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Armut in Deutschland

01.08.2019

Zu wenig zum Leben – arme Kinder immer ärmer

In den ärmsten Familien reicht das Geld einer Studie zufolge nicht einmal für den Eintritt in Freibad und Zoo.
Bild: Stephanie Pilick, dpa (Symbol)

In den ärmsten Familien reicht das Geld einer Studie zufolge nicht einmal für den Eintritt in Freibad und Zoo.

Eis, und zwar jeden Tag – das wollen Kinder in den heißen Monaten. Und danach ins Schwimmbad. Für die meisten Kinder hierzulande ist das kein Problem. Ihre Eltern oder Großeltern können sie mit genügend Taschengeld ausstatten. Doch ein kleiner Teil der Kinder muss sich entscheiden – Eis oder Schwimmbad. Am Ende des Monats, wenn das Geld knapper wird, müssen sie auf beides verzichten. Sie zählen zu den rund eine Million Kindern, die in den ärmsten Familien Deutschlands leben.

„Das, was für die Mehrheit Gleichaltriger selbstverständlich ist, bleibt ihnen aufgrund der Einkommenssituation ihrer Eltern versagt“, beklagte der Chef des Paritätischen Gesamtverbandes, Ulrich Schneider, am Donnerstag in Berlin. Insgesamt leben 13,2 Millionen Kinder- und Jugendliche unter 18 Jahren in Deutschland. Der wortmächtige Anwalt der Mittellosen legte eine neue Studie vor, die die soziale Kluft in Deutschland untersucht. Zwischen oben und unten fällt sie gravierend aus. Während demnach die Familien mit einem Kind aus den reichsten zehn Prozent jeden Monat 1200 Euro für den Nachwuchs ausgeben, sind es bei den Familien aus den ärmsten zehn Prozent nur 364 Euro. Im Durchschnitt sind es 600 Euro. Für die Kinder aus armen Familien bleiben so für Freizeit, Unterhaltung und Sport gerade 44 Euro pro Monat.

Ulrich Schneider
Bild: dpa

„Das Gefühl, nicht dazu zu gehören, ausgegrenzt zu sein und abseits stehen zu müssen, ist das Lebensgefühl armer Kinder“, sagte Schneider. Die Mitte setzt die Standards und orientiert sich wiederum nach oben.

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Zur Jahrtausendwende war die Lage noch etwas besser 

Der Paritätische gründet seine Daten auf die Einkommens- und Verbrauchsstichprobe des Statistischen Bundesamtes. Die jüngsten Daten stammen aus dem Jahr 2013, was ihre Aussagekraft einschränkt, weil sie den langen Wirtschaftsaufschwung der letzten Jahre nicht erfassen. Nicht enthalten sind auch die Flüchtlinge und deren Kinder, die seit 2015 nach Deutschland gekommen sind. Allerdings zeigen die Daten auch, dass Familien aus dem unteren Einkommenszehntel um die Jahrtausendwende noch etwas mehr Geld zur Verfügung hatten. Schneider hatte die Vorlage seiner Studie wohl bedacht. Er kippte damit Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) Wasser in den Wein. Denn seit Donnerstag gilt die zweite Stufe des „Starke-Familien-Gesetzes“. Familien mit wenig Geld bekommen mehr Unterstützung vom Staat. Für Stifte, Hefte, Füller und Taschenrechner gibt es ab sofort 150 Euro statt bislang 100 Euro pro Jahr. Die Schülerfahrkarte wird komplett übernommen genauso wie das Mittagessen im Kindergarten oder in der Schule. Hinzu kommt Hilfe bei Klassenfahrten und Ausflügen. Außerdem steigt der monatliche Gutschein für Sportverein, Musikschule oder Chor von zehn auf 15 Euro.

Schneider nennt Giffeys Gesetz eine „peinliche Veranstaltung“

Für Schneider sind die höheren Zuschüsse nur der Tropfen auf den heißen Stein. Er nannte Giffeys Gesetz eine „peinliche Veranstaltung“ mit „kleinlichen Verbesserungen“. Der Mitgliedsbeitrag im Fußballklub könne mit dem 15-Euro-Gutschein noch bezahlt werden, spätestens für Fußballschuhe „reicht es schon nicht mehr“. Der Chef des Paritätischen verlangte deshalb mehr kostenlose Freizeitangebote für Kinder und höhere Hartz-IV-Sätze. Tatsächlich ist der Hauptgrund für die Armut von Kindern, dass ihre Eltern keine Arbeit haben. „Die Familien brauchen entweder mehr Geld oder freien Eintritt“, forderte der 60-Jährige.

Das Haus der Ministerin wehrte sich gegen seine Angriffe. „Mit dem ,Starke-Familien-Gesetz‘ stellt die Bundesregierung in dieser Legislaturperiode mehr als 1,5 Milliarden Euro zusätzlich für die Unterstützung von Familien mit kleinen Einkommen zur Verfügung“, erklärte das Ministerium. Vor diesem Hintergrund seien „die Aussagen des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes irreführend“.

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