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Erdbeben in Nepal

27.04.2015

Zwei Allgäuer erlebten Erdbeben am Mount Everest hautnah mit

Kampf gegen die Uhr: Nur mühsam können Rettungskräfte am Mount Everest die festsitzenden Bergsteiger in Sicherheit bringen.
Bild: Roberto Schmidt, afp

Während Tausende in Nepal verschüttet werden, stürzt am Mount Everest eine Lawine in die Tiefe. Warum zwei Allgäuer gewaltig Glück hatten und Reinhold Messner sauer ist.

Als der Horizont grau und immer grauer und das Handy-Video unruhig und immer unruhiger wird, ist eine Männerstimme zu hören. „Der Boden wackelt“, sagt sie. Dann schreit die Stimme nur noch. Schließlich: schweres Atmen, sekundenlang. Vielmehr ein Stöhnen. Und das Video läuft noch immer.

Im Basislager der Bergsteiger am Mount Everest hängen bunte Fähnchen zwischen gelben und orangefarbenen Zelten. An die 1000 Menschen sollen sich in diesem Moment hier aufhalten, so genau weiß das keiner. 1000, das klingt nach viel. Aber wenn man berücksichtigt, dass der höchste Berg der Welt fast schon zu einem Ziel für den Massentourismus geworden ist, wo Kletterer mitunter im Gänsemarsch hinauf- und wieder hinuntergelotst werden, dann sind 1000 nicht ungewöhnlich viel. So oder so beginnt in diesen Minuten ein Drama.

Helikopter führen dramatische Rettungsaktion durch

Eine Schneewolke füllt den Horizont und wälzt sich über das Camp. Mit unvorstellbarer Wucht trifft die Lawine, ausgelöst durch das verheerende Erdbeben in Nepal, das Basislager. Dieses gilt eigentlich als lawinensicher. Eigentlich. Aber kann man mit einem solchen Erdbeben rechnen?

Die Männer rennen, ducken sich, verwackelte Bilder zeigen, wie sie Schutz suchen. Das Handy-Video geht um die Welt. Gefilmt von einem Deutschen: Jost Kobusch, 22, aus Borgholzhausen in Nordrhein-Westfalen. Er bleibt unverletzt. Das Video, schon jetzt ein Stückchen Zeitgeschichte in den sozialen Medien. Auf der Plattform Youtube wird es bis gestern Abend fast zehn Millionen Mal angeklickt.

Mindestens 18 Menschen kommen durch die Lawine ums Leben, darunter zwei Amerikaner, ein Chinese, ein Australier und mehrere Nepalesen. 65 Bergsteiger sind nach Angaben des Tourismusministeriums verletzt, etwa 150 sitzen am Berg fest. Eine dramatische Rettungsaktion beginnt. Ein Kampf gegen die Uhr.

Am Montag gelingt es, etliche Alpinisten mit Helikoptern aus der Lawinen-Hölle auszufliegen. Der rumänische Kletterer Alex Gavan schreibt über das soziale Netzwerk Twitter, dass Hubschrauber in den Lagern 1 und 2 landen konnten, nachdem das Wetter sich etwas gebessert hatte. In den beiden Camps, die auf 5900 und 6500 Metern Höhe liegen, ist die Luft so sauerstoffarm, dass die Extremsportler besonders gefährdet sind. Hubschrauberflüge sind in der dünnen Luft und bei dem unvorhersehbaren Wetter im Himalaja ein riskantes Unterfangen.

Aus Sicherheitsgründen können die Bergsteiger nur paarweise aus den oberen Camps ausgeflogen werden. Schnee- und Eismassen haben den Abstieg über den hochgefährlichen Khumbu-Eisfall zurück ins Basislager verschüttet, sodass eben rund 150 Alpinisten am Gipfel festsitzen. Die Khumbu-Route, die zwischen gigantischen Eistürmen und überhängenden Eisblöcken von bis zu 30 Metern Höhe und tückischen Gletscherspalten vom Basislager zu Lager 1 führt, ist die inzwischen übliche Kletterstrecke für Everest-Besteiger. Die Durchquerung dauert um die zwölf Stunden.

Reinhold Messner: "Hype um die Bergsteiger ist zynisch"

Die Welt blickt auf das Dach der Welt. Und was ist mit den anderen Opfern dieser Katastrophe, fragen die Kritiker? Hier 18 Tote. Und im Rest des Landes, in Indien, in Bangladesch, über 4100. Reinhold Messner, der mehrmals auf dem 8848 Meter hohen Gipfel war, ist jedenfalls sauer. Er befürchtet, dass das Schicksal der internationalen Kletterer die Not der Bevölkerung vor Ort in den Hintergrund drängen könnte. „Es ist zynisch, dass man um die Bergsteiger am Mount Everest, die sich für 80000 bis 100000 Dollar diese Besteigung kaufen können, einen solchen Hype macht.“ In erster Linie müsse den Menschen in der Hauptstadt Kathmandu geholfen werden, sagt er.

In der Tat: Die Bewohner eines der ohnehin ärmsten Länder der Erde erleben einen beispiellosen Albtraum. Über 60 neue, heftige Nachbeben versetzen die Menschen jedes Mal in Panik und behindern die Rettungsteams, die immer noch in den Trümmern nach Überlebenden graben. Zehntausende in Kathmandu verbringen die Tage und Nächte in Kälte und Regen im Freien.

In Parks, auf Golfplätzen und anderen freien Flächen sind provisorische Zeltlager entstanden für diejenigen, die obdachlos sind oder Angst haben, in ihre Häuser und Wohnungen zurückzukehren. Jedes neue Beben droht bereits beschädigte Strukturen zum Einsturz zu bringen. Es fehlt an Trinkwasser und Medikamenten. Krankenhäuser sind so überfüllt, dass weniger schwer Verletzte auf der Straße behandelt werden müssen. Der Strom fällt pausenlos aus und die Handy-Netze sind überlastet.

Alix von Melle, 43, und Luis Stitzinger, 46, haben eigentlich vor, über den Flughafen der Stadt, die knapp eine Million Einwohner hat, auszureisen. Das ist am Sonntag, ein Tag nach dem großen Beben. Aber wie soll man aus einer Stadt raus, in die die Hilfskräfte nur schwer hineinkommen, wenn überhaupt? Deshalb versucht es das Ehepaar aus Füssen jetzt über das tibetische Lhasa. Der Entschluss fällt im Basislager des Mount Everest eben in Tibet, das zu China gehört.

Die zwei hatten vor, den Berg nicht vom Süden aus wie die jetzt Verschütteten, sondern von Norden zu besteigen. Ohne künstlichen Sauerstoff zu benutzen. Das ist bisher erst den wenigsten Everest-Bezwingern gelungen. Von Melle und Stitzinger zählen derzeit zu den erfolgreichsten Expeditionsbergsteiger-Ehepaaren Deutschlands.

Ostermontag sind sie aufgebrochen und haben sich seitdem auf die Besteigung des Berges vorbereitet. Es sollte ihr gemeinsamer siebter Achttausender sein. „Aus Respekt und Mitgefühl gegenüber der großen Zahl der Todesopfer und deren Angehörigen“ im ganzen Land und auch an der Südseite des Everests hätten sie sich nun zum Abbruch der Expedition entschlossen, heißt es in einer gemeinsamen Erklärung.

Von Melle und Stitzinger haben sehr viel Glück. Genauso wie neun Teilnehmer der Expeditionsgruppe des Oberstdorfer Veranstalters Amical, der sich das Füssener Alpinisten-Paar angeschlossen hat. Alle seien unverletzt, sagt Manuela Schmid von Amical gestern in Oberstdorf. Ob die Tour ganz abgebrochen wird, kann sie da noch nicht sagen. Es wäre ohnehin möglich, dass eine Besteigung des Everest von der Regierung vorerst verboten wird, sagt Schmid. Amical gilt als einer der führenden Veranstalter von Expeditionen zu den hohen Bergen der Welt. So hält sich derzeit auch eine Gruppe am 8201 Meter hohen Cho Oyu auf, einem weiteren von weltweit 14 Achttausendern. Manuela Schmid gibt auch hier Entwarnung: „Wir hatten Kontakt mit den Teilnehmern und haben erfahren, dass es allen gut geht.“

Unglück trifft mitten in Nepals Touristensaison

Anders als im nepalesischen Basislager des Mount Everest ist das Beben an der Nordseite weniger stark zu spüren. Die Erdstöße lösen zwar Gerölllawinen und kleinere Bergstürze aus. Doch verglichen mit der zerstörerischen Wucht der Lawine an der Südseite ist das harmlos.

Zum Zeitpunkt des Unglücks halten sich nach ersten Schätzungen rund 300000 Touristen in Nepal auf. Die meisten sind Trekker und Bergsteiger. Das Schicksal vieler ist unklar. Auch hier sind Kommunikationsverbindungen abgerissen sowie Wege in einsame Täler verschüttet und nicht begehbar.

Der Tourismus gilt mit Abstand als wichtigste Einnahmequelle des bettelarmen Landes, das doppelt so groß ist wie Bayern. Nach Schätzungen nimmt das nepalesische Tourismusministerium allein durch die Gebühren für die Everest-Gipfelbesteigungen im Jahr zehn Millionen Dollar ein. Viel Geld für ein Land, das mit einer Wirtschaftsleistung von 700 Dollar pro Kopf weltweit im Vergleich ganz hinten liegt.

Der in Sulzberg im Oberallgäu lebende Stefan Heiligensetzer hat schon zehn Mal Gruppen im Himalaja-Gebirge geführt – bis auf 6000 Meter hohe Gipfel. „Jeder, der Berge mag, ist von den gigantischen Gipfeln und den ungeheuren Dimensionen fasziniert“, erzählt er. Deshalb kämen so viele Wanderer und Bergsteiger in das kleine Land. Die meisten deutschen Trekking-Touristen kämen aus Baden-Württemberg und Bayern, sagt Heiligensetzer. Immer wieder habe er in den vergangenen Tagen versucht, einen befreundeten nepalesischen Hochgebirgsträger, einen Sherpa, zu erreichen, sagt der Allgäuer: „Ich kenne Temba seit Jahren.“ Zuletzt habe dieser sich als Führer im Everest-Basislager aufgehalten. Dort, wo jetzt die Lawine gewütet hat.

Das Unglück trifft die Menschen im Himalaja mitten in der Bergsaison. Neben den Herbstmonaten September bis November gilt der sogenannte Vormonsun von Mitte Februar bis Ende April als klassische Zeit für Bergtouren und Wanderungen. Das Wetter ist dann oft trocken und klar. Allerdings: Erst 2014 hat sich am Mount Everest eine Tragödie ereignet. Bei einem schweren Lawinenunglück sind 16 nepalesische Sherpas und Bergführer ums Leben gekommen.

Am Samstag nun, im Basislager auf 5400 Metern Höhe, sitzt der Kanadier Nick Cienski, 48, mit seiner Frau im Zelt, als sich der Berg bewegt und die Lawine auf ihn zurollt. „Es war unglaublich beängstigend“, sagt er. Cienski war vor 20 Jahren zuletzt im Himalaja. Damals kamen fünf seiner Freunde bei einem Unglück ums Leben. Nun wollte er das Erlebte von damals am Mount Everest verarbeiten – und geriet mitten in die Katastrophe. Aber er lebt.

Und es gibt noch eine kleine Geschichte des Glücks in diesen Tagen des Unglücks. Neun griechische Bergsteiger entkommen nur deshalb der Katastrophe, weil sich der Sherpa mit ihrem gesamten Geld auf und davon macht. Völlig verärgert reisen sie ab – einen Tag, bevor die Erde bebt. mit dpa

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