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Interview
12.03.2022

Wie umgehen mit Schockbildern aus dem Krieg in der Ukraine?

Bei dem russischen Angriffskrieg in der Ukraine werden auch immer wieder Wohnhäuser zerstört.
Foto: Oleksandr Ratushniak, AP/dpa

Die Bilder aus der Ukraine sind erschütternd. Und stellen uns vor die Frage: Zeigen, oder nicht? Was ein Medienethikprofessor und eine Referentin des Deutschen Presserats sagen.

Herr Schicha, was halten Sie davon, Fotos von zivilen Kriegsopfern zu veröffentlichen, wie dies die New York Times kürzlich tat und damit eine weltweite medienethische Debatte auslöste?

Christian Schicha: Fotos von Opfern des Krieges zu zeigen, ist grundsätzlich angemessen, um das Grauen des Krieges zu dokumentieren. Gleichwohl ist darauf zu achten, dass diese Menschen nicht zu identifizieren sind, um die Opfer und ihre Angehörigen zu schützen. Insofern sollten die Gesichter nicht gezeigt werden.

Christian Schicha ist Professor für Medienethik am Institut für Theater- und Medienwissenschaft der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.
Foto: Christian Schicha

Wie lässt sich Krieg überhaupt medienethisch umsichtig abbilden? Soll man "zeigen, was ist" , oder steht der Schutz der Abgebildeten im Vordergrund?

Schicha: Das ist genau das Spannungsfeld, um das es geht. Eine umfangreiche Berichterstattung in Wort und Bild ist unverzichtbar, um die Öffentlichkeit zu informieren. Sogenannte Schockbilder, in denen Opfer zu sehen sind, verletzen gegebenenfalls Persönlichkeitsrechte. Zudem können sie auch Kinder und Jugendliche erreichen, die unter Umständen nicht in der Lage sind, derartige Bilder angemessen zu verarbeiten, wenn sie zum Beispiel auf Titelseiten von Zeitungen am Kiosk zu sehen sind. Hier sollte der Jugendschutz beachtet werden. Das Titelbild der New York Times mit den Kriegsopfern konnten auch Personen zur Kenntnis nehmen, die die Zeitung nicht gekauft haben, da die Publikation im öffentlichen Raum verfügbar ist.

Ist Ihnen – aus medienethischer Perspektive – etwas Bemerkenswertes am Ukraine-Krieg aufgefallen?

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Schicha: Es fiel auf, dass der ukrainische Präsident Selenskyj alle ihm zur Verfügung stehenden Kanäle genutzt hat, um seine Botschaften zu verbreiten. Neben Interviews mit Bild und Zeit hielt er eine Ansprache ans EU-Parlament oder dreht Handyvideos. Dies ist vollkommen legitim, um die dramatische Situation seiner Bevölkerung darzustellen. Er gewinnt damit Sympathie und Zustimmung. Die russische Seite setzt eher auf klassische Statements über die "alten Medien" und inszeniert Bilder, die Putin im Kreis seiner Unterstützer zeigen. Medienethisch relevant ist vor allem, dass die Medienfreiheit in Russland noch weiter eingeschränkt worden ist. So müssen kritische Journalistinnen und Journalisten mit Haftstrafen rechnen. Europäische Medien haben Journalisten aus Russland abgezogen, da sie Repressionen befürchten müssen.

Was ist das Wichtigste, auf das Journalistinnen und Journalisten achten müssen, die über Krieg berichten?

Schicha: Die Prüfung von Quellen ist entscheidend, sofern das überhaupt möglich ist. Wenn dies nicht möglich ist, sollte aus Transparenzgründen darauf hingewiesen werden, dass die Informationslage unsicher ist. Hinzu kommt, dass das erste Opfer des Krieges neben den betroffenen Menschen immer auch die Wahrheit ist. Kriege sind auch Propagandaschlachten. Dies lässt sich gut an dem Angriff, so die ukrainische Seite, auf eine Geburtsklinik zeigen - während die russische Seite behauptet, dass sich dort ukrainisches Militär verschanzt habe.

Zur Person: Christian Schicha ist Professor für Medienethik am Institut für Theater- und Medienwissenschaft der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg:

Das sagt Sonja Volkmann-Schluck vom Deutschen Presserat zum Thema Fotos aus dem Kriegsgebiet in der Ukraine

Frau Volkmann-Schluck, was halten Sie davon, Fotos von zivilen Kriegsopfern zu veröffentlichen, wie dies die New York Times kürzlich tat und damit eine weltweite medienethische Debatte auslöste?

Sonja Volkmann-Schluck: Das Foto aus der New York Times können wir nicht abschließend bewerten, weil es unseres Wissens nach nicht in deutschen Zeitungen veröffentlicht wurde und wir keine Beschwerden dazu erhalten haben. Generell sollten Redaktionen immer abwägen: Gibt es ein echtes Informationsinteresse an einem Foto oder bedient es eher Sensationsinteressen?

Sonja Volkmann-Schluck ist Referentin Öffentlichkeitsarbeit des Deutschen Presserats.
Foto: Jens Ahner

Wie lässt sich Krieg überhaupt medienethisch umsichtig abbilden? Soll man "zeigen, was ist", oder steht der Schutz der Abgebildeten im Vordergrund?

Volkmann-Schluck: Grundsätzlich gilt zwar: Opfer dürfen durch ihre Abbildung nicht zum zweiten Mal zum Opfer werden. Andererseits haben Kriegsfotos oft eine große politische Dimension. Wenn der zeitgeschichtliche Wert eines Fotos überwog, hat der Presserat deshalb Abbildungen von Kriegsopfern immer wieder auch als presseethisch in Ordnung bewertet.

Ist Ihnen – aus medienethischer Perspektive – etwas Bemerkenswertes am Ukraine-Krieg aufgefallen?

Volkmann-Schluck: Uns fällt auf, dass sich einige Leserinnen und Leser bei uns über Berichte beschweren, die sie für übertrieben sensationell halten - beispielsweise über Schlagzeilen, die einen drohenden Atomkrieg andeuten. Unseres Erachtens sollten Medien keine zusätzlichen Ängste schüren.

Was ist das Wichtigste, auf das Journalistinnen und Journalisten achten müssen, die über Krieg berichten?

Volkmann-Schluck: Das Wichtigste ist Transparenz. Medien müssen ihre Quellen klar benennen und deutlich machen, wenn es sich um einseitige Informationen einer der beiden Kriegsparteien handelt - oder wenn es zu bestimmten Ereignissen nur Gerüchte und unbestätigte Meldungen gibt.

Zur Person: Sonja Volkmann-Schluck ist Referentin für Öffentlichkeitsarbeit des Deutschen Presserats. Das ist die Freiwillige Selbstkontrolle der Printmedien und deren Online-Auftritte in Deutschland.

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12.03.2022

Wer gefestigt ist, verträgt auch Schockbilder, was immer das auch sein soll.

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