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Die Ostsee ist in einem schlechten Zustand: Woran die Rettung bislang scheitert

Umweltpolitik

Nicht nur Wal Timmy ist in Not – die Ostsee wartet auf ihre Rettung

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    Buckelwal „Timmy“ wird wohl nicht der letzte Meeresriese gewesen sein, der sich in die Ostsee verirrt und dort nicht nur mit dem zeitweise niedrigen Wasserstand kämpft.
    Buckelwal „Timmy“ wird wohl nicht der letzte Meeresriese gewesen sein, der sich in die Ostsee verirrt und dort nicht nur mit dem zeitweise niedrigen Wasserstand kämpft. Foto: Philip Dulian, dpa (Symbolbild)

    Buckelwal „Timmy“ wird wohl nicht der letzte Wal sein, der sich in die Ostsee verirrt und dort mit Fischernetzen, Unterwasserlärm und Nahrungsknappheit kämpft. Das Binnenmeer ist für seine tierischen Bewohner wie Besucher kein gänzlich angenehmes Umfeld. Finn Viehberg, Leiter des Ostsee-Büros der Organisation World Wide Fund for Nature (WWF) sagt: „Die Ostsee ist ein Intensivpatient.“

    In die Ostsee sickern zu viele Düngemittel aus der Landwirtschaft

    Messungen zeigen laut Viehberg, dass das Brackwassermeer – der Name kommt von seiner Mischung aus Salz- und Süßwasser – schon seit mindestens vierzig Jahren krank ist. Finanziert mit Geldern aus EU-Fördertöpfen, filtere die kommunale Abwasserreinigung seit gut dreißig Jahren Nährstoffe zunehmend besser heraus. Doch gelange weiterhin zu viel Phosphat und Stickstoff in die Ostsee. Viehberg sagt: „Wir sind oberhalb einer Schwelle, bei der es der Ostsee möglich wäre, sich selbst zu heilen.“ Ihr Stoffwechsel ist zudem langsam.

    Finn Viehberg ist Experte für den Zustand des Ökosystems der Ostsee.
    Finn Viehberg ist Experte für den Zustand des Ökosystems der Ostsee. Foto: Nils Kinder

    Bis das Wasser der Ostsee einmal ausgetauscht ist, vergehen laut Viehberg zwanzig bis vierzig Jahre. Die schwere „Nährstofffracht“ führe zu Algenblüten und in der Folge zu einer Trübung des Ostseewassers. Dadurch dringe weniger Sonnenlicht auf den Meeresgrund und die Seegraswiesen schrumpften. Mit ihnen schwinden die Brutstätten der Heringe.

    Überfischung und Geisternetze dezimieren Heringe, Dorsche und Schweinswale

    Die Fische laichten durch den hohen Überlebensdruck über ihre eigenen Gelege, wodurch untere Schichten einen Sauerstoffmangel erleiden und absterben. Zusätzlich bedrohe die Überfischung den Bestand von Hering und Dorsch. Opfer der Fischernetze werden laut Viehberg auch Schweinswale.

    In der Ostsee gibt es zwei Schweinswalpopulationen. Teilweise verenden die Tiere in Stell- und Geisternetzen. Auch Unterwasserlärm stört sie massiv.
    In der Ostsee gibt es zwei Schweinswalpopulationen. Teilweise verenden die Tiere in Stell- und Geisternetzen. Auch Unterwasserlärm stört sie massiv. Foto: Wolfgang Runge, dpa (Archivbild)

    Die Schweinswale verheddern sich in Stellnetzen und ertrinken, weiß Viehberg. Teils verenden sie in sogenannten Geisternetzen, die Fischern abhandengekommen sind. Viehberg sagt: „Robben und seltene Tauchenten, alles haben wir in den am Boden aufschwimmenden Netzen schon gefunden.“ Die Bergung der Netze sei durch Experten und entsprechende Technik machbar. Doch weil derjenige, der sie birgt, für die kostenpflichtige Entsorgung aufkommen muss, gebe es nicht viele Akteure, die Geisternetze aus der Ostsee fischen.

    Der Sauerstoffgehalt der Ostsee nimmt dramatisch ab

    Nach dem Zweiten Weltkrieg versenkten die Alliierten über eine Million Tonnen Munition und mehrere Tausend Tonnen chemische Kampfstoffe im Meer. Laut Viehberg korrodieren die Container und Munitionshülsen, was ihre Bergung gefährlicher und aufwendiger gestalte. Das ist nicht alles, sagt Viehberg: „Der Patient leidet an Sauerstoffnot und atmet immer flacher.“ Algen, die sich infolge der Nährstoffeinschwemmung bilden, sinken mit der Zeit ab und werden am Grund unter Sauerstoffverbrauch zersetzt. Dadurch weiten sich die sauerstoffarmen Zonen aus. Wenn die Diagnose für die Ostsee so dramatisch ausfällt, warum therapiert die Politik nicht längst mit stärkeren Mitteln?

    An Vertragswerken und Gesetzen mangelt es laut Bettina Taylor nicht. Sie ist Expertin für internationalen Meeresschutz beim Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND). So zielen etwa die Mitgliedstaaten der Helsinki-Kommission darauf ab, ein zusammenhängendes Schutzgebietsnetzwerk zu errichten und zu verhindern, dass weitere Nährstoffe das Ostseewasser belasten. Letzteres sollte schon bis 2020 durch eine EU-Richtlinie erreicht werden. Taylor sagt: „Das hat alles nicht funktioniert.“

    Russlands Krieg gegen die Ukraine wirkt sich auf Umweltschutz aus

    Taylor und ihre Kollegin Valeska Diemel schreiben auf Anfrage unserer Redaktion: „Das Problem ist nicht fehlendes Wissen, sondern fehlende Verbindlichkeit und politische Konsequenz.“ Zu groß sei der Interpretationsspielraum bei der Definition des guten Umweltzustands, zu variabel das Ambitionsniveau der Regierungen. Sanktionsmechanismen griffen kaum, wenn Ziele verfehlt wurden. Auch die Bundesregierung sei kein Vorreiter.

    Sie könnte in der ohnehin lauten Ostsee mit der geplanten Speicherung von Kohlendioxid im Meeresboden (Offshore-CCS) zusätzlich für Lärm sorgen. Für die Überprüfung, ob alles dicht ist, würden nämlich Schallkanonen benötigt. Dazu kommt, dass die Erfolge der Umweltschutzmaßnahmen meist nicht sofort sichtbar seien und ihre Wirksamkeit deshalb schnell infrage gestellt werde. Überdies hat der Krieg in der Ukraine Folgen für die Ostsee.

    Kegelrobben breiten sich langsam wieder an der deutschen Ostseeküste aus.
    Kegelrobben breiten sich langsam wieder an der deutschen Ostseeküste aus. Foto: Daniel Bockwoldt, dpa

    Gerade die Helsinki-Kommission lebe von der Zusammenarbeit aller Ostseeanrainer, schreiben Diemel und Taylor: „Durch den Angriffskrieg ist die politische Zusammenarbeit mit Russland stark eingeschränkt und gemeinsame Maßnahmen sind nicht möglich.“ Immerhin ist eines gelungen: Die Kegelrobbe, die laut Viehberg beinahe ausgestorben wäre, kommt seit gut fünf Jahren aus dem Norden wieder an die mecklenburg-vorpommerische Küste und ihre Population wächst. Jetzt sei es wichtig, ihr wieder genügend menschenlose Strandabschnitte zu schaffen, an denen sie sich in den Sand legen und ausruhen kann.

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