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Foto: Matthias Bein, dpa
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Bayern setzt auch für Schulkinder nur noch auf freiwillige Corona-Tests. Lehrerverbandspräsident Heinz-Peter Meidinger wünscht sich nach den Schulferien eine einwöchige Kontrollphase.

Interview
29.07.2022

Meidinger: "Corona ist ein enormer Rückschlag für die Bildungsgerechtigkeit"

Von Michael Pohl

Exklusiv Lehrerverbandspräsident Heinz-Peter Meidinger erklärt in seiner Bilanz des vergangenen Schuljahres, wo aus Sicht der Schulen die größten Probleme der Bildungspolitik liegen und wie die Pandemie viele Defizite noch weiter verstärkt.

Herr Meidinger, welche Bilanz ziehen Sie zum Ferienbeginn Corona, Lehrermangel und mehr: Die vergessenen Probleme der Schulen über das vergangene zweite Corona-Schuljahr, das die Schulen durchmachen mussten?

Heinz-Peter Meidinger: Die sehr heftigen Wellen hatten uns vor allem im Herbst und Winter erwischt und teilweise zu nochmaligen Distanzunterrichts-Phasen geführt. Aber insgesamt sind wird besser durchgekommen als im ersten Schuljahr der Pandemie. In den letzten Monaten konnten viele Beschränkungen, etwa die Maskenpflicht oder das Testen, abgeschafft werden und beispielsweise endlich mal wieder der Sportunterricht in vollem Umfang stattfinden, ebenso Musikunterricht und auch wieder Schulfahrten. Insgesamt hat sich in der zweiten Hälfte dieses Schuljahrs eine gewisse Normalisierung eingestellt. Das hat zu einem großen Aufatmen in der gesamten Schulfamilie geführt – sprich bei Eltern, Lehrkräften, Kindern und Jugendlichen. Auf der anderen Seite ist die Pandemie natürlich noch nicht vorbei und die Herausforderungen bleiben hoch.

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Foto: Stefan Kuhn, dpa
Foto: Stefan Kuhn, dpa

Heinz-Peter Meidinger fordert mehr Frühförderung für Kinder.

Was sind die größten Probleme?

Meidinger: Der Lehrkräftemangel fällt uns ständig auf die Füße. Wenn wegen Corona Lehrer zusätzlich ausfallen, haben wir kaum noch Vertretungskräfte. Zeitweise waren nur 80 Prozent der Lehrkräfte verfügbar. Aber gleichzeitig steigt der Personalbedarf: Wir müssen uns darum kümmern, die Rückstände vieler Schulkinder durch die Pandemie aufzuarbeiten. Und wir haben die zusätzliche Herausforderung durch die Aufnahme ukrainischer Flüchtlingskinder. In Deutschland sind es mittlerweile fast 150.000, allein in Bayern 40.000. Bislang war es nur sehr eingeschränkt möglich, dabei auf geflüchtete ukrainische Lehrkräfte zurückzugreifen. Ob die Schulen angesichts dieser Personalnot das Corona-Aufholprogramm in vollem Umfang umsetzen können, dahinter müssen wir ein großes Fragezeichen machen.

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Meidinger: Alle fünf Jahre werden Viertklässler auf ihre Rechtschreibung, Rechen- und Lesefähigkeiten getestet. Schon bei der vorletzten Testung 2016 – lange vor Corona – hat man Leistungseinbußen festgestellt. Das hat sich 2021 erheblich verstärkt. Mittlerweile erreicht nur noch gut die Hälfte die Regelstandards und bis zu einem Viertel nicht einmal mehr die Mindeststandards. Das ist dramatisch und lässt für die künftige Schullaufbahn dieser Kinder nichts Gutes erwarten. Je früher Lücken in der Schullaufbahn auftreten, desto mehr vergrößern sich die Probleme und desto weniger kann Schule diese Defizite ausgleichen. Corona hat diese Verschlechterung beschleunigt. Gerade im Grundschulbereich haben die Phasen, in denen kein Präsenzunterricht stattfand, zu mehr Bildungsungerechtigkeit geführt. Die Tendenz nach unten gab es schon vorher.

Wo liegen die Ursachen?

Meidinger: Es ist ein hartes Wort, aber Deutschland versagt zunehmend bei der Frühförderung seiner Kinder. Frühförderung bedeutet im Idealfall, dass man bereits im Vorschulalter flächendeckend für eine gute Sprachkompetenz sorgt. Sprachtests bei Vierjährigen stehen zwar in einigen Bundesländern auf der Agenda, aber wir handeln da meist nur halbherzig. Die Länder testen oft nicht umfassend und die Sprachförderung nach erkannten Defiziten ist meist rein freiwillig. Man scheint sogar froh zu sein, wenn Angebote wenig in Anspruch genommen werden, weil es auch hier nicht ausreichend Personal für Sprachförderung gibt. Aber auf diese Weise werden wir in Deutschland den Leistungsabfall nicht aufhalten können, nicht zuletzt weil der Anteil der Kinder mit Migrationsgeschichte in den Schulen steigt. Vor zehn Jahren lag er bei gut 20 Prozent, heute bei knapp 40 Prozent. Diese Kinder sind genauso clever, aber sie haben oft von Haus aus erheblich mehr Probleme mit der Sprache und können dem Unterricht nach der Einschulung kaum folgen. Durch die Pandemie ist diese bildungspolitische Riesenherausforderung aus dem Blick verloren worden.

Kann man die Probleme durch Corona noch aufholen?

Meidinger: Schülerinnen und Schüler waren unterschiedlich von den Schulschließungen betroffen. Die Jugendlichen in der Oberstufe an Gymnasien beispielsweise kamen mit dem Distanzunterricht meist gut zurecht, weil sie selbstständiges Arbeiten eher gewohnt waren. Sie machen allerdings nur einen relativ kleinen Anteil an unseren Schulen aus. Die große Mehrheit hat Defizite, die man durch ein umfassendes Aufholprogramm ausgleichen könnte. Diejenigen, die das Aufholprogramm wirklich nötig und die größten Defizite haben, kommen aber leider oft nicht in die Förderkurse, weil sie nicht verpflichtend sind. Die dritte Gruppe hat so große Defizite, dass man sie begleitend kaum aufholen kann und diesen stattdessen flexible Angebote für ein Wiederholungsjahr machen müsste.

Woran scheitert es?

Meidinger: Leider haben nur ganz wenige Bundesländer intelligente Angebote für Wiederholungsjahre gemacht, weil man den Aufwand scheut. Stattdessen hat man das Sitzenbleiben mit großzügigen Regelungen faktisch abgeschafft. Das mag kurzfristig sinnvoll sein, ich bezweifle aber, dass man den Kindern langfristig mit diesen Lockerungen wirklich einen Gefallen tut. Denn wie sieht es in den nächsten Jahren aus? Will man dauerhaft Bildungsstandards aussetzen und das Niveau von Abschlussprüfungen absenken? Wir klagen schon heute über immer mehr Jugendliche, die nicht ausbildungsreif sind, und steigende Studienabbrecherzahlen. Durch schlechte Bildung mindern wir die Zukunfts- und Lebenschancen unserer Kinder.

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Seit Jahrzehnten klagt man in der Politik, dass die soziale Schere früh öffnet und betont, dass Bildung das beste Mittel dagegen sei. Verschärft sich nun das Problem?

Meidinger: Den Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und späterem Bildungserfolg kann man zwar nie komplett auflösen. Eltern aus dem sogenannten Bildungsbürgertum werden immer mehr als andere für den Bildungserfolg ihrer Kinder tun. Die Schule kann diese fehlende Unterstützung nicht völlig ausgleichen. Aber wir waren lange Zeit optimistisch, dass wir die Unterschiede verringern könnten. Doch Corona erweist sich als ein enormer Rückschlag für die Bildungsgerechtigkeit. Corona muss der Anlass sein, eine neue Offensive für mehr Bildungsgerechtigkeit zu starten. Hier ist die Frühförderung der Schlüssel für alles. Wenn es uns gelingt, Kinder so zu fördern, dass sie bei Schuleintritt voll schulfähig sind, dann haben wir einen ganz großen Beitrag zu mehr Bildungsgerechtigkeit geleistet.

Was kann man gegen den Lehrermangel tun?

Meidinger: Es gibt kein Wundermittel, mit dem man jetzt Lehrkräfte aus dem Hut zaubern könnte. Es ist in den vergangenen Jahren versucht worden, gegenzusteuern, indem beispielsweise die Studienplätze im Grundschulbereich stark erhöht wurden. Aber bis eine Lehrkraft fertig ausgebildet wird, vergehen im Schnitt sieben Jahre. Im Mittelschulbereich gibt es trotz des massiven Mangels keine steigenden Studienanfänger-Zahlen. In Bayern bräuchten wir überdies an den Gymnasien allein für die volle Rückkehr zum G9 bis 2025 weit über 1000 zusätzliche Lehrkräfte. Die Hoffnung liegt darauf, Seiten- und Quereinsteiger für den Lehrberuf zu gewinnen. Aber dabei darf es zu keiner Entprofessionalisierung auf Kosten der Qualität kommen. Ich fürchte, dass es bald auch in Bayern unbesetzte Lehrerplanstellen geben wird, von einer fehlenden Unterrichtsreserve ganz zu schweigen.

 

Wie könnte der Beruf attraktiver werden?

Meidinger: Wenn die Schulen mit dem allgemeinen Fachkräftemangel in anderen Bereichen konkurrieren, geht es auch um Aufstiegschancen. Jede Lehrkraft müsste die Möglichkeit haben, im Laufe des Berufslebens zweimal befördert zu werden, wenn die Leistungen stimmen. Der Hauptwunsch unserer Kolleginnen und Kollegen ist aber eine geringere Zahl an Pflichtstunden im sogenannten Unterrichts-Deputat. Da bleibt kaum Zeit, sich individuell um die Schülerinnen und Schüler zu kümmern. Wenn Lehrkräfte hier kaum Kontakt und Gelegenheit zur individuellen Förderung haben, erleben das sehr viele als frustrierend und zermürbend. Wir müssen die Arbeitsbedingungen dringend verbessern.

Wie blicken Sie trotz der Probleme auf das kommende Schuljahr?

Meidinger: Wir hoffen, dass wir nicht nochmals ein Schuljahr mit Schulschließungen erleben müssen. Aber das ist kein Selbstläufer. Nach wie vor gibt es zu wenig Raumluftfilteranlagen in den Klassenzimmern. Wir fürchten, dass es doch wieder zu Unterrichtskürzungen kommt oder dass einzelne Klassen zeitweise zu Hause bleiben müssen, weil zu viele Schulkinder und Lehrkräfte erkranken. Deswegen muss die Politik dringend das Infektionsschutzgesetz nachbessern, damit im Notfall auch wieder eine Masken- und Testpflicht angeordnet werden kann. Es wäre zudem sehr sinnvoll, wenn man zum Schulanfang nach den Ferien eine einwöchige Kontrollphase mit Corona-Tests durchführt, damit wir zum Start an den Schulen ein objektives Bild der Infektionslage haben. Wir würden uns alle dringend wünschen, die Normalität der letzten Monate an den Schulen fortführen zu können. Aber dafür muss die Politik jetzt ihre Hausaufgaben machen und entsprechende Vorbereitungen treffen.

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