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Foto: Paulina Metzscher

Jesiden im Irak

Drei Frauen erinnern sich an die Flucht vor dem Genozid

Nach dem Völkermord an den Jesiden im Irak fanden Frauen und Kinder Zuflucht in Deutschland. Jetzt, sieben Jahre später, erzählen drei Frauen ihre Geschichte.

Sie tanzen, als wären sie Gliedmaßen eines einzigen Körpers. Hand in Hand umkreisen die Hochzeitsgäste den Platz, wippen Schulter an Schulter im Takt der Musik. Den rechten Fuß zur Seite, den linken Fuß nachziehen, ernst folgen sie der Choreografie. Die Kamera fährt Gesicht für Gesicht ab.

Sestr Alhamad sitzt in Tübingen vor dem Fernseher. Auf dem Bildschirm sieht sie ein Dorf im Irak, das es so nicht mehr gibt. Menschen, die nicht mehr dort sind. Ihr Kopf schmerze davon, sagt sie. Und schaut sich trotzdem ein weiteres Video an. Manchmal blickt Sestr in ihr eigenes Gesicht, eine junge Frau unter den Tanzenden. Ihre Haare sind aufwendig hochgesteckt, die Augen dunkel umrandet. An ihrer Seite ihr Mann Masood, an ihrer Hand ihre kleine Tochter. Ihr drittes Kind war gerade auf der Welt, als die Terrormiliz des sogenannten Islamischen Staats ihr Dorf überfiel, die Männer erschoss und die Frauen und Kinder verschleppte. Es war der 15. August 2014.

Sestr besuchte kürzlich zum ersten Mal das Grab ihres Mannes im Irak.
Foto: Paulina Metzscher

Einen Monat später sah Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann Bilder vom Genozid an den Jesidinnen und Jesiden im Nordirak. Im Oktober organisierte seine Regierung einen Flüchtlingsgipfel: Über einen bisher ungenutzten Passus im Aufnahmegesetz wurde ein „humanitäres Sonderkontingent“ eingerichtet. Bald reiste eine Projektgruppe in den Nordirak. Ihre Aufgabe: die schutzbedürftigsten unter den Frauen und Kindern auszuwählen, traumatisiert, auf sich gestellt. Im März 2015 saßen die ersten im Flieger. 1100 Frauen und Kinder holte Baden-Württemberg nach Deutschland, stellte 95 Millionen Euro bereit. Sie machten einen Sprachkurs, wurden psychologisch betreut, die Kinder eingeschult. Bayern hat keine Jesidinnen gerettet.

Nadia Murad, eine der Frauen aus dem Kontingent, bekam später den Friedensnobelpreis und Kretschmann viel Lob. Doch dann wurde es still um die Jesidinnen. Um die 1100 Menschen, die den Genozid überlebt haben und nun die Erinnerung daran überleben müssen. Drei dieser Frauen erzählen hier ihre Geschichte.

Drei Jesidinnen, die ein Schicksal teilen

Da ist Sestr, die im Frühling zum ersten Mal das Grab ihres Mannes besucht hat, die nicht aufhören kann zurückzublicken.

Da ist Dîlan, deren Mann nicht nach Deutschland nachkommen darf, die gestrandet ist zwischen Hier und Dort, weder ganz weggegangen noch ganz angekommen.

Da ist Jihan, die ein Jahr ihrer Kindheit beim IS verbrachte, die zurückblickt, um ihre Zukunft darauf aufzubauen.

Sestr steht auf, stöpselt das Handy ans Ladekabel. Es darf nicht ausgehen, sie hat es immer in der Hand, telefoniert mit Verwandten oder postet Fotos von Masoods Grab, das inmitten der anderen Gräber in Kocho liegt, ihrem Heimatdorf. Seinen Namen trägt sie zweimal am Körper. Eingraviert in einen goldenen Ring, der Name neben dem Todesdatum, und dann noch einmal in wackeligen Linien auf ihren linken Unterarm tätowiert.

Sestr Alhamad erzählt nicht vor großem Publikum, sondern hinter heruntergelassenen Rollläden. Nebensächlichkeiten schildert sie in Details, den starken Wind an dem Vormittag, als die IS-Milizen sie riefen, so stark, dass die Fensterscheiben zerbrachen, die Luft plötzlich schmutzig wurde. Sie erzählt, wie sie die Telefonnummern ihrer Angehörigen auf kleine Zettel schrieb und zwischen den Haaren versteckte. Wie sie Schlafsirup, der für ihren kranken Sohn gedacht war, in den Tee ihrer Entführer mischte, um schließlich zu fliehen.

Der IS tötete die Jesiden als "Ungläubige"

Von den Misshandlungen, dem Hunger, der Angst, berichtet Sestr mit nüchterner Allgemeinheit. Reiht Männer, denen sie gehörte, und Orte, an die sie verschleppt wurde, aneinander wie Pfeiler für einen Zaun, durch den keine Einzelheiten hindurchkommen können.

Am 3. August 2014 griff der IS die nordirakische Region Sindschar an und nahm Dorf für Dorf ein. Er erklärte die Jesidinnen und Jesiden zu Ungläubigen und tötete in wenigen Tagen mehr als 5000 Menschen. Mindestens 7000 Frauen und Kinder wurden verschleppt und versklavt. Bis heute bleiben die Zahlen eine Schätzung, denn immer noch sind Menschen verschollen oder in Gefangenschaft der Milizen, auch nach deren militärischer Niederlage. Das Massengrab, in dem Sestrs Mann lag, wurde 2020 geöffnet. Sie schickte eine Blutprobe ihrer Tochter nach Bagdad, dort glich man die DNA ab. Im April 2021 flog sie mit den Kindern in den Irak. Sie fand Kleidung von ihm und brachte sie mit nach Deutschland. Seitdem hat das Trauma sie wieder fest in der Hand.

Weltweit gibt es eine Million Jesiden

Die Jesidinnen und Jesiden haben ein eigenes Wort für ihre Verfolgung: Ferman. Der Sindschar-Genozid von 2014 war der 74. Genozid an der ethnoreligiösen Minderheit, der weltweit rund eine Million Menschen angehören. Die Verfolgung ist zu einem Teil ihrer kollektiven Geschichte geworden. Nicht nur das eigene, sondern das Trauma einer ganzen Gemeinschaft und der früheren Generationen lastet auf ihnen. Für die Leiden aber, die daraus folgen, hat Sestr Alhamad kein spezielles Wort. Sie sagt nicht, sie habe eine posttraumatische Belastungsstörung. Stattdessen leidet ihr Körper, dröhnt ihr Kopf, der Schmerz formt sich zu Geschwüren im Magen und Entzündungen im Handgelenk.

Dîlan ist auch nach Jahren noch nicht ganz in Deutschland angekommen.
Foto: Paulina Metzscher

Im selben Haus, ein Stockwerk höher, schichtet Dîlan Auberginen in einen großen Topf. Auf der Anrichte stapeln sich frisch gebackene Fladenbrote. Dîlan kommt aus Kocho, so wie Sestr. Sie lebten nur wenige Straßen voneinander entfernt, tanzten gemeinsam bei Hochzeiten auf dem Dorfplatz. Dîlan will sprechen, aber nicht unter ihrem echten Namen. Auf dem Sofa strampelt ihre Tochter. „Baba“, brabbelt sie undeutlich. „Ja, Papa“, sagt Dîlan und seufzt. Ihr Mann lebt noch, aber nicht bei ihnen. Er blieb in dem Flüchtlingscamp im Irak, das sie selbst im Dezember 2015 verlassen hat, als sie in das Sonderkontingent aufgenommen wurde. Er überredete sie damals zu gehen. In zwei Jahren, so sagten ihnen die Projektmitarbeiterinnen aus Deutschland, könne er nachkommen.

Dîlan hat langes Haar, das ihr bis an die Hüften reicht. Auch wenn sie lächelt, bleiben ihre Augen ernst. Manchmal wird ihr Blick glasig und sie schaut auf eine unbestimmte Stelle auf dem Boden vor ihr. Dann legt sich eine Schwere über sie, die nur ihre Töchter vertreiben können. Die Ältere war gerade erst geboren, als der IS Kocho überfiel. Heute ist sie acht Jahre alt und stellt viele Fragen, die Dîlan nicht beantworten kann: Wo die Narbe auf ihrer Stirn herkommt oder warum ihr Vater sie nicht von der Schule abholt.

Heute gelten die Jesiden nicht mehr als Verfolgte

Der Antrag auf Familiennachzug, den sie nach zwei Jahren stellte, wurde 2019 abgelehnt. Sie sind nicht das einzige Ehepaar, dem es so geht. Denn der Sonderstatus, mit dem sie selbst damals gekommen ist, gilt nicht für den Rest ihrer Familie. Wer nachziehen will, muss regulär Asyl beantragen – und hat schlechte Chancen, weil das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge die Jesidinnen und Jesiden nicht mehr durch den IS verfolgt sieht.

Ihre jüngere Tochter Layla ist in Deutschland geboren, nachdem Dîlan ihren Mann im Frühling 2019 das letzte Mal besucht hatte. Layla hat ihren Vater noch nie in Fleisch und Blut gesehen, aber fragt ständig nach ihm, während er ihr per Videoanruf beim Aufwachsen zusieht. Noch einmal besuchen können sie ihn nicht – um einen Reisepass für Layla ausstellen zu lassen, braucht es die Unterschrift des Vaters.

Seit fast sechs Jahren warten sie in dieser Schwebe. „Ich war neun Monate in IS-Gefangenschaft und hatte gerade erst meinen Mann zurück“, sagt Dîlan. „Wenn ich gewusst hätte, dass ich ihn wieder verlieren sollte auf diese Art und Weise, wäre ich niemals hergekommen.“

Jihan verlor ihre Kindheit an den IS

Derselbe Wohnblock, das Haus nebenan, erster Stock: In einem Zimmer, dessen Fenster zur Bundesstraße zeigt, sitzt Jihan Alomar im Schneidersitz auf ihrem Bett. Sie ist geschminkt, was sie älter aussehen lässt als 17. Neben ihrem Bett lehnt ein großer Spiegel, in dem sie sich jedes Mal prüfend ansieht, wenn sie daran vorbeigeht.

Jihan geht gerne shoppen und hat 36.000 Follower auf TikTok. Sie war zehn Jahre alt, als der IS sie, ihre Mutter und ihre sechs Geschwister gefangen nahm. Jetzt hat sie ein Buch über ihre Zeit in der Gefangenschaft geschrieben, ein Protokoll auf 121 Seiten: Wie die Milizen ihre Familie entführten und nach und nach voneinander trennten. Wie sie zum ersten Mal jemanden sterben sah. Wie die gesichtslosen Kämpfer hinter den schwarzen Masken sie verunsicherten. Wie ihre Mutter ihr erklärte, was mit den Mädchen geschah, die von den Männern ausgesucht wurden, wie sie Jihan deswegen unter dem Stoff ihres Rocks versteckte – mit Erfolg.

Fast alle Männer ihrer Familie sind tot

Auf den letzten Seiten des Buches ist eine Grafik ihrer Familie abgedruckt: drei Generationen, graue Figuren, von denen bis auf den kleinen Bruder Ameer alle Männer mit einem Kreuz durchgestrichen sind. Jihans Figur sticht rot hervor, sie steht in der Mitte ihrer sechs Geschwister. Ganz links ihre Schwester Sausan, die damals 17 Jahre alt und im zweiten Monat schwanger war. Unter ihrem Namen steht etwas kleiner: in IS-Gefangenschaft. Bis heute wissen sie nicht, wo sie ist.

Das Stigma isoliert die Frauen, die in Gefangenschaft waren. Aus konservativer Sicht gehören sie nicht mehr zur Gemeinschaft, wenn sie mit IS-Kämpfern einer anderen Religion verheiratet waren – selbst wenn es Zwang war. Das wusste auch der IS – und machte die Versklavung und Vergewaltigung der Frauen zur Waffe seines Genozids. Seitdem hat die jesidische Gemeinschaft ihren Blick auf diese Frage verändert, und trotzdem bleibt der Umgang mit den Überlebenden schwierig: Sich ihrem Schicksal anzunehmen heißt, sich erneut dem gemeinsamen Trauma auszusetzen.

Anlässlich des jesidischen Neujahrsfestes haben sich Gläubige im irakischen Lalisch versammelt. Sie haben unter der Gewalt der Terrormiliz IS zu leiden.
Foto: Andrea Dicenzo, dpa (Archivbild)

Am 3. August 2021, dem offiziellen Gedenktag des Genozids, tritt Jihan in der Nürnberger Frauenkirche ans Mikrofon. Auf einer Gedenkfeier spricht sie über ihre Gefangenschaft, am selben Tag erscheint ihr Buch. Ihre Stimme hallt durch die Kirche, sie blickt zu ihrer Mutter, die vor ihr auf einer der Holzbänke sitzt. „Viele Frauen befinden sich noch immer in der IS-Gefangenschaft. Wie soll man sich das vorstellen?“ Nach den ersten Sätzen bricht ihre Stimme. Sie klammert sich an das steinerne Pult. „Sieben Jahre lang mit Menschen zu verbringen, die dir das Liebste genommen haben.“ Unter Schluchzen spricht sie weiter. Zum ersten Mal weichen eingeübte Sätze einer kindlichen Trauer.

Als der nächste Redner zu sprechen beginnt, steht ihre Mutter auf und setzt sich vor eine Collage mit den Bildern der Vermissten. Sie beginnt zu klagen, so laut, dass ihr Weinen die Worte des Redners übertönt. Jihan posiert draußen für Fotos. Ersetzt mit ihren Worten die Sprachlosigkeit der Älteren. Eine Frau verabschiedet sich im Vorbeigehen: „Ich hoffe, ich werde noch viel von dir sehen“ – „Ja, das wirst du“, sagt Jihan an diesem Tag, an dem Vergangenheit und Zukunft so nah beieinanderliegen.

Von  Helena Weise