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Frankreich
28.01.2022

Profitgier in Seniorenheimen: Regierung schaltet sich ein

Wird in Altenheimen der Orpea-Gruppe in Frankreich bei Essen, Hygiene und Betreuung zu Lasten der Menschen gespart? Nach einer Buchveröffentlichung hat sich die Regierung eingeschaltet.
Foto: Bernhard Weizenegger (Symbolbild)

In Frankreich enthüllt ein Journalist nach jahrelangen Recherchen in einem Buch: An Essen, Hygiene und Betreuung wird gespart. Jetzt werden die Behörden aktiv.

Wer einen Angehörigen in einem Seniorenwohnheim der Orpea-Gruppe in Frankreich hat, dem läuft es kalt den Rücken hinunter bei der Lektüre des Buchs „Die Totengräber“ („Les Fossoyeurs“) des Investigativjournalisten Victor Castanet. Es ist in dieser Woche im französischen Verlag Fayard erschienen und hat einen Sturm der Entrüstung und eine Debatte über die würdige Betreuung älterer Menschen ausgelöst. Die Orpea-Gruppe ist weltweiter Marktführer im Bereich der Pflege und Rehabilitation und betreibt insgesamt mehr als 1150 Einrichtungen in 23 Ländern. In Deutschland handelt es sich nach eigenen Worten um „einen der größten privaten Anbieter von Seniorenhäusern mit stationärer Pflege“.

Vorwurf: An erster Stelle steht Rentabilität, nicht der Mensch

In der 400 Seiten langen Untersuchung trug der Autor seine Recherchen zusammen, die er in dutzenden Orpea-Seniorenwohnheimen in ganz Frankreich gemacht hat. Innerhalb von fast drei Jahren führte er über 250 Gespräche, unter anderem mit Angehörigen von Bewohnerinnen und Bewohnern sowie ehemaligen Führungskräften, er las vertrauliche Berichte und interne Nachrichten. Sein Fazit: Aus Profitgier und einer „Obsession der Rentabilität“ heraus werde im „System Orpea“ die Vernachlässigung älterer Menschen bewusst in Kauf genommen. Man spare bei der Hygiene, der personellen Betreuung und beim Essen. Das Personal befinde sich unter ständigem Druck. Und das, obwohl es sich mit einem Monatspreis zwischen 6500 und 12.000 Euro pro Person um verhältnismäßig teure Einrichtungen handele.

„Sobald ich in dieser Station angefangen hatte, merkte ich, dass etwas nicht stimmte“, wird die Pflegerin Saïda Boulahyane zitiert. „Es gab bereits am Eingang diesen furchtbaren Gestank nach Pisse.“ Die Patientinnen und Patienten seien nicht ausreichend versorgt worden. Egal ob diese Durchfall hatten oder an Inkontinenz litten – mehr als drei Windeln am Tag gab es nicht. Nach knapp einem Jahr, in dem sie für bessere Bedingungen gekämpft habe, habe sie aufgegeben und sei gegangen, so Boulahyane.

Betreiber-Gruppe Orpea ist auch in Deutschland aktiv

Jetzt hat sich die Regierung eingeschaltet. Die für Senioren zuständige Ministerin Brigitte Bourguignon hat Orpea-Generaldirektor Jean-Christophe Romersi vorgeladen, damit er zu den Vorwürfen Stellung nehme. Kurz darauf begann eine Inspektion der Gesundheitsbehörden in einem Heim in einem Pariser Vorort. Weitere könnten folgen. Regierungssprecher Gabriel Attal sagte, sollten sich die Vorwürfe bewahrheiten, würden die Verantwortlichen bestraft: „Unsere Senioren verdienen Respekt, sie verdienen das Beste.“

Die Gruppe Orpea hat per Stellungnahme die Anschuldigungen als „lügnerisch, beleidigend und schädlich“ bezeichnet und zwei Kabinette damit beauftragt, eine „unabhängige Untersuchung“ durchzuführen. Dem Journalisten Castanet zufolge hatte das Management seine Gesuche um ein Gespräch abgelehnt. Allerdings habe man ihn bedroht und ihm 15 Millionen Euro angeboten, wenn er sein Buchprojekt aufgebe. Dies anzunehmen sei ihm nicht einmal in den Sinn gekommen: „Das ist unmöglich, wenn man all diese Zeugenaussagen und all das Leid zusammengesammelt hat.“

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