Die letzte Frage des Abends hat es noch einmal in sich. „Wann lassen Sie sich als Kanzlerkandidat der SPD aufstellen?“, will ein Zuhörer von Boris Pistorius wissen. Unten, im Saal, applaudiert das Publikum aufmunternd – und oben, auf der Bühne, zieht der Verteidigungsminister sich mit einem Scherz aus der Affäre. „Das ist wie mit dem Ungeheuer von Loch Ness“, sagt er. „Taucht immer wieder auf.“ Dabei stehe im Moment ja gar keine Bundestagswahl an. „Aber danke für die Frage.“
Sie schmeichelt ihm, so scheint es – auch wenn sie ihn auf vermintes Gelände führt. Pistorius, 65, ist der mit Abstand beliebteste Politiker des Landes – in der SPD aber macht ihn das nicht automatisch zu einem Höherberufenen. Lars Klingbeil hat nach dem Ampel-Aus viel dafür getan, sich selbst eine gute Ausgangsposition für die nächste Wahl zu erarbeiten. Als Parteichef, Vizekanzler und Finanzminister ist er so etwas wie der natürliche Aspirant, auch wenn er beim letzten Parteitag mit 65 Prozent der Stimmen hausintern eine kräftige Klatsche verpasst bekam. In den bundesweiten Umfragen liegt Klingbeil dennoch im vorderen Drittel, teilweise sogar vor Friedrich Merz, allerdings auch mit großem Abstand hinter Pistorius.
Pistorius: Ohne Sicherheit ist alles nichts
Warum der Verteidigungsminister so beliebt ist, zeigt er an diesem Abend bei einem Wahlkampfauftritt in Nördlingen. Geschickt verknüpft er seine Analyse der politischen Großwetterlage mit einem Schuss Humor, wie bei der Frage nach der Kanzlerkandidatur und freundlichen Solidaritätsadressen für die Landratskandidatin der SPD. Bricht sein großes Thema auf die lokale Ebene herunter, wenn er sagt, Deutschland fühle sich sicher und frei, solange auch hier im Ries morgens die Fabriken öffneten und die Regale in den Supermärkten gefüllt seien. „Dann denkt niemand an unsere Verteidigungsfähigkeit. Dabei ist ohne Sicherheit alles nichts.“
Nahbar klingt das, ohne dabei anbiedernd zu wirken. Pistorius erzählt von seiner Zeit als Gymnasiast in Osnabrück, wo er neun Jahre Russischunterricht hatte, und von seinen Zweifeln, ob er in seinem Leben überhaupt noch einmal nach Russland werde reisen können. Dabei hat er Russisch sogar als Abiturfach gewählt. Damals, mitten im Kalten Krieg, hatte die britische Armee noch 20.000 Soldaten in seiner Heimatstadt stationiert. Heute muss Deutschland Verantwortung für sich selbst übernehmen.
Pistorius ist der Mann, der dieser Verantwortung ein Gesicht gibt. Der die Bundeswehr mit dreistelligen Milliardenbeträgen modernisiert und sich nicht scheut, auch Unpopuläres direkt anzusprechen – so wie mit seiner Forderung, Deutschland müsse wieder kriegstüchtig werden. „Wir müssen Kriege führen können, um Kriege nicht führen zu müssen“, sagt er in Nördlingen. Und dass das entscheidende Bindeglied zwischen den Politikern und den Menschen, für die sie Politik machten, die Sprache sei. Subjekt, Prädikat, Objekt: Seit Franz Müntefering hat sich vermutlich kein Sozialdemokrat mehr so verständlich ausgedrückt. Auch er, gibt Pistorius zu, schalte ja gedanklich ab, wenn er abends vor dem Fernseher sitze, einen Kollegen reden höre und sich dann frage: „Was will mir der eigentlich sagen?“
In die Bundespolitik kam der jetzige Verteidigungsminister erst auf Umwegen
Die bekannte Fotografin Herlinde Koelbl, die ihn für ein Buchprojekt ein Jahr mit der Kamera begleitet hat, hat genau das gereizt: Für Pistorius als Motiv habe sie sich entschieden, sagt sie, weil er anders spreche als andere Politiker und auch seine Körpersprache nicht eitel sei. „Das hat einen Unterschied gemacht, deshalb fand ich ihn interessant.“
In die Bundespolitik kam Pistorius, der von sich sagt, er habe keine Freunde in der Politik, sondern nur Menschen, mit denen er mehr oder weniger gut zurechtkomme, erst auf Umwegen. Kaufmännische Lehre, Wehrdienst, Jurastudium – und dann eine Karriere in Niedersachsen, die dort mit dem Amt des Innenministers ihren Höhepunkt erreicht zu haben schien. 2019 kandidierte Pistorius vergeblich für den SPD-Vorsitz, um vier Jahre später dann doch noch als Nachfolger der glücklosen Verteidigungsministerin Christine Lambrecht nach Berlin zu wechseln.
In der Truppe ist er beliebt wie seit Peter Struck kein Minister mehr. Gleichzeitig, findet Pistorius, hat sich auch das Bild gewandelt, das Deutschland von seiner Armee hat. Wenn er heute auf dem Bahnsteig stehe und zufällig ein paar Soldaten dort treffe, die in Uniform zurück in ihre Kasernen fahren, dann höre er immer das Gleiche: Früher seien sie im Zug abschätzig angeschaut und auch mal als Militaristen beleidigt worden. Heute dagegen kämen andere Fahrgäste auf sie zu, klopften ihnen auf die Schulter und sagten: „Gut, dass ihr da seid.“
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