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Interview Julia Klöckner: Kirche soll Halt geben und unverwechselbar bleiben

Interview

Julia Klöckner: "Ich finde es gut, dass wir einen so jungen Papst haben"

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    Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU) ist der katholischen Kirche eng verbunden. Auf dem Bild spricht sie im Magdeburger Dom.
    Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU) ist der katholischen Kirche eng verbunden. Auf dem Bild spricht sie im Magdeburger Dom. Foto: Ronny Hartmann, dpa

    Frau Klöckner, Sie werden am Freitag den Katholikentag in Würzburg besuchen. Was verbinden Sie mit der Stadt? Haben Sie eine persönliche Beziehung zu Würzburg?

    JULIA KLÖCKNER: Würzburg ist eine wunderschöne Stadt. Ich war schon oft da und komme immer gerne. Eines meiner Studienfächer war Theologie, und da spielte natürlich auch das Bistum eine Rolle. Auch mit meinem Freundeskreis aus Unizeiten, der sich einmal im Jahr trifft und gemeinsam Zeit verbringt, waren wir schon in Würzburg. Und als Rheinland-Pfälzerin gibt es noch eine andere Verbindung.

    Der Wein?

    KLÖCKNER: Ja, genau. In und um Würzburg gibt es wunderbare Weingüter. Als ich noch Chefredakteurin des Sommelier-Magazins war, habe ich die Winzer besucht und darüber Geschichten geschrieben. In Würzburg verbindet sich für mich persönlich das Weinbauliche mit der Theologie.

    Wo wir schon dabei sind, haben Sie einen Lieblingswein?

    KLÖCKNER: Also Silvaner trinke ich eigentlich selten, aber wenn er aus Franken kommt, dann ist er gut.

    Frau Klöckner, zurück zum eigentlichen Thema. Worauf freuen Sie sich beim diesjährigen Katholikentag?

    KLÖCKNER: Das Motto „Habe Mut, steh auf“ ist gut gewählt, es passt in unsere Zeit. Es geht um den eigenen Mut, den Mut, den man von anderen erwartet, und auch den Mut, den Menschen gemeinsam entwickeln können. Das kann die Kirche brauchen, das kann unser Land gut brauchen. Bei beidem scheint sich oftmals leider der Eindruck verfestigt zu haben, alles sei dem Niedergang geweiht. Das ist es aber nicht.

    Ist es für Sie der erste Katholikentag?

    KLÖCKNER: Nein, ich habe schon viele besucht. Es ist eine besondere Mischung aus einer Art Klassentreffen, Demonstration, Feier und Auseinandersetzung mit dem Glauben. Kirche wird an diesen Tagen besonders sichtbar, wird breit wahrgenommen. Ich bin Katholikin, zahlendes Mitglied. Ich fühle mich fest in meinem Glauben. In meiner Heimatkirchengemeinde habe ich lange als Lektorin im Gottesdienst gewirkt und habe Theologie studiert. Später war ich viele Jahre im Zentralkomitee der Katholiken aktiv. Für mich gehört der Katholikentag einfach dazu. Er ist für mich und andere auch eine Selbstvergewisserung. Wozu gehört man? Was leitet einen?

    Auf manchem Katholikentag wurde kontrovers diskutiert. Es ging dabei um die Reformen der katholischen Kirche, um aktuelle politische Fragen. Immer wieder kam der Vorwurf, die Kirche sei zu politisch, zu links. Wie blicken Sie darauf?

    KLÖCKNER: Auch Gläubige haben verschiedene Meinungen. Auf einem Kirchentag darf auch inhaltlich gestritten werden. Wichtig ist doch wie überall, dass es um die Sache geht, der Ton nicht verletzend ist. Und natürlich gibt es genügend kontroverse Themen in der Kirche selbst. Dass Kardinal Marx – wie ich finde zurecht – sagt, dass homosexuelle Paare gesegnet werden sollen, der Papst das aber anders sieht, ist so ein Beispiel.

    Bevor wir hier noch tiefer einsteigen, wollten wir Sie fragen, ob es für Sie in Ordnung geht, dass die AfD oder AfD-Funktionäre nicht bei den Veranstaltungen eingeladen sind?

    KLÖCKNER: Das habe ich nicht zu entscheiden, da ich weder in der Organisation des Katholikentages noch im Zentralkomitee der Katholiken bin. Grundsätzlich setze ich mich mit anderen Meinungen auseinander, und da geht es dann nicht um Gesinnung, sondern um Argumente. Im Deutschen Bundestag behandeln wir als Bundestagspräsidium alle Fraktionen und Abgeordneten gleich, weil dort alle die gleichen Rechte, im Übrigen aber auch die gleichen Pflichten haben.

    Was heißt Glaube für Sie im Alltag? Reservieren Sie vielleicht sogar bewusst Momente für Innerlichkeit oder schwingt er bei Ihnen mit?

    KLÖCKNER: Das ist ein gutes Bild. Mein Glaube schwingt im Alltag mit, er ist wie ein Notenschlüssel für mein Leben. Mein Vater hat mir einen Leitspruch mitgegeben: Du kannst nie tiefer fallen als in Gottes Hand.

    Was heißt das für Sie?

    KLÖCKNER: Das heißt nicht: Lass Dich fallen, tu nichts, und alles wird gut. Sondern grundsätzlich: Streng dich an. Mach was aus Deinen Talenten. Aber am Ende wird man nie komplett scheitern können. Und das finde ich sehr tröstlich.

    Wie stehen Sie zur Rolle der Frau in der Kirche? Wir haben jetzt Frauen in Leitungsämtern, aber wir haben natürlich nach wie vor keine Priesterweihe.

    KLÖCKNER: Wir müssen uns realistisch vor Augen führen, dass eine Weltkirche nicht allein aus Deutschland bestimmt wird. Wenn wir vom Deutschen Katholikentag aus eine Päpstin fordern, dann wird das wenig ausrichten. Wir sollten vorangehen, aber in einer Weltkirche gibt es unterschiedliche Geschwindigkeiten bei Reformprozessen. Zu Ihrer Frage: Als ich Kommunionkind war, wäre ich gerne Messdienerin geworden. Das war nicht erlaubt. Heute hingegen geht es im Gottesdienst ohne die Mädchen ja gar nicht mehr. Da hat sich was geändert. Ganz früher haben die Frauen auch sehr selten die Lesung gehalten. Das hat sich verändert. Ich wurde als Jugendliche Lektorin. Genauso bin ich der festen Überzeugung, dass wir Diakoninnen brauchen in Deutschland und dass es diese geben wird.

    Vor einem Jahr sagten Sie in einem Interview: Wenn Kirche zu beliebig werde oder zu tagesaktuellen Themen Stellungnahmen abgebe wie eine NGO, dann werde sie austauschbar. Und weiter: Klar könne sich Kirche auch zu Tempo 130 äußern, aber dafür zahlten Sie nicht unbedingt Kirchensteuer.

    KLÖCKNER: Und dabei bleibe ich. Kirche ist nun einmal mehr und muss mehr sein als eine Nichtregierungsorganisation, die gesellschaftspolitische Wünsche im Hier und Jetzt erfüllen soll.

    Sie haben damals starken Gegenwind aus beiden großen christlichen Kirchen bekommen. Auch aus der CDU wurden Sie kritisiert: Kirche sei immer politisch gewesen. Oder: Sie würden sie auf ihre vermeintlichen Kernaufgaben zurückdrängen wollen.

    KLÖCKNER: Ich habe auch sehr starken Zuspruch erfahren, auch aus den Kirchen. Kirche ist doch nicht homogen! Und klar kann Kirche politisch sein. Aber wirklich im Klein-Klein der Tagespolitik? Dafür gibt es andere.

    Haben sich die Wogen wieder geglättet?

    KLÖCKNER: Es gab keine Wogen, die ungeglättet waren. Gerade wenn man Kirchenmitglied ist, darf man sich auch äußern. Ich sage es gerne noch einmal: Wenn Kirche sich um Verkehrsregeln kümmern will, dann kann sie das machen. Aber Kirche darf sich in der Wahrnehmung doch nicht darin erschöpfen. Wenn Kirche den Eindruck macht, sie sei wie ein Parteitag – ganz gleich welcher Partei –, wird sie nicht das erfüllen, was die Menschen in ihr suchen. Zum Beispiel die junge Generation: Diese wächst in einer Welt auf, die vieles bietet, aber wenig Halt. Es gibt so viele Krisen, Kriege oder Klimafragen – und die große Sehnsucht nach etwas, das trägt, auch wenn alles andere ins Wanken gerät. Das kann keine NGO leisten, aber Kirche hat genau hier Relevanz. Sie kann dieser Sehnsuchtsort, dieser Anziehungspunkt sein. Mit ihren Ritualen, der Liturgie, den jahrtausendealten Geschichten der Bibel. Also mit etwas auch, dass sich nicht sofort erschließt, dass ein bisschen quer steht zu einer Welt, die schnell und flüchtig ist. In Frankreich und England sehen wir, wie sich ein Teil der jungen Generation bewusst der katholischen Kirche zuwendet. Zu Ostern 2025 gab es in Frankreich 17.000 Taufen, 2026 sogar über 21.000. Das ist der höchste Wert seit Jahrzehnten. Und In England wenden sich mehr Junge dem katholischen Glauben zu als der anglikanischen Kirche. In diesen und anderen Ländern gewinnt die katholische Kirche neue Anziehungskraft. Nicht, weil sie tagespolitisch ist, sondern weil sie es eben nicht ist und die Sinnfragen des Lebens stärker in den Blick nimmt.

    In Deutschland ist Zahl der Austritte aus der katholischen wie aus der evangelischen Kirche seit Jahren sehr hoch. Was würde die Kirche denn attraktiver machen?

    KLÖCKNER: Ich glaube wirklich: Viele Menschen erwarten von der Kirche vor allem spirituelle Impulse, nicht Austauschbarkeit oder Beliebigkeit. Wenn Kirche dem Zeitgeist gefallen und sich ständig neuen innerweltlichen Trends anpassen will, verliert sie ihr Alleinstellungsmerkmal. Kirche muss stattdessen sie selbst bleiben, über das Hier und Jetzt hinausweisen und Halt bieten in den grundlegenden Fragen, denen von Anfang und Ende des Lebens. Auch: Was bedeuten Down-Syndrom-Screenings für unsere Gesellschaft? Geht es nur noch um Optimierung? Wie ist das mit der Organspende? Und auch: Was macht etwa die Nutzung von Social Media mit dem Selbstwert von jungen Menschen? Letzteres werde ich in dem Gottesdienst aufgreifen, den ich an diesem Freitag auf dem Katholikentag mitgestalten werde.

    Es ist laut Programm ein „Mut-Mach-Gottesdienst für Familien“.

    KLÖCKNER: Ich wurde eingeladen, einen persönlichen religiösen Impuls zu geben zu Jesaja 43: „Fürchte dich nicht“, heißt es dort, „ich habe dich beim Namen gerufen“. Was heißt das heute? Was heißt das für uns: gesehen zu werden, einen Eigenwert zu haben, einen Namen zu haben? Manchmal gehe ich übrigens enttäuscht aus einem Gottesdienst.

    Warum?

    KLÖCKNER: Manchmal ist eine Predigt so dermaßen banal und anspruchslos, eine vertane Chance, gerade wenn an hohen Festtagen die Kirchen voll sind.

    Das ist hoffentlich nicht immer der Fall.

    KLÖCKNER: Natürlich nicht. Oft verlasse ich einen Gottesdienst und denke mir: Wow! Heute ist jemand richtig in ein Thema eingetaucht oder hat der Gemeinde etwas zugemutet. Auch diesen Anspruch, den Leuten etwas zuzumuten, finde ich wichtig.

    Haben Sie für Ihre Auslegung der Bibelstelle für den Katholikentag in Ihren Aufzeichnungen aus Ihrer Universitätszeit nachgeschlagen? Sie haben ja unter anderem katholische Theologie studiert.

    KLÖCKNER: Sie werden lachen: Ich habe bei mir zu Hause tatsächlich noch ein ganzes Regal mit meinen theologischen Büchern von damals. In denen habe ich am Wochenende geblättert. Leider komme ich zu selten dazu.

    Wie finden Sie Papst Leo XIV.?

    KLÖCKNER: Mir gefällt gut, wie er als Amerikaner Stellung zu weltlicher Macht genommen hat.

    Wie er also mit der heftigen Kritik von US-Präsident Donald Trump an ihm – unter anderem, dass er „politisch sehr links“ sei – umgegangen ist?

    KLÖCKNER: Papst Leo XIV. hat, ohne zu scharf zu sein, klar geantwortet. Zunächst einmal finde ich es aber gut, dass wir so einen recht jungen, agilen Papst haben. Das drückt ja auch schon etwas aus.

    Er ist 70.

    KLÖCKNER: Für einen Papst ist das jung! Es signalisiert: Die Kirche hat jemanden an ihrer Spitze, der noch Vitalität ausdrückt. Dabei will ich nicht abwerten, wenn jemand älter ist. Aber ein vergleichsweise junger Papst wie Leo ist eben auch eine Chance.

    Eine Chance wofür genau?

    KLÖCKNER: Sich zu bestimmten Themen glaubwürdig zu äußern, etwa zu Künstlicher Intelligenz.

    In diesem Monat wird seine erste Enzyklika, das ist ein Lehrschreiben, erwartet. Darin dürfte es um die Herausforderungen des digitalen Wandels und durch KI für unsere Gesellschaft gehen.

    KLÖCKNER: Und dabei wird er über das hinausgehen, was die wissenschaftliche Beschreibung der Künstlichen Intelligenz anbelangt. Er wird Fragen stellen, die so kein Politiker oder keine gesellschaftliche Organisation stellt. Er wird sicherlich vorausschauen, wo die Entwicklung noch hinführen könnte. Und er wird dabei selbstverständlich den Menschen und die Schöpfung in den Blick nehmen. Aber er ist jetzt gerade einmal ein Jahr im Amt. Ich denke, seine Zeit wird erst noch kommen – und dann werden wir ihn besser einordnen können.

    Haben Sie eigentlich eine Lieblingsstelle in der Bibel?

    KLÖCKNER: „Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid! Ich will euch erquicken“, heißt es bei Matthäus. In der Bibelstelle geht es auch um die Verantwortung, andere zu unterstützen. Und das hat durchaus auch etwas mit dem Politiker-Dasein zu tun. Und um auf den Anfang unseres Gesprächs zurückzukommen: Ich habe mal ein Buch über den Wein in der Bibel geschrieben – hierzu gibt es auch eine schöne Stelle: „Trink nicht nur Wasser, sondern nimm auch etwas Wein, mit Rücksicht auf deinen Magen und deine häufigen Krankheiten!“

    Zur Person

    Julia Klöckner, 1972 in Bad Kreuznach geboren, ist seit mehr als 25 Jahren für die CDU in der Politik. Seit März 2025 ist sie Präsidentin des Deutschen Bundestags.

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