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Zu wenig Regen, Gas und Getreide: Essen wird zum Luxusgut

Kommentar Von Stefan Lange
31.03.2022

Die Lebensmittelpreise steigen. Neueste Zahlen belegen, dass das in den nächsten Monaten so weitergehen wird. Das Land steuert auf eine Zwei-Klassen-Gesellschaft zu.

Die Lage auf dem Lebensmittelmarkt spitzt sich zu. Angesichts der vielen Hiobsbotschaften möchte einem der Bissen im Halse stecken bleiben – wenn man denn überhaupt noch einen zu bezahlbaren Preisen findet. Letzteres ist ein wenig übertrieben und wer jetzt schon wieder über die nächste Sonnenblumenölhamstertour nachdenkt, dem sei gesagt: Es ist noch genug von allem da. Jeder Einkauf, der über eine normale Bevorratung hinausgeht, ist unnötig und peinlich. Das wird auch so bleiben, Hungern müssen die Menschen in Deutschland und Europa nicht. Lebensmittel jedoch werden deutlich teurer, bestimmte Waren werden für Menschen mit schmalem Geldbeutel nicht mehr zu bezahlen sein.

 

Gunststandort, auch Gunstregion, ist das Zauberwort. Europa verfügt über viele Gegenden mit fruchtbaren Böden, die für Ackerbau gut geeignet sind und reiche Ernten hervorbringen. Die Ukraine mit ihren Schwarzerde-Böden ist ein gutes Beispiel. Dort können mit nur geringem Einsatz von Pflanzenschutz- oder Düngemitteln sehr gute Erträge erzielt werden. Das Land war unter anderem deswegen eine der wichtigsten europäischen Kornkammern. Bis der Krieg ausbrach und alles zunichte gemacht hat.

Hunger treibt Menschen in die Flucht

Deutschland spürt diesen Ausfall bereits, kann ihn als eine der reichsten Industrienationen der Welt aber ausgleichen. Was hier knapp ist, wird einfach woanders eingekauft. Dabei muss aber klar sein: Was in Deutschland gegessen wird, fehlt den Menschen in ärmeren Ländern auf dem Teller. In Afrika und in vielen Teilen Asiens gibt es nicht genug Geld, um bei den gestiegenen Weltmarktpreisen mitzuhalten. Die Menschen sind oft ohnehin schon von Dürre und Unterernährung betroffen, vielen wird als Ausweg nur die Flucht bleiben. Nach Europa, nach Deutschland zum Beispiel.

Die Auswirkungen der Lebensmittelknappheit hat damit gesellschaftliche Auswirkungen, die über den Sonntagsbraten weit hinausgehen. Die Fluchtbewegung 2015/2016 inklusive der heftigen Debatten ist allen noch in guter Erinnerung. Sie träfe auf ein Deutschland, das sich womöglich aus der Corona-Pandemie befreit hat, dafür aber mit explodierenden Energiepreisen kämpft. Auch hier gibt es fatale Zusammenhänge. Wenn das Gas absehbar noch mehr kostet, erhöht das nicht nur die Produktionskosten beim Brotbacken oder beim Eintopfkochen für die Konserve. Die Papierfertigung, ohnehin schon immens im Preis gestiegen, legt in der Folge weiter zu. Ohne Papier jedoch keine Verpackungen, das treibt die Lebensmittelpreise weiter. Und das ist nur ein Beispiel von vielen. Hinzu kommt die anhaltende Trockenheit. Die Ernten sind gefährdet, der Transport per Schiff ist wegen sinkender Pegelstände nicht möglich. Neueste Zahlen des Ifo-Instituts zeigen, wo die Reise hingeht: Nahezu alle Unternehmen im Nahrungsmittel-Einzelhandel (94 Prozent) planen, ihre Preise in den kommenden drei Monaten zu erhöhen.

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Bewusster einkaufen und essen: weniger Verpackungen, weniger Fleisch

Und die gute Nachricht? Es gibt gerade keine, allenfalls die Hoffnung, wie sie einst Václav Havel definierte: „Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal, wie es ausgeht." Sinn würde es jetzt machen, sich von den globalen Lieferketten zu befreien und wieder beim Regionalvermarkter einzukaufen. Weniger Verpackung wäre sinnvoll, weniger Fleischkonsum – die Mittel sind alle bekannt, vielleicht werden sie jetzt, unter dem Druck der Ereignisse, endlich konsequent umgesetzt.

Wenn nicht, kommt gutes Essen in Zukunft nur noch bei reichen Menschen auf den Tisch. An die Ärmsten in der Gesellschaft hingegen verteilt der Staat Lebensmittelgutscheine für das Notwendigste. Wer wenig hat, isst schlechter? Das schien im Nachkriegsdeutschland bisher undenkbar. Es wird jedoch gerade Realität.

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Die Diskussion ist geschlossen.

31.03.2022

Alle die schreiben, Lebensmittel waren zu billig, ihr dürft gerne meinen Anteil der Mehrkosten zahlen.
Ihr wollt dich die ach so sozialen Gutmenschen sein.

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31.03.2022

Die Zweiklassengesellschaft in Sachen Ernährung gibt es schon seit langem. Aber es ist nicht immer der Preis, der die Lager trennt. Wer gut mit seinen Lebensmitteln haushalten und wirtschaften kann, kann sich auch bei kleinem Budget Bio-Produkte leisten, vor allem, wer sich für bio+regional interessiert. Gut heißt nicht immer teuer – mit einem Sack Bio-Kartoffeln kommt man verdammt weit, wenn man sich was einfallen lässt. Und schließlich muss es nicht jeden Tag Steak sein, man kann auch aus einem Suppenhuhn einiges rausholen. Die Qualität und Herkunft des Produkts muss stimmen, und man muss lernen, Produkte gut zu verwerten – egal, ob jemand Geld hat oder nicht. Dass in Deutschland die Umverteilung der vorhandenen Güter oft ungerecht ist, das ist doch wahrlich nichts neues. Daran hat auch diese neue Regierung noch nicht viel geändert. Jüngstes Beispiel: die Entlastung in Sachen Spritpreis. Da bekommen auch die dicken Geldbeutel noch was ab – auch wenn die den hohen Spritpreis kaum spüren. Es ist nicht nötig, jetzt alles auf den Krieg in der Ukraine zu schieben, was uns ein wenig Ungemach bereitet. Ein Zeichen der Solidarität – beispielsweise kollektive Energieeinsparung und weniger jammern über hohe Preise (die lange Zeit eher zu niedrig waren) – wäre wichtiger.

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31.03.2022

Volle Zustimmung auch in Ihren Aussagen zum Unsinn der Benzinsubventionen und grundsätzlich zu den Verteilungsungerechtigkeiten.

Raimund Kamm

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31.03.2022

Gestern kam eine Auflistung im Fernsehen über die " Knappheit" der Lebensmittel in Deutschland.
Bei Getreide produzieren wir ca. 112%, bei Fleischprodukten ca. 115% und bei Molkereiprodukten fast 120% unseres Bedarfs/Verbrauchs.

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31.03.2022

Lachhaft, durch den Klimawandel, wenn er den so ist, Wenn man die letzten Einhundert Millionen sieht war das schon immer so das das Klima mal ausriss. Selbst im 16 oder 17 Jahrhundert gab es in Frankreich mal Schnee bis in den Juni oder Juli. Damals gab es noch keine Industrie und Autos! Nun sollte sich das Klima wirklich verschieben, gibt es immer noch die Möglichkeit von anderer Stelle zu Importieren. Die Chinesen z. B. Kaufen gerade riesige Flächen in Afrika um die Ernährung zu sichern. https://www.youtube.com/watch?v=Bt3kd3WWvxY

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31.03.2022

Denken ist allen erlaubt, bleibt aber vielen erspart – auch in Sachen Klimawandel.

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31.03.2022

Ich kann die Jammerei nicht mehr hören, die Lebensmittel waren, gerade in Deutschland, seit langem zu billig, vor allem im Vergleich mit anderen europäischen Ländern.

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31.03.2022

Nein, waren sie nicht. Das ist ein falsch interpretiertes Ammenmärchen. Der Preis der Lebensmittel an sich ist sogar über dem EU Schnitt. Aufgrund unserer guten Wirtschaftsleistung geben wir nur prozentual gesehen in Relation zum BIP weniger Geld als andere Länder aus. Ganz im Gegenteil: Würde man berücksichtigen, dass wir in Deutschland mit die höchste steuerliche Belastung haben, zahlen wir überhaupt nicht wenig für Lebensmittel.

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31.03.2022

@Peter S.
Nein. Wenn sie in der Vregangenheit im Ausland waren, dann dürfte Ihnen durchaus aufgefallen sein, dass dort die Lebensmittel teurer waren. Insbesondere wenn man auch noch in Euro Ländern bei bekannten Discounter war, brauchte man nicht mal umrechnen.

https://www.topagrar.com/markt/news/lebensmittel-in-deutschland-billiger-als-bei-vielen-eu-nachbarn-11577107.html

Auch wenn es stimmt, dass die Preise (102 %) über EU-Durschnitt waren. In vielen Produktarten (wie Molkereiprodukte) ist Deutschland trotzdem unter EU-Durchschnitt. Und das wir uns nicht mit Rumänien oder Buldarien vergleichen können ist doch klar. Dort beträgt beispielswiese der Mindestlohn nicht mal ein Drittel bzw. ein Fünftel des Deutschen.
https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2022/02/PD22_N008_62.html

Auch sind die Mehrwertsteuersätze in Deutschland mit 19 & bzw. bei Lebensmitteln mit 7 % sogar im Vergleich niedriger. Also welche hohen steuerlichen Belastungen?
https://europa.eu/youreurope/business/taxation/vat/vat-rules-rates/index_de.htm#shortcut-7

Und solange 75 Kg pro Kopf und Jahr auf der Müllkippe landen, kann es gar nicht so schlimm sein. Das ist zwar nicht alles den Verbraucher anzukreiden, aber auch beim Verbraucher landet eben viel im Müll. Die "Verluste" bei Handle und Gastronomie kann nur der Verbraucher gar nicht oder nur sehr eingeschränkt beeinflussen.

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31.03.2022

@PETER S.
"Nein, waren sie nicht. Das ist ein falsch interpretiertes Ammenmärchen. Der Preis der Lebensmittel an sich ist sogar über dem EU Schnitt".
Dann waren sie noch nie im Ausland: fahren sie mal nach Italien, Frankreich, Spanien, Portugal, Schweiz usw. In vielen dieser diesen Länder gibts sogar Lidl und Aldi und da sehen sie dann, um wieviel teurer die Lebnsmittel da sind! 20% mehr sind da keine Seltenheit!

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31.03.2022

Wie wäre es, wenn die, die meinen daß unsere Landwirte aufgrund viel zu niedriger Erzeugerpreise kaum überleben können, ihnen 50€ monatlich auf ihr Konto überweisen?

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31.03.2022

Dann werden halt die Lebensmittel mehr geschätzt und es wird hoffentlich weniger weggeworfen, sondern bewusst eingekauft. Das ist ja schon lange überfällig. Und das eine oder andere Gemüse oder Salat kann man ja auch selbst anpflanzen.

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31.03.2022

Was soll man noch sagen, es ist seit Jahren die reinste Shitshow. Erst wird Wohnraum unbezahlbar, dann bekommt man eine Pandemiewatschen, die Strom- und Energiepreise gehen ins unvorstellbare und jetzt zieht entsprechend der Rest nach.
Die letzten Jahre fand eine unvorstellbare "Enteignung" des Normalbürgers statt. Und unsere Politik findet dafür keine Lösungen, sondern predigt Verzicht. Wenn sich das weiter zuspitzt, sitzen wir auf einem Pulverfass. Unsere eigene Geschichte muss uns eine Warnung sein, welche Art von Parteien seit jeher solche Unzufriedenheit für sich nutzen konnten.

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31.03.2022

da wird den Bürgern ganz schön was über die Mehlknappheit vorgegaukelt, aber zur Spritherstellung u. für die Bio-Gasanlagen reicht s anscheinend allemal.

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31.03.2022

Von wem wird die Mehlknappheit vorgegaukelt?????

Von keiner offiziellen Stelle. Und wenn der mündige Brüger auf das was in sozialen Netzwerken gepostet und aufgerufen wird einfallen ....

Es wurde lediglich darauf hingewiesen, dass wichtige Weltmarktproduzenten wegfallen. Und damit mit steigenden Preises zu rechnen ist. Und viele Hamsterkäufer werden merken, dass das Geld was sie sich jetzt "gespart" haben eventuell die Würmer verputzen. ;-)
Abgesehen, dass in den aktuellen Preise wie beim Erdöl sehr stark Spekulation bereits miteingepreist ist. Der echte Preis dürfte weit darunter liegen.

Übrigens war Toilettenpapier auch wieder teilweise leergefegt. Ein Klassiker einfach.
Nudeln neben den ganzen Speiseölen auch. Hoffen wir, dass dort nicht allzuviel davon ranzig wird.

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