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AfD
28.01.2022

Jörg Meuthen verlässt die AfD: Die Geschichte vom gemäßigten Populisten

Jörg Meuthen tritt als AfD-Chef zurück und aus der Partei aus.
Foto: Kay Nietfeld, dpa

Erst wollte Jörg Meuthen die Radikalisierung der AfD nicht verhindern, dann konnte er sie nicht mehr aufhalten. Seine eigene Strategie wurde ihm zum Verhängnis.

So lange wie kein anderer Parteichef hat sich Jörg Meuthen an der Spitze der AfD gehalten. Doch längere Gespräche mit ihm führten in den vergangenen sechs Jahren beinahe unweigerlich zur Frage, ob er sich womöglich im falschen Laden befindet. Meuthen antwortete dann gerne, er müsse als AfD-Vorsitzender ja nicht alles teilen, was Mitglieder seiner Partei so von sich geben. Wenn Mitstreiter also mal wieder rhetorisch danebengriffen, betonte Meuthen zwar regelmäßig, dass er persönlich dies oder das so nicht gesagt hätte. Das war dann aber meist schon das höchste Maß an Distanzierung. Es stimmt ja, der Wirtschaftsprofessor persönlich fiel selten durch verbale Entgleisungen auf. Doch wenn er mit all dem wirklich nichts am Hut haben wollte, was um alles in der Welt hielt ihn dann noch in der AfD? Am Freitag gab Meuthen selbst die Antwort auf diese Frage: nichts mehr.

Der 60-Jährige, der vor einiger Zeit bereits seinen Rückzug vom Chefposten angekündigt hatte, tritt also aus der AfD aus, die er bis gerade eben noch geführt hatte. „Das Herz der Partei schlägt heute sehr weit rechts und es schlägt eigentlich permanent hochfrequent – das ist nicht gesund“, begründete Meuthen diesen Schritt. Er sehe in der AfD „ganz klar totalitäre Anklänge“. Teile der Partei, die unter seiner Führung den Einzug in den Bundestag geschafft hatte, stehen aus Sicht des gebürtigen Esseners „nicht auf dem Boden der freiheitlich-demokratischen Grundordnung“. Die Geschichte vom gemäßigten Populisten, der vergeblich gegen die Radikalisierung der AfD gekämpft und diesen Kampf letztlich verloren habe, wird man Meuthen allerdings nur bedingt abnehmen, wenn man sich die Geschichte der Partei anschaut.

Video: dpa Exklusiv

Jörg Meuthen hat den "Flügel" in der AfD erst stark gemacht

Meuthen selbst hatte den inzwischen offiziell aufgelösten rechtsextremistischen, völkischen „Flügel“ erst stark gemacht. Statt dessen Anführer Höcke aus der Partei zu werfen, wie es Meuthens einstige Co-Chefin Frauke Petry versucht hatte, setzte er auf dessen Unterstützung – und markierte damit den Anfang seines eigenen Endes. Zwar setzte er sich im Machtkampf mit Petry durch. Doch er stand damit nicht nur in der Schuld des Höcke-Lagers, sondern entfachte auch einen Rechtsrutsch, den er nicht mehr kontrollieren konnte.

Als Meuthen dem „Flügel“ im vergangenen Jahr dann doch noch den Kampf ansagte, nachdem die Partei ins Visier des Verfassungsschutzes geraten war, erschien er bereits zu angeschlagen, um diesen noch gewinnen zu können. In einem letzten Kraftakt setzte er den Rauswurf des brandenburgischen AfD-Vorsitzenden Andreas Kalbitz durch, nachdem bekannt wurde, dass dieser Mitglied einer neonazistischen Vereinigung gewesen war.

Auch in Brüssel droht Jörg Meuthen Ärger

Doch damit machte sich Meuthen mächtige Feinde und musste fortan die Rache der Entrechteten fürchten. Längst war die Bundestagsfraktion zum Machtzentrum der AfD geworden und deren damalige Vorsitzende Alice Weidel und Alexander Gauland gingen demonstrativ auf Distanz zu Meuthen, der als Europaabgeordneter weit weg vom eigentlichen Geschehen war. Das bürgerliche Bild, das er von sich selbst zeichnete, war von Anfang an nicht besonders stimmig: Meuthen hat die Radikalisierung der AfD erst nicht verhindern wollen, dann nicht mehr verhindern können. In der eigenen Partei war er am Ende isoliert. Aber auch im Europäischen Parlament fand er kaum Anschluss. Selbst rechte Parteien aus anderen Staaten dort wollten mit der AfD wenig zu tun haben. Sein Mandat will Meuthen vorerst behalten. Doch auch in Brüssel droht ihm Ärger. Am Donnerstag war seine Immunität aufgehoben worden, um Ermittlungen wegen des Verdachts illegaler Parteispenden aus der Schweiz zu ermöglichen.

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Auf die sonst obligatorischen Dankesworte der AfD konnte Meuthen zum Abschied am Freitag nicht hoffen. Fraktionschefin Alice Weidel sagte nur, es zeuge von „schlechtem Stil, nun mit Schmutz auf die Partei zu werfen, deren Vorsitzender er so viele Jahre war“.

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