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Interview
06.12.2021

US-Generalkonsul Timothy Liston: „Die letzten vier Jahre waren nicht einfach“

US-Generalsekretär Timothy Liston hat einen speziellen Draht zu Bayern. Seine Frau kommt aus dem Freistaat, eine Tochter ist in München geboren.
Foto: Ruth Plössel

Der US-Generalkonsul für Bayern, Timothy Liston, erklärt, warum der Ton im deutsch-amerikanischen Verhältnis „harmonischer“ geworden ist und die USA nur zusammen mit ihren Partnern international erfolgreich sein können.

Mr. Liston, Sie sind seit Sommer US-Generalkonsul in München. Willkommen in Bayern – wobei: Eigentlich ist es ja eher eine Heimkehr irgendwie, oder?

Liston: Das stimmt, ich habe einen speziellen Draht zu Deutschland und insbesondere zu Bayern. Meine Frau kommt aus Bayern, eine meiner beiden Töchter ist in München gegenüber dem Chinesischen Turm im Englischen Gartens zur Welt gekommen – sie ist also ein echtes Münchner Kindl. Ich habe vor meinem Eintritt in den Auswärtigen Dienst 2000/2001 für die Robert-Bosch-Stiftung gearbeitet und ich war Praktikant beim damaligen CSU-Bundestagsabgeordneten Bartholomäus Kalb.

Brauchte es zum jetzigen Zeitpunkt jemanden wie Sie als Generalkonsul, der sowohl die deutsche als auch die amerikanische Seele versteht? Schließlich war das deutsch-amerikanische Verhältnis nach den Trump-Jahren zumindest angespannt.

Liston: Ich bin vor allem hier, um die Interessen der Vereinigten Staaten in Bayern zu vertreten. Was diese nationalen Interessen betrifft, gibt es sehr viele Gemeinsamkeiten – egal wer Präsident der USA ist. Der Ton macht die Musik. Und da kann mir mein Wissen über die Politik in Deutschland helfen. Wir haben noch immer viele gemeinsame Werte – und das seit sieben Jahrzehnten.

Haben Sie, als Sie wieder nach Deutschland kamen, bemerkt, dass sich in den deutsch-amerikanischen Beziehungen etwas verändert hat?

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Liston: Jetzt ist der Ton wieder sanfter, harmonischer geworden. Es ist spürbar, dass die deutsche Seite über den Regierungswechsel in Washington erleichtert ist. Davon unabhängig haben wir es heute mit anderen Herausforderungen zu tun: Es geht noch mehr um den Klimawandel, die Pandemie, Energiepolitik, Sicherheits- und Verteidigungspolitik. Diese Themen sind nicht neu, wir müssen sie aber viel stärker als bisher gemeinsam angehen. Dazu spüre ich in Bayern eine große Bereitschaft.

Sie kommen zu einer Zeit nach Deutschland, in der Kanzlerin Merkel die Bühne verlässt – eine treue Freundin der USA. Wie blicken Sie auf den Regierungswechsel?

Liston: Zunächst ist es für die Demokratie beispielhaft, wie friedlich, reibungslos die Wahl in Deutschland ablief und wie unglaublich schnell die Ergebnisse vorlagen. Im Wahlsystem der USA dauert es in einzelnen Bundesstaaten manchmal Tage, bis die Resultate feststehen. Wir sind bereit, mit der Ampelkoalition zusammenzuarbeiten. Dafür setzt der Koalitionsvertrag in den Punkten Menschenrechte, China- oder Russland-Politik gute Akzente.

Es gibt aber nach wie vor Themen, die schwierig sind – wie die russische Gasleitung Nord Stream2.

Liston: Wir sind nach wie vor der Überzeugung, dass dieses Projekt für Europa aus energiepolitischer Sicht ein schlechter Deal ist. Das haben wir klar gesagt. Deutschland muss dafür sorgen, dass die negativen Folgen beherrschbar bleiben.

Wird es Sanktionen geben?

Liston: Sanktionen betreffen bereits russische Unternehmen. Deutschland aktuell nicht. Ich will aber nicht spekulieren, wie sich diese Angelegenheit nach dem Antritt der Ampelkoalition entwickelt.

Wie blicken Sie auf das Verhältnis des Westens gegenüber Russland? Derzeit wird sogar über einen russischen Angriff auf die Ukraine spekuliert?

Liston: Ich verweise darauf, was Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg und unser Außenminister Antony Blinken an die Adresse Moskaus gesagt haben: Ein Krieg gegen die Ukraine hätte sehr schwere ökonomische Konsequenzen für Russland.

In Europa hat man den Eindruck, dass sich das Interesse der USA weg vom Alten Kontinent hin zu China und dem indopazifischen Raum wendet.

Liston: Ich bin wie Präsident Biden davon überzeugt, dass die transatlantische Partnerschaft sehr wichtig ist. Diese Brücke geht weiter als bis nach Osteuropa. Unsere gemeinsamen Werte wollen wir auch in der pazifischen Region vertreten. Die Fahrt der deutschen Fregatte Bayern durch das südchinesische Meer ist beispielsweise ein ganz klares Signal dafür, dass Deutschland wie auch Amerika internationales Recht respektiert. Dazu gehören das Seerecht und der freie Handel. Alleine können die USA das nicht schaffen, wir brauchen die transatlantischen Partner.

Wie erleben Sie die gesellschaftliche Stimmung in den USA? Kann Joe Biden die Spaltung überwinden?

Liston: Präsident Biden hat bei seiner Vereidigung gesagt, dass es sein Ziel ist, das Land wieder zusammenzuführen. Das ist nun elf Monate her, für eine Bilanz ist es also noch etwas zu früh. Jetzt müssen wir in den USA gemeinsam gegen das Covid-Virus kämpfen. In die richtige Richtung geht das Paket für eine bessere Infrastruktur. Es kann dazu beitragen, die tiefen Gegensätze zwischen Arm und Reich zu mildern.

Welche Ziele haben Sie für die Beziehung zwischen den USA und Bayern?

Liston: Die letzten vier Jahre waren nicht einfach. Wir brauchen einen neuen Ansatz, um die Probleme gemeinsam zu lösen. Präsident Biden hat recht, wenn er von einer „Außenpolitik für den Mittelstand“ spricht. Es gibt US-Firmen wie Google, Apple und Texas Instruments, die in Bayern investieren. Und es gibt gute bayerische Unternehmen in den USA, wie zum Beispiel BMW und nicht zu vergessen die sogenannten „Hidden Champions“ [verdeckte Champions, Anm. d. Redaktion] des Mittelstands. Wir können auch über unsere Außenhandelsabteilung helfen, neue Kontakte zu knüpfen und Austauschprogramme zu unterstützen. Ohne solche Initiativen hätte es ein deutsch-amerikanisches Unternehmen wie Biontech-Pfizer wohl nie gegeben.

Zur Person: Timothy Liston, 51, geboren in Orange bei New York, ist seit 2002 im Auswärtigen Dienst der USA tätig. Der Master im Fach Nationale Sicherheitsstrategien arbeitete 2016 bis 2020 am US-Konsulat in Vietnam.

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