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Corona-Pandemie
14.06.2022

Wann und für wen ist eine zweite Booster-Impfung sinnvoll?

Wie sinnvoll ist die zweite Boosterimpfung gegen Corona? In Israel, wo dieser Mitarbeiter des Gesundheitswesens eine Spritze vorbereitet, haben viele sie schon bekommen.
Foto: Maya Alleruzzo, dpa

Expertinnen und Experten raten nur bestimmten Personengruppen zur Viertimpfung. Was es darüber zu wissen gibt und welche Aussagekraft die Corona-Inzidenz aktuell noch hat.

Während dem derzeitig unbeschwerten, weitgehend coronafreien Sommer schwingt oft auch eine Angst vor einer drastischen Lage im Herbst mit. In den vergangenen beiden Jahren gab es nach dem Sommer immer deutlich steigende Inzidenzwerte und volle Krankenhäuser und Intensivstationen.

Expertinnen und Experten sind zwar optimistisch. Aber um den Schutz mit Blick auf die kälteren Jahreszeiten zu steigern, empfehlen sie manchen Personengruppen eine vierte Impfung, also einen zweiten Booster. Wir beantworten die wichtigsten Fragen zu dieser Auffrischung und zur Corona-Lage.

Für wen wird ein zweiter Booster empfohlen?

Die aktuelle Stiko-Empfehlung für eine zweite Boosterimpfung gilt generell für alle über 70 Jahre, für Bewohner und Betreute in Alten- und Pflegeheimen sowie Personen mit einem Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf in Einrichtungen der Eingliederungshilfe. Zu letzterem zählen zum Beispiel Behindertenwerkstätten. Diese Menschen sind zum einen bei einem schweren Corona-Verlauf besonders gefährdet, zum anderen liegt bei ihnen die erste Boosterimpfung meist schon länger zurück.

Einen zweiten Booster sollen außerdem Menschen mit Immunschwäche-Krankheiten ab fünf Jahre. Auch Personen, die in medizinischen oder Pflegeeinrichtungen arbeiten – insbesondere, wenn sie direkten Kontakt mit den ihnen anvertrauten gefährdeten Menschen haben – wird ein zweiter Booster empfohlen.

Die erneute Auffrischungsimpfung soll generell frühestens drei Monate nach dem ersten Booster verabreicht werden, bei Beschäftigten im Gesundheitswesen frühestens nach einem halben Jahr, so die aktuelle Stiko-Empfehlung. Menschen, die nach ihrer ersten Auffrischimpfung eine Corona-Infektion durchgemacht haben, empfiehlt die STIKO keine weitere Auffrischimpfung. Derzeit wird auch noch diskutiert, ob eine vierte Corona-Impfung bereits für Menschen über 60 Jahren empfohlen werden soll.

Bringt eine zweite Boosterimpfung überhaupt zusätzlichen Schutz vor dem Coronavirus?

Die Stiko begründet ihre aktuelle Empfehlung mit einem nachlassenden Schutz von Grund- und Auffrischungsimpfung: "Aktuelle Daten zeigen, dass der Schutz nach ersten Auffrischimpfung gegen Infektionen mit der momentan zirkulierenden Omikronvariante innerhalb weniger Monate abnimmt", heißt es in der Stiko-Erklärung. Studienergebnisse aus Israel deuten etwa darauf hin, dass der Nutzen zwar da, aber nur von kurzer Dauer sein könnte. Ausgewertet wurden für das Fachblatt NEJM Daten von gut 1,2 Millionen Menschen ab 60 Jahren. Eine Woche nach dem zweiten Booster traten sowohl weniger Infektionen als auch weniger schwere Krankheitsverläufe auf. Aber: Nach sechs Wochen war der Vorteil der vierfach gegenüber den nur dreifach Geimpften beim Schutz vor einer Infektion nahezu verschwunden. Immunologe Andreas Radbruch, wissenschaftlicher Direktor des Deutschen Rheuma-Forschungszentrums in Berlin, sagt mit Blick auf die bisherigen Ergebnisse aus Israel: "Der Schutz ist mickrig im Vergleich zur Wirkung der ersten Impfungen."

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Optimistischere Töne kommen aus den USA. Der Impfstoffhersteller Moderna hat Mitte April bekannt gegeben, dass bisherige Tests eines neuen Boosterimpfstoffes Wirksamkeit gegen nahezu alle Coronavirus-Varianten gezeigt haben. Nach sechs Monaten hatten Studienteilnehmer und Studienteilnehmerinnen laut dem Unternehmen doppelt so viele Antikörper gegen Omikron wie sechs Monate nach dem ersten Booster. Der neue Impfstoff könnte im Herbst einsatzbereit sein.

Für wen ist der zweite Booster sinnvoll?

Hier scheiden sich die Geister. Gesundheitsminister Lauterbach fordert, dass der zweite Booster EU-weit Bürgerinnen und Bürgern ab 60 Jahren empfohlen wird. Die Ständige Impfkommission (Stiko) hält ihn bislang nur für über 70-Jährige und Menschen mit Vorerkrankung für sinnvoll. Ausnahme: Bewohnerinnen und Bewohner in Pflegeeinrichtungen und Beschäftigte in medizinischen Berufen und in der Pflege sollen die zweite Auffrischung auch bekommen, wenn sie jünger sind. Für Menschen mit Immunschwäche empfiehlt die Stiko den zweiten Booster ab fünf Jahren. Die Europäische Arzneimittelagentur erteilt Lauterbachs Wunsch vorerst eine Absage und empfiehlt die Viertimpfung erst für alle ab 80 Jahren.

Immer mehr Menschen haben trotz Impfung bereits mindestens eine Corona-Infektion hinter sich. Sollten auch sie sich zum zweiten Mal boostern lassen?

Diese Frage kann laut dem Immunologen Andreas Radbruch bisher nicht beantwortet werden. Denn einen Schwellenwert bei der Immunität, anhand dessen man festlegen könne, wann eine weitere Impfung sinnvoll sei und wann nicht, gebe es bislang nicht. Immerhin zeigen Tests laut Radbruch, dass nach Infektion und Impfung langfristig ein guter Schutz der Schleimhäute bestehe.

Deutschland hat bei Biontech laut Gesundheitsminister Lauterbach 80 Millionen Dosen des spezifischen Omikron-Impfstoffes bestellt, an dem das Mainzer Unternehmen arbeitet. Was kann man von diesem Vakzin erwarten?

Studien an Affen zeigen: Die Anzahl der Antikörper steigt mit dem Omikron-Impfstoff nicht deutlich mehr an als mit herkömmlichem Impfstoff als Booster. Der Grund könnte eine Art Gedächtnisreaktion sein: Nach dem Booster werden vor allem die Antikörper vermehrt, die schon da sind. Expertinnen und Experten empfehlen deshalb, mit dem zweiten Booster nicht auf den spezifischen Omikron-Impfstoff zu warten.

Mit wie vielen Impfdosen rechnet die Bundesregierung in den kommenden Monaten?

Aus einer Antwort auf eine kleine Anfrage der CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag geht hervor: Bis 2023 hat Deutschland sich vertraglich insgesamt 677,4 Millionen Impfdosen gesichert. Verwendet wurde etwas mehr als ein Viertel davon. Offen ist, ob es noch eine Nachfrage nach den bisherigen Vakzinen geben wird, wenn im Herbst der Omikron-Impfstoff von Biontech und die kombinierte Version von Moderna auf den Markt kommen.

106 Millionen Impfdosen hat Deutschland bislang an die Initiative Covax gegeben, die weltweit einen gerechten Zugang zum Corona-Vakzin gewährleisten will. Weltweit stehen nach Angaben des Pharmaverbandes IFPMA mehr Corona-Impfdosen zur Verfügung als verabreicht werden können. "Das Impfstoff-Angebot übersteigt zur Zeit die Nachfrage", sagte IFPMA-Generaldirektor Thomas Cueni in Genf.

An Feiertagen werden üblicherweise weniger Corona-Tests durchgeführt. In vielen Bereichen ist die Testpflicht in den vergangen Monaten ohnehin weggefallen. Wie realistisch ist die Inzidenz jetzt noch?

Gesundheitsminister Lauterbach geht davon aus, dass die Zahl der tatsächlichen Neuinfektionen mehr als doppelt so hoch ist als bekannt. Wie hoch die Dunkelziffer bei der Inzidenz genau ist, weiß niemand. Experten führen sie unter anderem darauf zurück, dass viele Gesundheitsämter überlastet sind und längst nicht alle Infizierten einen PCR-Test machen lassen. Nur diese zählen in der Statistik. Es gibt bereits Gesundheitsämter in Deutschland, die tägliche Veröffentlichungen zu den Corona-Zahlen eingestellt haben, mit der Begründung, dass die offizielle Statistik kaum mehr Aussagewert habe.