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Foto: Nicolas Armer, dpa
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An diesem Donnerstag ist die diesjährige Frühjahrs-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) zu Ende gegangen.

Kirche
10.03.2022

Bischöfe beraten in Krisenzeiten: vier Tage in Vierzehnheiligen

Von Daniel Wirsching

Plus Die diesjährige Frühjahrs-Vollversammlung der deutschen katholischen Bischöfe war ein Krisentreffen. Zum Abschluss an diesem Donnerstag kündigte der Vorsitzende, Bischof Bätzing, dann eine Reform an.

Die Geschichte der Basilika Vierzehnheiligen in Oberfranken reicht ins 15. Jahrhundert zurück, als einem Schäfer Kinder erschienen, die sich ihm als „die vierzehn Nothelfer“ vorstellten. Die Heiligen sollen Gläubigen bis heute helfen – gegen Bauchweh etwa oder in Glaubensnöten.

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Auch die Nöte der katholischen Kirche sind groß, insofern war Vierzehnheiligen ein passender Ort für die Frühjahrs-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz (DBK), die an diesem Donnerstag endete.

Zurecht konnte man die vorangegangenen Versammlungen als Krisentreffen bezeichnen. Dieses Mal schien der Begriff fast zu schwach. Die Bischöfe kamen in einer Zeit zusammen, in der sich gleich mehrere historische Krisen überlagern: der Krieg in der Ukraine, die Corona-Pandemie und die tiefe Krise der Kirche selbst.

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Foto: Nicolas Armer, dpa
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Der Limburger Bischof Georg Bätzing stand als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz besonders im Mittelpunkt der Öffentlichkeit.

Angesichts dieser hatte es früher schon nicht an großen Worten gemangelt, dafür an großen Taten. Große Worte waren im Vorfeld des Treffens unter anderem vom Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, dem Limburger Bischof Georg Bätzing, gekommen.

Der sprach von „bedrängenden Entwicklungen in der Kirche seit der Veröffentlichung von Missbrauchsgutachten, zuletzt in München“. Von „irritierenden Reaktionen kirchlicher Verantwortungsträger bis hin zum emeritierten Papst Benedikt“. Von der „Initiative #OutInChurch, mit der Mitarbeitende öffentlich für eine Kirche ohne Angst auftreten“. Sein Fazit: „Die Krise unserer Kirche ist dramatisch.“ Für DBK-Generalsekretärin Beate Gilles war klar, dass der Weg zu Reformen und Erneuerungen „unumkehrbar“ sei.

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Es ist vor allem der künftige Kurs, den die Kirche nehmen soll, der die Emotionen hochkochen lässt

So also die Ausgangslage. Und bereits am Dienstag, dem zweiten Tag des Bischofstreffens, war von steigenden Temperaturen bei den Beratungen zu hören. Denn auch wenn die 66 Kirchenmänner hinter verschlossenen Türen tagten - dass sie in vielen Punkten uneins sind, ist in der jüngeren Vergangenheit mehr als deutlich geworden. Es ist vor allem der künftige Kurs, den die Kirche nehmen soll, der die Emotionen hochkochen lässt. Auf zwei Wörter gebracht: Synodaler Weg.

Dieser Reformprozess zwischen Bischofskonferenz und engagierten Laien wurde nach dem Schock der "MHG-Studie" ins Leben gerufen. Unabhängige Forscher hatten den Missbrauchsskandal in Reihen der katholischen Kirche untersucht und Risikofaktoren benannt, die zu sexualisierter Gewalt führen können. Während die einen deshalb die Strukturen der Kirche grundlegend verändern wollen, fürchten die anderen um deren Traditionen und Lehre - und sprechen von Kirchenspaltung.

Die Öffentlichkeit begleitete die Frühjahrs-Vollversammlung mit großem Interesse

Am Donnerstag traten Bätzing und Gilles vor die Presse, die die Vollversammlung mit hohem Interesse begleitet hatte. Schließlich war unter anderem der für seinen Umgang mit Missbrauchsopfern scharf kritisierte Kölner Erzbischof Rainer Maria Woelki nach seiner „geistlichen Auszeit“ und einem Rücktrittsgesuch an den Papst in den Kreis der Mitbrüder zurückgekehrt – und Bätzing zu ihm auf Distanz gegangen. Den Münchner Erzbischof Reinhard Marx holte das Mitte Januar vorgestellte Missbrauchsgutachten wieder ein – sein eigener Betroffenenbeirat warf ihm „Untätigkeit“ vor. Bätzing selbst wird seit Tagen in konservativ-katholischen Kreisen angegangen, weil er am Pflichtzölibat rüttelt und sagte: „Sexualität ist eine Gottesgabe. Und keine Sünde.“

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Foto: Julia Steinbrecht, kna-pool/dpa
Foto: Julia Steinbrecht, kna-pool/dpa

Kardinal Reinhard Marx, Erzbischof von München und Freising, wurde während der laufenden Frühjahrs-Vollversammlung von seinem eigenen Betroffenenbeirat scharf kritisiert.

Man muss das alles ein wenig zusammenfassen, um nicht den Überblick zu verlieren. In der Abschlusspressekonferenz ging es dann vor allem um vier Themen - den Synodalen Weg (wenig konkret), das kirchliche Arbeitsrecht (konkreter), den Krieg in der Ukraine (konkret) - und den Kölner Kardinal Woelki.

Zunächst: Die Aktion „#OutInChurch – für eine Kirche ohne Angst“ hatte im Januar die breite öffentliche Aufmerksamkeit auf etwas gelenkt, dass Kleriker oder Kirchenmitarbeiterinnen seit Jahrzehnten in Bedrängnis bringt: die katholische Sexualmoral und ihre dienstrechtlichen Folgen, festgeschrieben in der „Grundordnung des kirchlichen Dienstes im Rahmen kirchlicher Arbeitsverhältnisse“.

Diese Grundordnung hält in der Fassung von 2015 fest, dass eine eingetragene Lebenspartnerschaft ein schwerwiegender Loyalitätsverstoß sei. Katholischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die pastoral oder als Religionslehrer tätig sind, wird in einem solchen Fall in der Regel „aus kirchenspezifischen Gründen“ gekündigt.

Vertreterinnen und Vertreter der Aktion "#OutInChurch" übergaben Bischof Bätzing knapp 118.000 Unterschriften

Dem Outing im Rahmen von "#OutInChurch" von mehr als hundert Priestern, Ordensbrüdern, Gemeindereferentinnen oder Religionslehrerinnen, die schwul, lesbisch, bi oder transsexuell sind, folgte eine Petition mit knapp 118.000 Unterschriften. Am Mittwoch übergaben Mitorganisatorinnen und Mitorganisatoren Bischof Bätzing ihr Manifest und Unterstützer-Listen. Bätzing nahm einen Karton entgegen und lächelte für gemeinsame Fotos anschließend in die Kamera.

Die Aktion hat in vielen Bistümern etwas in Bewegung gebracht, und zu lange Zeit undenkbaren Reaktionen geführt. In Bätzings Bistum Limburg etwa wurde der Verzicht auf arbeitsrechtliche Konsequenzen für das Eingehen einer zivilen gleichgeschlechtlichen Ehe oder einer zivilen Wiederheirat im Amtsblatt festgeschrieben. In anderen Bistümern, darunter Augsburg, äußerte man sich deutlich zurückhaltender.

Nun sagte Bischof Georg Bätzing, dass er noch in diesem Jahr einen neuen Entwurf der Grundordnung erwarte. Bereits im Juni soll es eine erste Lesung geben; zum Inkrafttreten einer neuen Grundordnung bedürfe es dann einer Zweidrittelmehrheit unter den Diözesanbischöfen. Bätzing will eine Änderung. „Ich glaube, das ist sehr angemessen und richtig, auch um gegen Diskriminierung bestimmter Lebensweisen vorgehen zu können“, sagte er.

Schon einmal trugen nicht alle Bischöfe eine Reform der Grundordnung mit

Da eine Reform der Grundordnung jeweils von den Diözesanbischöfen umgesetzt werden muss, könnte es aber zu einem Flickenteppich kommen – der de facto schon besteht. Die überarbeitete Fassung von 2015 jedenfalls trugen die Bischöfe von Eichstätt, Passau und Regensburg zunächst nicht mit. Bätzing sprach nun „von einem großen Willen“ für eine Reform; zur Problematik des Flickenteppichs sagte er auf die Frage unserer Redaktion: Es werde nötig sein, an einer Neufassung so lange zu arbeiten, dass möglichst viele Bischöfe mitgingen. „Wobei allen Bischöfen klar ist: Hier ist Druck im Kessel. Wir können jetzt nicht uns gemütlich Zeit nehmen.“

Deutlich wurde Bätzing auch mit Blick auf Russlands Angriffskrieg auf die Ukraine. Minutenlang las er eine gemeinsame Erklärung der Bischöfe vor, die das Thema Waffenlieferungen nicht ausspart. Man dürfe angesichts der aktuellen Entwicklungen nicht von der konkreten Situation absehen, sagte er. „Rüstungslieferungen an die Ukraine, die dazu dienen, dass das angegriffene Land sein völkerrechtlich verbrieftes und auch von der kirchlichen Friedensethik bejahtes Recht auf Selbstverteidigung wahrnehmen kann, halten wir deshalb für grundsätzlich legitim.“

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Foto: Nicolas Armer, dpa
Foto: Nicolas Armer, dpa

Der Augsburger Bischof Bertram Meier sprach bei einer Pressekonferenz über den Ukraine-Krieg.

Damit haben sich die beiden großen christlichen Kirchen in Deutschland in dieser Frage angenähert. Annette Kurschus, die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, hatte Waffenlieferungen an die Ukraine vor einem Monat im Gespräch mit unserer Redaktion noch strikt abgelehnt. Das war vor Kriegsbeginn.

Davon rückte sie vor wenigen Tagen ab. Die Ukrainer „brauchen mehr als unser Mitgefühl und unsere Gebete“, sagte sie den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Ihr Land sei willkürlich und bösartig überfallen worden, sie hätten das Recht, sich zu verteidigen. Wer sei sie, „ihnen ins Gesicht zu sagen, sie sollten dazu Pflugscharen benutzen“.

Die deutschen Bischöfe riefen den Moskauer Patriarchen Kyrill I. dazu auf, „sich vom Krieg eindeutig zu distanzieren“

Bätzing rief zudem im Namen der Bischofskonferenz den Moskauer Patriarchen Kyrill I., Vorsteher der russisch-orthodoxen Kirche, dazu auf, „sich vom Krieg eindeutig zu distanzieren“. Kyrill I. steht fest an der Seite des russischen Präsidenten Wladimir Putin und rechtfertigte dessen Überfall auf die Ukraine. Die Welt, so Bätzing, brauche das gemeinsame Zeugnis der Kirchen gerade in Zeiten der Not. „Dies sind auch Zeiten der Entscheidung.“

Entscheidungen stehen beim Synodalen Weg noch aus - erst recht ist fraglich, was jeder einzelne Diözesanbischof umzusetzen bereit ist. In Vierzehnheiligen führten die Bischöfe "grundsätzliche theologische Debatten", zu denen es auch keine Beschlüsse gab. "Wir sind darum bemüht, Einmütigkeit zu erzielen", sagte Bätzing, und schob hinterher, dass das nicht Einstimmigkeit bedeute. "Wir sind ja keine Parteien."

Bätzing geht davon aus, dass nicht alle Handlungsempfehlungen beim Synodalen Weg durchkommen werden. Er jedenfalls wünsche sich, dass in die Kirche hinein und nach außen deutlich werde: "Wir haben verstanden, hier geht es um Systemfaktoren, die Missbrauch begünstigt haben - und wir verändern uns." Es brauche starke Signale.

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Foto: Julia Steinbrecht, kna/dpa
Foto: Julia Steinbrecht, kna/dpa

Die deutschen katholischen Bischöfe tagten im oberfränkischen Wallfahrtsort Vierzehnheiligen bei Bad Staffelstein.

Und Woelki? Auch auf ihn wurde Bätzing von Journalisten angesprochen. Es sei eine Aussprache angesetzt gewesen, jeder Bischof habe die Gelegenheit gehabt, seine Fragen zu stellen. "Dennoch habe ich den Eindruck gehabt, dass große Fragezeichen bleiben", sagte Bätzing. "Es gibt eine gewisse hilflose Sprachlosigkeit in der Bischofskonferenz angesichts dieser Situation im Erzbistum Köln." Dies sei auch strukturell bedingt - denn er als Vorsitzender spiele für die römischen Ansprechpartner in dieser Causa "keine Rolle". Alles hängt an Papst Franziskus: Wird er Woelkis Rücktrittsgesuch annehmen oder nicht?

"Köln betrifft uns alle. Ob das gut geht oder nicht, wird uns alle betreffen", sagte Bätzing über seinen Mitbruder Woelki

Es mag Sprachlosigkeit herrschen, stumm waren die Bischöfe gewiss nicht. "Deutlich geäußert wurde: Köln betrifft uns alle. Ob das gut geht oder nicht, wird uns alle betreffen", erklärte Bätzing und wiederholte nochmals, was er bereits zu Beginn der Frühjahrs-Vollversammlung gesagt hatte: "Ich sehe jetzt den Papst und den Präfekten der Bischofskongregation in einer noch höheren Verantwortung."

Da waren sie wieder, die Nöte der katholischen Kirche und der Bischöfe in Deutschland. Auf der Internetseite des Franziskanerklosters Vierzehnheiligen, auf der die "vierzehn Nothelfer" vorgestellt werden, findet sich übrigens ein Gebet zum Heiligen Dionysius: "Steh uns bei, dass wir uns nicht unterkriegen lassen von unserer Unzulänglichkeit und zeige uns den geraden Weg zu ehrlicher Umkehr, damit wir die Liebe und die Barmherzigkeit Gottes erfahren dürfen", heißt es darin. Ob es einer der Bischöfe gebetet hat?

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