Édouard Philippe geht seine Kandidatur systematisch an
Die Konservativen besetzen das Feld der Rechten, ohne eigene Akzente
Sébastian Lecornu könnte zum Überraschungskandidaten werden
Nach zwei Mandaten von jeweils fünf Jahren kann Frankreichs Präsident Emmanuel Macron im kommenden Jahr nicht ein drittes Mal in Folge antreten. Für den Urnengang im April bringen sich längst potenzielle Nachfolgerinnen und Nachfolger in Position. Wer die Favoriten sein werden, ist noch nicht ausgemacht. Nur eines erscheint aktuell relativ sicher: Wen auch immer der rechtsextreme Rassemblement National (RN) ins Rennen schickt, er oder sie dürfte die Stichwahl erreichen. Umfragen sehen sowohl die Fraktionschefin Marine Le Pen als auch den Parteivorsitzenden Jordan Bardella zumindest in der ersten Runde vorn.
Die Frage der RN-Kandidatur entscheidet sich am 9. Juli. Dann gibt das Berufungsgericht von Paris die Strafe gegen Le Pen im Prozess wegen der Veruntreuung von EU-Geldern bekannt. Sollte das Strafmaß aus erster Instanz, nämlich fünf Jahre Nichtwählbarkeit, bestätigt werden, darf sie nicht kandidieren. Die 57-Jährige hat zwar angekündigt, auch bei einer Verurteilung zum Hausarrest mit Fußfessel nicht anzutreten. Doch der Weg für Bardella, der gerade bei jüngeren Leuten ohnehin schon beliebter ist als sie, wäre dann auch formal endgültig frei.
Durch sein höfliches Auftreten versucht er, der einst von Mitgliedern der Waffen-SS mitgegründeten Partei einen respektablen Anschein zu geben. Doch würden die Franzosen wirklich einem dann 31-Jährigen ohne abgeschlossene Ausbildung oder Berufserfahrung außerhalb der Parteipolitik die Schlüssel für den Élysée-Palast anvertrauen?
Gute Chance, ihn in der zweiten Runde zu schlagen, geben Meinungsforscher derzeit Édouard Philippe, Macrons erstem Premierminister von 2017 bis 2020. Er gewann durch seine ruhige Art gerade in der Corona-Krise viel Vertrauen. Der 55-Jährige, der jüngst erneut zum Bürgermeister von Le Havre gewählt wurde, bereitet sich seit Jahren auf seine Präsidentschaftskandidatur vor. Mit seiner Partei Horizons unterstützt er die Regierung, er gehört demselben proeuropäisch-liberalen Lager an wie der Präsident. Doch beide Männer haben ein distanziertes Verhältnis – was aus wahltechnischer Sicht nicht schlecht ist für Philippe. Im Herbst 2025 rief er Macron angesichts der Budgetblockade sogar öffentlich zum Rücktritt auf.
Noch ein weiterer Ex-Premierminister scharrt mit den Füßen: Der 37-jährige Gabriel Attal, aktueller Chef der Regierungspartei Renaissance, ist von einem unbedingten Ehrgeiz getrieben. Mit seinen schmalen Anzügen, dem dynamischen Auftreten und seinem großen Kommunikationstalent ähnelt er Macron. Im selben Feld befindet sich zudem der ehemalige Premier- und Außenminister Dominique de Villepin, berühmt für sein donnerndes „Non“ zum Irak-Krieg der USA in der Uno-Vollversammlung 2003. Auch heute äußert sich der 72-Jährige überwiegend zu internationalen Krisen. Vage bleibt bislang, was er zu Themen wie Renten- oder Arbeitsmarktreformen zu sagen hat.
Rechts der Mitte haben sich die Mitglieder der Republikaner gerade für den Parteichef und Ex-Innenminister Bruno Retailleau als Kandidaten entschieden. Der innenpolitische Hardliner setzt auf Themen wie Sicherheit, Autorität und eine strikte Einwanderungskritik. Er will Spanien infolge der massenhaften Legalisierung von Migranten isolieren. Retailleaus Problem: Er besetzt das Terrain des RN, ohne eigene Akzente zu setzen.
Im linken Lager wütet derweil ein Streit darüber, ob vorab ein gemeinsamer Kandidat bestimmt werden soll. Dafür ist etwa die Grünen-Chefin Marine Tondelier. Doch möglichen Vorwahlen entzieht sich nicht nur die Linksaußen-Partei La France Insoumise (LFI) mit dem charismatischen, aber streitbaren Frontmann Jean-Luc Mélenchon. Auch der sozialdemokratische EU-Abgeordnete Raphaël Glucksmann, ein Liebling der Medien mit vielversprechenden Beliebtheitswerten, will in jedem Fall kandidieren.
Dieselbe Zielgruppe visiert der sozialistische Ex-Präsident und Abgeordnete François Hollande an. „Ich bereite mich vor“, zitierte ihn das Magazin Marianne auf der Titelseite. 2017 verzichtete Hollande auf eine Kandidatur für eine Wiederwahl, so weit zurück lag er in den Umfragen. Doch er will Revanche.
Manche vermuten, dass auch Macron in fünf Jahren ein Comeback planen könnte. Für ihn wäre ideal, wenn kommendes Jahr ein Kandidat Jahr gewählt würde, der seinen Kurs weiterführt – aber zu wenig Charisma hat, um ihm im Weg zu stehen. Da gäbe es einen, der zwar abwinkt, wenn er aktuell nach seinen Ambitionen auf den Élysée-Palast gefragt wird: Macrons Vertrauter und aktueller Premierminister Sébastien Lecornu. Aber sein Name taucht doch oft genug auf, um ihn ins Spiel zu bringen – und selten genug, um möglicherweise als Überraschung gehandelt zu werden. So wie es bei Macron im Frühjahr 2017 und auch bei Hollande fünf Jahre zuvor der Fall war.
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