal sechs Prozent am chilenischen Energiemix aus, jetzt sind es 19 Prozent. Bis 2035 sollen bereits 60 Prozent des Stromes mit erneuerbarer Energie produziert werden, und die meisten Experten gehen davon aus, dass dieses Ziel übertroffen wird.

Dass Chile sich vor einigen Jahren auf seine erneuerbaren Energien besann, lag auch an Deutschland. Denn das deutsche Umweltministerium unterstützt Chile durch die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) beim Klimaschutz. So berechnete die GIZ zusammen mit dem Energieministerium das Potenzial der erneuerbaren Energien in Chile. Das Ergebnis: Das Land könnte mehr als das Hundertfache des gesamten aktuellen Stromverbrauchs aus erneuerbaren Quellen gewinnen.

GIZ-Fachleute begleiteten den Energieminister zudem mehrfach nach Deutschland. „Nach seiner Rückkehr sagte er: ,Wenn die Deutschen es unter viel schwierigeren Bedingungen schaffen, erneuerbare Energie zu produzieren – dann packen wir das auch‘“, erinnert sich Rainer Schröer, Leiter das GIZ-Energie-Programms in Chile.

Oberstes Ziel der chilenischen Energie-Revolution ist eine verlässliche und günstige Energieversorgung. Der Klimaschutz ist nachrangig. Darum treten alle Energieformen in einen offenen Wettkampf. Chile fährt seit der Pinochet-Diktatur einen äußerst wirtschaftsliberalen Kurs, keine Energieform wird subventioniert. Was zählt, ist der Preis. Dass sich dabei zuletzt oft die Erneuerbaren durchsetzen, liegt daran, dass sie meist am billigsten sind. In Chile wird der günstigste Solarstrom der Welt produziert.

Dass dieser preiswerte Strom auch noch grün ist, ist für Minister Rebolledo jedoch mehr als nur ein positiver Nebeneffekt. „Chile ist äußerst anfällig für die Auswirkungen des Klimawandels. Darum ist uns die Bekämpfung der Erderwärmung wichtig“, sagt der Minister, dessen Land sich mit dem Pariser Klimaabkommen dazu verpflichtet hat, seine Emissionen bis 2030 im Vergleich zu 2007 um 30 Prozent zu senken.

Unternehmen aus den USA, Spanien, Italien, Frankreich, Irland, Japan und Korea haben in Chiles neuer Energie-Strategie bereits große Chancen erkannt, deutsche Firmen mischen bislang kaum mit. Eine Ausnahme ist der Windpark-Entwickler „wpd“. Das Bremer Unternehmen will bis 2022 im Süden Chiles drei Windparks mit mehr als 100 Rotoren und einer Leistung von 350 Megawatt installieren und dazu mehr als 500 Millionen Euro investieren.

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