Startseite
Icon Pfeil nach unten
Politik
Icon Pfeil nach unten

In einem geplagten Land: Armenien vor den wegweisenden Parlamentswahlen Anfang Juni

Bergkarabach-Konflikt

Armenien vor den Wahlen: In einem geplagten Land

  • |
  • |
  • |
  • |
    Drei Tage war Janna Petrosyan mit ihrer Familie nach Armenien unterwegs, bis sie in einem Flüchtlingscamp bei Yeghegnadzor unterschlüpfen konnte. Die Bilder des Massenexodus aus Bergkarabach gingen 2023 um die Welt.
    Drei Tage war Janna Petrosyan mit ihrer Familie nach Armenien unterwegs, bis sie in einem Flüchtlingscamp bei Yeghegnadzor unterschlüpfen konnte. Die Bilder des Massenexodus aus Bergkarabach gingen 2023 um die Welt. Foto: Andrea Kümpfbeck

    Plötzlich muss es ganz schnell gehen an jenem milden Herbsttag im September 2023, dem Tag der Vertreibung. Die Kinder, fünf Buben und drei Mädchen, sind noch in der Schule und im Kindergarten, als Aserbaidschan ihre Heimat angreift. Der jüngste Sohn ist damals gerade ein Jahr alt, der älteste 15. Janna Petrosyan packt die wichtigsten Dokumente zusammen, für mehr ist nicht Zeit. „Die Nachbarn haben mir gesagt, die Soldaten können jederzeit kommen“, sagt sie. Zum letzten Mal füttert sie die Kühe, die die Familie bis dahin ernährt haben, schließt die Tür ihres Hauses in Martakert ab. Fünf Tage und fünf Nächte versteckt sich Janna Petrosyan mit den Kindern im Wald, bis ihr Mann sie dort findet. Er arbeitet während des Angriffs in einer Goldmine, die von der Armee umstellt wird. Doch er kann entkommen.

    Janna Petrosyan, 42, graue Wollhose, schwarzer Spitzenpullover, sitzt an diesem Nachmittag rund 250 Kilometer von ihrer Heimat entfernt in einem abgedunkelten Wohnzimmer in Getap, einem Ort bei Yeghegnadzor im Südosten Armeniens. Die Gegend ist für ihre üppige Natur bekannt, für Weinanbau, die schneebedeckten, zerklüfteten Berge, die Braunbären, die dort leben. Und dafür, dass hier vor drei Jahren die 120.000 Frauen, Männer und Kinder anlandeten, die aus dem benachbarten Bergkarabach fliehen mussten. So wie die Petrosyans, die sich mit anderen Dorfbewohnern einreihten in die lange Autoschlange, die von Bergkarabach durch die rauen Berge bis zur armenischen Grenze kroch. Die Fernsehbilder des Massenexodus gingen damals um die Welt. Drei Tage war die Familie für die 90 Kilometer auf der einzigen Verbindungsstraße nach Armenien unterwegs, bis sie in einem Flüchtlingscamp bei Yeghegnadzor unterschlüpfen konnte.

    Armenien und Aserbaidschan haben sich mehrfach blutige Kriege um die Enklave Bergkarabach geliefert

    Der Arzach-Konflikt, so der traditionelle Name von Bergkarabach, schwelt seit dem Zerfall der Sowjetunion. Die Nachbarländer Armenien und Aserbaidschan haben sich mehrfach blutige Kriege um die Enklave geliefert, die während der Sowjetzeit Aserbaidschan angegliedert worden ist, aber mehrheitlich von Armeniern bewohnt war. Arzach rief 1991 einen eigenen Staat aus, der international nie anerkannt wurde. Völkerrechtlich gehört das Gebiet weiter zu Aserbaidschan, das den aus seiner Sicht illegal besetzten Teil seines Landes 2023 zurückholte – militärisch weit überlegen und auch, weil die einstige Schutzmacht Russland es zuließ und internationale Hilfe ausblieb.

    Während Janna Petrosyan die Geschichte ihrer Flucht erzählt – und damit die Geschichte des vertriebenen Volkes aus Bergkarabach –, schaut sie immer wieder hoch zu dem gerahmten Foto ihres Mannes Artur, das auf einer Art Altar lehnt, der an die Wand gedübelt ist. Rechts und links des Bildes stehen bunte Plastikblumen, eine Kerze, ein Kreuz. Artur ist vor einem halben Jahr an Lungenkrebs gestorben, er wurde nur 45 Jahre alt. Janna Petrosyan ist nun allein für alles verantwortlich. Knapp und sachlich berichtet sie, dass sie ihren Job in einer nahe gelegenen Fabrik verloren hat und nicht mehr wie früher als Friseurin arbeiten kann, weil sie sich um die Kinder kümmern muss. Der Jüngste hat Herzprobleme und der 15-Jährige einen Gehirntumor, beide müssen wohl operiert werden. Der Dolmetscherin laufen die Tränen über die Wangen, während sie Petrosyans Schilderungen übersetzt.

    Janna Petrosyans Mann Artur ist vor einem halben Jahr an Lungenkrebs gestorben, er wurde nur 45 Jahre alt.
    Janna Petrosyans Mann Artur ist vor einem halben Jahr an Lungenkrebs gestorben, er wurde nur 45 Jahre alt. Foto: Andrea Kümpfbeck

    Janna Petrosyan und ihre Kinder leben in vier gemieteten Zimmern in einer einfachen, tristen Ecke von Getap, wie es viele gibt in den Dörfern Armeniens. Die Straßen sind ungeteert, Steinhaufen türmen sich an den Rändern, Straßenhunde schleichen herum. Der Besitzer des Hauses ist nach Frankreich ausgewandert. Die Wände sind unverputzt, die Betondecke hat große Löcher, die Stromleitung hängt aus der Wand, ein abgetretener Teppich verbirgt notdürftig die fehlenden Planken des Holzbodens. Auf dem durchgesessenen Sofa, das mit einem fleckigen Stück Stoff abgedeckt ist, schläft der vierjährige Monte. Die anderen Kinder teilen sich nachts ein paar zerschlissene Decken und drei Eisenbetten. Geheizt wird in der Mitte des Raumes mit einem rostigen Holzofen. Er ist die einzige Wärmequelle, der Rauch quillt aus dem Ofenrohr, kratzt in Augen und Hals. Im Treppenhaus türmen sich Kinderschuhe. Im Erdgeschoss ist die ärmliche Küche, sie besteht aus Kühlschrank, Herd und einem kaputten Boiler. Ein paar Teller stapeln sich in der Spüle, ein Topf steht auf dem Herd. Viel mehr Geschirr gibt es nicht.

    Renovabis-Hauptgeschäftsführer Thomas Schwartz: „Armenien ist ein bitterarmer Hoffnungsträger für Europa“

    Die armenische Hilfsorganisation „Community Development NGO“ hilft, Familien wie die Petrosyans zu integrieren, anfangs mit dem Nötigsten, mit Kleidung, Essen, Kochgeschirr, medizinischer Versorgung und Traumabewältigungskursen. Heute organisiert sie am Wochenende kostenlosen Förderunterricht in Englisch, Armenisch und Kunst für schulisch benachteiligte Kinder aus Bergkarabach und einheimische Schüler aus entlegenen Bergdörfern.

    Ethnische Armenier fliehen aus Bergkarabach nach Kornidzor in der armenischen Region Syunik, nachdem im September 2023 aserbaidschanische Truppen die Konfliktregion wieder unter ihre Kontrolle gebracht hatten.
    Ethnische Armenier fliehen aus Bergkarabach nach Kornidzor in der armenischen Region Syunik, nachdem im September 2023 aserbaidschanische Truppen die Konfliktregion wieder unter ihre Kontrolle gebracht hatten. Foto: Vasily Krestyaninov/AP/dpa

    Die NGO wird von Renovabis, dem Osteuropahilfswerk der katholischen Kirche mit Sitz in Freising, unterstützt. Renovabis hat das geplagte Armenien und die Hilfe für die Geflüchteten aus Bergkarabach zum Schwerpunkt der bundesweiten Pfingstaktion 2026 gemacht, die am Sonntag um 9.30 Uhr mit einem zentralen Gottesdienst in der Stadtpfarrkirche St. Martin in Kaufbeuren endet. „Armenien ist ein bitterarmer Hoffnungsträger für Europa – eingekeilt zwischen Nachbarn, die man sich nicht aussuchen möchte“, sagt Renovabis-Hauptgeschäftsführer Thomas Schwartz bei einem Besuch im Südkaukasus: Iran, Aserbaidschan, Georgien und die Türkei. Ein Land, in dem humanitäre Hilfe viel individuelle Not lindern und helfen könne, den Menschen unter schwierigen Bedingungen wieder Hoffnung und eine Perspektive zu geben.

    Für Janna Petrosyan ist es im Moment am wichtigsten, die armenische Staatsangehörigkeit zu bekommen. Und damit den vollen Zugang zu einem neuen Leben – und zu staatlichen Hilfen. Ihr Mann hatte den armenischen Pass, sie selbst besitzt die russische Staatsbürgerschaft. Seit ihr Mann tot ist, bekommt sie keine Unterstützung mehr und ist froh, dass sie in dem Laden um die Ecke jeden Monat anschreiben lassen kann. Sie lebt mit ihren Kindern aktuell vom Kindergeld, das der armenische Staat den Bergkarabach-Flüchtlingen seit drei Jahren gewährt.

    Zumindest die Fußgängerzone der armenischen Hauptstadt Jerewan sieht heute aus wie viele westliche Fußgängerzonen: internationale Marken, Coffee-to-go, Granatapfelsaft für acht Euro der Becher, schicke Bars und Cafés.
    Zumindest die Fußgängerzone der armenischen Hauptstadt Jerewan sieht heute aus wie viele westliche Fußgängerzonen: internationale Marken, Coffee-to-go, Granatapfelsaft für acht Euro der Becher, schicke Bars und Cafés. Foto: Andrea Kümpfbeck

    Doch die Stimmung schlägt um in Armenien. Und es ist Wahlkampf, der immer lauter wird, am 7. Juni wird ein neues Parlament gewählt. Die gastfreundliche Bevölkerung hat die Geflüchteten aus Bergkarabach anfangs mit offenen Armen und ganz viel Verständnis aufgenommen. Denn die armenische Volksseele ist seit dem verheerenden Genozid 1915 und der darauffolgenden Massenflucht der Armenier in die Diaspora immer noch tief verletzt.

    Die Integration der Bergkarabach-Flüchtlinge stellt das kleine Land vor große Herausforderungen. Es ist nur halb so groß wie Bayern und hat rund drei Millionen Einwohner, weitere zehn Millionen Armenier leben auf der ganzen Welt verstreut. Es fehlt an Arbeit, Ausbildungsplätzen, an Wohnungen, an allem. Immer öfter hört man, dass viele der Menschen aus Bergkarabach, die zwar ethnisch Armenier sind, aber sich kulturell und sprachlich doch unterscheiden, sich gar nicht integrieren wollen. Sondern davon träumen, eines Tages zu ihren Häusern und Feldern, den Kirchen und Familiengräbern zurückkehren zu können – zu ihrer kulturellen Identität. Ein Traum, der in weiter Ferne liegt.

    Die Witwe Janna Petrosyan wünscht sich für ihre acht Kinder eine sichere Heimat in Armenien

    Die Geflüchteten aus Bergkarabach wiederum kritisieren die amtierende Regierung um Premierminister Nikol Paschinjan dafür, dass er nicht eingegriffen hat, als Aserbaidschan ihre Heimat überfiel. Und sie kritisieren die Friedensverhandlungen zwischen Armenien und Aserbaidschan als Verrat, bei dem die Niederlage und die Vertreibung der Minderheit in Bergkarabach hingenommen wird. Immerhin hat es seit zwei Jahren an der Grenze keine tödlichen Zwischenfälle mehr gegeben.

    Auch im Jahr 2020 gab es Krieg. Das Foto zeigt einen russischen Soldaten, der ein armenisches Kloster bewacht: Die Enklave Bergkarabach konnte sich seit den 90er-Jahren dank der armenischen Armee und der Schutzmacht Russland als abtrünnige Region im Südkaukasus halten. 2023 holten sich dann Truppen des autoritär regierenden aserbaidschanischen Staatschefs Ilham Aliyev das Gebiet zurück.
    Auch im Jahr 2020 gab es Krieg. Das Foto zeigt einen russischen Soldaten, der ein armenisches Kloster bewacht: Die Enklave Bergkarabach konnte sich seit den 90er-Jahren dank der armenischen Armee und der Schutzmacht Russland als abtrünnige Region im Südkaukasus halten. 2023 holten sich dann Truppen des autoritär regierenden aserbaidschanischen Staatschefs Ilham Aliyev das Gebiet zurück. Foto: Emrah Gurel/AP/dpa

    Das alles ergibt eine schwierige Gemengelage, für Armenien steht bei den Wahlen viel auf dem Spiel. Geht es nach dem Premierminister und der Meinung vieler junger Menschen, muss sich die Kaukasusrepublik weiter in Richtung Westen orientieren. Um damit auch der Abhängigkeit und dem Einfluss von Russland zu entkommen, wo heute 90 Prozent aller Waren, Rohstoffe und Energie herkommen. Und um nicht mehr länger Spielball der Nachbarn zu sein.

    „Die jungen Leute sehen, wie die Menschen in anderen ehemaligen Sowjetrepubliken, Moldau zum Beispiel, plötzlich reisen können und mal schnell übers Wochenende billig nach Italien fliegen“, sagt Harut Harutyunyan, „für sie steht Europa für Zukunft, Freiheit und Sicherheit.“ Harutyunyan arbeitet als Lehrbeauftragter für Theologie an der Universität Jerewan, forscht zur Vertreibung der Menschen aus Bergkarabach und sieht vor allem die Rolle der einflussreichen armenisch-apostolischen Kirche auf die Politik kritisch.

    Jerewan mit der „Mutter Armenien“-Statue im Hintergrund. Die Stadt ist eine Mischung aus Moderne und den Resten des Sozialismus.
    Jerewan mit der „Mutter Armenien“-Statue im Hintergrund. Die Stadt ist eine Mischung aus Moderne und den Resten des Sozialismus. Foto: Andrea Kümpfbeck

    Denn die Kirche, die die älteste Staatskirche der Welt ist, stellt sich gegen den Premier und seinen klaren Kurs in Richtung Europa. Kirchenoberhaupt Katholikos Karekin II., der „Papst“ der armenisch-apostolischen Kirche, mischt sich in den Wahlkampf ein und macht öffentlich Opposition. Der Streit gleicht inzwischen einer Schlammschlacht, es geht um eine Tochter, die er haben soll. Und um den Einfluss Russlands über die Kirche auf den Wahlkampf. Es geht um die Zerrissenheit zwischen Ost und West, Krieg und Frieden, Tradition und Moderne. Karekin hat den Premier zum Rücktritt aufgefordert, dieser wiederum hat seiner Partei eine Kirchenreform ins Parteiprogramm geschrieben. Und beide verbitten sich die Einmischung des jeweils anderen. Das Verhältnis zwischen Politik und Kirche, nun ja, ist angespannt, die meisten Armenier aber treibt vor allem der tägliche Kampf ums Überleben um.

    Wie auch Janna Petrosyan, die Witwe mit den acht Kindern. Sie wünscht sich von der Zukunft vor allem Gesundheit, um sich um die Kinder kümmern zu können. Und für diese ein besseres Leben, eine sichere Heimat in Armenien. Ihre Töchter und Söhne haben in der Dorfschule längst neue Freunde gefunden, sagt sie, und die neuen Nachbarn helfen sich gegenseitig. Ihr ältester Sohn geht nächstes Jahr zur armenischen Armee. Zurück nach Bergkarabach will sie nicht, auf keinen Fall, höchstens einmal zu Besuch. „Ich hätte Angst zurückzugehen, denn dort wird es nie Frieden geben.“ Und schließlich sei auch ihr Mann hier in Armenien begraben, „den lasse ich nicht allein“.

    Pfingstaktion 2026 – Termine

    Zum Ende der Pfingstaktion 2026 des Osteuropahilfswerks Renovabis der katholischen Kirche gibt es am Pfingstsonntag, 24. Mai, in allen deutschen katholischen Pfarrgemeinden eine Kollekte zugunsten der Menschen im Osten Europas. Der zentrale Gottesdienst zum Abschluss der Aktion findet an dem Tag um 9.30 Uhr in Kaufbeuren in der Stadtpfarrkirche Sankt Martin statt. Er wird live im ZDF übertragen.

    Zuvor, am Pfingstsamstag, 23. Mai, wollen Renovabis und das Bistum Augsburg mit dem Benefizkonzert „Stabat Mater für Mariupol“ ein Zeichen der Verbundenheit mit den Menschen in der Ukraine setzen – ab 19.30 Uhr in der Basilika Sankt Ulrich und Afra in Augsburg. Der Eintritt ist frei, um Spenden wird gebeten.

    Die Kathedrale von Etschmiadsin in der Nähe von Jerewan. Sie ist die Hauptkirche der armenisch-apostolischen Kirche. Ihr Oberhaupt Katholikos Karekin II. mischt sich in den Wahlkampf ein.
    Die Kathedrale von Etschmiadsin in der Nähe von Jerewan. Sie ist die Hauptkirche der armenisch-apostolischen Kirche. Ihr Oberhaupt Katholikos Karekin II. mischt sich in den Wahlkampf ein. Foto: Andrea Kümpfbeck
    Diskutieren Sie mit
    XXX 0 Kommentare
    hier kommen komentare rein

    Um kommentieren zu können, müssen Sie angemeldet sein.

    Anmelden

    Sie haben noch kein Konto? Kostenfrei registrieren