Herr Hilscher, welche journalistische Leistung hat Sie zuletzt besonders beeindruckt?
STEFAN HILSCHER: Mich beeindruckt vor allem das, was im Lokal- und Regionaljournalismus geleistet wird, zuletzt waren es die mit dem Deutschen Lokaljournalistenpreis gewürdigten Beiträge. Darunter die investigative Berichterstattung der Augsburger Allgemeinen zum mutmaßlichen Folterskandal in der JVA Augsburg-Gablingen.
Verändert sich der Journalismus momentan?
HILSCHER: Die Analyse beispielsweise von Daten mithilfe künstlicher Intelligenz wird künftig eine größere Rolle spielen. Zugleich müssen Journalistinnen und Journalisten noch intensiver in den Austausch mit – auch potenziellen – Leserinnen und Lesern gehen. Unter anderem, um sie davon zu überzeugen, wie wichtig Journalismus für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft und für unsere Demokratie ist.
Denken Sie da an bestimmte Formate?
HILSCHER: Ich denke an intelligent gemachte Newsletter oder an Veranstaltungsreihen. Das müssen nicht immer Präsenzveranstaltungen sein, Leserinnen und Nutzer können auch über Videokonferenzen bestens einbezogen werden. Wer die Leserinnen und Leser im Blick behält – und nicht nur die Algorithmen – wird auch in 80 Jahren noch relevant sein.
Studien belegen immer wieder die Bedeutung von Qualitätsjournalismus für die Demokratie. Gerade lokalem und regionalem Journalismus wird ein hohes Vertrauen entgegengebracht. Trotzdem tun sich Verlage zunehmend schwer mit seiner Finanzierung. Wie erklären Sie sich das?
HILSCHER: Mit der heftigen Konkurrenz durch die großen Plattformbetreiber und KI-Firmen. Google, Facebook und andere internationale Player verdienen unfassbar viel Geld in Deutschland und anderen europäischen Ländern, zahlen dafür aber kaum Steuern. Hinzu kommt, dass diese Unternehmen anders als Medien mit Sitz in Deutschland für ihre Angebote nicht haften müssen. Dieser Wettbewerb ist schlicht unfair. Heißt: Die Augsburger Allgemeine oder die Main-Post und ihre Journalistinnen und Journalisten haften ausnahmslos auf allen Kanälen für alles, was auf diesen veröffentlicht wird. Google, Facebook und andere tun das nicht. Sprich: Die Digitalriesen können im Prinzip machen, was sie wollen. Ich frage Sie, nein, ich frage die Bundesregierung: Wollen wir Werte, die über Jahrzehnte Deutschland und Europa ausmachen, kampflos aufgeben?
Welche Folgen haben die Praktiken der Digitalriesen?
HILSCHER: Deren Algorithmen bestimmen, was die Menschen in Deutschland zu lesen bekommen. Dabei werden nachweislich jede Menge Unsinn und Fake News verbreitet. Social Media verstärkt oft Extreme, wie sollen seriöse Medienhäuser da dagegenhalten? Mit Demokratie hat das nichts zu tun, es schadet ihr. Die US-Digitalkonzerne verdienen Milliarden – einen Teil davon müssten sie aus unserer Sicht einsetzen, um für eine Kontrolle der Inhalte ihrer Angebote zu sorgen. Hierzu könnten sie künstliche Intelligenz einsetzen.
Nachdem etwas gepostet wurde?
HILSCHER: Nein. Vorher! KI könnte schnell und effizient Inhalte erkennen, in denen beispielsweise zu kriminellen Handlungen aufgerufen wird. Eine Zeitung überprüft ja auch vor Veröffentlichung, ob etwas gegen das Gesetz verstößt. Warum sollten das Plattformbetreiber nicht tun?
Ärgern Sie sich, wenn Sie die Seite von Google im Internet öffnen?
HILSCHER: Google steht zunächst einmal für eine außergewöhnliche unternehmerische Leistung. Ich ärgere mich, dass es keine ähnlich bedeutende europäische Suchmaschine gibt. Mehr noch ärgert mich die KI-Suche.
Bei der wird prominent eine Antwort angezeigt, die von einer KI erstellt wurde.
HILSCHER: Und dabei wird , indem massenhaft Daten ausgewertet werden.
Es geht um journalistische Angebote – und darum, dass Autoren oder Verlage nicht um Zustimmung gefragt und nicht adäquat vergütet werden.
HILSCHER: Das Urheberrecht wird permanent verletzt – und die Verlage sollen das den Digitalkonzernen nachweisen, deren Algorithmen wohlgemerkt ein gut behütetes Geheimnis sind. Das ist doch irre. Zweiter Punkt: Man muss sehr aufpassen bei den Informationen, die man erhält und weitergibt. Wie schnell ist Falsches in Umlauf!
Sie haben schlechte Erfahrungen mit der KI-Suche gemacht?
HILSCHER: Ich habe für eine Geburtstagsrede nach einem bestimmten Jahr gefragt: Als Antwort wurde mir eine Schauspielerin genannt, die in dem Jahr angeblich geboren wurde. Tatsächlich war sie damals noch gar nicht auf der Welt. Das ist eher harmlos – eine ganz große Gefahr ist, dass die KI-Suche die bisherigen Ergebnislisten bei Suchmaschinen verdrängt. Diese führten unter anderem zu den gut recherchierten, vertrauenswürdigen Angeboten seriöser Medien. Auch hier: Google dominiert den Markt und bestimmt, was Menschen erfahren. Demokratisch ist das nicht.
Haben Sie den Eindruck, dass Politikerinnen und Politiker die von Ihnen beschriebenen Probleme durchdrungen haben?
HILSCHER: Wir hören aus den demokratischen Parteien regelmäßig, wie wichtig Medien seien. Aber sie handeln nicht.
Bundesregierungen stellten mehrfach in Aussicht, die Presse zu fördern. Doch es kam weder eine Zustellförderung noch eine Mehrwertsteuersenkung für Presseerzeugnisse auf null Prozent, wie es Ihr Verband forderte.
HILSCHER: Politikerinnen und Politiker ärgern sich manchmal über die Inhalte „ihrer“ Zeitung. Dabei ist Kritik essenziell für unsere Demokratie. Stattdessen nutzen viele Politikerinnen und Politiker soziale Medien, die von amerikanischen oder chinesischen Konzernen gesteuert werden und unterwerfen sich deren Spielregeln.
Kulturstaatsminister Wolfram Weimer hat unlängst seinen Vorstoß zu einer Digitalabgabe bekräftigt. Denkbar wäre Österreich als Vorbild. Dort müssen die US-Digitalgiganten fünf Prozent ihrer Einkünfte aus der Werbevermarktung zahlen. Kommt eine solche Abgabe in Deutschland?
HILSCHER: Die Politik sträubt sich im Augenblick.
Weil Donald Trump mit Zöllen oder Exportbeschränkungen für Technologie droht, um die US-Digitalgiganten zu schützen?
HILSCHER: Das befürchten zu viele. Ich wünschte mir mehr Selbstbewusstsein. In Österreich oder Frankreich wird es einfach gemacht.
Eine Frage noch: Der Verband der Familienunternehmer hob kürzlich ein „Kontaktverbot“ zu AfD-Bundestagsabgeordneten auf. Inzwischen hat er das korrigiert. Wie geht Ihr Verband mit der AfD um?
HILSCHER: Wir laden sie nicht ein. Denn wir führen Gespräche mit den demokratischen Parteien, die sich dem Grundgesetz verpflichtet fühlen. Bei der teils als gesichert rechtsextrem eingestuften AfD ist das erkennbar nicht der Fall. Nicht zuletzt bekämpft sie freie Medien und namentlich die freie Presse. Eine wehrhafte Demokratie hält auch die AfD aus, für diese Wehrhaftigkeit bedarf es aber ganz zweifellos freier, unabhängiger Medien.
Zur Person
Stefan Hilscher, geboren 1956 in Lübeck, ist einer der Vorstandsvorsitzenden des Bundesverbands Digitalpublisher und Zeitungsverleger (BDZV). Dieser vertritt als Spitzenorganisation die Interessen der Zeitungsverlage und digitalen Publisher in Deutschland und auf EU-Ebene.
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