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Interview
04.09.2023

Kabarettist Fatih Çevikkollu: "Migration ist Stress"

Fatih Çevikkollu ist Sohn türkischer Arbeitsmigranten. Im Buch "Kartonwand" berichtet er von den Schwierigkeiten seiner Familie.
Foto: Privat

Der Kabarettist Fatih Çevikkollu ist Sohn türkischer Arbeitsmigranten. Nun hat er ein Buch geschrieben über eine Generation von ewig Suchenden und die sozialen Folgen des Lebens in einer deutsch-türkischen Zwischenwelt.

Herr Çevikkollu, die Regierung will mit dem neuen Staatsangehörigkeitsrecht den sogenannten Gastarbeitern nachträglich Respekt zeigen. Auch ihre Eltern kamen in den 60er Jahren als Arbeitsmigranten nach Deutschland. Freut Sie dieser politische Schritt?

Fatih Çevikkollu: Ja, das freut mich wirklich. Denn es ist eine Geste, ein Symbol der Anerkennung für eine Lebensleistung. Diese Menschen haben in die Sozialsysteme eingezahlt, in die Rentenkassen. Es ist eine Generation, die über viele Jahre hinweg übersehen wurde. Umso mehr ärgern mich Politiker, die gleich losbellen, dass die deutsche Staatsbürgerschaft verramscht werde. Nein. Diese Menschen sind Teil der deutschen Geschichte, ihre Lebensgeschichte ist auch eine deutsche Geschichte. Es ist die Geschichte der Arbeitsmigrantinnen und -migranten. Politisch waren diese Menschen nie gewollt, sie waren Gäste und sollten arbeiten. 

Wollten Ihre Eltern von Anfang an in Deutschland bleiben?

Çevikkollu: Nein, diese Generation ist auch immer davon ausgegangen, dass sie wieder zurückkehrt in die Türkei. Aber irgendwann war klar, dass sich diese Annahme nicht mehr erfüllen wird. Spätestens dann hätten beide Seiten, die deutsche Politik und die türkischen Familien, ihr Verhalten korrigieren müssen. Das hat aber nie stattgefunden und führte dazu, dass wir mehr als 60 Jahre später merken, dass wir kaum etwas voneinander wissen. Die Probleme von heute sind politisch gewachsen, wir haben damals die Zeichen nicht erkannt. Und die Versäumnisse liegen auf beiden Seiten. 

Wie hat sich der Wunsch Ihrer Eltern, wieder zurückzugehen in die Türkei, auf Ihren Alltag ausgewirkt?

Çevikkollu: Unser Alltag war wie bei vielen: Die Kinder gehen zur Schule, der Vater geht arbeiten, dann wird gemeinsam gegessen. Kunst und Kultur bestand darin, dass wir Videokassetten mit türkischen Filmen angeschaut, die türkischen Nachrichten im WDR Köln Radyosu gehört haben. Über allem stand die Annahme, dass es wieder zurückgehen würde in die Türkei. Deshalb wurden die Kinder vieler Familien dort zur Schule geschickt. Das war auch bei meinen Brüdern und mir so. Uns Kindern wurde damals damit kein Gefallen getan – und den Eltern auch nicht. Das ist nicht gut für die Bindung zwischen Eltern und Kind. Bei mir ist Zugehörigkeit zu einem Lebensthema geworden. Ich war gerade einmal 40 Tage auf der Welt, als mich meine Großeltern mit in die Türkei genommen haben. Mein älterer Bruder hat die ersten Grundschuljahre in der Türkei verbracht. Man prägte für diese Kinder, die hin und her geschickt wurden, später den Begriff Kofferkinder, denn das war Usus. Dieses Vorgehen führte dazu, dass das Familiensystem im Endeffekt dysfunktional war. Wir haben also zwei dysfunktionale Bereiche: die türkischen Familien und die deutsche Gesellschaft. 

Kann man Ihre Erfahrungen verallgemeinern?

Çevikkollu: Ich habe zu dem Buch viele Rückmeldungen bekommen von anderen Kindern von Arbeitsmigranten. Viele sagen: Das ist genau meine Geschichte, das habe ich genauso erlebt. Ich erzähle also aus meinem Leben – aber das steht exemplarisch für viele Menschen. 

Sie sprechen von einer Kartonwand – so auch der Titel Ihres Buches. Was ist das?

Çevikkollu: Die Kartonwand ist ein Zeichen für die Sehnsucht der Menschen, in das Land zurückzukehren, aus dem sie gekommen sind. Tatsächlich gab es bei uns in der Wohnung, im Schlafzimmer meiner Eltern, eine Wand, an der sich die Kartons getürmt haben. In den Kartons waren all die Sachen, die nicht benutzt werden durften, sondern aufgehoben wurden für später, wenn dann das gute und richtige Leben in der Türkei beginnt. Der gute Toaster, Besteck-Sets, ein Entsafter, Kristallgläser. Bei uns zu Hause wurden neue Dinge eingekauft und sofort und unbenutzt weggepackt – und das über Jahre und Jahrzehnte hinweg. 

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Ihre Mutter war psychisch krank. Sie vermuten einen Zusammenhang mit der Arbeitsmigration. Wieso glauben Sie das?

Çevikkollu: Als meine Mutter im Jahr 2017 völlig allein in der Türkei starb, habe ich mit anderen gesprochen, die auch eine internationale Biografie hatten. Ich hörte dann oft Sätze wie: Mein Vater ist auch depressiv, meine Mutter nimmt Medikamente. Offenbar gab und gibt es in der Elterngeneration der Arbeitsmigranten sehr viele psychische Probleme. Natürlich löst Migration nicht automatisch psychische Krankheiten aus. Es ist eher der Umgang mit Migration.

Was meinen Sie damit?

Çevikkollu: Migration ist Stress. Wenn wir auf den speziellen Fall meiner Mutter schauen: Sie hat in der Türkei studiert, war Grundschullehrerin, die ganze Familie war gebildet. In Deutschland hat sie zunächst als Näherin gearbeitet, später dann gar nicht mehr – sie hat also einen Statusverlust erlebt. Hinzu kam, dass ihr Vater gegen ihren Umzug war, es herrschte also Spannung. Sie musste ihre Kinder über Jahre weggeben. Die Einsicht, dass sich der Traum von der Rückkehr nicht erfüllen würde, war belastend. Weil diese Rückkehr aber so fix im Kopf war, hat sie die deutsche Sprache nicht gelernt – wurde dadurch in gewisser Weise sprachlos. Von der deutschen Gesellschaft wurde sie abgelehnt. Es kommen so viele Punkte zusammen, die bei entsprechender Konstitution zu einer psychischen Belastung führen können. 

Zumindest das Problem mit der Sprache wäre lösbar gewesen. Gerade Frauen wurde oft keine Möglichkeit dazu angeboten. Sehen Sie ein staatliches Versagen?

Çevikkollu: Ich will das gar nicht mit Emotionen aufladen. Der Plan war, dass diese Menschen nicht an der Gesellschaft teilhaben sollen. Insofern hat die Regierung logisch gehandelt. Die Wahrheit ist aber auch, dass der Umgang zum Teil menschenverachtend und ausgrenzend war. Es gab für die Arbeitsmigranten keine Wohnungen, sondern Unterkünfte. Sprachkurse wurden nur im Kontext mit der Arbeit angeboten. Gefühlt gab es immer eher den Verweis in Richtung Ausgang. Ein Zeichen dafür war etwa der limitierte Aufenthaltsstatus: Der musste immer neu beantragt und verlängert werden, es gab jederzeit die Möglichkeit, dass die Erlaubnis entzogen wurde.

Man hört bis heute in der Debatte das Argument: Wenn wir die Bedingungen für Migranten möglichst schlecht machen, kommen auch nicht so viele nach Deutschland …

Çevikkollu: Das ist leider ein Eigentor. Wir brauchen dringend Einwanderer für den Arbeitsmarkt. Die Wahrheit ist doch ohnehin: Unsere Gesellschaft ist so bunt und vielfältig wie noch nie. Und das ist gut. Auch wenn es nicht allen passt. Früher saßen nur weiße Männer am Tisch und haben alles bestimmt, jetzt wollen auf einmal auch Frauen und Migranten mitreden … (lacht) Aber genau so muss das sein. 

Die Probleme Ihrer Eltern wurden ganz schnell auch Ihre eigenen. Ihre Erziehung war von Härte geprägt. Glauben Sie, dass das mit der psychischen Belastung zusammenhing? Die Bestrafung des Kindes als Frustabbau?

Çevikkollu: Körperliche Züchtigung war in den 70er, 80er Jahren, als ich aufgewachsen bin, weitverbreitet, auch in deutschen Familien. Allerdings hat mein Vater eine ganz besondere Härte an den Tag gelegt, rückblickend würde ich manches als bestialisch bezeichnen. Ich hatte richtige Angst vor ihm. Die Strafen waren regelrecht monströs. Ich habe mich immer gefragt: Wie kann ein Vater seinem Kind gegenüber eine solche Härte an den Tag legen? Ich vermute, dass er in diesen Momenten nicht nur mich als Kind bestraft hat, sondern auch seinen eigenen Frust abgebaut hat. 

Haben Sie ein Beispiel?

Çevikkollu: Als ich 16 oder 17 war, stellte mein Vater die Regel auf, dass ich um 22 Uhr zu Hause sein musste. Kam ich nur eine Minute zu spät, war die Tür verschlossen und der Schlüssel steckte von innen. Manchmal habe ich mich zum Schlafen dann in sein Auto gelegt, als er das gemerkt hat, hat er den Wagen ebenfalls abgeschlossen, ich musste mich ins kalte Treppenhaus legen.

Im Jahr 2030 werden rund 2,8 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland leben, die 65 Jahre oder älter sein werden. Viele Traumata brechen erst im Alter auf …

Çevikkollu: Deshalb will ich auch auf die Situation der vielen Menschen aufmerksam machen. Die türkischstämmigen Menschen sind hierzulande die größte nicht-deutsche Gruppe. Wir brauchen mehrsprachige Therapeuten, jemanden, der die Biografie dieser Menschen mitdenkt. Es wäre schön, wenn wir gerade der ersten Generation der Arbeitsmigranten in ihren letzten Lebensjahren eine Sichtbarkeit geben. Wir müssen uns umgekehrt aber auch bewusst machen, dass die Geschichte der Arbeitsmigration eine Erfolgsgeschichte ist. Die Eltern kamen teils als Analphabeten, die Kinder sind Ingenieure, Lehrer oder selbstständige Unternehmer. 

Wie steht es denn um die dritte Generation? Ihre eigene Tochter ist 16 …

Çevikkollu: Ich wollte eigentlich alles von ihr fernhalten, was mit meiner Familie zu tun hat. Sie spricht zwar türkisch, hatte aber ansonsten lange keine Verbindung zur Türkei. Am Ende hatte ich ein Kind, das die Geschichte seines eigenen Vaters nicht kennt. So wie mein eigener Vater nie über seine Familie erzählen wollte. Ich wusste sehr wenig über unsere Familie, meine Mutter erzählte nichts, sie sprach nicht, mein Vater ebenso wenig. Ich habe also das reproduziert, was ich vermeiden wollte. Das ist erschreckend. Ich bin deshalb sehr froh, dass sich meine Tochter und die Kinder meiner Brüder inzwischen zusammentun und den Mist, den wir gebaut haben, nicht wiederholen. 

Zur Person: Fatih Çevikkollu, 50, ist Kabarettist. Er studierte an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin und wurde in seiner Rolle des Murat Günaydin in der Comedy-Serie „Alles Atze“ auch einem breiten Fernsehpublikum bekannt. Seine Eltern kamen in den 60er Jahren aus der Türkei nach Deutschland. Sein Buch „Kartonwand“ erzählt von seinem Leben.

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